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Engagierte Spiritualität

Engagierte Spiritualität

Erheben wir uns von den Meditationskissen und gehen auf die Barrikaden.

Spirituelle Menschen stehen in dem Ruf, verhuschte „Diesseits-Drückeberger“ zu sein. Nicht so der jüdisch-amerikanische Zen-Meister Bernard Glassman.

„Sie waren der Meinung, als Zen-Lehrer sollte ich meine Zeit besser darauf verwenden, Menschen zur Erleuchtung zu geleiten. Ich bin jedoch der Meinung, dass man Menschen, die hungern, zuerst einmal etwas zu essen geben sollte.“

Gesagt, getan. Glassmann verzichtete auf seine Karriere als „Berufserleuchteter“ seiner Zen-Schule. Berührt vom Schicksal der vielen Obdachlosen in New York gründete er die Greyston Bakery. Die brachte den Wohnungslosen nicht nur Brot, sondern auch Jobs – und sozialen Projekten hohe Zuschüsse aus dem Verkauf der leckeren Backwaren. „Greyston“ wurde in kurzer Zeit zu einem ebenso ethischen wie ökonomisch erfolgreichen Musterbetrieb. „Bernies“ Zen Peacemaker Orden gilt heute als eine der wirkungsvollsten Vereinigungen des engagierten Buddhismus. Glassman:

„Zen ist nicht nur der reine oder spirituelle Teil des Lebens, sondern das ganze Leben: die Blumen, die Berge, die Flüsse und Bäche, aber auch die Stadt und die obdachlosen Kinder auf der Strasse.“

Kirchliche Opium-Dealer

Das Unbehagen der politischen Linken an der Spiritualität wurzelt noch in der Religionskritik von Karl Marx. Diese richtete sich zunächst gegen die Kumpanei der Kirchen mit den Mächtigen, gegen die System stabilisierende Wirkung von Religion.

„Die Kritik hat die imaginären Blumen an der Kette zerpflückt, nicht damit der Mensch die phantasielose, trostlose Kette trage, sondern damit er die Kette abwerfe und die lebendige Blume breche."

In der Tat haben katholische wie evangelische Kirche ihre Schäflein allzu oft im Sinne eines Paulus-Zitats indoktriniert: „Jedermann sei untertan der Obrigkeit.“ Und so mancher fromme Kirchenmann war nicht wählerisch, wenn es um die Unterstützung der jeweiligen Machthaber ging.

In jüngerer Zeit entzündet sich linke Kritik vor allem an der Welle der populären Esoterik. Die Ex-Grüne Jutta Ditfurth wetterte in ihrem Buch „Entspannt in die Barbarei“ nicht nur gegen rechte und rassistische Esoterik (die es gibt), sondern auch gegen Tiefenökologie oder den Dalai Lama. Letztlich steht Irrationalität als solche im Zentrum von „Spiritualitäts-Hass“, jenes kultische und widervernünftige Element, das Europa mit dem Dritten Reich in die Katastrophe geführt hatte. Alte und neue Religionskritik waren wichtig und bieten auch für spirituelle Menschen Stoff zum Nachdenken. Sie offenbaren aber auch Schwächen und Einseitigkeiten. Es beginnt mit der Frage: Welche Spiritualität ist eigentlich gemeint? Das staatstreue Verhalten der Kirchenführung ist nicht identisch mit „der Spiritualität“ schlechthin. Und die Existenz rassistischer Esoterik schmälert die Verdienste des Zen-Meisters und Sozialaktivisten Bernie Glassmann nicht im Geringsten.

Religion als Weltfluchthilfe

Spiritualität in ihrer Gesamtheit abzulehnen, ist ebenso sinnlos wie Politikverdrossenheit mit Blick auf einen Söder oder Erdogan.

Die Schattierungen innerhalb der Politik wie der Spiritualität sind so mannigfaltig, dass sich jede Verallgemeinerung verbietet.

Leider gibt es diese pauschale Abwehrhaltung auch auf der „Gegenseite“. So sagte der spirituelle Therapeut Wilfried Nelles, ein Schüler Bert Hellingers, über politischen Widerstand kategorisch: „Rebellion ist immer unreif. Ein reifer Mensch rebelliert nicht, er handelt.“ Typischerweise deuten spirituelle Menschen die politische Aktion, indem sie die „Psychopathologie“ der Aktivisten durchleuchten. Der Revoluzzer bekämpfe nur seinen eigenen Schatten und müsse deshalb zunächst nach innen gehen, um Heilung zu finden. Wer aber beständig mit „Selbstoptimierung“ beschäftigt ist, dem fehlt die Energie, um an einer besseren Welt mitzuarbeiten.

Trifft der Vorwurf nicht doch zu, dass Religionen vor allem „Weltfluchthelfer“ sind? Es gibt ebenso viele Belege für das Gegenteil. Der evangelische Pastor Dietrich Bonhoeffer, der 1945 von den Nazis ermordet wurde, vertrat ein entschieden diesseitiges Christentum:

„Der Mensch, der die Erde verlassen will, der heraus will aus der Not der Gegenwart, der verliert die Kraft, die ihn durch ewige geheimnisvolle Kräfte immer noch hält. Die Erde bleibt unsere Mutter, wie Gott unser Vater bleibt.“

Schon im Gefängnis, am 21. April 1944, schrieb Bonhoeffer in einem Brief:

„Ich dachte, ich könnte glauben lernen, indem ich so etwas wie ein heiliges Leben zu führen versuchte (…) Später erfuhr ich und ich erfahre es bis zur Stunde, dass man erst in der vollen Diesseitigkeit des Lebens glauben lernt.“

Unzählige Christen in karitativen Einrichtungen bezeugen, dass Religiosität Menschen zu konkreter Hilfe motivieren kann.

Wer Gott liebt, muss den Menschen lieben

Von Mohammed ist ein Hadith (außerkoranisches Prophetenwort) überliefert: „Wenn du glaubst, deinen Schöpfer zu lieben, dann liebe zuerst deine Mitmenschen.“ Eine Geschichte der Sufis, der islamischen Mystiker, erzählt von Ali Ibn Muwaffaq, der über 30 Jahre 350 Dirham gespart hatte, um sich seinen Traum von einer Pilgerfahrt nach Mekka zu erfüllen. Eines Tages nahm er das Geld und schenkte es seiner Nachbarin, als er hörte, dass deren Kinder Hunger leiden mussten. Einem Sufi-Scheich erschienen daraufhin zwei Engel im Traum. Sie verkündeten, Allah habe die Pilgerreisen von 600.000 Muslimen verworfen, weil sie aus unreinen Motiven unternommen wurden. Nur die Mekkafahrt des Ali Ibn Muwaffaq habe Allah anerkannt, obwohl er sie gar nicht angetreten hatte.

Praktischer sozialer Ausgleich spielt im Islam eine große Rolle. Der pakistanische Sufilehrer Pir Rahman Rahim begründete in den 70er-Jahren eine ethische Bank, die ausschließlich ökologisch und sozial sinnvolle Projekte unterstützte.

Im Buddhismus ist soziales Engagement u.a. mit dem Namen des vietnamesischen Zen-Mönchs Thich Nhat Hanh verbunden. Im Zentrum seiner Weltanschauung steht das „Intersein“, die wechselseitige Verbundenheit allen Lebens. 1965 gründete Thich Nhat Hanh die „Schule der Jugend für Soziale Dienste“, die während des Vietnamkriegs Krankenhäuser baute und beim Wiederaufbau bombardierter Ortschaften half. Zahlreiche Mönche und Laien kamen bei Bombenangriffen ums Leben. In einer Buddha-Geschichte, dem „Sutra vom weißgewandeten Schüler“, beschreibt der Meister die Tugenden seiner Laienanhänger:

„Sie finden ihre Freude in der Großzügigkeit, ohne Gegenleistungen zu erwarten. Ihr Geist ist nicht von Gier und Sehnsucht getrübt. Sie bewahren stets ihre Ehrlichkeit und beseitigen in sich sämtliche Wurzeln der Absicht, sich zu nehmen, was ihnen nicht gegeben wurde.“

Hierin findet sich auch der Entwurf einer alternativen Wirtschaftsordnung ohne Ausbeutung wieder.

Systemkritik oder karitative Flickschusterei?

Man könnte unzählige solcher Geschichten erzählen.

Wer in spirituellen Menschen nur Spezialisten für die Jenseitsvorbereitung sieht, ist vielleicht nur nicht gut informiert.

Hier kommt aber schon ein zweites Vorurteil ins Spiel: In den Religionen werde zwar viel karitative Arbeit geleistet, an der Veränderung des politischen Systems sei man aber nicht interessiert. Alles was das soziale Elend abmildert, hielt Marx für gefährlich, weil es die notwendige proletarische Revolution nur verzögere. Daher hat Wohltätigkeit für radikale Sozialisten einen negativen Beigeschmack. In Bertolt Brechts Sozialdrama „Die Heilige Johanna der Schlachthöfe“ werden die „Schwarzen Strohhüte“ (die Heilsarmee) als frömmelnde Komplizen der Ausbeutung dargestellt. Diese verlangen „achthundert Dollar im Monat, denn wir brauchen warme Suppen und Musik. Wir wollen ihnen auch versprechen, dass die Reichen bestraft werden, und zwar wenn sie gestorben sind.“ Diese Karikatur einer Verschwörung zwischen Kapital und Kirche enthält sicher einen wahren Kern. Verallgemeinerbar ist der Vorwurf jedoch nicht.

Unter den sozial engagierten spirituellen Menschen stellen jene, die das gesamte Wirtschaftssystem umstoßen wollen, nur eine Teilmenge dar. Aber es gibt sie. So war der Führer der schwarzen Bürgerrechtsbewegung Martin Luther King „überzeugt, dass jede Religion, die angeblich um die Seelen der Menschen besorgt ist, sich aber nicht um die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse kümmert, geistlich gesehen schon vom Tod gezeichnet ist und nur auf den Tag des Begräbnisses wartet.“ Kings großes Vorbild Gandhi verband – ohne christlich erzogen zu sein – politische Durchsetzungsfähigkeit mit großer spiritueller Überzeugungskraft.

Über das Verhältnis von Politik und Religion sagte Gandhi in seiner Autobiografie, es gäbe für ihn
„keine Politik, die nicht zugleich Religion wäre. Politik dient der Religion. Politik ohne Religion ist eine Menschenfalle, denn sie tötet die Seele.“

Die Frage „karitative Hilfe oder Systemveränderung?“ beantwortet der eingangs erwähnte Zen-Meister Bernard Glassman mit „Sowohl als auch“. In seinem Buch „Es geht ums Tun und nicht ums Siegen“ (mit Konstantin Wecker) schreibt er:

„Es ist einfach, auf das Leben anderer Menschen zu blicken und festzustellen, was bei ihnen schief läuft. Weit schwieriger ist es, das System zu durchblicken, das die Menschen erst dahin bringt, dass alles im Leben schief läuft, das ihre Wahlmöglichkeiten und ihre Handlungsfreiheit einschränkt, das sie einzwängt und unter Druck setzt und dann, wenn sie gescheitert sind, wie Müll zur Seite wirft.“

Glassman fährt fort:

„Wenn wir auf jemanden treffen, der hungrig ist, dann müssen wir ihm zu essen geben. Das spricht uns aber nicht davon frei, uns für ein besseres Sozialsystem zu engagieren, in dem niemand mehr hungern muss.“

„Dem Rad in die Speichen fallen“

Für Dietrich Bonhoeffer stellte sich die Frage, was die Pflicht eines Christen unter einem unmenschlichen System sei, sehr existenziell. Galt es den Tätern zu vergeben, die Opfer zu trösten oder vielmehr das Nazi-Regime – notfalls mit Gewalt – zu stürzen? Bonhoeffers Antwort war ein Drei-Stufen-Plan: 1. Die „Verantwortlichmachung des Staates“. 2. „Der Dienst an den Opfern des Staatshandelns.“ Und schließlich: „Die dritte Möglichkeit besteht darin, nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen.“

Von diesem Geist waren auch die Mönche und Nonnen beseelt, die 2007 friedlich gegen die Militärdiktatur in Myanmar (Birma) und gegen die ärmlichen Lebensbedingungen im Land demonstrierten. Die Buddhisten setzten sich mutig über eine Reihe von Warnungen und Demonstrationsverboten hinweg. Die Polizei knüppelte mit Bambusrohren auf Betende ein. Mönche wurden verhaftet und bewusstlos geschlagen, einige von ihnen erschossen.

Spiritualität verleiht Mut zum Widerstand

Diese Ereignisse machen deutlich, dass spirituelle Menschen nicht nur zur politischen Aktion in der Lage sind, sondern dass ihnen der Glaube zusätzlich eine besondere Kraft verleiht. Man hat den Religionen oft vorgeworfen, das Diesseits gering zu schätzen. Andererseits:

Wer annimmt, es gäbe nicht mehr als dieses kurze Leben, keine Werte außer denen der Gesellschaft und keine Instanz oberhalb des geschriebenen Gesetzes – woher soll ein solcher Mensch den Mut nehmen, aufzubegehren?

Sein kleines Leben, seine Bequemlichkeit ist für den „Unspirituellen“ ja übermäßig mit Bedeutung aufgeladen. Endet ein solches Leben im Gefängnis oder auf dem Schafott, stirbt damit alles, was für den Betreffenden zählt. Es hat sehr mutige Atheisten und Agnostiker wie Rosa Luxemburg gegeben. Aber auch diesen half die Verbindung zu einem Ganzen, das das „kleine Ich“ übersteigt: dem Wohl der Gemeinschaft.

„Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können“, sagt Jesus im Matthäus-Evangelium. Und Petrus vor dem Hohen Rat: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ (Apostelgeschichte) Nimmt man diese Stellen ernst, so dienen sie als Ermutigung für jeglichen durch das Gewissen begründeten Widerstand gegen die Obrigkeit. Religion sollte die Bedeutung irdischer Machtverhältnis relativieren. Sie sollte Menschen mit einem inneren Bezirk in Kontakt bringen, der nicht korrumpierbar, nicht erpressbar ist. Religion sollte eine Perspektive jenseits ökonomischer und physischer Zwänge aufzeigen.

Eine Religion, die nicht befreit, ist eine Religion, von der sich die ihr Unterworfenen befreien müssen.

Spiritualität, wie ich sie hier meine, kann man auch mit dem Begriff „mystisch“ zusammenfassen. Gemeint ist eine unmittelbare Erfahrung mit der geistigen Kraft, die alles hervorbringt und durchdringt. Diese Erfahrung mag spektakulär oder unspektakulär sein. Der Betreffende mag sie „Gott“ nennen oder eine andere Bezeichnung dafür wählen. Entscheidend ist: Aus dem Einheitsgefühl erwächst das Verantwortungsgefühl.

Ohne das Bewusstsein der Einheit ist ethisches Handeln mitunter nur Duckmäusertum mit Blick auf einen imaginierten himmlischen Vorgesetzten.

Der Benediktiner-Pater und Zen-Meister Willigis Jäger schreibt:

„Der mystische Weg führt zurück in die Welt. Man steigt nicht auf den Berg, um oben zu bleiben, sondern um wieder hinunter zu steigen.“

Der Weg auf den Berg – und zurück

Spirituelle Menschen brauchen die Welt. Sie brauchen die Tat, um sich zu erden und nicht im Narzissmus vermeintlicher Egolosigkeit stecken zu bleiben. Aber umgekehrt gilt auch: Die Politik braucht spirituelle, feinsinnige, an Ethik orientierte Menschen. So sehr auch Machtausübung im Sinn institutioneller „Gewalt“ zu vermeiden ist, so sehr ist Einmischung wünschenswert.

Freilich haben spirituelle Menschen in der real existierenden Politik Seltenheitswert, und genau so sieht unsere Welt auch aus. Der Geschichtsphilosoph Arnold J. Toynbee bedauerte es, dass die meisten integeren Menschen die „Beschmutzung“ durch Politik fürchten.

„Diese Zurückhaltung, natürlich wie sie ist, hat einen circulus vitiosus geschaffen; denn die Politik kann nicht erlöst werden, es sei denn, die edelsten Geister widmen sich dieser wenig anziehenden Aufgabe.“


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