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Gekaufte Wahrheit

Gekaufte Wahrheit

Die Ergebnisse der Hochschulforschung richten sich oft nach den Wünschen von Großsponsoren — zu unser aller Schaden. Exklusivauszug aus „Gekaufte Wissenschaft“.

Seit das Buch „Gekaufte Forschung“ im Mai 2015 erschienen ist, hat sich eine ganze Menge auf dem Gebiet gekaufter Wissenschaft ereignet, ja die Ereignisse haben sich geradezu überschlagen. Stichworte dazu sind der Dieselskandal und Glyphosat, die bis dahin größte deutsche Kooperation zwischen der Uni Mainz und der Boehringer Ingelheim Stiftung, die ans Tageslicht gezerrt wurde und bei der herauskam, dass sie verfassungswidrig war, 20 geschenkte Lidl-BWL-Professuren an die TU München oder das für 7,5 Millionen Dollar von Facebook gekaufte Ethikinstitut an der TU München, die sich dadurch zum Marketing-Arm von Facebook erniedrigt. Auch bei Corona wurde viel mit industrieseitig beeinflussten Zahlen gearbeitet. Aber es gab noch einige weitere Fälle.

Kurz: Der Trend in Richtung gekaufte Forschung hat sich in den letzten Jahren deutlich verstärkt.

Es geht bei dieser Frage nicht um eine Diskussion im „Elfenbeinturm Universität“. Ganz im Gegenteil: Denn die Folgen von unseriöser Wissenschaft verspüren wir alle auf Schritt und Tritt im täglichen Leben.

Glyphosat findet sich in der Muttermilch fast aller stillender Mütter und kann in fast sämtlichen Einwohnern Europas nachgewiesen werden. Die Verharmlosung von Dieselabgasen führt zu Zigtausenden lungenkranken Kindern, tausenden zusätzlichen Toten.

Gekaufte Pharmaforschung bewirkt falsche Verschreibungen von Medikamenten. Manipulierte Lebensmittel-Studien fördern unsere Fehlernährung, führen beispielsweise zu übermäßigem Verbrauch von Zucker und anderen ungesunden Lebensmitteln. Das industrieseitig beeinflusste Herunterspielen von Ethikrisiken und dadurch bewirkte Verhindern oder Verzögern von gesetzlichen Maßnahmen im Medienbereich führt zu umso stärkeren Missbrauchsmöglichkeiten durch Facebook & Co. Und so weiter. Die Liste ist lang.

Was ich damit sagen will: Gekaufte Wissenschaft, Einflussnahme von Industriegeldern auf unsere öffentlich-rechtlichen Hochschulen schädigt uns alle tagtäglich. Es ist ein Thema, das uns alle angeht, bei weitem nicht nur die Wissenschaftler und Forscher. Deshalb richtet sich dieses Buch in erster Linie an interessierte Laien, an uns alle. Sein Zweck ist: Diese tagtäglichen Missbräuche der Wissenschaft zu Gunsten der Konzerngewinne und zu Lasten unserer Gesundheit zu stoppen. Dazu müssen wir die Methoden, Vorgehensweise, Wege und Ziele der Manipulatoren kennen.

Das soll anhand einer Reihe von leicht verständlichen Fallbeispielen geschehen. Nach dem Motto „Problem erkannt, Problem gebannt“ soll dieses Buch dazu beitragen, durch Aufdecken der Vorgehensweise und der schädlichen Auswirkungen auf uns alle dieser Fehlentwicklung entgegenzuwirken. Ungehemmte Drittmittelzunahme an unseren Hochschulen, wie wir sie seit Jahrzehnten erleben, ist ein Irrweg. Wissenschaft muss frei und unabhängig sein.

Deshalb kam es zu der Entscheidung, dieses Thema in Form eines Nachfolge-Buches erneut aufzugreifen. In einigen der geschilderten Fälle war ich persönlich einbezogen, deshalb ist auch die Schilderung streckenweise eine persönliche. Die Fallbeispiele beschränken sich auf Deutschland. Dieses Buch ist ein Plädoyer für wirklich freie, unabhängige Wissenschaft, die sich an den echten Bedürfnissen der Menschen orientiert und nicht an den Geldinteressen einiger Weniger. Gewinnmaximierung und Wahrheit passen nicht zusammen.

Es geht nur eines von beiden. Bei Wissenschaft geht es um Wahrheitsfindung. Wenn es bei gewinnmaximierenden Unternehmen einen Interessenkonflikt zwischen Wahrheit und Gewinn gibt, zieht die Wahrheit normalerweise den Kürzeren, wie der Dieselskandal und zahllose weitere Beispiele anschaulich zeigen.

In der Wissenschaft hat Gewinnmaximierung nichts zu suchen, denn sie zerstört die unabhängige, freie Wahrheitssuche, indem sie Fragestellung, Methoden und Ergebnisse manipuliert.

Die Lösung des Problems wäre ungeheuer einfach. Zum einen: keine Industriegelder, bei denen es Interessenkonflikte zwischen Gewinn und Wahrheit gibt, an öffentliche Hochschulen. Zum anderen: statt staatliche Drittmittelfinanzierung der Hochschulen staatliche Grundfinanzierung. Das Geld ist ja da. Es wird aber durch politischen Dünkel und massiven Lobbyeinfluss meistens interessengeleitet verwendet. Die Politiker und Bürokraten glauben, besser zu wissen, worüber in unserem Land geforscht werden soll als die etwa 250.000 Forscher im Hochschul- und öffentlichen Bereich. Gebt uns Forschern die Mittel zur freien Themenwahl, statt über bürokratische, lobbybeeinflusste inhaltliche Vorgaben der Fragestellungen uns zu beeinflussen! Auftragsforschung und Antragschreiben ist der Tod aller freien Forschung.

Für mein Buch Gekaufte Forschung von 2015 bekam ich 20.000 Euro Drittmittel. Ich durfte damals den Geber nicht nennen. Heute darf ich es. Es war die Stiftung Hübner und Kennedy gGmbH, Agathofstr. 15, D 34123 Kassel. Ich war befreundet mit Margrit Kennedy, geborene Hübner, die die Stiftung mitbegründet hat. Margrit war eine großartige Frau, die leider viel zu früh gestorben ist. Sie hat sich jahrzehntelang als Vordenkerin für eine menschliche Geldordnung eingesetzt.

Teil I: Analyse und Hintergründe

Wie wirken sich Industriegelder und Industrieeinfluss auf Bildung aus? Heute arbeiten hunderttausende Forscher hingebungsvoll in der Industrie, um unser Leben zu verbessern und menschlicher zu machen.

Industrieforschung hat uns großartige Errungenschaften gebracht. Wir rackern uns nicht mehr hinter dem Ochsenpflug ab, schuften nicht mehr an Handwebstühlen und stehen nicht mehr 12 oder 14 Stunden pro Tag am Fließband. Wir haben elektrisches Licht, Zentralheizung, moderne Medizin, Wassertoiletten usw. usw. Die Liste der Segnungen, die uns die moderne Technik gebracht hat, ist schier endlos.

Warum also ein solch kritischer Blick auf Industriegelder, die in unser Bildungssystem fließen, oder gar Kritik an der Industrieforschung selbst? Die Antwort ist einfach. Alle Dinge haben zwei Seiten. Man kann ein gesundes Gleichgewicht verletzen und dadurch mehr Schaden als Nutzen herbeiführen. Die Dosis macht das Gift. Das Gleichgewicht ist heute empfindlich gestört, die zu große Einseitigkeit schadet uns stark.

Von Big Tobacco gekaufte Wissenschaft führt zu Millionen von Zusatztoten

Ein Blick in die Tabakindustrie, deren Wissenschaftsskandale wirtschaftshistorisch gut aufgearbeitet sind, zeigt, wie sich Industrieforschung selbst pervertieren kann und wie Übergriffe der Tabakindustrie in das Bildungssystem Hunderttausende von Toten hervorrufen. Die Geschichte der Tabakindustrie zeigt beeindruckend, dass die Maxime „Gewinn geht vor Wahrheit“ den Kerngedanken von Wissenschaft, die Wahrheitsfindung, nicht nur missbraucht, sondern geradezu zerstört und damit in enormem Ausmaß gesellschaftliche Schäden, Krankheit und Tod herbeiführt (1).

Jahrzehntelang haben heimlich von der Tabakindustrie finanzierte Wissenschaftler an staatlichen Hochschulen systematisch Manipulationen wissenschaftlicher Ergebnisse vorgenommen. Die Ergebnisse wurden jedoch im Namen unabhängiger Wissenschaftler an unabhängigen staatlichen Hochschulen verkündet, um die Glaubwürdigkeit der Studien sicherzustellen. Dadurch konnte der Anschein erweckt werden, dass Rauchen und Passivrauchen kaum gesundheitsschädlich seien. In der öffentlichen Meinung und bei Politikern wurde so der Eindruck erweckt, dass kein dringender politischer Handlungsbedarf zum Schutz von Rauchern und Nicht- beziehungsweise Passivrauchern bestehe.

Die Verzögerungstaktik funktionierte. Jahrzehntelang konnten Rauchverbote, -einschränkungen und -verteuerungen verhindert werden. Das hatte enorme Gesundheitsschäden für dutzende Millionen von Rauchern und hunderte Millionen von Nicht- beziehungsweise Passivrauchern zur Folge.

Kurz: Einseitig (gewinn-)interessengeleitete Industrieforschung, die keinen „Checks and Balances“ unterworfen wird, der keine ausgleichenden Gegenkräfte gegenüberstehen, kann sich leicht zum Schaden von uns allen entwickeln.

Und wir sind schon längt in einer Forschungssituation, wo politisch und ökonomisch kein Gleichgewicht der Kräfte mehr vorliegt, sondern extreme Einseitigkeit herrscht, die noch dazu ständig zunimmt. Daher ist das Plädoyer dieses Buches nicht, Industrieforschung zu verteufeln. Im Gegenteil. Industrieforschung, richtig gehandhabt und in die richtigen gesellschaftlichen Bahnen gebracht, ist essentiell wichtig für unseren Wohlstand und für unsere Freiheit.

Die „General Motors Streetcar Conspiracy“ (Die Straßenbahnverschwörung von General Motors)

Es gibt ein beeindruckendes wirtschaftsgeschichtliches Beispiel, das sehr gut zeigt, was passiert, wenn Industrieinteressen sich einseitig durchsetzen, ohne Checks and Balances, ohne ein gesellschaftliches Gegengewicht: die so genannte „General Motors Streetcar Conspiracy“, die Straßenbahn-Verschwörung von etwa 1927 bis 1950 (2). Unter der Führung von Alfred P. Sloan, dem Chef von General Motors, taten sich mehrere Konzerne, die alle Interesse am Verkauf von Autos hatten, zusammen. Sie kauften systematisch Straßenbahnen auf und — legten sie still.

So wurden in 45 US-Großstädten etwa 100 elektrisch betriebene Straßenbahnsysteme stillgelegt. Noch 1920 wurden in den USA 90 Prozent aller Wege mit Schienenverkehrsmitteln zurückgelegt. Es gab 70.000 Gleiskilometer, auf denen von etwa 1200 meist privaten Bahnsystemen pro Jahr mehr als 15 Milliarden Passagiere transportiert wurden. Beispielsweise hatte Los Angeles in den 1920er Jahren mit rund 2000 Kilometern das größte Straßenbahnnetz der Welt. Heute nicht mehr. Das autofreundliche Kartell hat maßgeblich die Weichen zu Gunsten des Autoverkehrs und gegen den öffentlichen Verkehr gestellt — und damit die Konzerngewinne nachhaltig erhöht.

Die schädlichen Umweltwirkungen dieser konzerngelenkten Verkehrspolitik sind bis heute ungeheuer, die CO2-Bilanz ein Desaster. Mit Blick auf die heutigen Autoströme in den USA dürfte es einer der größten Umweltskandale der Menschheitsgeschichte und Alfred Pritchard Sloan (23. Mai 1875 bis 27. Februar 1966) einer der größten Umweltverbrecher der Menschheitsgeschichte sein. Am Rande sei erwähnt, dass er auch als Erfinder oder maßgeblicher Treiber von geplanter Obsoleszenz gilt, die für Mensch und Umwelt ebenfalls verheerende Folgen hat (3).

Das Ganze hat deshalb so atemberaubend gut funktioniert, weil die Regierungen bzw. überhaupt die Öffentlichkeit taten- und machtlos zugeschaut haben. Nicht einmal hinterher gab es nennenswerte Strafen oder Sanktionen. Das juristische und politische Signal war daher letztlich: Macht nur, Konzerne, holt raus, was geht, bereichert euch zu Lasten der Allgemeinheit! (Die Tabakindustrie hat das Signal gut verstanden). Die öffentliche Hand und die öffentliche Meinung haben tief und fest geschlafen. Es gab kein Gegengewicht, keine Checks and Balances whatsoever.

Wir lernen daraus, dass das Interesse von gewinnmaximierenden Großkonzernen den Interessen der Allgemeinheit, der Umwelt und der Menschlichkeit diametral widersprechen kann und sollten daher grundsätzlich aufpassen und prüfen, ob und in welchem Ausmaß wir Einfluss der Großkonzerne auf gesellschaftliche und politische Entscheidungen haben wollen. Wir sollten nicht schlafen, was diese Entwicklungen betrifft. Das Aufwachen könnte dann sehr schmerzvoll und teuer werden. Dieses Buch soll aufwecken. Und sensibilisieren.

Das Grundschema oder die Sechs-Schritte-Strategie ins Verderben

Die Tabakindustrie lieferte die Blaupause, wie man am besten vorgeht, um Wissenschaft systematisch zu kaufen und zu missbrauchen. Es sind sechs gut dokumentierte Schritte, um besonders erfolgreich zu sein:

  1. Auswahl besonders vielversprechender, industrienaher (Nachwuchs-) Wissenschaftler: Suche Dir industrienahe Wissenschaftler, die die Weltanschauung der Konzerne teilen. Die gibt es immer. Bei Wissenschaftlern sind oft Ruf, Ansehen und Ehrgeiz oder Eitelkeit viel wichtiger als Geld und Macht. Wissenschaftler sind daher oft nicht besonders teuer.
  2. Fördern der besonders industrienahen Forscher: Erhöhe die Bedeutung der handverlesenen Wissenschaftler durch großzügige Finanzierung ihrer Institute, fördere Kongressbesuche und unterstütze ihre Publikationen. Fördere ihre wissenschaftliche Reputation, so dass sie Meinungsführer werden.
  3. Maximale Intransparenz herstellen und/oder Geheimhalten der Verbindungen zur Industrie: Möglichst wenig Worte über die Verbindungen dieser Wissenschaftler zur Industrie verlieren, um nicht ihre Glaubwürdigkeit zu schwächen. In der Regel ist aber selbst dann, wenn es herauskommt, der Imageschaden minimal. Zu jedem Argument findet sich ein Gegenargument.
  4. Gewünschte Ergebnisse sicherstellen: Über Manipulation und Datenmassage in Form von geeigneter Datenauswahl geht fast alles. Ergebnisse nur dann fälschen, wenn es gar nicht anders geht. Der Imageschaden bei offenen Fälschungen ist normalerweise minimal. Kunden und die Öffentlichkeit haben ein kurzes Gedächtnis. Keine Sorge vor PR-Schaden.
  5. Confounder einführen und Fehlfährten legen: Versuche mit möglichst vielen Studien vom springenden Punkt abzulenken und die Diskussion auf Nebenaspekte hinzuführen. Man nennt das „Confounder“ beziehungsweise Verwirrfaktoren einführen. Funktioniert praktisch immer.
  6. Verzögern politischer Gegenmaßnahmen, Paralyse durch Analyse: Sorge für Gegenstudien, die Konfusion erzeugen und sage, die Wissenschaft ist sich noch nicht einig, es ist alles noch in der Diskussion und wir brauchen noch viel zusätzliche Forschung, bevor politische Entscheidungen über rechtliche Rahmenbedingungen getroffen werden können. Spiele auf Zeit. Man nennt das Verzögerungstaktik oder Paralyse durch Analyse.

Diese Sechs-Schritte-Strategie funktioniert erstaunlich gut. Fast alle Industriebranchen haben die Strategie schon vielfach angewandt. Sie funktioniert eigentlich immer. Ein Blick in die Industriebranchen heute zeigt: Die Strategie wird ganz oder teilweise praktisch überall und ständig angewandt: Big Food, Big Soda, Zuckerindustrie, Banken, Versicherungen, Pharmaindustrie, Chemieindustrie, Öl, Energie, Flugindustrie, Dieselskandal, Gesundheit, Kosmetik, Alkohol, Internet, Facebook, Amazon usw. usw. Bei genauerer Betrachtung erkennt man, dass das Schema praktisch flächendeckend angewandt wird. Hat man es einmal begriffen, ist es sehr leicht zu durchschauen. Man hat dann sehr häufig Aha-Erlebnisse.



Quellen und Anmerkungen:

(1) Vgl. Kreiß 2015, Gekaufte Forschung, S. 22ff.
(2) Vgl. zum Folgenden „Die Welt“ vom 16. Dezember 2015 https://www.welt.de/geschichte/article150014809/Gegen-diesen-Skandal-ist-VWs-Dieselgate-einKlacks.html vgl. auch wikipedia: https://en.wikipedia.org/wiki/General_Motors_streetcar_conspiracy
(3) Vgl. Kreiß 2014, Geplanter Verschleiß und https://en.wikipedia.org/wiki/Alfred_P._Sloan Stand 19. Mai 2020

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