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Frühlingserwachen

Frühlingserwachen

Woher wir Jugendlichen die Kraft nehmen, an eine bessere Zukunft zu glauben.

von Paul Nähring

Wir Jugendlichen verspüren noch eine Verantwortung gegenüber dieser Welt. Wir sehen, dass es so, wie es ist, nicht weitergehen kann. Wir sind noch nicht gefangen im Alltag von Arbeit oder Jobsuche, Kinder- oder Elternpflege, Sorgen ums Geld oder der Planung des nächsten Familienurlaubs. Wir haben keine Angst vor der Veränderung.

Wir sind offen für Neues, auf der Suche, haben uns das Träumen von einer schöneren Welt bewahrt. Sind kompromisslos, denn Kompromisse töten die Kreativität und Hartnäckigkeit.

Wir bleiben auf unseren Forderungen bestehen und lassen uns nicht mit Phrasen à la „Ja, ja. Das wird schon alles…“ abspeisen.

Wir übertreiben nicht, wenn wir sagen, dass dies alles unsere Eigenschaften sind, die der Jugend. Das ist unsere Bedeutung für die Gesellschaft. Immer weiter gehen zu wollen, auf der Suche zu sein, bereit zu sein, auch Risiken für die Gesellschaft und die Zukunft einzugehen. Und seien es sogar Anzeigen — wegen der Besetzung des Bundestags, weil wir unangemeldet unsere Forderungen auf die Straße getragen haben, einen Baum besetzten oder Kohlebagger für ein paar Stunden lahmlegten. Bereit sind wir auch, ein paar unentschuldigte Fehlstunden im Zeugnis hinzunehmen, denn es geht um etwas Größeres.

Wir wissen noch, was richtig und falsch ist, unabhängig von Gesetzen und dem, was PolitikerInnen uns sagen. Denn es gibt Werte für uns, die höher stehen als alle Gesetze und Regeln. Denn diese Regeln sind gemacht, damit alles so bleibt, wie es ist. Wir glauben noch an unsere eigene Kraft, sodass wir nicht das „Entscheiden“ über uns an andere abgeben müssen. Deswegen fordern wir jeden Freitag unser Recht auf eine lebenswerte Zukunft. Jeden Freitag gehen wir auf die Straße für eine gerechte Welt. Denn gerade unsere Länder sind es, die den Klimawandel verursachen, unter dem Menschen auf der ganzen Welt leiden.

Figure 1: Youth for climate. Jugend für das Klima — Gruppe von KlimaaktivistInnen aus den Niederlanden

Alle die, die diese Ungerechtigkeiten auch sehen. Alle Menschen, die unsere Ziele und unsere Überzeugung teilen, dass wir die Notbremse ziehen müssen. Alle Menschen, die die Angst vor Veränderung nicht spüren, die noch wissen, was richtig und falsch ist. Alle diese Menschen meinen wir auch, wenn wir von der Jugend sprechen.

Die, die erwachsen geworden sind, nennen uns naiv. Angeblich wüssten wir noch nicht, wie das wahre Leben ist. Dass wir erst einmal arbeiten gehen sollten und Steuern zahlen. Das sind die Stimmen der Alten, die durch ihr Leben, die Arbeit und das täglich Gleiche verlernt haben, an etwas Besseres zu glauben. Das sind die Stimmen derer, die sich selbst aufgegeben haben. Derer, die sich so klein und machtlos gegenüber den Problemen dieser Welt sehen. Das sind die Stimmen derer, die nicht wissen, welche Rolle und Bedeutung die Jugend hat und in der Geschichte immer schon hatte.

Wir Jugendlichen sind schon immer diejenigen gewesen, die die bestehenden Ungerechtigkeiten zur Sprache brachten und gleichzeitig mit neuen Vorstellungen, ohne Angst, mit viel Freude und Zuversicht in die Zukunft schauten.

Figure 2: Proteste gegen die Startbahn-West in den 1980er Jahren

Denken wir nur an die Jugendbewegung der 1968er. Auch da war es die Jugend, die sich nicht mit einer Welt zufriedengeben wollte, in der Krieg geführt wurde, Nazi-Verbrechen nicht bestraft wurden und die Familien unter dem Diktat der Väter standen. Die Jugend, die sah, dass das Versprechen des Systems von Luxus und Wohlstand für alle nichts als eine Lüge war und wie diese Art des Wirtschaftens die Natur zerstörte. Deshalb lehnten sie sich auf, gegen den Bau von Atomkraftwerken, Flughäfen und Kohlekraftwerken. Auch damals wurde ihnen mit Arroganz und Überheblichkeit begegnet.

Figure 3: Edelweißpiraten — Eine Widerstandsgruppe zur NS-Zeit. Gehängt von den Nazis.

Denken wir nur an die Jugendlichen der „Edelweißpiraten“. Jugendliche, die sich zusammenschlossen, um sich gegen die Vereinheitlichung, gegen die Disziplinierung und die faschistischen Gedanken der Nazis zu wehren. Sie sangen zusammen vom Faschismus verbotene Lieder und malten nachts Parolen an Häuserwände. Dafür wurden sie verhaftet, gefoltert, ermordet.

Figure 4: Nie Wieder Krieg. Ein Plakat der Jugend gegen Krieg

Denken wir nur an die Jugendlichen, welche 1919 die erste Jugendinternationale ausriefen, um sich mit Jugendlichen aus aller Welt zusammen gegen Krieg und Ausbeutung zu stellen. Die Jugend aus Deutschland glaubte nicht an die Propaganda des Deutschen Staates über die „bösen Franzosen“, die es zu bekriegen gelte. Ganz im Gegenteil: Auch in dieser Zeit war es die Jugend, die Werte wie Freundschaft und gegenseitigen Respekt über Ländergrenzen hinweg hochhielt.

Figure 5: Eine Gruppe "Wandervögel" in der Nähe von Ülzen um 1900

Denken wir nur an die „Wandervogel“-Bewegung der Jugendlichen, die das Leben in den immer größer und dreckiger werdenden Großstädten nicht mehr ertragen konnten. Und raus wollten aus dem Elternhaus, das sie einschloss. Die in der Natur bei Lagerfeuer und Gitarre das „freie Leben“ kennenlernen wollten. Sie wollten ein Leben in Gemeinschaft und Freundschaft, basierend auf Zusammenhalt und Solidarität. Ihre Fahrten waren Protest und Regelmissachtung, denn schon das gemeinsame Fahren in die Natur war verboten.

Diese Geschichte ließe sich immer weiter zurückverfolgen. Und neben der Jugend finden wir viele Beispiele, wie Frauen sich gegen Gewalt, gegen die Rolle der Hausfrau, gegen die Verbote, eine höhere Schule oder eine Universität zu besuchen, gegen den Ausschluss von Wahlen, gegen unfaire Bezahlung von Arbeit gewehrt haben. Sie haben Widerstand geleistet und damit die wichtigen Werte Solidarität, Verantwortung und Gemeinschaftlichkeit verteidigt.

Mit diesen Werten und dem Mut, das scheinbar „immer schon Dagewesene“ aufzubrechen, werden wir die Zukunft der Gesellschaft gestalten. Wir, die Jugendlichen, sind der Frühling der Gesellschaft!

Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, dürfen wir uns nicht von den Alten einschläfern lassen. Viele von ihnen sagen, dass sie früher auch für eine bessere Welt demonstriert haben. Dann haben sie sich jedoch irgendwann mit allem abgefunden, wurden integriert in das Spiel der scheinbaren Demokratie. Wie radikal waren ihre Meinungen damals und was machen sie heute? Heute beschwichtigen sie uns mit den Parolen, mit denen sie früher selbst beschwichtigt wurden. Sie haben keine Antworten auf die wichtigsten Herausforderungen unserer Zeit, außer an dem festzuhalten, was gerade ist. Sie glauben nicht mehr an Veränderungen, haben möglicherweise sogar Angst davor.

Figure 6: System Change! Not Climate Change! Proteste gegen den Kohleabbau

Doch wir lassen uns nicht auf dieses Spiel ein. Denn die Spielregeln stehen gegen uns und unsere Zukunft. „System change! Not climate change!“ Das kann nur eins bedeuten: Das System, wie es heute ist, ist das Problem und nicht die Lösung! Teil des Problems ist die falsche Demokratie der PoltikerInnen und Parlamente. Teil des Problems ist auch eine auf Konkurrenz und Wachstum basierende Wirtschaft, die die Natur zerstört und von der nur einige Wenige profitieren.

Stattdessen muss es heißen: „Seien wir selbst die Lösung.“ Haben wir den Mut, das Undenkbare zu denken und in die Tat umzusetzen! Eine Gesellschaft aufzubauen, die auf dezentraler, ökologischer Produktion basiert, auf dezentraler Energieerzeugung durch erneuerbare Energien in der Hand derer, die den Strom selber nutzen. Auf richtiger Demokratie: Entscheidungen, die uns betreffen, treffen wir selbst durch gemeinsame Entscheide, auf Basis von Werten wie Gleichheit, Solidarität, Gleichberechtigung und der Verantwortung gegenüber zukünftigen Generationen und der Natur.

Seien wir radikal und leben wir so, dass die heutige und alle kommenden Generationen auf diesem Planeten leben können. Ja, wir bevorzugen ein Leben, in dem wir unser Gemüse selbst anbauen, in solidarischer Gemeinschaft, wo wir unsere NachbarInnen noch kennen. Wo sich das Leben nicht darum dreht, immer mehr Anerkennung zu bekommen, immer mehr haben zu wollen und Zielen hinterherzurennen, die sich eh nie wirklich erreichen lassen.

Nichts wird so bleiben können, wie es ist! „Der Wandel wird kommen, ob ihr wollt oder nicht!“

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