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Geplante Massenvernichtung

Geplante Massenvernichtung

Über den heimlichen Einsatz von Uranwaffen und jenen Arzt, der als Erster auf ihre Wirkungen hinwies.

Viele politisch interessierte Zeitgenossen kennen die Bilder aus dem Weltsicherheitsrat der UNO aus dem Jahr 2003 kurz vor dem zweiten Irakkrieg, die zeigen, wie der US-amerikanische Außenminister Collin Powell mit einem kleinen durchsichtigen Röhrchen in der Hand demonstriert, dass der Beweis unwiderruflich erbracht sei: Der Irak ist im Besitz von Massenvernichtungswaffen. Das war die Begründung und Rechtfertigung für den bald darauf folgenden völkerrechtswidrigen zweiten Angriffskrieg gegen den Irak, der dieses Land völlig zerstört und eine verelendete Bevölkerung mit mehr als 1 Million toter Zivilisten und vielen hunderttausend verwundeten und kranken Menschen zurückgelassen hat (1). Heute wissen wir, dass diese Begründung eine ungeheuerliche Lüge war.

Was Collin Powell verschwiegen hat und die meisten Zeitgenossen bis heute nicht erfahren haben, weil es in den Leitmedien seit langer Zeit kein Thema mehr ist: Schon im ersten Irakkrieg 1991 haben die USA und ihre Alliierten zum ersten Mal Massenvernichtungswaffen in Form von vielen Tonnen Bomben und Granaten aus abgereichertem Uran (englisch: depleted uranium, abgekürzt: DU), auch „Uranwaffen“ genannt, eingesetzt.

DU ist ein billiges Abfallprodukt der Atomindustrie bei der Herstellung atomarer Brennstäbe aus Uran 235, enthält aber noch etwa 60 Prozent der Radioaktivität des ursprünglichen Uranerzes aufgrund seines Gehaltes an Uran 238, einem langsam zerfallenden Alpha-Strahler mit einer Halbwertszeit von 4,5 Milliarden Jahren (2).

Wenn DU in den menschlichen Organismus gelangt, ist es doppelt gefährlich: Als Schwermetall ist es giftig und als Alpha-Strahler schädigt es mit seiner Strahlenwirkung die Gewebszellen in der Lunge und den übrigen Organen. Beim Einsatz von Uranwaffen, zum Beispiel gegen Panzer und Stahlbetonbauten, werden die getroffenen Ziele nicht nur in Sekunden zur Explosion gebracht, sondern ein Teil des Urangeschosses entzündet sich aufgrund der hohen Temperaturen durch die Reibungshitze. Dabei entsteht ein Aerosol, das heißt ein Metallgas, das aus mikroskopisch kleinen Partikeln DU besteht und das die Menschen, die dem ausgesetzt sind, über die Atmung, aber auch über die Nahrung oder das Trinkwasser aufnehmen können.

Der Einsatz von Uranwaffen wurde von den USA und Großbritannien aber zunächst geleugnet, bis der ehemalige US-Justizminister Ramsay Clark 1997 die verbrecherischen Praktiken des Pentagons in seiner Streitschrift mit dem Titel „Metal of Dishonor“ (wörtlich übersetzt: Metall der Unehre, damit ist abgereichertes Uran gemeint) offengelegt hat (2).

Im zweiten Irakkrieg 2003 sollen dann mindestens etwa 2000 Tonnen Uranmunition gegen Panzer und gepanzerte Fahrzeuge, Bunker und Bauwerke aus Stahlbeton abgeschossen worden sein. Das hat zu den Folgen geführt, die Frieder Wagner in seinen beiden Dokumentarfilmen, „Der Arzt und die verstrahlten Kinder von Basra“ und „Deadly Dust- Todesstaub: Uranmunition und die Folgen“, so eindringlich aufzeigt (3, 4).

Uranwaffen – ein Tabu-Thema in Deutschland

Claus Biegert, freiberuflicher Autor, Rundfunkjournalist und Filmemacher, hat in einem lesenswerten Buchbeitrag beschrieben, wie das Thema Uranwaffen aus den Medien verschwand (2).

Im Januar 2001 hat der Journalist Siegesmund von Ilsemann, langjähriger Militärexperte des „Spiegel“, mit einer letzten Veröffentlichung zu diesem Thema eine große Mediendebatte entfacht. Der damalige Verteidigungsminister Rudolf Scharping geriet unter Druck, weil Vorwürfe erhoben wurden, dass DU-Munition auch im völkerrechtswidrigen Krieg gegen Serbien und im Kosovo 1999 eingesetzt worden ist. Minister Scharping rechtfertigte den Einsatz und erklärte wörtlich:

„Uran wird als Metall, nicht als strahlendes Material verwendet. Deshalb haben auch alle Untersuchungen ergeben, dass die Strahlung aus diesem Uran unterhalb der natürlichen Umwelteinflüsse liegt.“ Claus Biegert hat diese Erklärung des Ministers treffend kommentiert: „Uran, das nicht strahlen soll, strahlt auch nicht! Der Minister als Magier“ (2).

Scharping stellte daraufhin einen Arbeitsstab zusammen, der die Ungefährlichkeit der Uranmunition bestätigen sollte. Zum Leiter wurde Theo Sommer ernannt, der ehemalige Chefredakteur und Herausgeber der „Zeit“. Weitere Mitglieder waren ein Redakteur der „FAZ“, ein Vertreter der „Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik“ und eine Reihe hoher Militärs. Auf Wissenschaftler glaubte man offensichtlich verzichten zu können. Der Arbeitsstab kam zu dem gewünschten Ergebnis, das dann im Sommer 2001 in der „Zeit“ in einem Artikel von Gero von Randow mit dem Titel „Die Blamage der Alarmisten“ veröffentlicht wurde. Seitdem greifen die überregionalen Leitmedien und die Regionalpresse in Deutschland das Thema bis auf seltene Ausnahmen nicht mehr auf (2).

Eine Erklärung dafür sei, meint Claus Biegert, dass mächtige Institutionen kein Interesse an einer Diskussion des Themas haben, denn das internationale Recht sieht vor: Für die Beseitigung von Kriegsmaterial, vergifteten Böden und Wasser sind die Verursacher verantwortlich. Für zivile Opfer müssten sie sich vor dem Internationalen Gerichtshof verantworten. Eine Ächtung der Uranwaffen schmälere nicht nur die Gewinne der Waffen- und Transportindustrie, sondern sie werfe auch Fragen der Entschädigung auf, die nicht vorgesehen waren (2).

Was meint die Wissenschaft zu diesem Thema?

Journalisten und Wissenschaftler, die sich mit der Tabu-Erklärung des Themas Uranwaffen nicht abfinden wollen, müssen immer wieder erleben, dass ihnen vorgeworfen wird, sie würden einer „Verschwörungstheorie“ aufsitzen. Das ist ein Totschlagargument und bedeutet, dass die so Beschuldigten entweder naiv sind oder von der Materie keine Ahnung haben. Claus Biegert und auch Frieder Wagner ist es so gegangen und Prof. Günther ebenfalls. Deshalb wollen wir uns ansehen, was die Wissenschaft heute zum Thema Uranwaffen zu sagen hat.

Zu diesem Thema liegt seit 2012 eine Broschüre mit einem Report der deutschen Sektionen der „Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges/Ärzte in sozialer Verantwortung“ (IPPNW) und der „Internationalen Koalition zur Ächtung von Uranwaffen“ (ICBUW) vor (5). Dieser umfangreiche Report mit dem Titel „Die gesundheitlichen Folgen von Uranmunition. Die gesellschaftliche Debatte um den Einsatz einer umstrittenen Waffe“ basiert auf 275 Literaturhinweisen und Anmerkungen. Er macht deutlich, dass aus ärztlicher und politischer Sicht allein das Verbot von Uranwaffen die einzige Konsequenz aus den zahlreichen vorgestellten und kritisch bewerteten wissenschaftlichen Forschungen, Feldstudien und Rechtsexpertisen über dieses Thema sein kann. Nur so könne weiteres Leid von Zivilbevölkerungen und Militär verhindert, und die Verseuchung unserer Umwelt über Millionen Jahre so gering wie möglich gehalten werden.

In der Zusammenfassung heißt es auf Seite 56 bis 57 der Broschüre, dass der Report unter anderem belegt:

„Uranmunition unterscheidet in ihrer Mittel- und Langzeitwirkung nicht zwischen Kombattanten und Zivilisten.“

Inkorporiertes DU wirkt als Schwermetall chemotoxisch und als radioaktive Substanz radiotoxisch. Die chemischen und die Strahleneffekte ergeben einen Wirkungscocktail, bei dem oft nicht eindeutig zugeordnet werden kann, ob die Ursachen von der giftigen Wirkung des Schwermetalls oder von der Alpha-Strahlung des Urans herrühren. Fest steht allerdings: Die beiden Schadwirkungen – Chemo- und Radiotoxizität – verhalten sich synergistisch, das heißt, sie verstärken im menschlichen Körper gegenseitig ihre spezifischen Zerstörungs- und Veränderungskräfte.

Uranwaffen schädigen den Körper in vielfältiger Weise und gefährden nicht nur die exponierten Personen, sondern auch ihre später gezeugten Kinder. Die häufigsten Gesundheitsschäden sind: Chromosomenschäden als Ursache für Missbildungen und Krebs, Schädigung der Nieren und des Nervensystems, angeborene Fehlbildungen, transgenerationelle Effekte, das heißt, schädigende Effekte können auch die Kindeskinder betreffen, und Fertilitätsstörungen, das sind Störungen der Fruchtbarkeit bei Männern und Frauen. Die Gefahr, an Krebs zu erkranken, nimmt bei mit DU- exponierten Menschen sehr deutlich zu.

Abgereichertes Uran, das im Skelett gespeichert und in den Lymphknoten oder in der Lunge angesammelt wurde, verbleibt über Jahre bis Jahrzehnte im Körper. In den Körper eingedrungene DU-Splitter geben ihre giftigen Wirkstoffe und Strahlen lebenslang ab.

DU wird beim Aufprall teilweise zu einem Aerosol, also zu einem Gasgemisch aus festen und flüssigen Schwebeteilchen. Die kleinsten Teilchen sind nur wenige Nanometer (Millionstel Millimeter) groß. Die dadurch bedingten Umweltfolgen sind mannigfaltig. Durch Wind und Wiederaufwirbelungen, zum Beispiel beim Pflügen, verteilt sich das Aerosol auf einer größeren Fläche.

Bei einer Treffgenauigkeit der uranhaltigen Waffen von circa 10 Prozent liegen viele Geschosse unerkannt bis zu einem Meter tief unter der Erde. Je nach Bodenbeschaffenheit wird die toxische Wirkung entweder „verkapselt“ oder es werden weitere Erdschichten oder das Grundwasser von Kontamination bedroht. Wetterbedingte Erosionen sind langfristig eine zusätzliche Gefahr. Die Dekontamination muss daher großflächig erfolgen. Sie ist schwierig, aufwendig und teuer und gelingt in der Regel nicht vollständig.

Für die betroffenen Staaten wie Nationen auf dem Balkan oder im Irak, aber auch für die Verwenderstaaten und die Weltgemeinschaft, stellt der Report weiter unter anderem fest:

„Die betroffenen Staaten müssen von den kriegführenden Parteien schnell umfassende Informationen über den Einsatz von DU-Munition erhalten und die betroffene Bevölkerung muss über die Risiken von DU-Munition informiert und im praktischen Umgang mit verseuchten Materialien geschult werden. Die Verursacherstaaten und die Weltgemeinschaft sind in der Pflicht, die Gefahren für die Zivilbevölkerung und ihre Leiden so gering wie möglich zu halten, dies schließe auch fiskalische, das heißt, die Staatkasse betreffende Verantwortung für die Verwenderstaaten nachdrücklich ein. Um das Ausmaß der gesundheitlichen Folgen des Einsatzes von DU-Munition einschätzen zu können, sind unabhängige epidemiologische Forschungen notwendig, die in erster Linie von den Verwenderstaaten zu finanzieren sind. Weiterhin ist der Aufbau eines Fehlbildungs- und Krebsregisters von großer Bedeutung, da ohne solche Register die Vergleichsgrößen für wissenschaftliche Studien in den betroffenen Regionen fehlen.“

Im vorliegenden Report untersuchen die Autoren auch das Völkerrecht daraufhin, ob die bestehenden zwischenstaatlichen Verträge beziehungsweise das Gewohnheitsrecht ein Verbot von DU-Munition ermöglichen. Obwohl sich die große Mehrheit der UNO-Mitglieder für ein Verbot von Uranwaffen ausgesprochen hat, sind uranhaltige Waffen ebenso wie Atomwaffen derzeit ja leider noch nicht explizit verboten.

Nach Meinung der Autoren des Reports könnte jedoch schon heute aufgrund der Bestimmungen des Humanitären Völkerrechts und speziell des Zusatzprotokolls I zu den Genfer Abkommen für ein Verbot von Uranwaffen argumentiert werden, denn das Zusatzprotokoll verbietet Angriffe „..bei denen Kampfmethoden oder -mittel angewendet werden, deren Wirkungen nicht entsprechend den Vorschriften dieses Protokolls begrenzt werden können“. Grundsätzlich verboten ist eine Kriegsführung, die nicht zwischen Kombattanten und Zivilpersonen unterscheidet beziehungsweise die Umwelt schädigt. Mit dieser Argumentation setzt sich seit Jahren der Berliner Völkerrechtler Prof. Manfred Mohr, einer der Autoren des Reports und Sprecher der ICBUW, für eine Ächtung von Uranwaffen ein (6).

Die ICBUW Deutschland teilt auf ihrer Website mit, dass die UN-Generalversammlung der Vereinten Nationen die anhaltenden Befürchtungen über Gesundheitsrisiken von abgereichertem Uran anerkennt. Das Plenum der UN-Generalversammlung verabschiedete am 5. Dezember 2016 eine neue Resolution zu Uranwaffen mit 151 zu 4 Stimmen bei 28 Enthaltungen. Die Resolution ist die sechste angenommene Resolution seit 2007 (7).

Obwohl eine überwältigende Mehrheit der Staaten für die Resolution stimmte, enthielt sich eine kleine Minderheit. Rund die Hälfte davon sind EU- Mitgliedsstaaten, die zuvor durch das EU-Parlament zur Zustimmung aufgefordert worden waren. Deutschland, das die Resolution bis 2014 unterstützte, wurde von der ICBUW für seine Bemühungen kritisiert, die Sprache der Resolution zu schwächen und andere Staaten zur Enthaltung zu bewegen. Wie gewöhnlich wurde die Resolution von den USA, dem Vereinigten Königreich, Frankreich und Israel abgelehnt. Die erste Abstimmungsrunde über die Resolution fand nur wenige Tage nach dem Eingeständnis der USA statt, dass sie DU- Munition in Syrien eingesetzt haben (7).

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch noch, dass nationale Gerichte sowohl in Italien als auch in Großbritannien in der jüngeren Vergangenheit Soldaten beziehungsweise deren Angehörigen Entschädigungen dafür zugesprochen haben, weil die Soldaten im Einsatz abgereichertem Uran ausgesetzt gewesen waren. In den USA verharrt die Rechtsprechung auf dem Stand, dass grundsätzlich keine Entschädigung für im Militärdienst erlittene Gesundheitsschäden gewährt wird (5).

Zum Abschluss dieses Kapitels soll noch auf eine epidemiologische Studie aufmerksam gemacht werden, die im Jahr 2010 in der in Basel herausgegebenen renommierten wissenschaftlichen Zeitschrift „International Journal of Environmental Research and Public Health“ erschienen ist. Diese kommt zu dem Ergebnis, dass die Region von Fallujah im Irak, die 2004 stark umkämpft gewesen ist, in 2005 bis 2008 eine höhere Rate an Krebs, Leukämie und Kindersterblichkeit aufgewiesen hat als Hiroshima und Nagasaki im ersten Jahr nach dem Atombombenabwurf (2, 8).

Wer war Siegwart-Horst Günther?

Siegwart-Horst Günther war ein deutscher Arzt, der Zusammenhänge zwischen der im Irakkrieg verwendeten Uranmunition von Seiten der USA und ihrer Alliierten und dem gehäuften Auftreten von Leukämien, Krebserkrankungen und Missbildungen bei Säuglingen und Kleinkindern schon 1991 vermutet hat. Günther hat zudem als Erster bewiesen, dass die zurückgeblieben Geschosshülsen auf den Schlachtfeldern, mit denen die Kinder spielten, aus abgereichertem Uran bestanden und radioaktiv strahlten.

Prof. Siegwart-Horst Günther verstarb nach langer und schwerer Krankheit im Januar 2015 mit fast 90 Jahren in Husum an der Nordsee. In der regionalen Zeitung erschien eine Traueranzeige von seinem Freundeskreis. Ansonsten wurde sein Tod von den Medien totgeschwiegen. Es ist eine Schande, dass sein Tod den regionalen und überregionalen Medien keine Redaktionszeile wert gewesen ist!

Er hat uns aber zum Glück ein spannendes Buch hinterlassen, das autobiographische Skizzen aus seiner Kindheit und Jugend bis in die Zeit nach dem zweiten Irakkrieg Anfang der 2000er Jahre enthält (9). Außerdem kann man jederzeit auf dem Monitor oder der Leinwand Prof. Günther in den zwei oben erwähnten erschütternden Dokumentarfilme von Frieder Wagner erleben, die auf YouTube leicht aufgerufen werden können (3, 4).

Siegwart-Horst Günther wurde 1925 in der Nähe von Halle an der Saale geboren. Die Mutter stammte aus einer polnisch-jüdischen Familie. Wegen ihrer Herkunft gab es familiäre Auseinandersetzungen zwischen den Eltern, die auch das weitere Leben des Jungen geprägt haben. Der Vater, Lehrer an einer einklassigen Dorfschule, war streng konservativ und nationalistisch eingestellt. Seit 1931 waren beide Eltern in der NSDAP, ab 1935 begann eine Parteikarriere des Vaters, der stellvertretender Gauleiter von Halle wurde.

Nach dem Abitur im Jahr 1941 absolvierte Günther den Reichsarbeitsdienst und meldete sich als Kriegsfreiwilliger. Als Offizier an der Ostfront wurde er mehrfach schwer verwundet. Danach kam er als Kurier im Bendler-Block, der Kommandozentrale des Ersatzheeres in Berlin, zum Einsatz. Nach dem fehlgeschlagenen Stauffenberg-Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 wurde er verhaftet, mehrere Wochen im Gestapo-Gefängnis inhaftiert und danach in das KZ Buchenwald eingewiesen, wo er die Befreiung im April 1945 im Krankenrevier erlebte.

Unmittelbar nach der Entlassung aus dem KZ als „Muselmane“ (54 kg bei 1,86 m Körpergröße) begann er sein Medizinstudium in Jena und legte dort 1949/50 das Staatsexamen ab. 1951 arbeitete er als Assistenzarzt in der Universitäts-Frauenklinik in Jena und im Physiologischen Institut als Lehrbeauftragter und an einer tierexperimentellen Arbeit zum Thema weibliche Sterilität (Unfruchtbarkeit). 1953 erfolgte die Promotion. Im Jahr 1954 erfolgte die Habilitation an der Humboldt Universität zu Berlin. 1957 wurde er im Fach Physiologie zum jüngsten Medizinprofessor der DDR ernannt.

Im selben Jahr erhielt er einen Ruf an das Physiologische Institut der Universität Kairo und begann dort eine dreijährige Lehr- und Forschungstätigkeit über weibliche Sterilität und die weit verbreitete tropische Infektionskrankheit Bilharziose. 1960 bis 1963 war er als ordentlicher Professor für Pathophysiologie und Tropenmedizin an der Universität Damaskus tätig. 1963 bis 1965 hat er in Lambarene/Gabun bei Albert Schweizer gearbeitet und Forschungsarbeiten über Lepra, Malaria und Elephantiasis durchgeführt.

Nach Studien- und Forschungsaufenthalten in London im Institut für Tropenmedizin und in Glasgow folgte Anfang der 1970er Jahre eine erneute Tätigkeit in Kairo im Institut für Tropenmedizin, wo er weiter über die Bilharziose forschte und darüber ein einschlägiges Fachbuch schrieb.

Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre war er als Chefarzt einer Dermatologischen Klinik in St. Peter-Ording in Schleswig-Holstein tätig. 1982 wurde er mit der ärztlichen Leitung eines Behandlungszentrums für Psoriasis am Toten Meer in Israel betraut. 1984 wurde ihm dort jedoch gekündigt, weil er aus einer Nazi-Familie stamme. Nach einer Reihe weiterer unglücklicher Erfahrungen kehrte Prof. Günther Ende der 1980er Jahre in die DDR zurück.

Im Oktober 1990 wurde Prof. Günther zu einer neuerlichen ärztlichen und Vortragstätigkeit in den Irak eingeladen. Nach dem ersten Irakkrieg 1991 machte er dort viele Reisen in Städte wie Bagdad, Basra und Mossul. Dabei stellte er fest, dass in den Krankenhäusern bei Kindern vermehrt Leukämien und Krebserkrankungen festzustellen waren, aber auch Missbildungen, die ihn an Tschernobyl erinnerten (9,10).

Er brachte diese erschreckenden Erkrankungen und Gesundheitsschäden mit Geschossen und Geschosshülsen in Verbindung, die auf den Schlachtfeldern in größerer Zahl verstreut herumlagen und mit denen die Kinder oft spielten. Um diese Fragen zu klären, verbrachte er mehrere Geschosse im Diplomatengepäck mit nach Deutschland und ließ sie in verschiedenen Instituten in Berlin untersuchen. Dabei stellte sich heraus, dass die Geschosse aus strahlendem Uran bestanden. Damit hatte er den Beweis, dass es sich bei den von ihm beobachteten gehäuften schweren Erkrankungen und Missbildungen bei den Kindern im Irak um strahlungsbedingte Schäden handeln könnte. Aber statt ihm für diese Entdeckung zu danken, musste er sich wegen „illegaler Einführung von gefährlichen Stoffen“ vor Gericht verantworten und wurde zu einer Geldstrafe von 3000 DM verurteilt.

In den Jahren darauf folgten Vorträge, Radio- und Fernseh-Interviews weltweit, auch in der UNO, um dieses Kriegsverbrechen bekannt zu machen. Außerdem organisierte er verschiedene Hilfsprojekte für die Menschen im Irak. Für dieses Engagement erhielt Günther weltweite Anerkennung und wurde mit vielen Preisen und Ehrentiteln ausgezeichnet. 2007 erhielt er in Salzburg bei der 10. Preisverleihung des „Nuclear Free Future Awards“ diesen Preis in der Kategorie „Aufklärung“. In seiner Dankesrede sagte Prof. Günther damals (11):

„Als ich 1991, nach dem 1.Golfkrieg entdeckte, dass die Alliierten in diesem für mich völkerrechtswidrigen Krieg Urangeschosse eingesetzt hatten, mit allen ihnen schon damals bekannten schrecklichen Konsequenzen, war ich wegen dieser Ungeheuerlichkeit zutiefst empört. Krieg ist sowieso eine furchtbare Sache und sollte heute obsolet sein, aber der Einsatz dieser Munition und Bomben aus abgereichertem Uran, ist eine Menschen und Umwelt verachtende Ungeheuerlichkeit. Sie wissen vielleicht, dass meine Zeit mit Albert Schweitzer mich tief geprägt hat. Sein Credo: "Ehrfurcht vor dem Leben" wurde auch mein Leitmotiv als Mediziner und Mensch. Und ich muss Ihnen sagen: Ich war nie ein sonderlich politischer Mensch, mich interessierten Menschen immer mehr als politisches Pokern. Die Ehrfurcht vor dem Leben ist bei mir erheblich größer, als vor Ämtern oder Institutionen. Ich komme daher mit dem Vorwurf gut zurecht, in meiner Naivität und Unbedarftheit wäre ich für die eine Seite ein nützlicher Idiot und für die andere Seite ein störrischer Quälgeist. Ich bin Arzt, meine Damen und Herren, mehr nicht!“

2003 erfolgte ein erneuter Besuch des Irak, aber auch von Serbien und dem Kosovo, zusammen mit dem Dokumentarfilmer Frieder Wagner. Daraus sind die beiden oben genannten Filme entstanden (3, 4).

Ich habe erst einige Monate nach seinem Tode von Siegwart-Horst Günther gehört und ihn deshalb nicht mehr persönlich kennen lernen können. Aus den mir zur Verfügung stehenden Informationen ziehe ich den Schluss, dass Prof. Günther ein selbstloser, mitfühlender und mutiger Mensch und ein vorbildlicher Arzt und Wissenschaftler gewesen ist, der sich um die Gesundheit der Menschen verdient gemacht hat.

Als langjähriges Mitglied der IPPNW bin ich für die Herausgabe des von Kolleginnen, Kollegen und Wissenschaftlern erarbeiteten Reports über die gesundheitlichen Folgen der Uranmunition, aus dem ich in diesem Artikel ausführlich zitiert habe, dankbar. Es handelt sich um eine beachtenswerte wissenschaftliche Leistung, die eine wichtige aufklärende Funktion erfüllt und für die es derzeit wohl keinen Ersatz gibt. Ich würde mir wünschen, dass die IPPNW nicht weiter über die Verdienste Prof. Günthers schweigt und ihm posthum die Ehre erweist, die er verdient hat, damit er auch in Deutschland bei allen Menschen, die sich für die Bewahrung des Friedens einsetzen, in würdiger Erinnerung bleibt.


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Literatur und Links:

  1. Body Count. Opferzahlen nach 10 Jahren. “Krieg gegen den Terror”- Irak-Afghanistan- Pakistan. Herausgeber: PSR- Physicians for Social Responsibility, IPPNW Germany, Physicians for Global Survival. 1. Auflage, deutsche Version, September 2015
  2. Claus Biegert: DU: Das tödliche Kürzel. Wie das Thema Depleted Uranium aus den Medien verschwand. In: ARD & Co. Wie Medien manipulieren. Band 1. Verlag Selbrund GmbH, Frankfurt am Main 2015, S. 160-171
  3. Frieder Wagner: Dokumentarfilm „Der Arzt und die verstrahlten Kinder von Basra“, Fernsehfassung, 44 min. https://www.youtube.com/watch?v=ERmabAyg4X0
  4. Frieder Wagner: Dokumentarfilm „Deadly Dust- Todesstaub: Uranmunition und die Folgen“, Langfassung, 90 min. https://www.youtube.com/watch?v=GTRaf23TCUI
  5. Die gesundheitlichen Folgen von Uranmunition- die gesellschaftliche Debatte um den Einsatz einer umstrittenen Waffe. Ein Report der deutschen Sektionen von IPPNW und ICBUW. 1. Auflage, Dezember 2012
  6. http://www.uranmunition.org/
  7. http://www.uranmunition.org/sechste-un-resolution-zu-abgereichertem-uran-du-ignoranz-und-desinteresse-seitens-der-bundesregierung/
  8. Busby C, et al. Cancer, Infant Mortality and Birth Sex-Ratio in Fallujah, Iraq 2005- 2008. Int. J. Environ. Res. Public Health 2010, 7 (7), 2828-2837 http://www.mdpi.com/1660-4601/7/7/2828
  9. Siegwart-Horst Günther: Zwischen den Grenzen. Mein Leben als Zeitzeuge. Verlag Park am See, Berlin 2006
  10. Siegwart-Horst Günther: Urangeschosse: Schwerbehinderte Soldaten, missgebildete Neugeborene, sterbende Kinder. Mit einem Geleitwort von Tony Benn, Margarita Papandreou & Freimut Seidel. Ahriman Verlag, Freiburg 1996
  11. Frieder Wagner: Eine Art Nachwort- und eine Hommage. In: Uranbomben. Die verheimlichte Massenvernichtungswaffe. Herausgeber: Frieder Wagner. Kai Homilius Verlag, Berlin 2010, S. 96-100
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