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Fragwürdige Retter

Fragwürdige Retter

Investmentfirmen wollen mit EU-Geldern die Klimakatastrophe abwenden — gerettet wird in Wahrheit nur das neoliberale System.

Billioneninvestitionen sollen den Klimawandel ohne Schaden für die Weltwirtschaft stoppen

Goldman Sachs, eigentlich nicht als Vordenker-Organisation der Klimaforschung bekannt, ging Ende August in die Vollen. Wenn angeblich 30 Billionen Dollar innerhalb von 20 Jahren zu verdienen sind, dann kann man ja zum Klimaretter werden.

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Quelle: Higgs_Boson/Twitter.com

Diese Meldung hat der Klimaschutz-Bewegung nicht gutgetan. Für alle Klimaleugner, Verschwörungstheoretiker und Antisemiten war sie ein klarer Beweis dafür, dass die Geschichte vom Klimawandel nur ein riesiges Lügengebäude zur Bereicherung des globalen Bankensystems sei. An die Goldman-Sachs-Meldung fühlte man sich dann flugs erinnert, als plötzlich zum Start des neuen Jahrzehnts wieder von Billionen zur Rettung des Klimas die Rede war. Es dürfte unschwer zu erraten sein, welche ausgefuchsten Berater die frischen, unerfahrenen EU- Kommissare da fürsorglich an die Hand genommen haben.

So wurde von sehr viel Geld geredet und auch gesagt, woher es kommen solle; wofür man es aber verwenden wird, blieb noch vollkommen im Dunkeln.

Eigentlich dachten Umweltengagierte bisher, dass die Klimarettung weniger eine Frage des Geldes wäre als einer globalen Verhaltensänderung, die an vielen Stellen eher Geld spart als kostet: Verzicht oder massive Einschränkungen bei Reisen, insbesondere Flügen, Kreuzfahrten, dem globalen Warenhandel, Flächenversiegelungen, Klimaanlagen. Doch Verzicht mag den CO2-Ausstoß senken, vor allem aber schadet er der Wirtschaft und ist damit das Gegenteil dessen, was die Weltökonomieplaner im Sinn haben.

Im direkten Gefolge der Brüsseler meldete sich rein zufällig eine Institution zu Wort, die seit Jahrzehnten höchste Kompetenz zum Thema beisteuert — nein, nicht zum Thema Klima, aber zum Brüsseler Lobbying. Sie unterhält auch ein Institut höchster Kompetenz, das „McKinsey Global Institute“, das sicherlich bald Klimafachleuten als weltweit führend bekannt werden dürfte. Wer sich dieser Studie widmet, lernt, wo die Reise mit den Billionen hingehen soll, wenn es nach dem Willen des Finanzimperiums geht — und danach geht es erfahrungsgemäß immer:

Nicht weniger Energie soll gebraucht werden, sondern mehr. Eine besondere Sorge der Studie gilt nicht den Klimaschäden durch Luftfahrt und Tourismus, sondern dass Luftfahrt und Tourismus unter den Klimaschäden leiden könnten. Die Verzehnfachung der Zahl der Klimaanlagen in Indien ist nicht das Problem, sondern das Ziel.

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Quelle: SPIEGEL vom 16.12.2019

Die Welt wird nicht weniger Energie brauchen als bisher, sondern viel mehr, nur sei diese eben CO2-frei. Dies diktierte Klimaexperte Richard Grenell, der US-Botschafter in Deutschland, dem Grünen Robert Habeck, der dies und die Davoser Rede von US-Präsident Trump rein gar nicht verstanden hatte.

Ganz besonders wurde bei der Tagung des World Economic Forums (WEF) in Davos auf die Worte von Larry Fink geachtet, der als Herr über die sieben Billionen Dollar von BlackRock im Orchester des Billionen-Klimaprogramms einer der Frontmänner sein dürfte. Er hatte in einem aufsehenerregenden Brandbrief zum Beginn des Meetings angekündigt, dass sein Unternehmen künftig nur noch auf CO2-neutrale Energien setzen und für eine klimaneutrale Weltenergieversorgung im Jahre 2050 sorgen werde.

Das Konzept der Finanzelite kommt leider zu spät

Larry Fink ist sicher kein fundierter Kenner der Klimaforschung, möglicherweise ist ihm das Klima auch egal. Sein Programm dürfte jedoch sehr gut geeignet sein, um in den nächsten 20 Jahren ein Weiterblühen des neoliberalen Wirtschaftssystems zu sichern, was schließlich sein Job ist. 30 Billionen Dollar, gut eingesetzt, könnten es aber innerhalb von 30 Jahren vielleicht tatsächlich schaffen, praktisch alle fossilen Energiequellen durch nachhaltige zu ersetzen.

Das Dumme ist: Dieses Programm wird unsere Lebensgrundlagen schon lange vor 2050 endgültig zerstören. Konkret — noch in diesem Jahrzehnt.

Wie immer das Billionen-Programm organisiert wird, es wird bis auf Weiteres mit dem bestehenden Energiemix angetrieben, das heißt überwiegend mit fossilen Energien. Absolut wird der Energieverbrauch weiterhin steil steigen, durch das Billionen-Programm sogar noch viel steiler. Denn mit den 30 Billionen muss sehr, sehr viel gebaut werden: Solar- und Windkraftanlagen und Anlagen zur Energiespeicherung. Dass Solaranlagen nur bei Sonnenschein und in unseren Breiten im Winter meist fast gar keine Energie liefern, ist im Programm durchaus berücksichtigt und es gibt auch die Zauberlösung dafür: Wasserstoff.

Den Wasserstoff gewinnt man klimaneutral durch Photovoltaik und macht daraus, je nach Bedarf, in Brennstoffzellen wieder Strom. Von diesem Wasserstoff wird man ungeheure Mengen brauchen, nicht nur zum Antrieb von LKWs und Schiffen, sondern auch, um die im Sommer gewonnene Solarenergie für den Winter zu lagern. Ein Nachteil der Zauberlösung: Es wird schwierig sein, nach dem Prozess der Elektrolyse, Komprimierung (Verflüssigung), Lagerung und der Verstromung in der Brennstoffzelle mehr als ein Viertel der elektrischen Energie zurückzubekommen, die zu Beginn die Solaranlage geliefert hat (1).

Unter Berücksichtigung aller Faktoren — Wirtschaftswachstum, Ersatz der konventionellen Kraftwerke, niedriger Wirkungsgrad der Energiespeicherung, Umstellung von Mobilität (E-Autos) und Raumheizung (Wärmepumpe) auf elektrische Energie — wird man, bezogen auf Deutschland, die Kapazität der klimaneutralen Energiegewinnung mindestens verzehnfachen müssen. Das kostet Billionen, vor allem aber Energie. In den Bau von Energieanlagen (Solar, Wind) muss zunächst einmal ungefähr so viel Energie investiert werden, wie sie in drei bis vier Jahren produzieren. Hinzu kommt der Energieaufwand für den Bau der Speichersysteme. Nochmals: Diese Energie wird zumindest noch in diesem Jahrzehnt überwiegend aus fossilen Energieträgern kommen.

An eine Abflachung der CO2-Emissionen ist nach dem Billionen-Programm in diesem Jahrzehnt nicht zu rechnen, sondern mit dem Gegenteil.

Die CO2-Emissionen müssen sofort sinken.

Bei Fortschreibung des globalen Wachstums des CO2-Ausstoßes werden wir bis zum Jahr 2030 eine CO2-Konzentration in der Atmosphäre von 500 ppm (Parts per million) überschreiten. Bei diesem Wert wird mit einer weiteren Temperaturerhöhung um rund 2 Grad gerechnet, wohl zeitversetzt zwar, denn es gibt Puffersysteme, aber unvermeidbar und unumkehrbar. Dann aber werden die berühmten „Knickpunkte“ in jedem Fall überschritten sein.

Die Knickpunkte, das wird oft missverstanden, sind nicht die Temperaturwerte, ab der die Klimaerwärmung nicht mehr umkehrbar ist — das ist sie sowieso nicht —, sondern die Temperatur, ab der Effekte ausgelöst werden, die auch ohne weiteres Zutun des Menschen eine weitere unaufhaltsame Erwärmung bewirken. Einer dieser Effekte, die praktisch alle verstärkend wirken, ist die verringerte Albedo beziehungsweise das Rückstrahlvermögen durch das Abschmelzen der Eisflächen an den Polkappen.

Deshalb darf der CO2-Ausstoß überhaupt nicht mehr steigen, es reicht auch nicht, wenn der Ausstoß allmählich abnimmt. Es muss ein Knick eintreten, der die CO2-Emissionen sofort sinken lässt, jetzt oder 2021/22, spätestens 2024, dann aber noch viel schärfer.

Für eine Aufrechterhaltung des Energieverbrauchs hat die Atmosphäre keine Reserven mehr, für die Umsetzung des Billionen-Programms erst recht nicht.

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Quelle: Deutsche Welle / UNEP

Die weitere Entwicklung nach dem Billionen-Programm von Goldman Sachs, BlackRock, McKinsey und EU-Kommission

Wenn wir also wie bisher — oder mehr — fliegen, transportieren, heizen, produzieren, bauen und gleichzeitig noch ein gigantisches klimaneutrales Energiesystem aufbauen wollen, wird innerhalb eines Jahrzehnts die 500-ppm-Grenze und, um einige Jahre versetzt, die 3-Grad-Schwelle der Temperaturerhöhung gegenüber dem vorindustriellen Wert fallen. Selbst wenn danach die Umstellung auf regenerative Energien allmählich wirkt, wird auch die 600-ppm-Grenze noch überschritten werden, entsprechend rund fünf Grad Temperaturerhöhung.

Über die voraussichtlichen Auswirkungen auf Fauna, Flora und Meeresspiegel ist in vielen Veröffentlichungen geschrieben worden.

Wenn das Billionen-Programm funktionieren sollte und die Umstellung auf eine rein regenerative Energieversorgung im Jahr 2050 gelingt, wird die dann erreichte Treibhausgaskonzentration und die Temperaturerhöhung bestehen bleiben, unter menschlichen Perspektiven für ewig. Überlegungen, durch Methanisierung oder andere Klima-Engineering-Methoden zwei Billionen Tonnen CO2 wieder aus der Atmosphäre herauszuholen, werden nicht ansatzweise funktionieren.

Ein Trost: Die Erdgeschichte lehrt, dass eine Temperaturerhöhung von mehr als zehn Grad Celsius eher unwahrscheinlich ist. Da dann die Pole abgetaut sind, wird sich erstens die Albedo nicht mehr erhöhen, sondern durch verstärkte Wüstenbildung eher verringern, und es wird auch kein Methan aus den ehemaligen Permafrostböden mehr entweichen. Außerdem wird die kosmologisch begründet ganz sicher einsetzende nächste Kaltzeit der weiteren Erwärmung irgendwann einen Deckel aufsetzen. Das höhere Leben auf der Erde hat, zuletzt vor 35 Millionen Jahren, solch warme Phasen schon öfters überstanden, die Gattung Mensch wird es sicher auch tun, wenn auch mit wesentlich weniger Individuen.

Falls dieser Trost aber für Sie weniger tröstlich sein sollte, gibt es nur eins:

Das Billionen-Programm der Finanzelite, das in erster Linie ein Szenario von Erhalt und Steigerung des Wirtschaftswachstums ist, darf nie angegangen werden. Es ist erforderlich, den CO2-Ausstoß umgehend massivst zu reduzieren. Und da wir nicht umgehend — jedenfalls nicht schnell genug — und nicht ohne unvertretbar große weitere Energieinvestition in großem Umfang neue CO2-freie Kraftwerke zur Verfügung haben werden, muss der Energieverbrauch insgesamt in kürzester Zeit massiv reduziert werden.

Das alles erfordert keine Investition von Billionen, sondern Verhaltensänderungen auf allen Gebieten und ja: eine drastische Veränderung der Weltwirtschaft, die jedoch nicht im Sinne von WEF, McKinsey, BlackRock und Goldman Sachs ist.


Quellen und Anmerkungen:

(1) Für detailliertere Informationen unter anderem: https://www.aachener-zeitung.de/lokales/juelich/forschungszentrum-eine-brennstoffzelle-wie-ein-ueberraschungsei_aid-35573947 https://www.energieagentur.nrw/brennstoffzelle/forschungszentrum_juelich_veroeffentlicht_kurzstudie_kostenguenstige_wege_zum_klimaneutralen_energiesystem

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