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Erheben wir uns!

Erheben wir uns!

Paulo Freires Befreiungpädagogik ist ein großartiges Mittel zur Verbesserung der Welt.

Freires Pädagogik zeigt dreierlei: Menschen können den Weg ihrer politischen Emanzipation aus eigener Kraft gehen, wenn sie als Subjekte wahrgenommen und respektiert werden. Vertrauen in die Menschen und in ihr unerschöpfliches Potential bringt ihre besten Fähigkeiten hervor. Die Erfahrung menschlicher Verbundenheit und solidarischer Gegenseitigkeit kann zur Grundlage einer „authentischen Demokratie“ werden.

Im Kontext einer neoliberalen Strategie, die auf Isolierung des Einzelnen, auf Aushöhlung der menschlichen Person und Zersetzung eines autonomen, widerständigen Selbst‘ gerichtet ist, erscheint Freires Ansatz wie eine Immuntherapie und ein heilsames Medikament für ein krankes System.

Aufbruchstimmung in unserm Lande

Etwas scheint aktuell in Bewegung zu geraten in unserer Gesellschaft. Zehntausende gehen in diesem Herbst auf die Straße. Die Energie-Wende-Bewegung erstarkt, neue soziale Bewegungen wie etwa die Mieterbewegung oder „Aufstehen — Die Sammlungsbewegung“ nehmen Fahrt auf.

Werden die öffentlichen Proteste bald wie ein Strohfeuer verpuffen? Oder wird daraus eine dauerhafte Glut werden, in der sich die innermenschlichen und äußerlich-strukturellen Bedingungen einer neuen, wirklich demokratischen und humanen Gesellschaft formen können? Paulo Freires Pädagogik bietet sich hierzu als Inspirationsquelle an.

Zur Person Paulo Freires

Paulo Freire (1921-1997) wird in Recife, einer Stadt in der ärmsten Region Brasiliens geboren. Er wächst mit der Erfahrung von Hunger und Elend auf. Schon als Jugendlicher beschließt er, sein Leben dem Kampf gegen Armut und Unterdrückung zu widmen. Er studiert zunächst Jura, wechselt dann aber in das Fach Pädagogik. Er promoviert mit einer Alphabetisierungsmethode, die es ermöglicht, innerhalb von 40 Stunden Lesen und Schreiben zu lernen.

Unter dem liberalen Präsidenten João Goulart wird seine Methode zur Grundlage einer landesweiten Alphabetisierungskampagne. Der Militärputsch von 1964 bringt dieses Projekt zu einem gewaltsamen Ende. Freire geht ins Exil nach Chile. Hier erscheint 1970 sein bekanntestes Werk: „Pädagogik der Unterdrückten — Bildung als Praxis der Freiheit.“

Nach dem Putsch gegen Salvador Allende 1973 arbeitet er für den Weltkirchenrat in Genf. Von dort aus berät er die jungen, aus portugiesischer Kolonialherrschaft befreiten Staaten Afrikas und unterstützt die Alphabetisierungskampagne in Nicaragua. 1980 kehrt Freire als letzter Exilant nach Brasilien zurück. Er wird Mitbegründer der Partei der Arbeiter (PT) und übernimmt Funktionen im Bildungsbereich (1).

„Bildung als Praxis der Freiheit“ für eine „Kultur des Schweigens“

Freire sieht sich als Marxist und Christ. Revolution ist für ihn kein einmaliges Ereignis. Die Revolution, so Freire, vollzieht sich in einem Bildungsprozess, in dem die Teilnehmenden selbst zu Subjekten ihrer Befreiung werden. Sein Konzept einer „Bildung als Praxis der Freiheit“ will den Menschen ihre eigene Denk-, Sprach- und Handlungsfähigkeit zurückgeben (2).

Sie will ihnen den Mut und die Zuversicht verleihen, den Weg ihrer Befreiung aus eigener Kraft gehen zu können. Obwohl ursprünglich für die postkolonialen Gesellschaften des globalen Südens verfasst, gilt sein Ansatz darüber hinaus für alle gesellschaftlichen Systeme, in denen eine „Kultur des Schweigens“ herrscht, so Freire. Das ist eine Situation gesellschaftlichen Unrechts, in der Menschen zu Objekten von Macht- und Profitinteressen geworden sind. In der sie ohne eigene Stimme bleiben und von echter demokratischer Mitsprache und Mitgestaltung ausgeschlossen sind.

Das Widerstandspotential dieser Menschen wird unterdrückt durch Meinungsmanipulation, ideologische Propaganda und kommerzielle Werbung.

Die „Enthumanisierung“ bewusst machen

Die entfremdenden gesellschaftlichen Verhältnisse in einer Kultur des Schweigens führen, so Freire, zur Selbstentfremdung und „Enthumanisierung“ des Menschen. Das heißt: Der Mensch verliert die Beziehung zu sich selbst. Er versteht nicht mehr, was er selbst will und wo es für ihn lang gehen soll. Er ist ohne Orientierung und abgeschnitten von seinem inneren Potential, seinen menschlichen Entfaltungsmöglichkeiten.

Bildung als Praxis der Freiheit will die Entfremdung und Enthumanisierung bewusst machen, die sich in den Köpfen und Herzen der Menschen eingenistet hat. Sie verbindet die Emanzipation und Entfaltung des Einzelnen mit einer Praxis politischer Veränderung.

Befreiung für alle

Diese politische Praxis zielt auf eine „authentische Demokratie“ ab. Denn aus Freires Sicht verlangt die Würde des Menschen, dass jeder und jede seinen/ihren eigenen Anteil an den gesellschaftlichen Entscheidungs- und Gestaltungsprozessen erhält (3).

Da die Würde für alle Menschen gilt, will befreiende Bildung nicht nur die Unterdrückten befreien. Sie hat die Entwicklung der humanen Möglichkeiten aller Menschen zum Ziel, auch die der Unterdrücker. „Deshalb ist die große humanistische und geschichtliche Aufgabe der Unterdrückten, sich selbst ebenso wie ihre Unterdrücker zu befreien“ (4).

Bildung als Fremdbestimmung

In einer gespaltenen Gesellschaft aus Herrschenden und Beherrschten dient Bildung zur Aufrechterhaltung des Status quo. Wissen, Ideen und Begriffe werden in die Köpfe der Menschen „eingelagert“, um sie dann bei Bedarf wieder abrufen zu können. Eigenständiges Erkennen und Artikulieren, kritisches Denken und Kreativität werden auf diese Weise unterlaufen. Damit aber wird Bildung zur Fremdbestimmung und zur Methode der Anpassung der Menschen an die bestehenden Verhältnisse.

Bildung als Praxis der Freiheit dagegen bildet Menschen, ohne sie zu Objekten von Belehrung zu machen. Alle Aspekte des Freire’schen Konzeptes sind diesem Ziel untergeordnet: die Rolle des Pädagogen, die Methoden und das Menschenbild.

Bilden, ohne zu belehren

Die Pädagogen haben lediglich die Funktion von „Koordinatoren“. Sie organisieren und begleiten den Bildungsprozess, der in „Kulturzirkeln“ von etwa zwanzig Personen stattfindet. Alle Teilnehmer sind „Lehrerschüler“. Sie sind Lernende und Lehrende, Wissende und Unwissende zugleich. Denn jeder weiß etwas, was der andere nicht weiß. Und die Sichtweise und die Erfahrungen jedes Einzelnen sind nötig, um den Weg der Befreiung gemeinsam gehen zu können.

Auch die dialektische Erkenntnismethode, die Freire von Hegel übernimmt, verhindert, dass sich im Bildungsprozess ein neues Herrschaftsverhältnis herausbildet. Denn hier entstehen die Erkenntnisse in den Köpfen und Herzen aller Beteiligten. Sie sind das schöpferische Ergebnis einer dialektischen Spannung zweier Pole: der Pole Mensch und Welt, „Ich und Du“, „Aktion und Reflexion“. Damit wird Bildung zu einem kontinuierlichen, kreativen Prozess persönlicher und gesellschaftlicher Entwicklung.

Der Dialog als Ort der Wandlung

Die Kommunikation in der Gruppe geschieht im „Dialog“. Das Dialog-Konzept übernimmt Freire von Martin Buber. Bei Buber dient der Dialog nicht nur der sprachlichen Verständigung. Er ist auch eine Form der Beziehung, in der Verbundenheit erfahrbar und die Verwandlung des einen durch den anderen möglich wird. Denn der Dialog berührt den fundamentalen Bereich der Zwischenmenschlichkeit.

Hier, im sensiblen Bereich des gegenseitigen Austauschs, entscheidet sich, ob Beziehungen befreien oder beschädigen und unterdrücken. „Ich kann nur sein, weil Du bist.“

Der Dialog, so Freire, setzt eine besondere innere Einstellung voraus:

Er braucht die „Liebe zu den Menschen“ und den „Glauben an die Menschen“, an deren Bereitschaft, ihre „humanen Möglichkeiten“, ihr „unendliches Mehr-Sein“ verwirklichen zu wollen.

Er braucht die Bereitschaft, dem anderen mit offenem Geist und offenem Herzen als „einem Du zu begegnen“. Denn in einer Ich-Du-Beziehung erfahren beide wechselseitig die Bedeutung ihres Personseins, beide erleben sich als Subjekt, als Mensch mit einer eigenen Würde und Bedeutung. Martin Buber: „Der Mensch wird am Du zum Ich.“

Betrachte ich mein Gegenüber dagegen durch das Raster meiner Bewertungen, Erwartungen, Annahmen und Vorurteile, dann mache ich ihn zum Objekt meiner Gedanken und Vorstellungen. Damit verliert er seinen Status als Subjekt und Person. Aus einer „Ich-Du-Beziehung“ ist eine „Ich-Es-Beziehung“ geworden. Mein Gegenüber ist keine Person mehr. Er ist jetzt ein Ding. Befreiende Bildung, so Freire, ist nur möglich durch die immer neue Erfahrung personaler Bedeutung im Dialog.

Bildung als Bewusstmachung

Sich aus Unmündigkeit zu befreien, bedeutet im Brasilien der 1960er Jahre zuallererst, Lesen und Schreiben zu lernen. Freires Konzept verbindet die Alphabetisierung Erwachsener mit Bewusstseinsbildung („Consientização“). Indem sie Lesen und Schreiben lernen, lernen die Menschen gleichzeitig, ihre Lebenssituation zu entziffern.

Der Prozess der Bewusstwerdung verläuft in Stufen. Zunächst sind die Menschen so sehr in die unterdrückerische Wirklichkeit eingetaucht, dass ihnen eine kritische Beurteilung ihrer Situation unmöglich ist. Ihr Bewusstsein ist „naiv“. Es wird beherrscht „von den Mythen der Herrschenden, die die Realität verhüllen“ — etwa vom Mythos der natürlichen Überlegenheit der Eliten und den schwach begabten Mehrheiten.

„Die da oben sind ja die Experten. Die haben den Durchblick. Die werden das schon richtig machen. Dafür habe ich sie ja gewählt.“

Die eigene Lage hinterfragen

Unwürdige Lebensbedingungen wie Armut und Arbeitslosigkeit erscheinen Menschen mit einem naiven Bewusstsein als schicksalhaft, unveränderbar oder auch als selbst verschuldet. Die Lebenssituation wird unhinterfragt hingenommen.

„Was stimmt mit mir eigentlich nicht, dass ich hier als ‚Fall’ im Arbeitsamt gelandet bin?“ „Was habe ich in meinem Leben falsch gemacht, dass ich von meiner Rente nicht leben kann? Ich habe eben zu wenig vorgesorgt. Da bin ich selbst schuld.“

Der Übergang vom naiven zum „kritischen“ Bewusstsein geschieht durch die „Problematisierung der Lebenssituation“.

Damit die Menschen im Stande sind, ihre Lage zu hinterfragen, arbeitet Freire mit Codierungen. Codierungen stellen die Lebenssituation der Betroffenen in einem Bild, einer Karikatur oder einem Theaterstück verschlüsselt dar. Mit dieser Verfremdungsmethode wird es möglich, die eigene Lage mit neuen Augen zu sehen. Im dialogischen Prozess wird die Lebenswirklichkeit entschlüsselt, neu erkannt, benannt und in den Kontext des gesellschaftlichen Ganzen gestellt.

Die Situation als Ganzes sehen

Sieht man die eigene Lage als Teil des politisch-ökonomischen Gesamtzusammenhangs, dann „enthüllt“ sie ihr eigentliches Gesicht. Sie ist nicht länger ein tragisches Einzelschicksal, noch eine selbstverschuldete Misere. Sie ist Ausdruck eines Systems struktureller Ungerechtigkeit und Ungleichheit und somit ein „Problem“.

Damit aber wird die problematische Lebenssituation zur Herausforderung und zur Chance für Befreiung.

„Ich habe meine Situation jetzt durchschaut. Meine Armut ist nicht selbst gemacht. Armut ist in unserer Gesellschaft systemisch angelegt und gewollt. Sie ist Teil einer Angststrategie. Angst vor Verarmung macht Menschen gefügig und bringt sie dazu, Dinge zu tun, die sich nicht tun wollen. Ich will mein Leben nicht weiter durch dieses zynische System bestimmen lassen. Wenn es Euch ähnlich geht, dann lasst uns gemeinsam überlegen, was wir tun können.“

Auf das Chaos schauen und dabei die künftige Möglichkeit entdecken

Die Probleme scheinen zunächst völlig unlösbar, die Situation chaotisch und die Machtverhältnisse unüberwindbar zu sein. Aber aus dialektischer Perspektive liegt gerade in der “scheinbaren“ Ausweglosigkeit der Keim für ihren Umschwung. Denn in der „Begegnung mit dem Problem“ kann sich das kritische Bewusstsein zu einem „potentiellen Bewusstsein“ weiten.

Mit dem potentiellen Bewusstsein überschreitet der menschliche Geist die Grenze des Gegebenen. Seine schöpferische Vorstellungskraft erfasst, was jenseits des Bestehenden noch möglich ist. Sie erkennt im Chaos die „unerprobte Möglichkeit“. Diese neue Möglichkeit wird erprobt, indem im dialektischen Wechsel von „Aktion und Reflexion“, Theorie und Praxis schöpferisch verbunden werden.

Auf diese Weise, so Freire, werden die Betroffenen zu Künstlern, die „wieder erfinden, was sie vorfinden“. Die Neugestaltung der Verhältnisse als revolutionärer Akt wird zu einem künstlerischen Prozess. In diesem Prozess bringen sich die Beteiligten in dialogischer Gegenseitigkeit gleichzeitig selbst neu hervor. Sie humanisieren die Gesellschaft, indem sie ihr eigenes Mehr-Werden, ihre eigene Humanisierung bewirken. Joseph Beuys nennt diesen Vorgang „das Erschaffen einer sozialen Plastik“.

Die heutige Situation

Seitdem Freires Buch „Pädagogik der Unterdrückten“ 1970 zum ersten Mal erschien, ist die Welt insgesamt nicht menschlicher geworden. Die „Risse im System“ sind bedrohlicher denn je, die Methoden der Bewusstseinsmanipulation ausgefeilter als je zuvor. Aber auch die Möglichkeiten von einem „naiven“ zu einem „kritischen Bewusstsein“ zu kommen, sind gestiegen.

Die Aufklärungsfunktion kritischer Internet-Medien wie beispielsweise „Rubikon“ ist nicht zu unterschätzen. Politische Satire tut das Ihrige dazu. Die Sketche von Max Uthoff und Claus von Wagner in der Sendung „Die Anstalt“ sind das, was die „Codierungen“ in der Pädagogik Freires sind. Wo aber bleibt die große Emanzipationsbewegung in unserem Land, die die Gesellschaft von unten her erneuert?

„Neoliberales Denken verklebt die Herzen und Hirne“ (5)

Die Ökonomisierung des Lebens hinterlässt inzwischen deutliche Spuren. Viele Menschen haben das Konkurrenzprinzip verinnerlicht und optimieren ihr Leben nach ökonomischen Gesichtspunkten. Solidarität und Mitgefühl schwinden. Denn: Jeder ist seines Glückes Schmied. Wer nicht mitkommt, ist selbst schuld (6).

Sogar die Gleichwertigkeit aller Menschen wird inzwischen in Frage gestellt. Eine „rohe Bürgerlichkeit“ macht sich breit, die ökonomische Kategorien wie Effizienz, Verwertbarkeit und Nützlichkeit auch auf Menschen anwendet. Wer diese Kriterien nicht erfüllt, ist weniger wert (7).

Der Mensch wird zum Objekt

Aber im Neoliberalismus, so Rainer Mausfeld, geht es nicht nur um Ökonomie und um die Instrumentalisierung des Menschen für wirtschaftliche Zwecke. Es geht, wie Margaret Thatcher es formulierte, um den „Kampf um Herz und Hirn“. Es geht um die Beherrschung des Menschen und damit um die Ausschaltung seines Freiheits- und Widerstandswillens.

Es geht um den „Kampf um das Selbst“, um die Zerstörung des Personseins. Meine Identität als Person und Subjekt soll ausgetauscht werden gegen ein Bündel von Scheinidentitäten, die ich mir aus dem großen „Identitätswarenkorb“ herausnehmen kann. Ich soll sein, was ich habe, nicht was ich bin.

Identifiziere ich mich aber mit dem, was ich besitze, dann bin ich mein Haus, mein Auto, mein Konto. Ich mache mich damit zum Ding. Auch im Bildungsbereich wird das Selbst ausgetauscht und ersetzt — diesmal durch ein Bündel von Kompetenzen. Denn Bildung verkommt im Pisa- und Bologna-Prozess zur bloßen Aneignung von Fähigkeiten, die die Schüler und Studenten „für den Arbeitsmarkt fit machen“ sollen (8).

Der marktkonforme Mensch

Auch das neoliberale Menschenbild des „Homo oeconomicus“ zielt auf Umformung ab. Es reduziert Menschen auf Einzelkämpfer und Agenten eines marktradikalen ökonomischen Systems. Dabei spielen negative menschliche Eigenschaften wie Egoismus, Konkurrenzdenken, Maßlosigkeit in Form eines unbegrenzten Verlangens nach Eigennutz und die hauptsächliche Orientierung an Materiellem die dominante Rolle.

Alles eine Frage des Menschenbildes?

Freires Menschenbild steht im direkten Kontrast dazu. Und es ist vor allem dieses Menschenbild und die daraus folgende Einstellung zum Menschen, die seine Pädagogik so wirksam macht. Für ihn ist der Mensch ein Freiheitswesen, ein Subjekt, das nach Entfaltung seines vollen Menschseins, seiner Humanisierung strebt.

Gleichzeitig aber ist der Mensch auch ein soziales und dialogfähiges Wesen, das auf solidarische Gegenseitigkeit angelegt und angewiesen ist. Diese beiden Grundbedürfnisse stehen — wie Freires Ansatz zeigt — nicht im Gegensatz zueinander. Sie ermöglichen und verstärken sich gegenseitig. Wird in einer Gruppe beiden Bedürfnissen Raum gegeben, dann kann sich in dialogischer Gegenseitigkeit jeder Einzelne und die ganze Gruppe schöpferisch entfalten (9).

Empirische Belege

Was Pädagogen wie Freire intuitiv erkannt haben, wird inzwischen durch den „Paradigmenwechsel“ in naturwissenschaftlichen Disziplinen wie der Physik, der Neurobiologie und der Biologie empirisch belegt (10).

Der Hirnforscher Gerald Hüther hat die Befunde aus der Neurobiologe zur Grundlage für eine „Akademie für Potentialentfaltung“ gemacht. Die Akademie will Gemeinschaften unterstützen, deren Mitglieder sich zum Ziel gesetzt haben, sich gegenseitig nicht mehr als Objekte, sondern als Subjekte zu behandeln (11).

Die Revolution beginnt mit einer inneren Haltung

Die neoliberale Strategie der Vereinzelung und Beherrschung des Menschen steht den menschlichen Grundbedürfnissen nach Verbundenheit und freier Selbstentfaltung diametral entgegen. Man beginnt zu ahnen, welch enorm hoher wissenschaftlicher und finanzieller Aufwand nötig ist, um Menschen durch psychologische Beeinflussung und politische Machtmittel dazu zu bringen, die wesentlichen Bedürfnisse ihres Menschseins auszublenden und zu unterdrücken.

Im Umkehrschluss lässt sich dagegen auch nur erahnen, wie wirkungsvoll eine politische Bewegung sein könnte, die diese Grundbedürfnisse ernst nimmt und in ihre politische Praxis einbezieht.

Denn wenn politische Bewegungen zu dialogischen Gemeinschaften werden, in denen ihre Mitglieder sich als Subjekte begegnen, dann schaffen sie damit einen Gegenentwurf zum neoliberalen Mainstream.

Dann taucht in der Kultur des Schweigens eine neue Kultur auf: eine Kultur des Füreinander-Einstehens, des Voneinander-Lernens und des Miteinander-Gestaltens. Und der alte sozialistische Traum von einer Gesellschaft, in der die Herrschaft des Menschen über Menschen aufgehoben ist, bekommt eine neue Chance.


Bild

Bild: Paulo Freire.


Quellen und Anmerkungen:

(1) Weitere Informationen zu Paulo Freire unter: Paulo Freire Kooperation e.V. http://www.freire.de/
(2) Freire, Paulo (1991). Pädagogik der Unterdrückten – Bildung als Praxis der Freiheit. Reinbek b. Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH.
(3) Ich verwende im Text aus Gründen der Lesbarkeit weitgehend die maskuline Form.
(4) Freire, Paulo (1991). Pädagogik der Unterdrückten – Bildung als Praxis der Freiheit. Reinbek b. Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Seite 32.
(5) Titel eines Interviews mit Heike Leitschuh in den NachDenkSeiten vom 10. November 2018. https://www.nachdenkseiten.de/?page_id=47542
(6) Leitschuh, Heike (2018). Ich zuerst! Eine Gesellschaft auf dem Ego-Trip. Frankfurt a. Main: Westend Verlag.
(7) Heitmeyer, Wilhelm Hs. (2012): Deutsche Zustände, Folge 10. Berlin: Edition Suhrkamp.
(8) KenFM im Gespräch mit: Prof. Rainer Mausfeld. https://kenfm.de/rainer-mausfeld/ (ab 34. Minute)
(9) Ein beeindruckendes Beispiel hierfür sind die Projekte des Choreographen und Tanzpädagogen Royston Maldoom, die er mit Kindern und Jugendlichen aus gesellschaftlichen Randgruppen durchführt. https://www.youtube.com/watch?v=XkUPHgcK9z8. Maldoom wurde in Deutschland durch das Projekt “Rhythm Is It” mit den Berliner Philharmonikern bekannt.
(10) Vortrag von Gerald Hüther auf dem Impulstag „Kommunale Intelligenz“ am 7. 10. 2017 in Salzburg: Quantenphysik und Kommunale Intelligenz https://www.youtube.com/watch?v=5JrLUEekyM0
(11) https://www.akademiefuerpotentialentfaltung.org/

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