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Fürsorge statt Profit

Fürsorge statt Profit

Eine solidarische Realpolitik für Care und Klima zeigt den Weg in eine Gesellschaft, die Sorge und Beziehungen statt Konkurrenz und Profit fördert.

Wie alle großen Erkenntnisse überraschte auch diese mich durch ihre Offensichtlichkeit: Nur weil sie nicht bezahlt wird, ist die tägliche Zeit, die wir in Beziehungen und die Fürsorge für andere und uns selbst investieren, nicht weniger wichtig oder gar weniger Arbeit. Im Gegenteil. Sie ist zeitaufwändig, oft anstrengend und noch wichtiger: Ohne sie würde niemand von uns überleben.

Für meinen deutsch-französischen Lesezirkel las ich „Solidarische Care-Ökonomie — Revolutionäre Realpolitik für Care und Klima“ von Gabriele Winker. Care, Sorgearbeit, Fürsorge — diese Begriffe klangen für mich abstrakt. Das liegt wohl daran, dass sie in Alltagsgesprächen ebenso wenig Beachtung finden wie im öffentlichen Diskurs.

In der Corona-Pandemie applaudierten viele dem Pflegepersonal in Krankenhäusern. Doch wirkliche Wertschätzung für diese Tätigkeiten entwickeln wir wohl erst, wenn wir selbst krank sind und Hilfe brauchen. Fürsorge geht zudem noch viel weiter in unseren Alltag hinein: Kinder versorgen, sich um pflegebedürftige Ältere kümmern, für uns und den Partner oder die Familie einkaufen und kochen, die Wohnung sauber halten, mit Freunden oder der Oma telefonieren … All das ist Fürsorge und all das kostet Zeit, die wir uns oft nicht nehmen (können), weil die Lohnarbeit, der wir nachgehen (müssen), um Miete und Lebensmittel zahlen zu können, einen Großteil unserer Zeit in Beschlag nimmt. Vor allem schlecht bezahlte Lohnarbeit setzt Menschen tagtäglich enorm unter Druck oder überfordert sie gar völlig bis zum Zusammenbruch.

Eltern gehen arbeiten, um mit ihrem Gehalt eine fremde Person zu bezahlen, die sich um ihre Kinder kümmert. Wie entfremdet muss eine Spezies sein, wenn sie Tätigkeiten und Dienstleistungen, die für das Überleben zweitrangig und für die Gesundheit und den Planeten sogar schädlich sind — etwa Amazon, McDonald‘s, Google, Facebook — durch Profite fördert, und andere, die für das Überleben und ein gutes Leben unverzichtbar sind — wie beispielsweise Kinder versorgen, Essen kochen, putzen, andere pflegen, miteinander sprechen und einander zuhören — behindert, indem sie schlecht oder gar nicht entlohnt werden?

„Sorgearbeit ist ein lebensnotwendiges Fundament der Gesellschaft. Ohne die vielen Menschen, die sich tagtäglich um Kinder kümmern, unterstützungsbedürftige Angehörige pflegen oder Menschen in Not helfen, würde diese sofort zusammenbrechen. Gleichzeitig werden diejenigen, die diese Arbeit übernehmen, ebenso überbeansprucht wie die Ökosysteme und ihre Stoffkreisläufe, auf denen alles Leben beruht. Diese Probleme sind letztendlich in einer kapitalistischen Gesellschaftsordnung nicht lösbar.“

Die ersten Kapitel über die Gefährdung von Sorgebeziehungen, die Bedrohung durch den Klimawandel sowie die Erschöpfung menschlicher und ökologischer Ressourcen lasen sich mit vielen Statistiken und Zahlen sehr zäh und es fiel mir schwer, bei der Sache zu bleiben.

Doch wie sonst soll die Autorin den LeserInnen einen Eindruck der Lage vermitteln? Spannend wurde es für mich vor allem ab der Mitte des Buchs, wo Winker konkret beschreibt, was wir als einzelne Menschen in dieser Gesellschaft und diesem derzeit noch profitorientierten System unternehmen können, um uns besser zu fühlen und damit auch einen Wandel anzustoßen, hin zu einer „Care-Ökonomie, die sich an gelingenden Sorgebeziehungen und der Belastbarkeit der Ökosysteme orientiert“. Realpolitik statt nur Utopie.

„Zukunftsweisende Leuchttürme“

Gabriele Winker stellt verschiedene erfolgreiche Ansätze und Experimente — wie den selbstverwalteten Betrieb der Tagespflege Lossetal, die Poliklinik Veddel in Hamburg, solidarische Landwirtschaft oder die selbstorganisierte, basisdemokratische Initiative GartenCoop in der Nähe von Freiburg — vor und schreibt dazu:

„Dass es sie in ihrer Vielfalt gibt, spricht dafür, dass sie funktionieren und auf diese Weise ein bedeutsamer Bestandteil der Transformation sind und in Zukunft noch verstärkt sein werden.“

Diese Leuchttürme führen Winker zur offensichtlichen Frage: Warum sind wir nicht längst auf dem Weg in eine solche Gesellschaft? Ihre Antwort:

„Es fehlen noch immer die großen sozialen Bewegungen, auch wenn die Klimastreiks der Fridays for Future 2019 beeindruckend waren. Durchschlagende Erfolge werden wir allerdings erst dann erzielen, wenn nicht nur freitags Jugendliche auf der Straße stehen, sondern montags genauso viele Beschäftigte auf ihre Probleme hinweisen und für ihre Belange streiken.

Notwendig ist die Beteiligung von unentlohnt Sorgearbeitenden, die sich im Wochenende zu verschiedenen Aktionen mit Kindern oder pflegebedürftigen Angehörigen treffen und dabei Presse und Medien ein Interview nach dem anderen geben. Und wenn riesige Demonstrationen regelmäßig die Innenstädte in ein buntes Zusammentreffen verwandeln und politische Streiks die Betriebe und Verwaltungen entleeren, dann wird die Welt morgen anders aussehen und die heutigen Kinder werden noch eine Chance auf ein gutes Leben erhalten.“

Das erinnert mich an die Bilder und Erfahrungsberichte meiner Freunde, die ich von den Querdenken-Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen sah und hörte. Viele Menschen verschiedenster Einkommensschichten und Hintergründe fanden zusammen und demonstrierten gemeinsam friedlich und mit Musik für ihre Grundrechte.

Winker geht trotz des Hinweises auf den „historischen Moment“, mit dem sie wohl die Coronakrise meint, nicht weiter darauf ein, dass es zurzeit von der Politik untersagt wurde, zu demonstrieren.

Gleichzeitig fehlte mir bei den riesigen Bewegungen, die gegen die Coronapolitik der deutschen Regierung auf die Straße gingen, die konkreten politischen Ziele über Corona hinaus. Die Corona-Berichterstattung lenkte uns alle von den wesentlichen Problemen der Menschheit ab, während sie es zugleich vermochte, viele Menschen zu mobilisieren und kritischer zu machen.

Wie nutzen wir dieses Potenzial nun, um die wesentlichen Themen in den Fokus dieser frisch politisierten Bürger zu rücken und, wie Winker vorschlägt, diese auch für eine auf Fürsorge statt Profit ausgerichtete Wirtschaft und Politik zu mobilisieren?

Winker schreibt von Interviews für Presse und Medien, doch ich frage mich, ob Konzernmedien, die von Werbung der ausbeuterischen Unternehmen finanziert werden, überhaupt darüber berichten, wenn es um ungeschönte Systemkritik und letztendlich eine Überwindung des Kapitalismus geht. Wieso geschieht dies bisher denn noch nicht?

Warum widmen wir dem Sinn oder Unsinn einer Maskenpflicht viel mehr Zeit und Aufmerksamkeit als der Frage, wie wir leben möchten?

Mir fehlt in Winkers Buch die Beantwortung dieser Frage in Bezug auf die Medien — müsste sie diesen gegenüber nicht zu kritischeren Ansichten kommen, wenn sie sich mit der Transformation zu einer solidarischen Gesellschaft und gerade mit der Frage, warum wir uns noch nicht auf dem Weg in eine solche befinden, beschäftigt? Zumindest indirekt spricht sie es an:

„Noch aber zögern viele, sich ernsthaft und mit voller Kraft für eine andere Gesellschaft einzusetzen und für gute und ökologisch nachhaltige Lebensbedingungen zu streiten. Sie sehen wenig Chancen, mit ihrem Handeln etwas zu erreichen. Und nicht zu unterschätzen ist: Es braucht Mut. Denn es ist in der Tat schwierig, sich in der Öffentlichkeit laut gegen die beinahe weltweit herrschende Gesellschaftsformation, den Kapitalismus, zu stellen.“

Dafür zitiert sie Kurt Tucholsky:

„Denn nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein.“

Winker weiter dazu:

„Das bedeutet, unnachgiebig eine Politik und ein Wirtschaftssystem zu kritisieren, die soziale Beziehungen und ökologische Kreisläufe gleichermaßen zerstören.“

Diese Worte bestärken mich wieder. Denn ich spüre es am eigenen Leib, wenn im Umfeld Leute über „fucking Nazi-Assholes“ sprechen und damit alternative Medien und Demonstranten gegen die Corona-Maßnahmen meinen. Manche Freunde und Familienmitglieder, die den „offiziellen Nachrichten“ vertrauen, halten mich im besten Fall für etwas abgedreht und leichtgläubig auf Verschwörungstheorien hereinfallend und kündigten mir im schlimmsten Fall die Freundschaft, weil ich mit alternativen Medien arbeite, die „Hetze betreiben“ und „gefährlich sind“.

Ich merke also, dass meine Erkenntnisse und Wünsche für eine solidarische Gesellschaft von diesen Menschen und — wie mir oft scheint — der Mehrheit der Bevölkerung als solche gar nicht erkannt werden. Dennoch weiterzumachen und vorsichtig Gespräche zu Themen zu suchen, die andere lieber verdrängen oder komplett anders sehen, erfordert tatsächlich mehr Mut, als ich es vor ein paar Jahren für möglich gehalten hätte, als ich noch weniger kritisch war.

Handlungsfähigkeit

Winker beschreibt die Lage, in der sich der Großteil der Bevölkerung in den Industrienationen befindet:

„In allen Lebensbereichen wächst die individuelle Verantwortung, ohne dass Menschen ausreichend Einfluss auf die Rahmenbedingungen nehmen können, unter denen sie dieser Verantwortung gerecht werden sollen. Auch wenn Beschäftigte von KollegInnen im Beruf unterstützt werden, stehen sie aufgrund des Wettbewerbs auf dem Arbeitsmarkt, auf den die gesamte Lebensführung auszurichten ist, häufig während der nächsten Bewährungsprobe wieder in Konkurrenz zueinander. Bestehen bleibt der permanente Druck, auf sich alleine gestellt unter unsicheren Bedingungen Leistung in der Erwerbs- und der unentlohnten Sorgearbeit bringen zu müssen.

Ein derart getriebenes Leben führt zu Versagensängsten. Denn es ist nicht klar, wie lange all die Mühe, sich in einem guten Licht zu präsentieren, zum Erfolg führt. Auch gibt es in der Konkurrenz um berufliche Karrieren neben GewinnerInnen immer auch VerliererInnen. Das gilt ebenfalls in der Familie, wenn Eltern daran gemessen werden, ob ihre Kinder dem Leistungsdruck in der Schule standhalten.

Dennoch wird lange Zeit versucht, den gewählten Lebensentwurf aufrecht zu erhalten, auch dann, wenn er zur Überforderung führt. Irgendwann gelingt dies jedoch nicht mehr. Viele sind erschöpft, ohne auf Erholung hoffen zu können. Sie arbeiten am Limit ihrer Kräfte und stehen gleichzeitig unter dem Druck, ihr Potenzial in Eigeninitiative ständig weiter ausschöpfen zu müssen.“

Sind nicht beinahe alle Menschen der Mittelschicht ebenso von diesem permanenten Druck betroffen wie die einkommensschwachen und arbeitslosen Mitglieder unserer Gesellschaft? Wie finden wir zueinander? Mir scheint, jeder leidet in seiner Filterblase vor sich hin und möchte nicht jammern. „Jammern auf hohem Niveau“ … diesen Satz sagte auch ich öfter. Doch es liegt ein Unterschied zwischen: „Ich habe Existenzängste, weil ich nicht weiß, wie lange ich den Arbeitsrhythmus und fehlenden Sinn meines Berufs noch aushalte“ und „Ich kann dieses Jahr nur zweimal in den Urlaub fliegen.“

Also plädiere ich dafür, dass wir uns trauen, in privaten Gesprächen und öffentlichen Debatten mehr über unsere Ängste zu sprechen, einander zuzuhören und uns miteinander — über verschiedene Einkommensschichten hinweg — zu verbünden.

Welch eine Wohltat und Inspiration, dass Winker konkrete Ideen vorschlägt, die Betroffene wieder handlungsfähig machen.

Reduzierte Erwerbsarbeitszeit

„Viele Menschen richten ihre Kritik gegen den Umfang der in Beruf und Familie geforderten Leistung, der ihnen viel zu wenig Erholung ermöglicht. Wie weit diese Überforderung schon in der Gesellschaft verbreitet ist und wie viele sich dieser Tatsache bewusst sind, zeigt die jährliche repräsentative Umfrage des Instituts DGB-Index Gute Arbeit (2019), die 2019 Arbeitsintensität zum Schwerpunkt hatte. Danach konnten sich 42 Prozent der Beschäftigten unter den derzeitigen Anforderungen nicht vorstellen, ihren Job bis zur Rente ohne Einschränkung auszuüben (ebd.:22). Eine solche berufliche Arbeitssituation verursacht Existenzangst, wirft aber auch Fragen auf, wie das Leben anders gestaltet werden könnte.“

Somit schlägt sie als eine Handlungsmöglichkeit vor, die Arbeitsbelastung als Individuum zu reduzieren:

„Es zeigt sich, dass einzelne Individuen und auch einzelne Familien durch ihr individuelles Verhalten ihre Lebenssituation verändern, auch wenn sie nicht in strukturelle Gegebenheiten eingreifen. Damit verfügen nicht mehr ausschließlich andere über ihre Lebenszeit. Menschen erleben sich weniger fremdbestimmt. Die eigenen Wünsche an ein gutes Leben erhalten mehr Gewicht.“

Dieser Absatz spiegelt meine persönliche Situation und Lebensentscheidung wider und zeigt mir, dass ich offensichtlich nicht allein mit diesem Weg bin. Nach einem Jahr als Angestellte in einer Pariser Übersetzungsagentur wusste ich nicht weiter, da mir ein solches Leben bis zur Rente trostlos und als verschwendete Lebenszeit erschien. Ich begriff nicht, warum die anderen es so „normal“ fanden und mitmachten.

Ich fühlte: Ich kann das nicht und ich will das nicht. Also ging ich in die finanzielle Unsicherheit — und siehe da: Ich lebe noch. Als selbstständige Übersetzerin brauchte ich anfangs noch prekär bezahlte Nebenjobs als Empfangsdame und im Kundenservice eines Start-ups, doch nach und nach wurde ich schneller und erhöhte dadurch meinen Stundensatz. Ich lernte, Aufträge abzulehnen, die zu schlecht bezahlt waren oder für mich „Bullshit-Arbeit“ darstellten und dass dies nicht dazu führte, dass meine Kunden mich mieden, sondern eher respektierten und die Aufträge gaben, die mir Spaß machten und die ich somit auch in guter Qualität ablieferte.

Als ich merkte, dass ich in 20 Stunden Arbeit pro Woche so viel verdiente wie zuvor in 40, entschied ich, wenn möglich nicht mehr zu arbeiten, um — anstatt mehr Geld zu verdienen — Zeit für unentlohnte Tätigkeiten wie Beziehungen, kreatives Schaffen, Lernen, Selbstfürsorge und später auch die ehrenamtliche Arbeit für den Rubikon zu haben.

Es ist paradox: Diese Tätigkeiten bereichern mein eigenes Leben und das meines Umfelds, da ich mehr Zeit für mich und meine Liebsten habe, dennoch bereitete diese Entscheidung mir lange Schuldgefühle, weil wir nun einmal auf Leistung in Bezug auf Geldverdienen und entlohnte Tätigkeiten „programmiert“ werden und ich mir nutzlos und egoistisch vorkam.

Nach und nach lerne ich mich „neu zu programmieren“ und auf das auszurichten, was unser Leben lebenswert macht. Dabei hilft mir das Buch von Winker sehr, meine unbewussten, profitorientieren Glaubensmuster zu überwinden und den unschätzbaren Wert unentlohnter Tätigkeiten zu erkennen.

Gemeinsam organisierte Freiwilligenarbeit

Laut einer Umfrage der deutschen Bundesregierung lag der Anteil der ehrenamtlich engagierten Bürger über 14 Jahre im Jahr 2014 bei über 43 Prozent, wobei sich dies auf Tätigkeiten bezieht, die unbezahlt oder gegen geringe Aufwandsentschädigung übernommen werden. Diese betreffen die unterschiedlichsten Bereiche wie Sport, Schule und Kindergarten, Kultur und Musik, soziale Bereiche oder Kirche und Religion. Winker betont auch die besondere Erkenntnis, dass ehrenamtliches Engagement dabei „nicht primär von denjenigen geleistet wird, die viel Zeit haben“.

„Freiwilligenarbeit schafft Gemeinschaft und bietet den Einzelnen Möglichkeiten, neue Bekanntschaften zu schließen und gemeinsam aktiv zu sein. Gleichzeitig wird über Freiwilligenarbeit auch direkt erfahrbar, wie sinnvoll eine Arbeit sein kann, die andere in der einen oder anderen Weise unterstützt.“

Auch dies erlebe ich am eigenen Leib, seitdem ich mich ehrenamtlich für Rubikon engagiere. Dabei hatte ich lange Zeit nach einer Aufgabe gesucht, fühlte mich schuldig, weil ein Großteil meiner Familie als Ärzte und Krankenschwestern eine sinnvolle Tätigkeit ausübten, die anderen half, während ich mich dazu nicht in der Lage fühlte.

Nach und nach erkenne ich, dass wir alle verschiedene Talente und Freude an unterschiedlichen Tätigkeiten haben, die wir anderen dann auch gern „schenken“. Somit kann jeder mit dem, was ihm oder ihr Freude macht, einen ehrenamtlichen Beitrag leisten, wenn er sich nach mehr Sinn im Leben sehnt.

Es hat meine Lebensqualität damals erheblich verbessert und mir aus depressiven Zuständen der inneren Leere herausgeholfen. Heute bin ich sogar beruflich für den Rubikon tätig und erfahre durch eine entlohnte Arbeit Sinngefühl. Vor ein paar Jahren hätte ich dies nie für möglich gehalten. Winker hat Recht. Individuelle Handlung lohnt sich für den Einzelnen, auch wenn sie nicht (sofort) die strukturellen Missstände beseitigt.

Politisches Engagement und solidarisches Handeln

„Im Wissen um das Risiko, zu scheitern, finden sich gegenwärtig die meisten mit den gesellschaftlichen Verhältnissen ab und erhalten damit diejenigen Lebensbedingungen aufrecht, unter denen sie leiden. Wenn sie sich damit nicht mehr zufriedengeben und die Grenzen des bislang Möglichen verschieben möchten, wenn sie also umfassend handlungsfähig werden wollen, lässt sich dies nur in einem politischen Rahmen kollektiv umsetzen.“

Demonstrationen, Petitionen, Boykotts bestimmter Waren oder Streiks können zumindest erst einmal eine öffentliche Debatte in Gang bringen und manchmal sogar materielle Erfolge erzielen. Unsere Vorfahren erkämpften so schließlich den Sozialstaat, der inzwischen wieder abgeschafft wird, was nur möglich ist, da ein Großteil der Bevölkerung es hinnimmt, sich ohnmächtig fühlt und chronisch vom Alltag überfordert ist. Und so kommt Winker zu einem entscheidenden Punkt: „Häufig beklagen Aktive, dass sich noch zu wenige an solchen Protestaktionen beteiligen.“ Das mag verschiedene Gründe haben, wobei Winker mir aus der Seele spricht, wenn sie auf folgendes Dilemma hinweist:

„Denn politische Arbeit leidet im neoliberalen System wie alle andere Arbeit auch unter Zeitmangel. So sitzen häufig Menschen zusammen, die gestresst und aus konkurrenzorientierten Arbeitsformen heraus zu einem Treffen kommen. In einer solchen Situation ist es nicht einfach, aber wichtig, sich dennoch Zeit zu nehmen, um zu verstehen, welche Wünsche die Einzelnen mit ihrem Engagement verbinden. Damit sind nicht nur die großen Ziele gemeint, sondern auch Bedürfnisse, die im jeweiligen Moment vorherrschend sind.“

Die Transformationsstrategie

Der im Buch von Winker vorgeschlagene Wandel „strebt an, zunächst eine solidarische Care-Ökonomie innerhalb noch bestehender kapitalistischer Strukturen aufzubauen. So kann das Gesamtvolumen der Erwerbsarbeit reduziert und damit deren Stellenwert zurückgedrängt werden.“

„Auf diese Weise wird eine Einschränkung des Konsums unterstützt, die aus ökologischen Gründen und aus Gründen der globalen Gerechtigkeit notwendig ist. Gleichzeitig erhalten Menschen mehr Zeit, um die jeweils eigenen Lebensentwürfe umzusetzen. Diese werden mit dem Aufbau einer sozialen Existenzsicherung über ein bedingungsloses Grundeinkommen und mit einer für alle offenen sozialen Infrastruktur, die bedürfnisorientiert und demokratisch gestaltet wird, ermöglicht. (…)

Je mehr Organe der Selbstverwaltung und je mehr Commons entstehen, desto besser lernen Menschen bereits im Kapitalismus, sich freundlich aufeinander zu beziehen, gemeinsam Entscheidungen zu treffen und auch im Konfliktfall einvernehmlich Lösungen zu finden.“

Nach dem Lesen einiger kritischer Texte zum Thema „bedingungsloses Grundeinkommen“ werde ich hellhörig, als ich davon in Winkers Buch lese. Sie lässt die Gefahren eines bedingungslosen Grundeinkommens innerhalb heutiger politischer Strukturen außer Acht. Glaubt Sie nicht, dass dieses missbraucht werden könnte, um kritische Mitmenschen zu erpressen und mundtot zu machen? Mich wundert, dass sie das System so klar analysiert und kritisiert — es gar abschaffen und durch eine Wirtschaftsweise ohne Geld ersetzen möchte — aber dabei nicht die Menschen einbezieht, die an den Schalthebeln der Macht sitzen und ja gerade dafür sorgen, dass das System trotz aller Kritik immer weiterläuft.

Mir fehlt in ihrer Transformationsstrategie das Element, wie eine solche Bewegung an Reichweite gewinnen soll, wenn doch ein Großteil der Medien, die von den Werbeeinnahmen mächtiger Konzerne abhängig sind, zumindest einen Interessenkonflikt diesbezüglich hat und nur Pseudokritik übt.

„Eine solidarische Gesellschaft beginnt dann, wenn die kapitalistisch notwendige Trennung von entlohnter und unentlohnter Arbeit aufgebrochen ist, indem es keine entlohnte Arbeit mehr gibt und Menschen ihre Bedürfnisse direkt statt vermittelt über Geld und Warentausch befriedigen. Dann steht Sorge in verschiedenen Dimensionen im Zentrum des Zusammenlebens: Die Sorge um sich, um andere, um noch nicht geborene Generationen und die nicht-menschliche Natur.“

Mein pessimistischer Eindruck ist, dass hierfür erst mehr Menschen in die Armut oder Pflegebedürftigkeit fallen müssten, um die Sorgearbeit mehr zu schätzen. Viele scheinen sich doch noch eher mit dem zu identifizieren, was sie haben — Wohnung, Auto, Status. Da fällt es mir schwer, auch nur ein wenig Hoffnung zu hegen, dass eine solche Transformation möglich ist, denn die meisten Menschen in den reichen Industrieländern wollen sie wohl nicht, da ihnen dieses System und diese Identifikation so vertraut sind. Meine Befürchtung ist, dass die meisten meiner Mitmenschen sich von einer solchen Idee eher bedroht fühlen und sie deshalb ablehnen. Doch bevor meine resignierten Gedanken mich in den Abwärtsstrudel der Machtlosigkeit reißen, schreibt Winker über Geduld.

Eine soziale und ökologische Wende benötigt Ausdauer

„In diesem historischen Moment kann mit der Ausgestaltung einer solidarischen Gesellschaft begonnen werden. Dabei geht es zunächst auch darum, die klassistischen, heteronormativen, rassistischen und bodyistischen Normen und Werte und das durch sie bestimmte Handeln umfassend aufzubrechen. Denn diese Werte und Normen waren in der kapitalistischen Gesellschaft strukturell abgesichert und sind immer wieder reproduziert worden, so dass sie jetzt bewusst dekonstruiert und verlernt werden müssen.

Das benötigt wahrscheinlich viel Zeit. Ebenfalls viel Zeit benötigt es, zu lernen, bei der Befriedigung der eigenen Bedürfnisse zugleich die Bedürfnisse weit entfernt lebender Menschen und auch die Bedürfnisse zukünftiger Generationen ernst zu nehmen, soweit mit dem eigenen Handeln auch deren Lebensbedingungen beeinträchtigt werden.“

Würden die meisten Menschen hier nicht absolut zustimmen? Und wie viele handeln danach dementsprechend im Alltag? Und bringt das überhaupt etwas? Wären es nicht die Konzernmanager, Aktionäre und Regierungen, die dies endlich einmal berücksichtigen und ernst nehmen müssten?

„Auszubrechen aus dem Gewohnten, sich Zeit für sich und füreinander zu nehmen und sich gemeinsam als wirkmächtig zu erleben, kann glücklich machen. Dies gilt insbesondere, wenn nicht Erwartungen und Normen im Zentrum stehen, sondern das Interesse an der anderen Person. Aus jedem kleinen Schritt können sich weitere entwickeln, wenn sich die Augen und Ohren daran gewöhnen, nicht auf Vorteil und Konkurrenz zu achten, sondern auf Sorge und Solidarität.

Die Bedeutsamkeit sozialer Beziehungen, insbesondere auch von Sorgebeziehungen, lässt sich heute bereits immer wieder erfahren. Viele kennen die Glücksmomente, wenn ein Neugeborenes begrüßt wird. Nicht nur die Eltern spüren viel Energie und möchten diesen kleinen Menschen, der alleine nicht überleben kann, so gut wie nur irgend möglich unterstützen.

Alle kennen die Momente, in denen unsere Hilfe einem anderen Menschen ein Strahlen ins Gesicht zaubert, das uns zu erkennen gibt, wir konnten ihm ein kleines Stück weiterhelfen. Die meisten haben erfahren, wie gut es tut, als verletzlicher Mensch von anderen erkannt und angenommen zu werden. Mir machen diese Erlebnisse Mut, für ein Zusammenleben zu streiten, in dem es im Alltag aller immer mehr Raum für solche Glücksmomente gibt.“

Also plädiert Winker für die Kombination von politischem oder ehrenamtlichem Engagement und dem Kultivieren der Fürsorge im Alltag. Ja, wir können etwas tun. Jeden Tag aufs Neue. Ich fühle mich besser.

„Wenn wir uns nicht weiter demütigen lassen, wir uns nicht unterwerfen und wenn wir eine Lebensweise finden, die die Bedürfnisse anderer respektiert und die Ökosysteme schützt, fühlt sich das Leben richtig an.“

Die Frage ist auch hier jedoch: Wie weit reicht unser kleiner und großer Mut, wie Peter Frey ihn so schön beschrieb, um diesen Weg zu gehen? Es ist anstrengend, schon bei kleinsten Schritten auf großen Widerstand zu stoßen. Aber wie sie so schön schreibt: Die Belohnung liegt darin, dass sich das Leben dann wieder richtig anfühlt.

Was mir an Winkers Werk so gefällt, ist, dass sie zwischen Wunschgesellschaft und dem aktuellen Ist-Zustand den Bezug herstellt, wodurch ihre utopischen Visionen in das Feld der realen Möglichkeiten rücken:

„Ein solcher Umgang miteinander benötigt jedoch nicht nur einen anderen gesellschaftlichen Rahmen, sondern auch lange Prozesse des Lernens, die in den rudimentären Formen, die derzeit möglich sind, erprobt werden sollten. Auch deswegen ist es so wichtig, heute bereits eine sorgende Haltung gegenüber Menschen, aber auch gegenüber der nicht-menschlichen Welt einzunehmen und zu üben.“

Jeder Mensch, der sich für eine menschlichere Welt engagieren möchte, darf sich somit die Frage stellen, inwiefern er seine Visionen bereits selbst im Alltag übt. Der Wandel liegt in unserem eigenen Verhalten. Dieser Text und all die Bücher, die ich lese, sind nichts wert, wenn ich daran nicht meine Handlungen und kleinen Entscheidungen im Alltag orientiere und nach und nach ändere.

Je mehr von uns so die Theorie in die Praxis umsetzen, desto mehr wird der Wandel sichtbar. Und wie Winker schreibt: Die Belohnung erfährt jeder aktiv Handelnde sofort in Form von Glücksgefühlen, die wiederum Lust auf mehr Aktivismus machen. Probieren Sie es aus und stecken Sie mit Ihrer neuen Lebensfreude immer mehr Menschen an!

„Aufeinander angewiesene, verletzliche Wesen zu sein, ist dann nicht mehr bedrohlich, sondern kann positiv erlebt werden.“



Quellen und Anmerkungen:

Weitere Informationen und Inspirationen unter care-revolution.org.

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