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Es war einmal

Es war einmal

Die Wiege des Transhumanismus ist das Vergessen der ur-mütterlichen, schöpferischen Kraft in uns — die Erinnerung daran ist der Weg aus der Katastrophe.

Es war einmal ein fleißiges Mädchen/eine verwöhnte Prinzessin/eine arme Halbwaise. Sie erledigte redlich ihre Hausarbeit/spielte anmutig im Park/wurde von der bösen Stiefmutter zu niedrigen Tätigkeiten gezwungen. Nachdem der Sohn des Königs ein Auge auf sie geworfen und ein paar Herausforderungen überwunden hat, heiratet er sie und sie leben glücklich bis an ihr selig Ende. So klingen die meisten der von den Gebrüdern Grimm gesammelten Erzählungen. Die bis dato vorwiegend mündlich überlieferten Geschichten wurden aus männlicher Sicht mehr oder minder stark überarbeitet und in Ausdruck und Aussage so geglättet und geformt, dass sie den damaligen Gesellschaftsvorstellungen entsprachen.

Im darauffolgenden Jahrhundert nahm sich Walt Disney der Märchen an, setzte den Frauen Sahnehäubchen auf und machte ihre Taillen noch schlanker. Schwer haben die weiblichen Figuren an ihrem Schicksal zu tragen. Die Mutter ist tot, die Stiefmutter böse. Der Vater trauert, ist herrisch oder wirft sein Auge auf die eigene Tochter. Das Mädchen ist schwach und hilflos, doch so lauter, hold und fleißig, dass sie es verdient, geheiratet zu werden. Ohne den Mann hat es keine Chance, es zu etwas zu bringen. Allein durch ihn wird das Fräulein zur Frau.

In den schriftlich überlieferten Mythen und Heldensagen verhält es sich kaum anders. Im antiken Olymp endete das Dasein der ranghöchsten Göttin Hera damit, von Zeus mit zwei Ambossen an den Füßen aufgehängt zu werden, weil sie sich zu sehr über die Eskapaden ihres Göttergatten aufgeregt hatte. Die griechischen und römischen Göttinnen hatten zwar Bedeutung, waren aber ihren männlichen Pendants unterlegen.

Die Philosophin und Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth untersuchte das Frauenbild griechischer, römischer, ägyptischer, persischer, indischer, babylonischer, kleinasiatischer, germanischer und keltischer Mythen nach einem streng kulturhistorischen Ansatz mit der Methode der vergleichenden patriarchatskritischen Analyse (1). Sie fand heraus, dass es keineswegs immer so war, dass die Männer die erste Geige spielten. In akribischer Genauigkeit zeigte sie auf, wie ursprünglich matriarchale Mythologien patriarchal verzerrt und verfälscht wurden.

Gekapert

Um ein matriarchales in ein patriarchales Mythensystem zu verwandeln, ist die Änderung des Geschlechts der Urgottheit ein gängiger Trick. So wird aus der großen Urmutter plötzlich ein Urvater, der von sich behauptet, ohne ein weibliches Gegenüber Vater aller Götter und Menschen zu sein. Geboren wird nicht mehr aus dem Schoss der Mutter, sondern aus männlichen Körperteilen und mehr oder weniger appetitlichen Sekreten. So entsprang etwa die griechische Kriegsgöttin Athena in voller Rüstung dem Kopf ihres Vaters.

Eine weitere Methode war, die Urgöttin mit dem Vatergott zu verheiraten oder, aus patriarchaler Sicht besonders wünschenswert, sie zur Hüterin der monogamen Ehe zu machen. Da die Göttinnen nicht freiwillig heirateten, wurden sie geraubt und vergewaltigt. Somit wurden Verbrechen an Frauen legitim. Was die Götter dürfen, das dürfen auch die Menschenmänner. Den Göttinnen nahm man ihre Symbole, Fähigkeiten und Funktionen. Blitz und Doppelaxt erschienen fortan in den Händen der männlichen Götter, die ohne sie jedoch ziemlich hilflos waren.

Die Taube, ursprünglich der Geist des weltschöpferischen Eros der Göttin, wird in Jahwes Besitz zu einem Eros-feindlichen Heiligen Geist. Re übernimmt das Steuer des Schiffes der Göttin, und Thor kapert Friggas Wagen. Nach und nach werden den Urgöttinnen alle Wirkbereiche abspenstig gemacht, die sie vorher innehatten: Schenken des Lebens, Magie, Orakel, Inspiration, Dichtkunst, Medizin, Weisheit. In Evas Apfelgartenparadies wird aus der Schlange, ursprüngliches Symbol für Eros, der Teufel höchstpersönlich. Aus dem Liebessymbol des Apfels wird ein Symbol der Versuchung, und aus der einstigen Göttin ein sündiges Weib.

Von der Gebärmutter zur Gebärmaschine

Diese Entwicklung geschah nicht ohne Widerstand. Davon zeugen die zahlreichen Götterschlachten. Wie im Himmel so auf Erden: Die männlichen Gottheiten, die es bis vor 5.000 Jahren so gut wie überhaupt nicht gab (2), wurden dazu benutzt, monotheistische Staatsreligionen zu errichten, in denen der oberste Herrscher keinen Rivalen neben sich duldet. Ein Gott! Ein Herrscher! Ein Reich! Über den verabsolutierten Gott erhält der Herrscher das Recht, Heiden auszumerzen und Andersdenkende zu liquidieren.

Aus den patriarchalen Religionen gingen eine patriarchale Philosophie und eine patriarchale Wissenschaft hervor. Bis heute gelten Frauen als zu blöd, die damit einhergehende Technik zu verstehen.

Als irrationale, unlogische, mangelhafte und beschränkte Wesen haben sie wie im Märchen ohne Mann kaum eine Chance, ein bestimmtes Standing zu erreichen und respektiert zu werden.

Im Dunstkreis der bis heute existierenden patriarchalen Großreligionen ist die Frau das Prinzip des Schlechten, Verwerflichen, Unreinen, Sündigen, Bösen. Systematisch wurde im Verlauf der vergangenen Jahrtausende versucht, die ursprünglichen Göttinnen zu degradieren und Erotik und Sexualität zu verteufeln. In der christlichen Ethik kam es zu einer wahren Anti-Sex-Hysterie. Der weibliche Körper galt als schmutzig, der weibliche Zyklus als anstößig.

Der heilige Hieronymus lehrte, dass auch in der rechtmäßigen Ehe aller Sexualität eine Verderbtheit anhafte. Der frühchristliche Gelehrte und Theologe Origines stellte als erster die Behauptung auf, dass der Sündenfall von Adam und Eva ein sexuelles Vergehen gewesen sei und dass die Erbsünde alle Nachfahren belaste. Augustinus vertrat die Meinung, dass alle Menschen verderbt und böse seien, vor allem aber das Weib. Frauen waren in seinen Augen minderwertige Wesen, die von Gott nicht nach seinem Ebenbild geschaffen wurden. Und der große Reformator Martin Luther fand, dass die Weiber dazu bestimmt seien, die Geilheit der Männer zu befriedigen.

Von der Gebärmaschine zur Maschine

Der Ekel vor dem Weiblichen und den Monatsblutungen, die man am besten versteckt und möglichst überhaupt nicht mitbekommt, regte nicht nur die Phantasie für Geschichten an, sondern machte Geschichte. Es ist das Zurückstoßen des ursprünglich Weiblichen, der schöpferischen Kraft, des mütterlichen Schosses, die dazu führten, uns auch von dem Lebendigen immer weiter zu entfernen. Das progressive Verdrängen des Mütterlichen machte erst die Zerstörung der Mutter Erde möglich und bereitete dem transhumanistischen Ideal den Boden, Frauen gänzlich überflüssig zu machen.

Leben entsteht im Labor. Wie einst die göttliche Kopfgeburt entspringt der posthumane Mensch den Hirnen von Wissenschaftlern, die jeden Bezug zur Erde verloren haben — und damit die Verbindung zur Realität.

Denn das Einzige, was wirklich ist, authentisch, das ist die Natur. Alles andere ist konstruiert, künstlich, erfunden. Nur das Natürliche ist echt. Alles, was wir aus unseren Köpfen hervorbringen und mit unseren Händen schaffen, trägt den Stempel dessen, was wir uns vor-stellen, das, was vor der realen Natur steht. Es ist gewissermaßen der Schleier, durch die wir die Welt wahrnehmen.

Wenn du denkst, du denkst

Auf dieser Leinwand erkennen wir nur das, was unserem Weltbild entspricht. Alles andere wird weggefiltert. Im undurchdringlichen Dschungel unserer eigenen Hirngespinste ist es ein Leichtes, uns in die Irre zu führen. Wir schauen dorthin, wo mit dem roten Tuch geschwenkt wird, um uns vom Eigentlichen abzulenken: dem todbringenden Dolch, den der agil tänzelnde Torero hinter seinem Rücken verbirgt. Egal was uns gerade als das Gefährlichste verkauft wird — es wird dazu instrumentalisiert, das zu verschleiern, worum es eigentlich geht: das natürliche Leben auf dem Planeten Erde durch ein künstliches zu ersetzen.

Mit der Ur-Spaltung zwischen dem Männlichen und dem Weiblichen haben wir nicht nur die Verbindung zum Ur-Weiblichen verloren, sondern den Bezug zum Leben selbst. Ihr fallen wir alle zum Opfer.

Ob Mann oder Frau oder eines der siebzig anderen als Geschlechter anerkannten Mischungen — es ist das Menschsein, das auf dem Spiel steht. Unser aller Leben ist in Gefahr, doch nicht so, wie wir glauben. Die wirkliche Gefahr ist nicht der Tod, sondern der Verlust unserer Menschlichkeit.

Gefährlicher Irrtum

Unser Verhalten gleicht dem hysterischer Suchtkranker, die nicht von der Mattscheibe lassen können. Schüler, die gegen Russland protestieren, werden durch die Straßen getrieben, um von der Ungeheuerlichkeit abzulenken, dass mit deutschen Waffenlieferungen in Kriegsgebiete das Waffenstillstandsabkommen nach dem Zweiten Weltkrieg gebrochen wurde. Unter dem Deckmäntelchen von Solidarität und Gutmenschtümelei wird der Dolch gezogen gegen alle, die es wagen, die medial verbreiteten Ansichten zu Viren und Russen nicht zu teilen.

In Windeseile hat sich das FFP-Volk in eiserne Friedensadler verwandelt und zieht mit seinen Vorstellungen bewaffnet gegen Andersdenkende in die Schlacht. Dabei kann es den Selbstgerechten nicht um Frieden gehen. Wer ein Feindbild bedient, der riskiert, alle zu Opfern zu machen, einschließlich sich selbst. Schon beginnen die Dämme zu brechen. Schon fordert der frisch gekürte Vorsitzende der christlichen Demokraten den Atomkrieg, um Putin zu stoppen. Richtig krachen soll es, um den Bösewichten der Welt den Garaus zu machen.

Wer es jedoch ernst meint mit dem Frieden, der schafft ihn zunächst in sich selbst. Er baut Brücken, die beide Seiten verbinden. Wer Frieden will, der will nicht recht haben und den Alleinanspruch auf die richtige Meinung. Er richtet nicht alles darauf aus, das eigene Weltbild zu verfestigen, um sich dahinter zu verstecken. Er nimmt den Heiligenschein ab, der ihm vor die Augen gerutscht ist und die Sicht versperrt.

Mit zweierlei Maß

Es sind die Scheinheiligen, die heute ins Kriegshorn blasen. Die, die es normal fanden, dass über zwei Jahre lang Milliarden Menschen die Luft zum Atmen genommen wurde. Sie haben sich nicht geregt, als die Alten vor Einsamkeit starben und die Jungen für ihr Leben traumatisiert wurden. Die Selbstmorde haben sie nicht gekümmert, die vernichteten Existenzen. Sie haben sich nicht über die Kollateralschäden aufgeregt und sich nicht gegen die Genspritzen gestellt, deren Nebenwirkungen heute ihre Hersteller, Förderer und Verabreicher zu Mördern machen.

Die seit 2015 von der ukrainischen Artillerie zerschossenen Wohnsiedlungen, Schulen, Krankenhäuser und Kindergärten und die traumatisierten Kinder interessierten sie ebenfalls nicht. Kein Wort zu den Dörfern und Städten, die seit Jahren von Trinkwasserversorgung und Strom abgeschnitten sind. Einer ausgehungerten Meute gleich stürzt sich der blutrünstige Mob auf eine Geschichte, von der er nur den Anfang kennt: Es war einmal ein böser Russe.

Jetzt erwacht der Mann hinterm Gartenzaun! Krank vor Frust und wirr vor Wut hat er den richtigen Sündenbock gefunden. Nicht mehr nur Maskenverweigerer und Impfgegner hat er im Visier, sondern die Verkörperung des Bösen höchstpersönlich. Gnadenlos sinkt die Faust auf den Biertisch der Kneipen, in die er wieder unkontrolliert hineindarf. Denn von einem Tag auf den anderen ist Corona wieder nur ein Bier. Wenn kümmern schon Viren, wenn draußen Krieg ist?

Ariadnefaden

So droht die Welt, an Dummheit zugrunde zu gehen. Wer nur eine Seite sehen will, verliert das Gleichgewicht und stürzt. Er fällt in einen tiefen Schlaf. Doch anders als im Märchen wird niemand kommen, der ihn wachküsst. Denn diejenigen, die sich so lange schon die Finger an den Dornen zerstochen haben, haben jetzt etwas anderes zu tun, als Schlafende aufzuwecken und Monster mit ihrem Protest zu füttern.

Sie haben einen geheimnisvollen Faden in die Hand genommen, der sie durch das Labyrinth führt und die Mitte nicht aus den Augen verlieren lässt. Dem, der sich von seinen Wurzeln entfernt hat und die alten Geschichten nicht mehr kennt, kann man alles erzählen. Nur derjenige, der sie wiederentdeckt und sich wieder mit der großen Urmutter verbindet und mit dem, woher er kommt, findet den Weg aus der Zerstörung heraus.

Er erkennt das Paradies, das direkt vor seinen Augen liegt. Das Leben pulsiert.

In grenzenloser Großzügigkeit ergießt die große Mutter ihre Schätze über die Erde. Die Knospen schieben sich hervor, die Blumen blühen, die Insekten schwirren. Der Frühling macht es offenbar: Die Natur ist noch da, und mit ihr die Möglichkeit, sich mit der Wirklichkeit zu verbinden.

So können wir ins Wirken kommen. Geben wir der Erde die Liebe zurück, die sie uns schenkt. Sie ist kein toter Stein, sondern ein lebendiger Organismus, deren ursprüngliche Mütterlichkeit selbst die noch nährt, die sie vergewaltigen.

Doch sie kommt in Bewegung. Wer jetzt nicht tief verwurzelt ist, in seiner Mitte und in Frieden, der riskiert, sich von den Ereignissen hinwegfegen zu lassen und nicht wieder zu erheben. Er war einmal. Alles, was von ihm bleiben wird, bevor er im Ozean des Vergessens versinkt, ist die Frage, wie er so blind sein konnte und sich einen solchen Bären hat aufbinden lassen. Die aber, die heile geblieben sind, ganz, und mit dem Schöpferischen verbunden, die leben glücklich von Anfang zu Ende und von Ende zu Anfang. Denn sie wissen, dass die Wirklichkeit der Natur ihr Zyklus ist.


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Quellen und Anmerkungen:

(1) Heide Göttner-Abendroth: Die Göttin und ihr Heros. Die matriarchalen Religionen in Mythen, Märchen, Dichtung. Kohlhammer 2011
(2) Doris Wolf: Es reicht! 5000 Jahre Patriarchat sind genug, Dewe Verlag 2019

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