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Friedhof der Worte

Friedhof der Worte

Wir trauern um die von Macht und Dummheit ermordeten Worte und Utopien.

Der Friedhof der Worte erinnert daran, dass die Sprache ein organisches Wesen ist. Wenn man ihm genügend Poesie zuführt, regeneriert es sich selbst - gleich einem Baum unter dem ausschließlichen Einfluss von Licht und Wasser. Aber Sprache ist eben nicht nur Literatur, sie ist der kleinste gemeinsame Nenner für alle Menschen.

Und damit das am meisten belastete Transportmittel der Kommunikation - strapaziert von ideologischen, politischen, wissenschaftlichen, bürokratischen und technischen Ansprüchen. Im Gegensatz zu anderen Künstlern sieht der Dichter sein Instrument permanent missbraucht. Die Meister der Sprache vermögen sich kaum Gehör zu verschaffen vor lauter banalem Wortgeklingel.

Das Bühnenbild

Zu besichtigen ist der Wortfriedhof auf der Leipziger oder Frankfurter Buchmesse. Auf einer Ausstellungsfläche von ca. 1.500 Quadratmetern. Ideal wäre es, ihn im Freien, wenn möglich hinter dem Eingangsbereich auf der Fläche zwischen den Hallen, zu installieren.

Vom Eingang mit Engeln („Am Anfang war das Wort“) über die Friedhofsmauer, den Wegeplan, die Bepflanzung bis hin zu der Grabsteinarchitektur entwerfen wir eine Miniaturausgabe des gepflegten Waldfriedhofs.

Nur dass unser Friedhof nicht von Bäumen umstanden wird, sondern von Werbetafeln und Leuchtschriften, die ihre entseelten, aggressiv-banalen Botschaften bis an den Rand der Ruhestätte abfackeln.

Die Grabinschriften („Unser Glaube lehrt Auferstehung“, „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis“, „Beweint und unvergessen“) sind ebenso Zitate der deutschen Friedhofskultur wie die Rabatte und die Ruhebank mit plätscherndem Brünnlein. Es duftet nach frischer Erde und Blumengebinden, die neben einer ausgehobenen Gruft aufgehäuft sind.

Inhaltlich beschränken wir uns auf vier Schwerpunktthemen:

Die Liebe

Dieses Grab steht im Mittelpunkt der Anlage. Es ist um die zentrale Engelsfigur gruppiert. Hier sind Worte bestattet, die den Anspruch der Liebe formulieren, aber in unserer Gesellschaft kein Gehör mehr finden. Auch solche, die veraltet sind („Feinstliebchen“, „Backfisch“ etc).

Das Massengrab

Hier sind alle Worte beerdigt, die der Nationalsozialismus für immer vernichtet hat. Hundert von ihnen sind auf einer Steintafel in alphabetischer Reihenfolge beim Namen genannt, stellvertretend für alle anderen. Es lehnen Kränze von Thomas Mann, Bertold Brecht, Kurt Tucholsky, Stefan Zweig und Carl von Ossietzky an der Tafel.

Literatur und Philosophie

Was deutsche Geistesgrößen im letzten Jahrhundert erträumt und formuliert haben, hier liegt es begraben. Von den Losungen des Expressionismus bis zu den sozialistischen Idealen - es ist das Grab der verschütteten Visionen.

Natur und Ökologie

Der dramatisch verlaufende Ökozid hat sich natürlich auch in der Sprache niedergeschlagen. Mit den Arten sterben die Worte, die sie benennen. Und mit dem ökologischen Kollaps geht auch der Niedergang aller kulturellen Zeugnisse einher.

Neben diesen vier Grabanlagen gibt es ein Ehrengrab zu besichtigen. Hier ruht der „Sympathisant“. Eben noch mit Blattgold belegt, wurde das Wort in den siebziger Jahren zum Schimpfwort in den Mündern von Denunzianten.

In einer entlegenen Ecke entdecken wir unter einem Strauch vier Tafeln mit verwitterten, kaum noch zu identifizierenden Inschriften. Es sind die vergessenen Worte aus längst vergangenen Jahrhunderten.

Was sich in den Bereichen Bürokratie und Technik überlebt hat, kann man per Fernbedienung auf einen Monitor laden, der in einem mit Plastikblumen dekorierten Grabstein installiert ist.

Ein weiteres Grab erinnert an ehemalige Wortstars, die in der Salongesellschaft als Bildungsnachweis herhalten mussten.

Wir ehren gestorbene Slogans, in denen die Worte im Kontext sterben. Der populärste von allen: DU SOLLST NICHT TÖTEN!

Das Brünnlein, von dem anfangs die Rede war, plätschert im „Garten der sterbenden Worte“. Mit ihm erinnern wir daran, welche Verluste unmittelbar bevorstehen („Vertrauen“ etc).

Als Publikumsattraktion findet jeden Tag zur selben Stunde eine Beisetzung statt, mit Sargträgern und Trauermarsch, in den sich die Besucher der Messe einreihen.

Die Grabrede hält ein berühmter Schriftsteller, der auf der Buchmesse sein neuestes Werk vorstellt.

Die Entscheidung über das zu beerdigende Wort trifft er selbst. Allein dieser „Programmpunkt“ garantiert die Aufmerksamkeit der Medien.

Die Alternative

Eine kostengünstigere Variante wäre das „Feld der Ehre“. Vorbild sind die großen Soldatenfriedhöfe von Arlington und Verdun. Eine solche Lösung, in der die verstorbenen Worte auf kleinen weißen Holzkreuzen in Reih und Glied stehen, wäre besser in der Halle aufgehoben. Die Geometrie der endlos langen Reihen ist aus jeder Perspektive beeindruckend.

Der Bodenbelag besteht aus weißem Sand, den wir wegen seiner symbolischen Tragweite aus Weimar importieren. Die Wege zwischen den Kreuzreihen sind begehbar. Jedem Besucher ist es frei gestellt, seine rote Friedhofskerze (siehe Kiosk) dort aufzustellen, wo er möchte. Auf diese Weise erhalten wir einen Überblick über die am meisten betrauerten Worte.

Auch auf dem „Felde der Ehre“ erkennen wir unsere Themenfelder wieder. Auch hier findet eine tägliche Bestattung statt. In regelmäßigen Abständen werfen wir die Windmaschine an, um Staub aufzuwirbeln und an die Vergänglichkeit zu erinnern.

Der Kiosk

Vor beiden Installationen steht unser Friedhofskiosk. Hier kann der Besucher Worte zum mitnehmen kaufen (Beerdigen Sie dieses Wort in Ihrem eigenen Garten!). Für einen kleinen Obolus gibt es die roten Kerzen mit dem Windschutz zu kaufen, die man am Grab seiner Wahl aufstellen kann. Außerdem für Geld erhältlich: die Grabreden der prominenten Schriftsteller. Natürlich kann man auch online beerdigen. Dazu bräuchte es eine entsprechende Website.

PS: Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr komme ich zu der Überzeugung, dass der Wortfriedhof in einer kleinen Gemeinde installiert werden sollte. Das kann an der Steilküste auf Rügen sein, in der Lüneburger Heide oder oberhalb des Römischen Theaters in Mainz. In einer Zeit, in der viele Regionen krampfhaft nach Alleinstellungsmerkmalen suchen, um sich den Tourismus zu erschließen, wäre der Friedhof der Worte ein attraktives kulturelles Angebot. Natürlich bräuchte der Friedhof der Worte auch Sponsoren. Hat jemand eine Idee, wer dafür infrage käme? Vermutlich mal wieder keiner. Also beklagen wir den schleichenden Tod unserer Sprachvielfalt auch weiterhin in aller Stille.

Oder ist es so, wie es der geniale Lyriker Paul Celan (1920 – 1970) in seiner Bremer Rede von 1958 formulierte:

"Erreichbar, nah und unverloren blieb inmitten der Verluste dies eine: die Sprache. Sie, die Sprache, blieb unverloren, ja, trotz allem. Aber sie musste nun hindurchgehen durch ihre eigenen Antwortlosigkeiten, hindurchgehen durch furchtbares Verstummen, hindurchgehen durch tausend Finsternisse todbringender Rede. Sie ging hindurch und gab keine Worte her für das, was geschah; aber sie ging durch dieses Geschehen. Ging hindurch und durfte wieder zutage treten, »angereichert« von all dem."

Wäre als Text für eine Gedenktafel im Eingangsbereich hervorragend geeignet...


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