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Geliebte Hassobjekte

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Feindbilder beruhigen, aber sie halten uns in einem eng begrenzten Weltbild gefangen.

„Wenn der Feind bekannt ist, hat der Tag Struktur“, lautet ein viel zitierter und weiser Spruch des Kabarettisten Volker Pispers. Und in der Tat — eine akkurate Unterteilung in Freund und Feind liefert Menschen ein moralisches Koordinatensystem, mittels dessen sie sich durch den Alltag manövrieren können.

Dabei ist „manövrieren“ schon zu weit gegriffen. „Manövrieren“ setzt ja voraus, dass man über eine Steuerungsmöglichkeit verfügt. Tatsächlich aber gleicht die Feindbildkonstruktion einer im Boden fest eingelassenen Schiene, die immer wieder zu einem festgelegten Ziel führt. Individuen, die mit Vorliebe in Feindbildern denken, bewegen sich auf dieser Schiene wie mit einer Draisine, bei der es nur nötig ist, „nach unten zu drücken“. Wohin der Wagen rollt, spielt dabei keine Rolle. Man kann auch rückwärts zur Fahrtrichtung sitzen. Man muss ja weder lenken, noch denken. Einzig und allein die aufgewendete Kraft ist von Bedeutung.

Von dieser Metapher zurück auf die Realität bezogen, sind Feindbilder die Schienen, Diffamierungen und Parolen die Kraft für die Bewegung der Draisine.

Feindbilder stehen fest und müssen nicht hinterfragt werden. Die Energie wird nicht in Denkprozesse investiert, sondern darauf gerichtet, die Gegenseite zu beschimpfen und die eigenen Parolen — himmelhoch gelobt — so laut wie möglich hinauszuschreien.

Wer schon einmal eine Demonstration mit Gegendemonstration besucht hat, wird dieses Phänomen kennen. Im Chor werden Phrasen über die Plätze der Städte gerufen. Die Stille, um sie zu hinterfragen, existiert nicht.

Feindbilder wirken wie einprogrammiert

Irreführende und bösartige Vorwürfe wie etwa Antisemit, Verschwörungstheoretiker, Putin-Versteher oder Ähnliches haben die Stärke eines Uhu-Klebers, der sich selbst mit „Fakten-Wasser“ nicht lösen lässt. Es ist erschreckend, wie diese Frames eine routinemäßige Reaktion hervorrufen. Tritt man mit einem als Unperson deklarierten Menschen in Kontakt — sei es durch ein Gespräch, ein Interview oder nur das Teilen eines seiner Beiträge in sozialen Netzwerken — ertönt in den Kommentarspalten ein Echo, welches sich wie eingeübt anhört.

Es wiederholen sich immer und immer wieder die gleichen Phrasen und Vorwürfe, die durch die faktische Realität längst überholt worden sind. Als hätte man die Denunzianten und ihre Mitläufer mit einem Code programmiert:

„Wenn du diesen Namen hörst, musst du diesen und jenen Vorwurf erheben. Wenn dir die Argumente ausgehen, musst du auf diese und jene Quelle verweisen oder dieses und jenes Totschlagargument vorbringen.“

Menschen mit einem derartigen (klein)geistigen Quellcode unterscheiden sich von einem Rechner nur dadurch, dass ihnen außerdem ein kleiner Zufallsgenerator einprogrammiert zu sein scheint. Dieser Zufallsgenerator erzeugt unterschiedliche Phrasen, mit denen sie das immer gleiche Feindbild artikulieren.

Ein Denunziant muss eine sachliche Kontaktaufnahme mit dem „Feind“ um jeden Preis vermeiden! Kontaktaufnahme darf nur mit der (verbalen) Faust oder zumindest oberhalb eines bestimmten Dezibel-Bereichs stattfinden. Als Präventivmaßnahme ist es empfehlenswert, die Unperson und alle, die mit ihr zu tun haben, auf allen sozialen Kanälen zu blockieren und letztlich zu isolieren. Eine sachliche Auseinandersetzung könnte die Draisine schließlich zum Entgleisen bringen.

Ohne Feindbilder kann man auf die Schnauze fliegen!

Kehren wir zu der Metapher mit der Draisine und den Schienen zurück. Menschen mit Feindbildern bewegen sich auf diesen festen Schienen ohne Wende- und Steuerungsmöglichkeiten fort, aber auch ohne Unfallgefahr.

Ein Leben ohne Feindbilder ist da schon wesentlich turbulenter, wackeliger und bedarf einer höheren Konzentration sowie des Willens, sein Gehirn zu beanspruchen und sich selbst und die Umwelt zu reflektieren. Wer ohne Feindbilder lebt, hat im Gegensatz zu den Menschen auf der Draisine das Brett nicht vor dem Kopf, sondern unter den Füßen:

Wer ohne Feindbilder lebt, ist ein geistiger Skateboarder.

Skateboarder fahren ohne Schiene unter den Rollen, ohne festgelegtes Ziel, und ihre „Bretter“ sind auch für waghalsige Manöver wie einen Kickflipp ausgelegt. Nur mit roher Kraft — mit dem Brüllen von Parolen, dem gebetsmühlenartigen Wiederholen der immer selben Vorwürfe — kann man kein Skateboard fahren, zumindest keine fünfzehn Meter weit unfallfrei. Sich geistig auf der Frontlinie zwischen „gut und böse“ auf einem Skateboard fortzubewegen, benötigt einen ausgeprägten Gleichgewichtssinn, der sich immer wieder neu ausbalancieren und den neuen Bodengegebenheiten anpassen kann.

Auf die Realität bezogen bedeutet das in gewisser Weise, sich selbst zuzutrauen, mit Unsicherheiten umzugehen — oder sich zumindest immer bewusst zu machen, dass aktuelle Erkenntnisse und Weltanschauungen keine ewige Gültigkeit haben müssen. Die innere Stimme muss darauf trainiert werden, ähnlich wie bei den Lottozahlen sagen zu können:

„Diese Erkenntnisse sind wie immer ohne Gewähr!“

Es bedarf einer täglichen Neubewertung unserer Perspektive. Nur so bleiben unsere Denkmechanismen intakt, gut geölt und rostfrei. Unser Weltbild sollte weder starr in Stein gemeißelt sein, noch einem Laubhaufen gleichen, der sich von jeder Windböe davon blasen lässt, sondern die Stärke und Elastizität von Bambus besitzen! Dann können wir uns sowohl davor schützen, vorgegebenen Feindbildern auf den Leim zu gehen, als auch davor, in überschwänglicher Bewunderung für vermeintliche Helden oder Lichtgestalten zu versinken. Unser Weltbild muss die Konsistenz von Götterspeise besitzen: Es muss seine Grundstruktur bewahren können und trotzdem formbar sein.

Wer diese ausbalancierte Haltung einnimmt, beginnt damit, nicht mehr in Freund- und Feind-Schemata zu denken, sondern „jenseits von gut und böse“ (Nietzsche) in der Einsicht, dass Menschen aufgrund unterschiedlicher Erfahrungen und Hintergründe in einer bestimmten Art und Weise denken und handeln — und dass diese Vielfalt bereichernd sein kann.

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