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Friday against Future

Friday against Future

Am „Black Friday“ lockten die Konzerne mit angeblich supergünstigen Angeboten die Bürger in die Falle.

von Adriana Sprenger

„Black Friday“, dieses Jahr am 29. November, wird prunkvoll mit der ihm vorangegangenen „Black Week“ eingeläutet und sozusagen schon mit dem roten Teppich begrüßt. Zahlreiche Geschäfte bieten in dieser Zeit und speziell an diesem einen Tag, das heißt ganze 24 Stunden lang, angeblich einzigartige Angebote und Sonderrabatte an. Sie wollen keinen Deal verpassen? Dann finden Sie hier (Verlinkung Quelle 1) sogar einen extra eingerichteten Countdown für Ihr Superschnäppchen — und los geht‘s!

Mit bunten Reklamen, roten Schildchen, überladenen Bannern und blinkenden Pfeilen werden dem Käufer in den Online-Shops die wohl besten Deals seines Lebens wie auf dem Silbertablett serviert. Da kann man doch gar nicht nein sagen, oder? Also heißt es schnell auf „Kaufen“ klicken, um kein Angebot zu verpassen, denn die zeitliche Verfügbarkeit ist begrenzt. Natürlich geben wir rasch unsere Paypal Daten preis und leiten somit den Kaufprozess ein, um das gewünschte Produkt bald bequem zu uns nach Hause geliefert zu bekommen. Traumhaft — da soll noch einer sagen: Glück könne man nicht kaufen …

Eine wunderbare Möglichkeit die heutige Konsumgesellschaft zu noch mehr „das-muss-ich-haben“-Denken zu erziehen und so die wilde Meute in exzessive Kaufräusche zu bringen. Ein Schnäppchen dort, ein Schnäppchen hier — da fällt es wirklich schwer zu widerstehen. Doch was kaufen wir hier eigentlich?

„Von dem Geld, das wir nicht haben, kaufen wir Dinge, die wir nicht brauchen, um Leuten zu imponieren, die wir nicht mögen“ (Zitat aus dem Film „Fight Club“).

Abgesehen von der Grundfragestellung, ob wir diese Produkte und vor allem in dieser Menge wirklich brauchen, stellt sich doch zudem die Frage, wie viel wir in dieser Zeit und speziell an diesem Tag wirklich sparen und ob es wirklich so viel ist, wie uns immer suggeriert wird.

„Eine Studie hat gerade ergeben, dass in Großbritannien 95 Prozent der Produkte in den sechs Monaten nach Black Friday genauso teuer oder sogar billiger sind als an dem Schnäppchentag selbst“ (2).

Und auch das Magazin „Wiso“ auf ZDF (3) hat letztes Jahr dazu drei Monate lang einen virtuellen Warenkorb mit 3.000 Produkten im Rahmen einer Preisanalyse während des Black Friday beobachtet und ist zum Schluss gekommen: Tendenziell spart der Kunde am Black Friday nicht mehr oder weniger als an einem durchschnittlichen anderen Tag des Jahres (4). Durch die hohen Prozentzahlen an den Produkten und den zeitlichen Druck beim Kauf werden also Dinge konsumiert, die wir unter dem Jahr für das gleiche oder sogar für weniger Geld erwerben können.

Aber das ist nicht so wichtig, denn dieser US-amerikanische Trend soll nur der Vorbote für die uns bevorstehende Vorweihnachtszeit sein. Die Ruhe … oder wohl eher der Tornado vor dem Sturm also. Die vermeintlich stille und besinnliche Zeit des Jahres nutzen die Geschäfte für eine gesellschaftlich akzeptierte und teils auch gewollte Tabularasa-Aktion, um ihre Produkte in großen Mengen zu verhökern, damit sich die Menschen ihre bis jetzt unerfüllt gebliebenen Geschenkträume erfüllen.

Das Video „Happiness“ (5), in der die Mäusemeute ihr ganzes Leben auf der Suche nach dem Glück und vor allem dem „glücklich sein“ ist, spiegelt diese Lebenseinstellung drastisch und vollkommen ehrlich wider. Menschen — und ich möchte mich hier nicht ausschließen — wählen den Weg des Konsums, um das Glück zu erlangen, aber merken vielleicht erst zu spät, dass sie sich damit auf einem Holzweg befinden. Im Video ließ dieser Weg die Mäusemeute in die unbezwingbaren Fänge der Mäusefalle laufen.

Ganz ehrlich — wer kennt es nicht? Gerade in Zeiten, in denen wenn man sich nicht so gut fühlt wie sonst, ist man leichter verführbar, dieses eine Teil zu kaufen — sei es ein Kleidungsstück oder ein elektronisches Gerät oder dergleichen. Denn es fühlt sich in diesem Moment sicher gut an, es zu besitzen.

Konsum ist in unseren Köpfen fest verankert und gehört zu unserem Leben wie das Atmen. Aber anders als das Atmen können wir den Konsum reduzieren. Jeder kleine Schritt in ein achtsames Konsumieren ist ein Schritt in ein ERfülltes statt ÜBERfülltes Leben und vor allem ein Schritt weg vom Holzweg.

Mit einem achtsamen Konsumverhalten schenkt man nicht nur seinem Inneren mehr Achtsamkeit, sondern auch der gesamten Welt. Durch die Debatten der letzten Monate haben so viele Menschen unser zerstörerisches Verhalten, an dem jeder Einzelne zwangsläufig durch seinen Konsum beteiligt ist, hinterfragt und reflektiert.

Liegt es dann nicht an uns — an mir, an dir — etwas in unserem eigenen Wirkungskreis zu verändern und vielleicht sogar den ersten Schritt zu gehen?

Wie wäre es denn mit einem „White Friday“?

Einen Freitag, an dem man extra nichts konsumiert, nichts Neues kauft, um somit uns selbst, anstatt unser Bankkonto, zu erleichtern.

Einen Freitag, an dem man seinen prall gefüllten Kleiderschrank aussortiert und einen Kleidertausch veranstaltet oder die nicht mehr benötigten Klamotten spendet.

Einen Freitag, an dem man seine Lebensmittel im Vorratsschrank unter die Lupe nimmt und endlich verbraucht, anstatt im Laden zu stehen und nicht mehr zu wissen, was man eigentlich zu Hause hat und beispielsweise die Sahne, die Äpfel in dieser Woche das zehnte Mal in den Einkaufswagen wandern — um auf Nummer sicher zu gehen.

Einen Freitag, an dem man seine liebsten Menschen einlädt, mit ihnen Zeit verbringt und gehaltvolle Gespräche führt.

Und wie wäre es sich, zu Weihnachten etwas wirklich Wertvolles zu schenken? Damit meine ich nicht den materiellen Wert. Wie wäre es, wenn wir uns Zeit schenken würden? Wie wäre es, wenn wir uns gegenseitig schöne Worte schenken würden? Wie wäre es, wenn wir uns einfach gemeinsam etwas Ruhe und Achtsamkeit schenken würden?

Es geht darum, sich bewusst die Frage zu stellen, die uns schon seit jeher beschäftigt: Was brauche ich eigentlich wirklich, um ein glückliches Leben zu führen?



Quellen und Anmerkungen:

(1) https://www.black-friday.de/
(2) https://www.spiegel.de/wirtschaft/service/black-friday-so-wird-ihr-gehirn-manipuliert-a-1298503.html
(3) https://www.youtube.com/watch?v=Em4m8YiiK-c
(4) https://presseportal.zdf.de/pressemitteilung/mitteilung/zdf-wiso-preisanalyse-wenige-echte-schnaeppchen-am-black-friday/select_category/11/seite/2/
(5) https://www.youtube.com/watch?v=e9dZQelULDk


Adriana Sprenger, Jahrgang 1993, ist schon, seit sie denken kann, auf der Suche nach dem Sinn unseres Daseins. Diese Suche führte sie bereits über verschiedenste berufliche Stationen bis hin zu ihrem derzeitigen Studium der Wirtschaftspsychologie. Sie beschäftigt sich eingehend mit dem Zusammenspiel von Politik und Psychologie, sowie Achtsamkeit und Nachhaltigkeit in unserer Welt. Das schöne Leben im noch schöneren München hielt sie nicht davon ab, über den gesellschaftlichen Tellerrand zu blicken und ihre Suche weiterzuführen.

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