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Fast ein bisschen optimistisch

Fast ein bisschen optimistisch

Es scheint unmöglich, der desaströsen Weltlage auch einmal etwas Positives abzugewinnen — versuchen wir es trotzdem.

Es wird mal wieder Zeit für einen positiven, einen zuversichtlichen Text. Ich bin wirklich bemüht, dass er mir hier und jetzt und an dieser Stelle gelingt. Wirklich!

Dass ich oft meinen Leserinnen und Lesern die Laune verderbe, weiß ich durchaus. Sie teilen es mir hin und wieder mit. So auch neulich, als ich über die Zukunftsperspektiven schrieb, wie sie bei Houellebecq und Häring nachzuschlagen sind. Mir wurde mitgeteilt, dass ich mit meinen bescheidenen Zeilen die Morgenlektüre versaut und den Kaffee verwässert, ja ganz allgemein die Petersilie verhagelt und die Befindlichkeit maltraitiert habe. Das tut mir ehrlich gesagt leid, ich will nicht, dass man sich schlecht fühlt, wenn man was von mir liest. Aber ich kann andererseits ja auch nichts dafür, dass die Welt ist, wie sie ist.

Dennoch schadet es sicherlich nicht, wenn ich jetzt mal was Positives formuliere. Mir wird schon was einfallen: „Transhumanismus als Chance“ oder sowas in der Art vielleicht? Oder einfach mal einige Gedanken, wie wir als Menschheit trotz allem noch den Bogen kriegen? Da muss es doch einige Ansätze geben?

Es ist gut, dass der Rubikon dieser Tage Motto-Woche hat und mit „Die Auferstehung der Menschen“ ein positives und unverzagtes Zeichen setzen will. Etwas mehr Zuversicht kann ja nun echt nicht schaden. Mir wird schon was einfallen. Ja, mir muss was einfallen!

Konsum, Wachstum, Egomanie

Die Situation ist nicht nur verfahren — sie scheint festgefahren. Die Digitalisierung, die in Deutschland ja noch nicht mal richtig angefangen ist, wird uns noch mehr zu Nummern machen. Neulich schrieb ich hier ja was zum Transhumanismus. Dass der uns zu Automaten degradiert, zu organischen Algorithmen, die durchschaubar sind, denen alles Menschliche sukzessive wegprogrammiert wird, kann man schon erahnen.

Beim Streit über den Klimawandel ist kein Ende absehbar. Man kann dazu stehen wie man will: Eine Produktionsweise wie die, die wir in den letzten Jahrzehnten etabliert haben, kann nicht förderlich für den Fortbestand dieses Planeten sein. Wir richten das Ökosystem zugrunde, Spezies sterben aus, verwaiste Nischen im Kreislauf des Werdens und Vergehens reißt die biologische Ausgeglichenheit ein.

Wir müssen indes wachsen, immer weiter wachsen. Nur das Wachstum lässt uns handlungsfähig bleiben. Unser Wohlstand ist ein Wachstumsmarkt.

Ohne Wachstum generieren wir Arbeitslosigkeit, Sinnentleerung und Niedergang. Womit wir Wachstum erzeugen, ist dabei völlig egal. Wir haben es geschafft, aus Bullshit Wachstum zu destillieren.

Ein Katzenvideo bei YouTube kann mehr Wert erzeugen, als ein produzierter Stuhl, eine Wohnzimmereinrichtung, ja ein von oben bis unten gemauertes Haus. Wer das als normal empfindet, sollte über seine Werte nachdenken — und darüber, ob ein solches auf Pump und Betrug bauendes Wirtschaftssystem zukunftsfähig sein kann.

Das alles führt uns zum oberflächlichsten, ignorantesten Menschenschlag, den diese Erde wohl je bevölkert hat. Zur Hochkultur der Egomanie unserer Zeit. Zu Menschen eben, die keinen Sinn mehr für ausführliche Informationen, Zusammenhänge oder nicht kommerzialisierbare Ideale pflegen. Die sich eingerichtet haben in dieser Blase aus Kommerz, Tittytainment und Belanglosigkeiten.

Muss ich eigentlich noch weiter ausführen, liebe Leserin, lieber Leser? Sie sehen, ich gendere nicht, denn auch das ist so ein wohlstandsverwahrloster Unfug. Außerdem muss die Zeit sein, beide Geschlechter gesondert anzusprechen. Das gebietet die Höflichkeit: Auch so eine Sache, an der es heute überall hapert.

Zurück nach 1850

Sie wissen sicherlich, was ich meine, wenn ich hier im Parforceritt von vier Absätzen über den Zustand oder besser gesagt den Missstand der Welt referiere, oder? Diese Melange aus Technologie, Überwachung, Konsum, Hysterie, Wachstumsdrang, Geltungsbedürfnis, Aufmerksamkeitsfimmel, Dauererreichbarkeit, Dauermobilität und Dauerberieselung, aus Gebrüll und einer Vereinsamung, die inmitten der Kollektivierung und Gleichschaltung geschieht: Sie treibt uns alle an die Grenze dessen, was wir als Menschen — und als Menschheit — aushalten können. Was sich da Tag für Tag als unser Alltag offenbart, hat sich verdichtet zu einem wahnwitzigen Gefühl, dem man nur mit Zweckoptimismus oder mit finaler Zivilisationsskepsis begegnen kann.

Sie sehen, ich habe mehrere Absätze dafür benötigt, um ein kurzes Bild von der Welt zu zeichnen, wie sie sich mir aufdrängt. Das heißt sicherlich zweierlei: Erstens, ich habe in der Folge nicht mehr viel zum Optimismus zu sagen — aber ich bin weiterhin bemüht, es wird auch gleich zuversichtlicher, das gelobe ich. Und, zweitens, ich nahm mir diese Zeit zur Beschreibung auch, weil ich ja immer noch an mir zweifle: Liegt es an mir? Überbewerte ich die Welt, wie sie sich mir zeigt, wie sie sich für mich anfühlt? Bin ich etwa zu sensibel?

Kurz, spielen meine Hormone oder spielt wirklich der Weltgeist verrückt? Es ist also Unsicherheit am Werk, denn wer kennt sie nicht, die mit rosa Bifokalgläsern Bebrillten, die einem einreden, dass man irrt, übertreibt, ja mal wieder Urlaub oder einen Fick brauche, um endlich auf andere Gedanken zu kommen.

Danke der Nachfrage: Beides gönne ich mir. Manchmal sogar zeitgleich. Wenn ich dem Irrenhaus der Alltagsrealität dann mal eine Woche entfliehe, komme ich aber tatsächlich zu einer positiveren Bewertung der Dinge. Ausgerechnet irgendwo an einem Flussufer denke ich dann zuweilen zustimmend an Blaise Pascal, der mal meinte, alles Unglück der Menschen rühre daher, dass sie nicht ruhig auf ihrem Zimmer bleiben könnten. Da mir die Gedanken an Pascal nicht auf einem Zimmer kommen, sondern irgendwo in entspannter Urlaubsstimmung, nehme ich sein Bonmot nicht ganz wörtlich. Ich übersetze es so: Zurückschrauben, weniger tun, weniger wollen, weniger kaufen, weniger reden — das ist im Grunde die Lösung aller Probleme.

In dem Moment, da der Mensch in die Zivilisation trat, seinen Naturzustand verlassen hat, verformte er sein Umfeld. Zunächst zögerlich und ohne merklich seine Lebensgrundlagen zu gefährden.

Aber schon recht früh sorgte er für Verkarstung — man hätte die alten Griechen fragen können, sie erlebten einen solchen Vorgang live und in Farbe. Dennoch waren die menschlichen Einflüsse auf die Umwelt in der Vergangenheit geringer. Hätten wir etwa um 1850 alles eingefroren, wären nicht weiter gewachsen, hätten wir heute noch eine Chance auf eine lebenswertere Welt. Ja, man kann eigentlich sagen, genau so ein Rückschritt wäre der eigentliche Ausgang aus diesem zeitgenössischen Irrsinn.

Wenn das die Chance ist, haben wir keine Chance

Tiefer, langsamer, näher: Das sind doch die eigentlichen Attribute, die uns wieder überlebensfähig machen könnten. Nicht nur ökologisch betrachtet — sondern eben auch mental. Weniger reisen, weniger pendeln, mehr Zeit in dem Weiler verbringen, in dem man lebt. Das Leben wird ganz sicher weniger bunt, man kommt kaum raus. Ehepartner sucht man sich dann nicht mehr aus dem gigantischen Angebot im Internet, um dann jemanden zu finden, der 480 Kilometer entfernt lebt und arbeitet. Statt Fernbeziehung nimmt man den Partner, den man in der Nähe kennengelernt hat. Ich gebe zu, das ist für viele sicher eine eher triste Vorstellung.

In seinem frühen Roman „Ausweitung der Kampfzone“ hat Michel Houellebecq dieses Überangebot an potenziellen (Sexual-)Partnern bereits kritisiert. Ich entschuldige mich, dass ich den Franzosen schon wieder zur Sprache bringe. Seine Werke sind bekanntermaßen düster. Aber es schwingt immer auch mit, dass es Hoffnung gäbe — nur eben nicht im zeitgenössischen Liberalismus. Denn dieser erlaube es nicht, an etwas zu glauben. Der Nächste ist darin nur ein Objekt, ein Mittel zum Zweck. Mit dem Christentum sei nicht nur Bevormundung und Aberglauben, sondern eben ein Ordnungsrahmen abgeschafft worden, der nie ersetzt wurde. Man muss die Einschätzung des französischen Autors nicht gut finden, aber von der Hand weisen kann man sie ja nun auch nicht.

Anders als ich ist Houellebecq nicht so naiv, eine Rückkehr in die gebremste Weltordnung des 19. Jahrhunderts vorzuschlagen. Aber im Grunde liege ich da auf einer Linie mit den Mädels und Jungs von „Fridays For Future“ — wobei ich mir nicht sicher bin, ob sie wissen, dass sie das denken. Aber es ist die Konsequenz ihrer Forderungen.

Manche Kritiker sagen ja, die jungen Ökologen wollten in die Steinzeit zurück. Das ist Quatsch, müssen sie gar nicht. Das Jahr 1850 würde reichen. Ob natürlich die jungen Leute so begeistert von der stark eingeschränkten Welt von damals wären, darf munter bezweifelt werden. Nicht wenige lassen sich freitags mit dem Geländewagen vorfahren und sind während dieser Fahrt stets mit ihrem Mobilgerät online, um bloß nichts zu verpassen. Verzicht ist etwas, was sie anderen auferlegen und nicht sich selbst.

Dabei ist der Verzicht, das Zurückschrauben, die Entschleunigung wohl die letzte Chance für die Menschheit. Und das nicht nur in Fragen der Ökologie, sondern eben auch der Psychologie.

Aber ich gebe zu, ich verzichte auch nicht gerne. Da geht es mir wie den jungen Freitagsempörten. Wie gerne wäre ich nochmal in Irland, Sizilien, Stockholm oder Galizien. Nur noch hier festsitzen: Grauenhaft!

Und jetzt stellen Sie sich vor, Sie müssten Ihren buckligen Nachbarn ehelichen, weil es keine Mobilität und damit keine Partnerwahl quer durch die Republik oder gar über den Kontinent mehr gibt. Das wollen Sie nicht, oder? Und genau deswegen ist unsere einzige Chance gar keine realistische Chance. Menschen können nicht bremsen und sich einschränken. Das widerspricht ihrer Natur. Wir sind aus meiner Sicht eigentlich am Arsch — ich habe dennoch versucht, heute etwas zuversichtlicher zu sein. Das dürfen Sie mir ruhig hoch anrechnen. Ich war stets bemüht.


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