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Fruchtloser Fankult

Fruchtloser Fankult

Statt berühmte Persönlichkeiten anzuhimmeln, sollten wir an unserer eigenen Persönlichkeit und damit an einer Weiterentwicklung der Gesellschaft arbeiten.

Der Begriff Celebrities leitet sich von dem englischen Verb „to celebrate“ ab und bedeutet feiern, preisen, zelebrieren. Dabei zelebrieren sich die Berühmtheiten aus Film, Medien, Sport und Adel in erster Linie selbst — hofiert von Milliarden Followern, die sich von Staffel zu Staffel durch die Programme zappen, um ihre Lebenszeit mit den neuesten Seifenopern oder Castingshows zu verbringen.

Aktuell generiert der Sender ProSieben mit Staffel 11 von „The Voice of Germany“ wieder ein Millionenpublikum. Die gut betuchte Jury, in diesem Jahr bestehend aus Sarah Connor, Johannes Oerding, Mark Forster und Nico Santos, sitzt maskenfrei und ohne Abstandsregeln in ihren Drehsesseln, während Nachwuchstalente auf das Ertönen des Buzzers warten, das Publikum oft zu Tränen gerührt applaudiert und mitunter sogar Standing Ovations darbietet.

Laut Vermögensmagazin beträgt das geschätzte Vermögen von Sarah Connor übrigens stolze 25 Millionen Euro (1). Eine Schwester der prominenten Sängerin ist mit dem Rapper Bushido liiert. Nico Santos schreibt nicht nur Songs für sich selbst, sondern auch für Helene Fischer und, wer hätte das gedacht, für Bushido. Johannes Oerding hat es bisher offenbar noch nicht ganz auf eine Million gebracht (2). Mit 8 Millionen steht Mark Forster hingegen vergleichsweise gut da (3). Bushido kann sich mit 15 Millionen Euro auch vorzeigen lassen (4). Das geschätzte 15-Millionen-Euro-Vermögen von Xavier Naidoo, Sänger und Ex-Juror von Deutschland sucht den Superstar, DSDS, überrascht irgendwie, erreicht aber nicht annähernd die 135 Millionen von Dieter Bohlen (5, 6).

Uferlose Götzenanbetung und falsche Vorbilder

Zur Charakteristik der Boulevardpresse, die ihre Daseinsberechtigung ganz wesentlich aus dem Promitratsch generiert, ist auf Wikipedia zu lesen: „Unter Boulevardisierung versteht man ‚den Wandel von Medieninhalten, -formaten und Präsentationsformen im Zuge verstärkter Unterhaltungsorientierung.“ Wesentliches Merkmal der Boulevardpresse sei die Intimisierung, Personalisierung und Skandalisierung (7). Umgangssprachlich werden Boulevardprinterzeugnisse nicht von ungefähr auch als Klatschpresse oder Revolverblätter bezeichnet. Und diese Klatschpresse ist regelrecht omnipräsent. Im Supermarkt sind die entsprechenden Regale bewusst in Kassennähe angebracht, damit die Kundschaft beim Warten vielleicht doch noch zugreift.

In Arztpraxen, Frisiersalons und etlichen anderen Auslagestellen liegen die Promi-News ebenfalls herum — Woche für Woche mit den gleichen Gesichtern. Der Adel präsentiert sich dabei gern im Prunk, wobei der männliche Anteil der Blaublütigen nicht davor zurückschreckt, sich in Uniformen mit allerlei Abzeichen ablichten zu lassen. Was diese Orden und Abzeichen angeht, stellt sich jedoch die Frage, wo selbige erworben wurden und besonders — wofür? Verbrechen scheinen in der gehobenen Gesellschaft irgendwie auch nicht wirklich verfolgt zu werden. Beispiele dazu gäbe es genügend, darunter Prince Andrew und seine Verwicklungen mit pädophilen Kreisen rund um den amerikanischen Investmentbanker Jeffrey Epstein, der wegen Sexhandels und Kindesmissbrauchs vor Gericht stand und sich im August 2019 in seiner Zelle umgebracht haben soll (8).

Was das Vermögensmagazin und die Boulevardpresse offenbaren: Wer einmal „mit im Club der Musik-, Medien- oder Fashion-Geldmaschine“ ist, bleibt es auch, solange der Mangel an Rückgrat ausreicht, um systemkonform genug zu sein. Die insgesamt vermehrungsfreudige Szene sorgt auch dafür, dass ihre Kinder und Kindeskinder im Theater der Show-Imperien eine tragende Rolle bekommen.

Doch all diese und viele weitere Sachverhalte und Skandale einerseits sowie die millionenschweren Besitztümer der Celebrities andererseits veranlassen die globale Menschheit mehrheitlich nicht dazu, völlig auf Boulevardmedien zu verzichten oder gar die Flimmerkiste abzustellen. Der gemeine Medien- und TV-Konsument geht lieber Woche für Woche und Jahr für Jahr „auf Arbeit“ — oder auch nicht — und sorgt mit seiner Einschaltquote dafür, dass sich die Glamour-Welt noch mehr bereichern kann.

„Schaue zu niemandem hinauf und schaue auf niemanden herab!“ (Quelle unbekannt)

Wer im Internet nach Publikationen über den Promi-Kult sucht, findet übrigens wenig. Mathias Müller von Blumencron schrieb immerhin den bemerkenswerten Artikel „Das göttliche Ich“ für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, erschienen am 14. Januar 2014. Er schreibt, das Spiegelbild zum Prominentenkult sei die Lust, es ihnen nachzutun. Stars wie Miley Cyrus exhibitionierten sich über Facebook und YouTube vor einem Millionenpublikum, was wiederum zahllose Eltern dazu zwinge, ihre Kinder permanent davon abzuhalten, das Gleiche zu tun.

Der Autor spricht von einer „peinlichen Bewunderung“ der vermeintlich höheren Gesellschaft und ist der Ansicht, dass wir es beim Promi-Kult mit etwas Archaischem, Instinkthaftem zu tun hätten, das sich umso mehr Bahn zu brechen scheine, je komplexer, rationaler und digitaler die Welt wird. „Die Götter der alten Griechen waren Verkörperungen menschlicher Ideale und Leidenschaften, die androgyne Anmut Athenes hat viele Menschen berührt und immer wieder auch um den Verstand gebracht. Das Christentum, später auch der Islam, entmenschlichte den Himmel, gleichzeitig stiegen Macht, Einfluss und Bedeutung der Irdischen“ (9).

In Fahrt gekommen sei der Kult der Prominenten aber erst im Zeitalter der Massenmedien. „Die medialen Möglichkeiten der Vergötterung explodierten und erlaubten Karrieren, die früher undenkbar waren. Muskeln waren plötzlich Millionen wert, ein Busen konnte die halbe Welt faszinieren. Schauspieler und Sportler, allen voran Fußballer, wurden zu Weltstars, denen selbst inmitten der Neidgesellschaft ihre Millionen nicht geneidet wurden.“

Illusionen als Sedativum für die innere Leere?

Was die oft millionenschweren Celebrities dieser Welt vereint, ist, dass sie Menschen in eine illusionäre Welt ziehen, in der das Scheinwerferlicht zwar den Glamour einfängt, aber nicht unbedingt die wahren Absichten dieser Leute und das, was ohne Photoshop und ohne Luxusmarkenwerbung von ihnen bliebe. Was man sich vor Augen halten sollte: Auch Prominente haben ganz normalen Stuhlgang.

Die „kuschelige Nähe“ zu allem und jedem, besonders auch angeheizt durch Social Media, hätte allerdings auch etwas Trügerisches, findet Müller von Blumencron völlig zu Recht. Doch was veranlasst Promis und solche, die es gern wären, dazu, sich medial derart zu inszenieren und was an diesem Verhalten macht den Reiz für so viele Menschen aus, es ihnen nachzutun? Dahinter steckten, so von Blumencron, ähnliche Motive, die einstmals Menschen in die Kirche trieben: die Suche nach Trost und Versöhnung. „Das Netz hat nie gekannte Möglichkeiten geschaffen, sich an die früher Unnahbaren heranzustalken. Die gefühlte Nähe zu Reichen, Schönen und Mächtigen hilft zumindest für Momente, die Sorgen des Diesseits zu verdrängen. Und der Klatsch, der Zwilling des Prominentenkults, durch Chats, Tweets, Postings im Netz millionenfach verstärkt, dient als Transmission.“

Kirchliche Seelsorge heute

Stichwort Kirchen: Gerade die Amtskirchen haben sich seit dem Lockdown mehrheitlich äußerst regierungsaffin gezeigt, statt ihre seelsorgerische Aufgabe ernst genug zu nehmen. Schaut man sich die Subventionen an, die auf Steuerzahlers Kosten in die Taschen der institutionalisierten Staatskirchen fließen, überrascht das wenig. „Die öffentliche Hand subventioniert die Religionsgemeinschaften, die in Deutschland Kirchensteuern erheben dürfen, jährlich mit über 4 Milliarden Euro“, ist dazu auf der Seite des Humanistischen Pressedienstes (hpd) zu lesen (10). Für das Jahr 2020 habe der Bericht den absoluten Spitzenwert seit Bestehen der Bundesrepublik Deutschland in Höhe von 4,2 Milliarden Euro ausgewiesen.

Erstmals sei die 4-Milliarden-Grenze im Jahr 2019 mit 4,125 Milliarden Euro durchbrochen worden. Ob man Mitglied einer Staatskirche ist oder nicht — zahlen muss man also trotzdem, beispielsweise dafür, dass Personen wie Kardinal Woelki, der jüngst entschieden hat, ein Gutachten zum Umgang von Bistumsverantwortlichen mit Fällen von sexuellem Missbrauch wegen rechtlicher Bedenken nicht zu veröffentlichen, ein solides Einkommen und eine ansehnliche Pension haben (11). Bezahlt werden Kardinäle, die zwischen 10.000 und 15.000 Euro brutto pro Monat verbuchen können, nämlich nicht von der Kirche, sondern vom Staat (12). Nebenbei bemerkt: Die Autorinnen und Autoren schreiben für Rubikon ehrenamtlich.

„You get to decide what you worship!“ (David Foster Wallace)

Einige weitere aufschlussreiche Fakten rund um die Segnungen des Staates gegenüber der klerikalen Branche finden Interessierte auf der Website „Stop Kirchensubventionen (13). Ebenso wenig überrascht es angesichts all der Privilegien, dass pädophile Täter aus Kirchenkreisen irgendwie nie hinter Gitter kommen. In einem Artikel mit dem Titel „Die ewige Doppelmoral des Vatikans", der am 19. Juli 2021 auf heise.de veröffentlicht wurde, heißt es:

„In der Bank des Papstes fließen die Spendengelder zusammen, die gläubige Katholiken aus der ganzen Welt direkt dem Papst zukommen lassen. Hunderte Millionen Euro häufen sich so aus der Kollekte, dem sogenannten Peterspfennig, zu einem wahrhaftigen Schatz, der eigentlich zur Unterstützung und Umsetzung der karitativen und humanitären Werke der Kirche ausgegeben werden sollte.

In Wahrheit zeichnet sich die Verwaltung dieses Vermögens, laut der Staatsanwaltschaft des päpstlichen Staates, schon seit etlichen Jahren durch Betrug, Erpressung und Korruption aus. So wurden die Einnahmen aus dem Peterspfennig etwa in einem Investmentfonds, dem Centurion Global Fund, zur Finanzierung des Films ‚Rocketman‘ angelegt. Auch unterstütze der Pontifex eifrig die landesweite Impfkampagne, bezeichne die Impfung als ‚moralische Pflicht‘ und drohe internen Impf-Verweigerern sogar mit der Entlassung“ (14).

Mancherorts sind inzwischen sogar Kirchen zur Event-Location mutiert, wie etwa in Hamburg, wo den Gläubigen 2017 der BlessU-2-Segensroboter präsentiert wurde. Der Automat war als Kunstwerk für die Weltausstellung Reformation in Wittenberg konzipiert worden. Wie auf der Website der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau zu lesen ist, hätten sich mehr als 10.000 Frauen und Männer von BlessU-2 segnen lassen (15). Kommentar: Na toll!

Stille Nacht, heilige Nacht?

In wenigen Wochen ertönen wieder Weihnachtslieder aus den Lautsprechern der Geschäfte und im Fernsehen ist sicherlich mit Weihnachts-Gala-Veranstaltungen zu rechnen, sozusagen als „Highlight des Abendprogramms“, bevor zu später Stunde US-Blockbuster wie „Stirb‘ langsam“, Teil 95 und andere „anspruchsvolle“ Filme durch den Äther geschickt werden. Das alles und noch viel mehr wirft die Frage auf: Was ist der Gesellschaft heute überhaupt noch heilig und welche Rolle spielt die Stille generell noch?

Klar ist, dass ein tiefgreifender Wandel in einer Gesellschaft, in der sich weite Teile von der Show-Prominenz blenden lassen, noch lange auf sich warten lassen dürfte, denn ein wahrer Wandel beginnt im Geist und in der Seele. Davon abgesehen: Geht es wirklich darum, den „Gekreuzigten“ weiterhin als Symbol anzubeten, oder womöglich um die Nachfolgeschaft „in Christus“, zu der Jesus vor mehr als 2000 Jahren aufgerufen hat, und zwar im Sinne der Auferstehung in uns selbst?

„Legt den alten Menschen ab, der in Verblendung und Begierde zugrunde geht, ändert euer früheres Leben, und erneuert euren Geist und Sinn!“ (Brief an die Epheser (Eph) 4, 22 — 23, Bibel, Neues Testament).


Quellen und Anmerkungen

(1) https://www.vermoegenmagazin.de/sarah-connor-vermoegen/
(2) https://taddlr.com/de/celebrity/johannes-oerding/
(3) https://www.vermoegenmagazin.de/mark-forster-vermoegen/
(4) https://www.vermoegenmagazin.de/bushido-vermoegen/
(5) https://www.vermoegenmagazin.de/xavier-naidoo-vermoegen/
(6) https://www.vermoegenmagazin.de/dieter-bohlen-vermoegen/
(7) https://de.wikipedia.org/wiki/Boulevard_%28Medien%29
(8) https://www.zdf.de/nachrichten/heute/epstein-affaere-prinz-andrew-und-der-paedophile-100.html
(9) https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/promi-kult-das-goettliche-ich-12750402.html
(10) https://hpd.de/artikel/28-subventionsbericht-bundesregierung-ueber-4-milliarden-fuer-kirchen-19665
(11) https://www.msn.com/de-de/nachrichten/politik/kardinal-woelki-moderator-leitet-streitgespr%C3%A4che-im-erzbistum/ar-AAOmwlm
(12) Bezahlt werden die Gehälter von Woelki und allen anderen Bischöfen und Kardinälen übrigens nicht von der Kirche. Ihr Geld bekommen sie aus den allgemeinen Steuereinnahmen des Staates, nicht aus der Kirchensteuer. Die Regel geht auf das Jahr 1803 zurück.
(13) https://stop-kirchensubventionen.de/steuerbefreiung/
(14) https://www.heise.de/tp/features/Die-ewige-Doppelmoral-des-Vatikans-6141444.html
(14) https://www.ekhn.de/aktuell/gluecksegen/ueber-den-segen/segensroboter-blessu-2.html

Literaturtipps:

  • Michaela Huber: Der innere Garten: Ein achtsamer Weg zur persönlichen Veränderung, 2010, Junfermann-Verlag.
  • Safi Nidiaye: Die Weisheit der inneren Stimme: Vertrauen Sie Ihrer Intuition, 2004, Allegria-Verlag.
  • David Foster Walace: Das hier ist Wasser, 2012, KIWI-Taschenbuch.
  • Simon Ternyk: Stille. Das stille Buch der Ruhe. Wie ich die Ruhe suchte und die Stille fand. Ein Leben auf dem Land, in den Wäldern und den Feldern, 2021, Independent Publishing.
  • Magnus Fridh: Stille finden in einer hektischen Welt: Ein Wegweiser zu Gelassenheit und innerer Ruhe, 2021, Rowohlt-Verlag.
  • Tomas Sjödin: Warum Ruhe unsere Rettung ist: Stell dir vor, du tust nichts und die Welt dreht sich weiter, 2019, SCM R. Brockhaus-Verlag.
  • Rolf Börlin: Zur Besinnung kommen: Bewusstsein ist der Weg, 2020, Tredition Verlag.
  • Julian Hermsen: Der Millionär und der Mönch: Eine wahre Geschichte über den Sinn des Lebens, 2021, Eigenverlag.
  • Shiva Singh: Der Mann, der Glück verschenken wollte: Buddhistische Geschichten über Glück, Zufriedenheit und Selbstliebe, 2021, Independent Publishing.
  • Tobias Lobstädt: Tätowierung, Narzissmus und Theatralität: Selbstwertgewinn durch die Gestaltung des Körpers, 2012, VS Verlag für Sozialwissenschaften.
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