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Frischer Wind

Frischer Wind

Die Coronakrise hat viele zuvor passive Menschen politisiert — dies birgt Chancen, aber auch Risiken.

„Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“, lautet ein altbekanntes Zitat von Friedrich Hölderlin. Bei all dem Corona-Irrsinn trägt die neue Normalität auch kostbare Früchte.
So können sich im Jahr 2021 doch tatsächlich in einer beschaulichen Kleinstadt in Oberbayern die Bürgerinnen und Bürger auf dem Marktplatz unter dem Maibaum treffen, während eine Lokalpolitikerin erklärt, was es mit dem Kampfbegriff „Verschwörungstheorie“ auf sich hat. Würden die Anwesenden durch ihre Masken nicht gezwungenermaßen einen Hospital-Flair ausstrahlen und wäre der Platz nicht von so vielen in Schwermontur befindlichen Polizisten umgeben, sähe es beinahe so aus, als wäre ein Traum in Erfüllung gegangen und die „alte Normalität“ zurückgekehrt.

Die „Schwurbel-Filterbubble“ ist geplatzt und die Themen, die jahrelang von KenFM, NachdenkSeiten, Rubikon und anderen freien Medien beackert wurden, kommen nun auch in der gesellschaftlichen Mitte an. Oder zumindest in einem beachtlichen Teil davon. Genau genommen in dem Teil, der nicht „verbildet“ ist. Der Teil der Gesellschaft, der das Leben noch aus eigenem Erleben kennt und nicht aus dem Theorie-verstaubten Fernrohr des akademischen Elfenbeinturms. Die Menschen, die nach Tucholsky nicht immer das Richtige denken, aber meist das Richtige fühlen. Und eben diese sind es, die nun intuitiv merken, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmt.

Wer Matrix gesehen hat, weiß, dass die rote Pille nicht sonderlich bekömmlich ist und das Aufwachen am Anfang markerschütternd sein kann.

So wurden jene, die durch den Ausnahmezustand politisiert wurden, als politische Fahranfänger direkt auf dem Autobahnabschnitt ohne Tempolimit ausgesetzt. Hatte man in der sogenannten alten Normalität noch die Ruhe und Zeit, sich kritikbemäntelnde Mechanismen des Systems über Jahre anzulesen, zu studieren und zu verstehen, so müssen die Neulinge heute einen Crashkurs absolvieren, während das Herrschaftssystem sämtliche, also wirklich alle Register zieht, um eine global orchestrierte Agenda durchzupeitschen.

Wie auch bei der Impfstoffentwicklung kann so einiges dabei schiefgehen, wenn Prozesse in einem Bruchteil der normalerweise dafür aufgewendeten Zeit vonstatten gehen müssen. Dann machen Bewegungen existenzbedrohliche Fehler, die das gesamte Anliegen zum Kollaps bringen können. Das bekannteste Beispiel für einen solchen Fehltritt dürfte das Mittagessen der bekanntesten Querdenker beim sogenannten „König von Deutschland“ gewesen sein. Wobei hier angemerkt werden muss: Den meisten Gäste war nicht bekannt, um wen es sich bei dem ominösen Gastgeber handelte. Sie tappten gewissermaßen in eine Falle. So zäh und zahnlos manche Bewegungen wie etwa aufstehen gewesen sein mögen — denen wäre das sicherlich nicht passiert!

Die Demokratiebewegungen benötigen für einen wirklich wirksamen Emanzipationsprozess — der sich nicht im Öffnen von Empörungsventilen erschöpfen soll — eine Fusion aus dem frischen Wind der Neulinge und der Widerstands-Erfahrung der alten Hasen.

Politisierungsprozesse — Komplexitätssteigerungen von Schwarzweiß bis hin zu Regenbogenfarben

Wenn sich ein Mensch dafür entscheidet oder sich gezwungen sieht, sich zu politisieren, lässt sich das bildhaft mit dem Einzug in ein Haus beziehungsweise mit dem Möblieren und Einrichten eines Hauses vergleichen. Die Umzugskartons stehen in dieser Metapher für das Wissen. Unausgepackte Umzugskartons, die entweder mit „Wohnzimmer“, „Küche“ oder „Bad“ beschriftet sind, stehen für ein sehr grobes, sehr oberflächliches Wissen. Je mehr Inhalt jedoch ausgepackt und in den Räumen verteilt wird, desto stärker differenziert sich der Wissensinhalt aus.

Wer neu in das „politische Haus“ einzieht, muss sich zunächst eine grobe Orientierung verschaffen. Das bedeutet, dass einfach nur die Kartons in das jeweils zugehörige Zimmer gestellt werden. Analog zur Politik — es muss erst einmal vereinfachend herausgearbeitet werden, welche Bewegungen eher als links, rechts, konservativ, liberal, feministisch, zentralistisch et cetera einzuschätzen sind. Frisch Politisierte kommen am Anfang um ein Schwarzweiß-Bild nicht herum. Es braucht zunächst eine Komplexitätsreduktion, um sich im politischen Koordinatensystem zurechtzufinden. Erst wenn das erfolgt ist, können die Zusammenhänge differenzierter betrachtet werden.

Auf den bildhaften Vergleich mit dem Umzug in das Haus übertragen: Wenn erst einmal alle Kartons im richtigen Raum stehen, können die Inhalte der Kartons ausgepackt und im Bedarfsfall auch auf andere Zimmer des Hauses verteilt werden. Dann wird die Verteilung, die politische Orientierung immer feingliedriger. Wenn dann alle Kartons entleert und die Möbel an ihrem nun vermeintlich richtigen Platz sind, tut sich die erste Herausforderung auf: gedanklich flexibel bleiben! Wer sich in seinem Haus, in seiner politischen Orientierung erst einmal schön eingenistet hat, auf den lauert die Tücke, es sich dort gedanklich zu bequem zu machen und bestimmte Grundannahmen aus der anfänglich groben Orientierung nicht mehr infrage zu stellen.

Übertragen auf das Haus: Wenn Bett und Bücherregal erst einmal ihren festen Platz haben, dann ist der Wille überschaubar, dies noch einmal zu verändern. Selbst dann, wenn man sich nach einiger Zeit eingestehen muss, dass eine andere Verteilung der Möbel im Raum durchaus sinnvoll wäre. Wiederum auf das Politische übertragen, ist das die ideologisch-gedankliche Trägheit, die bisherigen Axiome anzuzweifeln, den „common sense“ der eigenen politisch-ideologischen „peer group“ zu hinterfragen und so weiter.

Ein kritischer Geist, der an sich selbst den Anspruch stellt, frei im Denken zu sein, muss sein frisch gemaltes Weltbild immer wieder auf den Kopf stellen.

Auch oder gerade weil dann die Farben verlaufen und ein ganz neues Bild ergeben könnten. Wer seine Möbel immer an der gleichen Stelle stehen und unangetastet lässt, fängt sich irgendwann Staub ein. Davon abgesehen bleiben die ideologischen Möbel so oder so nicht an Ort und Stelle. Spätestens seit der neuen Normalität leben wir in einer Zeit der großen Umkehrung, in der nichts mehr so ist, wie es scheint, die Dinge sich in ihr Gegenteil verkehren und die Phase der großen Verwirrung ihren Kulminationspunkt erreicht.

Vormals ökologisch denkende Grüne sind sich mittlerweile für keine militärische CO2-Orgie mehr zu schade. Linke fordern härtere Maßnahmen als die des Staates. Die Antifa — oder besser gesagt die Gruppe, die sich als solche ausgibt — agiert nun Hand in Hand mit Schlägern in Polizeiuniform. Konservative geben sich umweltbewusst. Der Verfassungsschutz beobachtet Verfassungsschützer. Richter werden wie Gangster behandelt. Friedensbewegte Hippies werden der Masse als asoziale und geistig verwirrte Neonazis präsentiert. Gesunde werden permanent der asymptomatischen Infektion verdächtigt.

Der Zeitpoltergeist stellt im politischen Haus die Möbel und Einrichtungen willkürlich um. Dieser Tage muss also jeder gedanklich beweglich sein, der nicht einem orwellschen Doppeldenk anheimfallen möchte.

Wie man im Polit-Spektrum gedanklich manövrierfähig bleibt

Die nachfolgende Liste, wie man als politischer Neuanfänger manövrierfähig bleibt, ohne sich in einem ideologischen Sumpf festzufahren, erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und darf individuell gerne erweitert werden.

  • Keinen Guru haben! Die Parlamente, die Alternativmedien-Szene und auch NGOs bieten ein breites Ensemble an charismatischen Persönlichkeiten von Moderatoren, Rednern und Influencern. Dabei besteht die Gefahr, dass sich um diese Persönlichkeiten ein Personenkult entwickelt und damit eine breite Fanmasse, die an den Lippen der jeweiligen Personen hängt. Das ist verhängnisvoll, denn ein An-den-Lippen-Hängen sowie ein bedingungsloses Nachbeten und Nachplappern stehen einem freien Geist diametral gegenüber. Stattdessen sollten die Thesen unterschiedlichster Persönlichkeiten — die man durchaus sympathisch finden kann — als eine von vielen Perspektiven erachtet werden, die durchaus auch falsch sein mögen. Es ist wichtig zu berücksichtigen, dass jede Person — selbst wenn sie noch so schlau und eloquent spricht — am Ende immer noch ein Mensch mit seinen jeweils eigenen Macken und Traumata ist, der letztlich auch nicht die Wahrheit gepachtet hat. Sapere aude heißt bekanntlich, man solle den Mut haben, weise zu sein und nicht den Mut haben, den „Richtigen“ nachzuplappern.
  • Regelmäßiger Perspektivenwechsel. Sich regelmäßig konträre Sichtweisen zu Gemüte zu führen, ist unabdingbar für einen freien Geist und gegebenenfalls ist es auch nötig, die eigene Sichtweise nachzujustieren.
  • Das Handeln nicht an einer Theorie ausrichten. Ein Manko, das insbesondere bei vielen sich als links verstehenden Menschen zu beobachten ist: Sie versuchen, die Realität, das Handeln der Menschen auf Gedeih und Verderb so zu verbiegen und zu reglementieren, dass es zu einer von ihnen als richtig empfundenen — teils ideologisch aufgeladenen — Theorie passt. Wenn die Wirklichkeit sich dem Idealbild einer Theorie entzieht, kommt diesen Menschen selten der Gedanke, dass die Theorie einfach nichts taugt. Stattdessen sehen sie die Notwendigkeit, die Realität noch gewaltsamer in das Korsett der Theorie zu zwängen. Als politischer Neuanfänger sollte man sich daher nicht auf ein Theorie-Konstrukt oder eine Idealvorstellung versteifen, sondern das eigene Handeln an der aktuellen Realität ausrichten und diese nach möglichen Schlupflöchern erkunden, statt nach — zum aktuellen Zeitpunkt — unerreichbaren Sternen eines Ideals zu greifen. Um hier ein Beispiel zu nennen: Eine geldlose Gesellschaft wäre wunderschön! Derzeit ist das aber — noch — völlig utopisch, da die ganze Gesellschaft das Monetäre in Fleisch und Blut verinnerlicht hat. Daher wäre der nächste, der Realität entsprechende Schritt, ein demokratisches (Blockchain-)Geldsystem zu etablieren, statt sich an unerreichbaren Utopien die Zähne auszubeißen und damit am Ende gar nichts erreicht zu haben.
  • Aus Fehlern des eigenen Aktivismus lernen, statt sich zu schämen oder zu verurteilen. Fehler im politischen Aktivismus sind nahezu unausweichlich. Wer sich aktiv einbringt, wird sich vielleicht auch Gruppierungen anschließen, die er irgendwann wieder verlässt und wird erkennen müssen, dort auf dem falschen Dampfer gewesen zu sein. Entweder, weil diese Gruppierung keine Durchschlagskraft besaß, von Narzissten gekapert wurde oder sich rückblickend als ideologisch völlig fehlgeleitet entpuppte. Statt in Scham zu versinken, dass man einer „falschen Bewegung“, einer enttäuschenden Partei oder ähnlichem auf den Leim gegangen ist, sollte man diese Erfahrung eher als Bereicherung ansehen. Als bereichernd, weil man nun dazugelernt hat, wie etwas nicht funktioniert und man es daher beim nächsten Mal besser machen kann. Beziehungsweise weiß man nun, worauf man achten muss. Es mag vielleicht auch helfen, wenn man die Chronik des eigenen politischen Engagements wie einen spannenden Film betrachtet, bei dem es auch unerwartete Twists gibt.

Der Gründer des World-Economic-Forum, Klaus Schwab, spricht im Zusammenhang mit der neuen Normalität und dem von ihm angedachten Great Reset von einem „window of opportunity“ (Fenster der Möglichkeiten). Dieses Fenster steht beiden Gruppen offen, wie Sven Böttcher sie beschreibt: „Team Bill (Gates)“ und „Team Mensch“. Wer von beiden dieses Fenster für sich nutzen kann, hängt mitunter vom jeweiligen Geschick ab.

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