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Falsches Verständnis

Falsches Verständnis

Die Entwicklungshilfe beruht auf falschen Annahmen.

8,541 Milliarden Euro standen im deutschen Bundeshaushalt im Jahr 2017 für die Entwicklungshilfe zur Verfügung. Zum Vergleich: Im selben Jahr gab Deutschland 44,3 Milliarden Euro für Rüstung aus. Die Bundesregierung bevorzugt also eine Industrie, die Zerstörung, Leid und Tod über die Menschen bringt, gegenüber Programmen, die Menschen helfen sollen.

Mit seinen Ausgaben für Entwicklungshilfe bleibt Deutschland zudem hinter dem von der OECD festgelegten Ziel, hierfür 0,7 Prozent des BIP auszugeben, zurück. Im Jahr 2015 waren es nur 0,52 Prozent. Trotz dieses geringeren Prozentsatzes lag die Bundesregierung allerdings noch immer über dem Durchschnitt der OECD Länder. Kein „entwickeltes“ Land scheint sich also ernsthaft für das Fortkommen der als „unterentwickelt“ bezeichneten Länder einzusetzen.

Doch auch die Gelder, die für angebliche Entwicklungshilfe ausgegeben werden, sind zumeist nichts anderes als eine Außenwirtschaftsförderung. So subventionieren die Bundesregierung und die europäische Union in Afrika agierende, westliche Konzerne, damit diese dort Land privatisieren und eine auf Monokultur basierende Landwirtschaft aufbauen, wobei sie nicht selten Menschen von ihrem Land vertreiben. Was das mit „Hilfe“ zu tun haben soll, erschließt sich wahrscheinlich nur einem vom Neoliberalismus verblendeten Großindustriellen.

Doch es geht noch absurder: Die sehr interessante Dokumentation „Konzerne als Retter“ zeigt einen Fall, in dem ein aus Europa stammender Unternehmer in einem von Armut geprägten afrikanischen Land mit europäischer Entwicklungshilfe Kühlhäuser errichtet hat, um dort Fertigpizzen eines namhaften Herstellers verkaufen zu können. Fertigpizza überdies, die sich ein Durchschnittsbürger dieses Landes überhaupt nicht leisten kann.

Dieses Beispiel offenbart sehr anschaulich das Problem der sogenannten Entwicklungshilfe. Westliche Regierungen wähnen sich als großzügige Gönner und selbstlose Unterstützer armer, „unterentwickelter“ Regionen, indem sie einen verschwindend geringen Teil ihres Haushaltes für diese Länder bereitstellen. Doch nur circa ein Viertel der Gelder sind „Zuschüsse“, also Gelder, die nicht zurückverlangt werden. Das bedeutet im Umkehrschluss: Für den Rest erwarten die westlichen Länder eine Gegenleistung oder eine Rückzahlung.

Der Zweck dieser Gelder soll sein, in den betreffenden Ländern eine nach westlichem Vorbild konstituierte Wirtschaft aufzubauen, sodass diese eine eigene Industrie, eine industrielle Landwirtschaft oder einen Technologiesektor errichten können. Auf diese Weise sollen die Länder „wettbewerbsfähig“ werden. Doch tun die westlichen Länder das aus purer Menschenfreundlichkeit?

Mehr nehmen als geben

Natürlich nicht. Es scheint vielmehr, dass – nachdem China sich zu einem immer wichtigeren und mächtigeren Wirtschaftsreich erhebt – die westlichen Länder eine neue Werkbank für ihren Konsum benötigen. Einst war das chinesische Perlflussdelta diese Werkbank, wo in abertausenden sogenannter „sweatshops“ der Reichtum des Westens unter grauenhaften Bedingungen geschöpft wurde.

Doch der rasante Aufstieg Chinas führt auch dort zu – aus Arbeitgebersicht – unrentablen Lohnsteigerungen sowie einem immer selbstbewussteren Auftreten der Chinesen auf der Weltbühne. Längst schon hat das Land seine Entwicklung in die eigene Hand genommen und treibt seinen technologischen Fortschritt und wirtschaftlichen Aufstieg aus eigener Kraft voran. Dies bedeutet aber auch, dass sich die Chinesen die Stellung als reine Werkbank des Westens nicht länger gefallen lassen.

Um also weiterhin möglichst günstig produzieren zu können, müssen die westlichen Länder eine neue Werkbank finden. Ihre Hoffnung liegt nun in einer Region, die sie viele Jahre lang nur als billiges Rohstofflager interessiert hat: Afrika. So orientiert sich die Textilindustrie schon seit einigen Jahren in Richtung dieses Kontinents.

Doch abgesehen davon, dass auch China längst auf dem afrikanischen Kontinent präsent ist, dass die Entwicklung dieser Region das Potenzial für dieselben Resultate wie in China hat und daher auf lange Sicht auch Afrika als billige Werkbank ausfällt – was nur zu begrüßen ist –, besteht noch ein ganz anderes Problem bezüglich unseres Verständnisses von Entwicklung.

Was bedeutet „Entwicklung“?

Laut Wikipedia ist ein „Erstweltland“ oder entwickeltes Land ein Land mit einer hohen technischen Entwicklung, einer industriellen Produktion und einer starken Wirtschaft. Entwicklungsländer sind demzufolge Staaten, die über all das nicht oder nur in geringem Maße verfügen. Doch ist es in Zeiten von Klimawandel und fortschreitender Umweltzerstörung wirklich sinnvoll, diese Länder nahezu mit Gewalt dem westlichen Verständnis von Entwicklung zu unterwerfen? Müssen erst alle Länder dieser Erde eine Phase der umweltzerstörenden Industrialisierung durchlaufen, damit man sie als entwickelt bezeichnen kann?

Dazu zählt auch die angebliche Notwendigkeit, dass man jedes Dorf, jeden einzelnen Menschen an den internationalen Markt anschließen müsste. Dass dies jedoch nur zu einem Verdrängungswettbewerb führt, der die lokalen Märkte mit billigen, von der EU subventionierten Agrarerzeugnissen überschwemmt und heimische Produzenten in den Ruin treibt, ist eigentlich hinlänglich bekannt. Dennoch lautet die vorgebliche Logik, dass jedes Land lediglich sein BIP steigern müsse, um den Menschen aus der Armut zu helfen.

Diese Logik ist jedoch zutiefst irreführend. Zunächst konnten die westlichen Länder nach diesem Verständnis nur auf Kosten anderer unterentwickelter Länder ihren hohen Entwicklungsgrad erreichen. Das Beispiel China verdeutlicht dies, war doch dessen Unterentwicklung gerade die Grundlage der Billigproduktion für den westlichen Markt. Auch die in Afrika geförderten Rohstoffe sind eine Grundlage des westlichen Reichtums.

Diese Ressourcen mussten die Länder in den Jahren des Kolonialismus billig an europäische Staaten abgeben und müssen dies auch nach offizieller Beendigung der Kolonialherrschaft dank unfairer Handelsverträge noch immer. Es kann also keine Gewinner ohne Verlierer geben. Wer jedoch wird zum Verlierer, wenn die bisherigen Verlierer sich zu Gewinnern aufschwingen?

Weiterhin erfasst das BIP gerade nicht die Lebensgrundlagen der als ärmlich bezeichneten Bevölkerung Afrikas. Subsistenzwirtschaft von Familien, Kleinbauern, die nicht an den internationalen Markt angeschlossen sind, sondern höchstens auf dem lokalen Markt ihre Erzeugnisse verkaufen oder tauschen, kommen in der Logik des Wirtschaftswachstums überhaupt nicht vor. Ihre Erzeugnisse sind nach der westlichen Definition von Wirtschaft wertlos.

Doch gerade mit diesen ernähren sich die Menschen vor Ort. Diese zwanghaft der Konkurrenz des globalen Markts zu unterwerfen, führt nur zu noch mehr Armut, zu Landraub und in der Konsequenz verlieren Menschen ihre Existenzgrundlage.

Die Folge: Migration bis hin in den als Paradies verstandenen globalen Norden.

Nachhaltiges Wirtschaften

Auch vor dem Hintergrund des Klimawandels ist es geradezu Wahnsinn, „unterentwickelte“ Länder mit einer eigenen Industrie auf dem Stand Deutschlands oder der USA ausstatten zu wollen. Schon seit dem 2. Mai hat Deutschland alle ihm zustehenden Ressourcen für ein Jahr aufgebraucht (1,2). Seitdem leben wir auf Kosten unserer Nachfahren. Wenn man eine solche Verschwendung nun auch allen anderen Ländern dieser Erde zugesteht, dann wird sich die Menschheit binnen weniger Jahre auslöschen.

Damit soll nicht gesagt werden, dass in Entwicklungsländern keine Armut herrsche und man diesen Ländern nicht helfen müsse. Im Gegenteil: im Durchschnitt stirbt alle 10 Sekunden ein Kind an Unterernährung. Auch die medizinische Versorgung ist in vielen Regionen katastrophal, ebenso wie die Versorgung mit sauberem Trinkwasser, die in Zukunft als Folge des Klimawandels eher noch abnehmen wird. Doch ist unser Verständnis von Entwicklung keines, das für die Zukunft tragfähig ist.

Ziel von Entwicklung muss es sein, den Menschen ein würdiges Leben ohne Hunger, Durst oder Krankheiten zu ermöglichen. Die Entwicklung unter dem Dogma des Kapitalismus hat diese Ziele nicht erfüllt, sondern die Probleme in vielen Ländern dank Landraub, Agrarsubventionen und Ausbeutung noch verschärft. Stattdessen muss es den Ländern ermöglicht werden, vom Westen unabhängig zu werden. Die Menschen müssen sich mit allen notwendigen Lebensmitteln selbst versorgen können.

Dies bedeutet, dass Kleinbauern von dem Diktat des globalen Marktes verschont werden, dass die Abhängigkeit von westlichen Saatgutkonzernen und Pestizidherstellern überwunden wird und dass die Menschen zurückfinden zu einer umweltverträglichen, lokalen Landwirtschaft oder diese – soweit sie noch besteht – ausbauen. Gleichzeitig kann man dabei helfen, vor Ort Ärzte auszubilden und Krankenhäuser einzurichten. Nur darf die Logik des Profits nicht zu einer Klassengesellschaft führen, welche die Medizin nur wenigen Wohlhabenden zugänglich macht.

Selbstverständlich sind auch technische Entwicklungen möglich, wenn sie dem Gemeinwohl dienen. Eine bessere Versorgung mit Trinkwasser zum Beispiel kann durch Anlagen zur Reinigung von Wasser gewährleistet werden, ebenso wie durch automatisierte Wasserpumpen.

Entwicklungshilfe sollte also nicht auf dem als generös empfundenen Geben, verbunden mit Erwartungen und Profitinteressen des Westens, beruhen. Bislang hat der Westen seine Hilfe an Bedingungen geknüpft, die „unterentwickelten“ Ländern ein falsches Verständnis von Entwicklung aufgezwungen haben. Doch wenn Armut, Hunger und Krankheiten wirklich wirksam bekämpft werden sollen, kann man den betroffenen Ländern nicht von außen aufoktroyieren, in welche Richtung sie sich zu entwickeln hätten.

Vielmehr muss die internationale Zusammenarbeit zukünftig auf Augenhöhe und ohne einseitige wirtschaftliche Interessen stattfinden. Auch der Westen muss sich entwickeln. Er muss sich fortentwickeln von einer auf Profit ausgerichteten Industriegesellschaft, die den Klimawandel beschleunigt und das Artensterben ausgelöst hat. Industrielle Produktion muss sich auf ein notwendiges Minimum beschränken, auch und gerade hier im Westen.

Unser Ziel muss sein, statt Entwicklungsländer auf unsere Stufe „hieven“ zu wollen, sich gegenseitig anzunähern, sodass sich die Menschheit insgesamt auf einen vernünftigen Umgang mit der eigenen Spezies und der Umwelt einigen kann. Dies kann jedoch nicht innerhalb des Kapitalismus stattfinden, der nur Wachstum kennt. Vielmehr müssen sich die Menschen endlich als große Gemeinschaft, als Menschheitsfamilie begreifen, die an einem Strang ziehen muss, will sie auf Dauer und in Frieden miteinander überleben.

Die unabwendbare Konsequenz aus einem ungebremsten Fortgang des bisherigen Kurses wäre ein fortschreitender Klimawandel, der zu noch größeren Migrationswellen führt, die an den Toren Europas mit Gewalt zurückgeschlagen würden. Damit verbunden würde auch das Klima innerhalb der Gesellschaft noch rauer werden, als das ohnehin schon der Fall ist – vor allem, wenn die Lebensmittel dank Dürren und Ernteausfällen knapp würden.

Wir stehen nun an einer Weggabelung, an der wir uns entscheiden müssen: Wollen wir als Menschheit in unserer Verschwendungssucht weiterhin dem Untergang entgegenwirtschaften, oder wollen wir zu einem gemeinschaftlichen Verständnis jenseits der Marktlogik kommen und uns als Menschheitsfamilie begreifen? Die Entwicklungshilfe in die richtigen Bahnen zu lenken, ist ein wichtiger Schritt zu einem solchen Miteinander.


Quellen und Anmerkungen:
(1) https://www.rubikon.news/artikel/leben-im-uberschwang
(2) https://www.stern.de/panorama/weltgeschehen/erdueberlastungstag--deutschland-lebt-ab-dem-2--mai-auf-pump-7966760.html


Felix F., Jahrgang 1992, ist ein kritischer und bisweilen belustigter Beobachter des alltäglichen Wahnsinns der medialen Hysterie. Hauptberuflich ist er besorgt um den Zustand der Demokratie und des Planeten im Allgemeinen, als Hobby studiert er Jura. Gerne würde er sich aus jeder öffentlichen Debatte heraushalten und die Menschheit sich selbst überlassen, kann aber dem natürlichen Drang, seine Meinungen und Ansichten in Worte zu kleiden, nicht widerstehen.

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