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Frühling im Hambi

Frühling im Hambi

Die Waldkrieger des Hambacher Forsts haben den Winter überstanden und wollen weiter Widerstand leisten.

Als ich ziemlich spontan beschloss, in den Hambi zu fahren, war ich gerade in Dortmund. Bei einer Veranstaltung von Aufstehen. Jener sogenannten Sammlungsbewegung also, die sich in der Hauptsache mit bürokratischen Albernheiten herumschlägt, nein: herumschlagen muss, dank einer importierten Parteibürokratie.

Hatte gerade das meine Sehnsucht nach den Waldkriegern erneut entzündet?

Wenn RWE „renaturiert“

Auf der Fahrt wuchs meine Spannung. Was war wohl aus der Räuberhöhle geworden? Jener neuen „Struktur“ im Wald, deren erste Tage ich im letzten Jahr miterleben und mit meinen Liedern begleiten durfte. Das war direkt nach der großen Demo gewesen, nach dem Aufmarsch der 50.000 Waldschützer. Nach der Wiederbesetzung des zuvor geräumten Waldes.

Wie hat sich die Räuberhöhle weiterentwickelt? Haben genug Leute den Winter über durchgehalten? Ist gebaut worden? Hat es Angriffe gegeben? Wie ist die Lage nach dem „Kohlekompromiss“?

Was treiben RWE und die Schergen von deren berüchtigtem Sicherheitsdienst? Und was steht noch von dem hübschen Dörfchen Manheim? Gibt es das Haus, in dem ich letztes Jahr illegal genächtigt hatte, noch?

Auf der Autobahn hinter Köln tut sich rechts von mir plötzlich der Boden auf. Ein gewaltiges Loch! Förderbänder. Baggermonster. Hier arbeitet RWE den Erdboden auf. Wie zum Hohn stehen rundherum einige Windräder. Was soll das heißen? Wir könnten auch anders, wollen aber nicht?

Ich komme auch an einer Fläche vorbei, die RWE „renaturiert“ hat. Ja, da stehen Bäume drauf. Bis unter die Achseln ausgeastet. Gerade gewachsen. Sauber angeordnete Baumschulware. Mit einem Wald hat das rein gar nichts zu tun, und diese karge, lieblos bepflanzte Fläche hat auch wenig Aussichten, jemals zu einem Wald zu werden.

Manheim stirbt

Ich verlasse die Autobahn und finde mich gleich wieder zurecht. Da kommt das Schild nach Manheim. Von weitem sehe ich, dass die Kirche noch steht. Auch im Ortskern ist noch alles intakt. Dann aber komme ich an einer großen Fläche vorbei. Im letzten Jahr standen hier Häuser, recht hübsche sogar, aus rotem Stein. Jetzt ist dort eine Brache. Auch das Haus, in dem wir heimlich geschlafen haben, ist weg. Manheim stirbt – trotz „Kohlekompromiss“.

Der Sportplatz ist komplett aufgewühlt. Lauter mittelgroße Erdhaufen sind jetzt dort, wo vorher das Fußballfeld gewesen ist. Das ist wohl die Rache, denn dieser Sportplatz hatte wiederholt als Camp für Protestierende gedient, zuletzt bei der großen Aktion von Ende Gelände. Jetzt kann dort niemand mehr kampieren.

Auch die Straße zum Hambi-Camp am Waldrand ist nicht passierbar. Zwei Betonblöcke verlegen den Weg. Ich fahre außen rum und komme durch. Aber das Hambi-Camp ist nicht mehr da. Stattdessen sind dort frische Bäume gepflanzt. Was ist passiert? Von einer Räumung habe ich nichts gehört.

Ich fahre weiter heran an den Waldrand. Zum Eingang nach Endor. Links und rechts des Weges ist wiederum frisch aufgeworfene Erde. Hier verlegt RWE riesige Rohre für ein Pumpsystem. Denn rund um den Kohleabbau muss schließlich auch im großen Stil das Grundwasser abgepumpt werden. So wird verhindert, dass die riesigen Täler hinter der Abbruchkante einfach volllaufen, bevor die Kohle herausgeholt ist. Alleine das ein Ökoverbrechen erster Ordnung.

Erneut zwei Betonblöcke, mitten auf dem Feldweg. Aber einer ist zur Seite gerückt. Ich komme durch mit meinem Kombi. Ein Diesel, übrigens. Fast 300.000 km auf dem Tacho. Am Waldrand steht ein weiteres Auto. Ich steige aus und da kommt mir ein Eichhörnchen entgegengelaufen aus dem Wald. Und noch ein zweites hintendrein. Ich entbiete den Eichhörnchen meine Ehre und gehe in den Wald. Ich betrete Endor.

Endor lebt

Sofort begrüßt mich ein umwerfend erfreulicher Anblick. Die Wanderhütte, die ich im letzten Herbst erstbezogen hatte, wurde winterfest gemacht und ist offenbar bewohnt. Ich folge dem Weg und bleibe mit einem riesigen Lächeln im Gesicht stehen: Hinter dem imposant angewachsenen Barrikadenkreis rund um die Räuberhöhle steht jetzt ein enormes Haus mitten im Baum. Ein mehrstöckiges Objekt.

Ich suche etwas, bis ich den Eingang finde. Es ist noch früh, aber ich laufe sofort in einen Menschen hinein, der mir bekannt vorkommt. Und siehe da, er erkennt mich auch gleich und spricht mich auf meinen letzten Hambi-Artikel in diesem Magazin an.

Wir setzen uns, ich frühstücke nichts. Ich faste gerade. Später spiele ich noch einige Lieder und das Camp erwacht nach und nach.

Die Menschen wirken ein bisschen abgekämpft nach dem Winter. Aber ich bin voll der Bewunderung, was da erbaut worden ist in den vergangenen Monaten. Hätte ich Orden und Medaillen dabei, würde ich sie jetzt gerne verteilen für diese erfolgreich überstandene Winterschlacht.

Ein Mensch kommt herein. Er hat in der Nacht Baumaterial angeliefert. Die Sicherheitsleute von RWE haben ihn gejagt. Das Material ist trotzdem im Wald. Er braucht Leute, um einiges nach oben zu ziehen, zu einem weiteren neuen Baumhaus. Wir gehen mit.

Verbündete

Während wir unter diesem neuen Bauwerk in den Lüften stehen, nähern sich drei Menschen, die qua Kleidung und Style sofort als Personen erkennbar sind. Also: keine Waldbewohner, keine Aktivisten. Es sind Leute aus dem hohen Norden, die Verwandte in der Gegend besuchen. Sie wollen den berühmten Hambi und seine Bewohner anschauen – aber durchaus auch ihre Unterstützung bekunden. Natürlich muss fotografiert werden. Wir erklären die Waldregeln.

Aber es ist eine herzliche, erfreuliche Begegnung, die zeigt, wie weit die Botschaft der Waldkrieger im Hambi in alle Bereiche der Gesellschaft vorgedrungen ist. „Wir stehen zu 100 Prozent hinter Euch!“, sagen sie – und ich bin sicher, dass sie diese Haltung auch in ihrem Umfeld offensiv vertreten werden nach diesem Besuch.

Ich muss weiter, ich bin verabredet an der Mahnwache. Dort angekommen treffe ich meinen Lieblingshambimenschen. Er hat also noch einen Hambi-Winter durchgezogen. Sein Husten ist nicht besser geworden. Auch der Dude kommt vorbei, das freut mich riesig. Seinen märchenhaft schönen Räumungsbericht durften wir in diesem Magazin abdrucken.

Ich hole die Instrumente aus dem Auto und spiele einige Lieder. Ich erfahre, was mit dem alten Hambi-Camp passiert ist. Der Pachtvertrag ist ausgelaufen, also wurde es verlagert, nach Moschenich.

Wer rettet Moschenich?

In Moschenich eine kafkaeske Szene. Auf dem Fußballplatz läuft gerade ein Match. Die meisten Häuser scheinen bewohnt. Aber die ersten Gärten werden schon plattgemacht, die ersten Häuser für ihre Zerstörung vorbereitet. „Was soll das?“, frage ich: „Ich dachte … Kohlekompromiss…?“ Man vermutet, höre ich, dass RWE die Dörfer auf jeden Fall noch schnell plattmachen will, um das Land hinterher als Bauland verkaufen zu können. Wo jetzt das Dorf steht, soll dann ein Gewerbegebiet hinkommen, wird gemunkelt.

Absurde Zeiten, denke ich – und dass der Kampf um den Hambi unbedingt weitergehen muss, trotz „Kohlekompromiss“ – und in diesem Sommer auch ein Häuserkampf zur Rettung dieser Dörfer werden sollte.

Ich schaue noch kurz vorbei an der JVA Ossendorf, wo die Eule einsitzt. Diese Aktivistin wurde mit einem aberwitzigen Urteil zu Haft ohne Bewährung verknackt. Aber jetzt melden sich die Rückenschmerzen und ich habe noch fünf Stunden Fahrt vor mir. Ein Winter im Wald – ich hätte es nicht geschafft. Aber ich verspreche, wiederzukommen, auf einem großen, starken Pferd.

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