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Enervierende Hingabebereitschaft

Enervierende Hingabebereitschaft

Kazuo Ishiguro lässt in seinem neuen Roman „Klara und die Sonne“ eine Androidin über wahres Menschsein philosophieren.

„Seine Bekanntheit unter Literaturfreunden (…) macht ihn zu einem perfekten Kompromiss-Kandidaten, der niemanden richtig enttäuschen, aber auch niemanden richtig glücklich machen dürfte.“

So das Urteil der Zeit über den Literatur-Nobelpreisträger des Jahres 2017, Kazuo Ishiguro. Nach der eher „schrägen“ Wahl des Liedermachers Bob Dylan im Vorjahr herrschte teilweise die Meinung vor, die Nobelpreis-Jury habe aus Risikoscheu diesmal einen blassen Kompromisskandidaten gekürt.

Das Urteil, Ishiguro sei eher ein literarisches Leichtgewicht, kann aber nur derjenige fällen, der unter „Hochkultur“ versteht, dass Texte es den Lesern unnötig schwer machen. Die deutschsprachigen Preisträger Elfriede Jelinek und Günter Grass waren da sicher die „typischere“ Wahl. Kazuo Ishiguro indes hält die Textoberfläche transparent, um uns in umso größere Tiefen seelischer und historischer Prozesse schauen zu lassen. Man versteht ihn emotional ganz unmittelbar und fühlt sich auf leise, jedoch eindringliche Weise ergriffen; aber auch der analytische Verstand bekommt genug Futter. Wenn über die Nobelpreis-Verleihung also angeblich „niemand richtig glücklich“ war, so bin ich die Ausnahme.

Ein japanisches „Downton Abbey“

Meine erste Berührung mit dem Autor war — wie für viele andere — die wunderbare Verfilmung seines Romans „Was vom Tage übrigblieb“ mit Anthony Hopkins und Emma Thompson. James Ivory hatte den Streifen 1994 unmittelbar nach seinen Filmerfolgen „Zimmer mit Aussicht“ und „Wiedersehen in Howards End“ gedreht, mit denen er im Kino eine Renaissance des britischen „Period Drama“ einleitete. „Was vom Tage übrigblieb“ schien sich unmittelbar in diese Reihe einzufügen. Aus heutiger Sicht würde man sagen, der Film und seine Buchvorlage seien in einem „Downton Abbey“-Ambiente angesiedelt. In einem vornehmen englischen Herrenhaus verweben sich die Schicksale von Adeligen und ihren Dienstboten vor malerischem historischem Hintergrund. Das Einzige, was irritiert, ist der Name des Verfassers, der eben nicht Forster, James oder Austen lautet. Es ist ein japanischer Name: Kazuo Ishiguro.

Ishiguro wurde 1956 in Nagasaki geboren und lebte in seinen ersten sechs Lebensjahren in Japan, bevor er mit seiner Familie nach Großbritannien umzog, wo sein Vater für die britische Regierung als Ozeanograph arbeitete. Kazuo blieb, studierte Englisch und Philosophie an der Universität von Canterbury. Bald besuchte der junge Japaner Kurse für kreatives Schreiben und veröffentlichte erfolgreich Kurzgeschichten. Wie ist jemand drauf, dessen Lebenslauf mit Nagasaki, dem Schauplatz einer unfassbaren Tragödie, beginnt? Eine düstere Grundierung ist allen seinen Werken eigen. Auch die Auseinandersetzung mit Themen wie Schuld und Kollektivschuld spielt in mehreren Romanen eine Rolle. Aber ebenso Opferschicksale, Völkermord sogar, die Erfahrung radikalen Ausgeliefertseins. Beide Pole — Opfer- und Täterrolle — wurden im Nachkriegsjapan mittels einer Kultur der Verdrängung „bearbeitet“, verstärkt noch durch einen Nationalcharakter, der eher der Affektkontrolle als dem lauten Ausleben von Wut und Verzweiflung zugeneigt ist.

Nagasaki und die Wiederkehr des Verdrängten

Die beiden ersten Romane Ishiguros spielen unter japanischen Menschen und haben speziell diese bedrückende Atmosphäre verdrängten Schmerzes und schwelender Schuld in den Nachkriegsjahren zum Thema. In „Damals in Nagasaki“ von 1982 hat die in England lebende Japanerin Etsuko mit der Erinnerung an ihre von einer Atombombe zerstörte Stadt ganz abgeschlossen. „Kaum mehr als eine vage Erinnerung ist ihr davon geblieben, kaum mehr als ein Schleier, der hin und wieder in ihr Jetzt treibt“, heißt es in einer Rezension zum Buch. Das Unterdrücken der Erinnerung, so wenig es langfristig tragfähig ist, dient dem seelischen Selbstschutz. In derselben Rezension werden die „sehr japanischen Dialoge“ angesprochen:

„So sind sie einerseits voller Höflichkeitsfloskeln, die den Gesprächsinhalt nicht selten so sehr verzerren, dass er kaum noch als solcher wahrzunehmen ist, andererseits aber auch sehr behutsam und feinfühlig.“

Mit diesen beiden Aspekten haben wir schon fast den ganzen Ishiguro und das psychologische „Aroma“ charakterisiert, in das er seine Figuren taucht: Die Verdrängung des Grauens — und die Wiederkehr des Verdrängten — ist die eine Seite; Gefühlsrepression bis hin zur Verleugnung der eigenen inneren Wahrheit die andere. Japanische „Höflichkeit“ fließt hier zusammen mit der etwas steifen Contenance der englischen Upper Class, wie sie in alten britischen Romanen auf das Schönste dargestellt wird. Angesichts eines nur gedämpften, verklausulierten Selbstausdrucks dieser Romanfiguren gibt es für den Leser dabei immer viel zu erraten und zu erahnen. Stevens, der von Anthony Hopkins dargestellte Butler in „Was vom Tage übrigblieb“, verkörpert den pflichtbewussten Gefühlskrüppel in klassischer Ausformung. Der spröde Domestike verrichtet auch unmittelbar, nachdem er die Nachricht vom Tod seines Vaters erhalten hat, ungerührt weiter seine Pflicht. Auch eine mögliche Liebesverbindung zur Haushälterin Miss Kenton verpasst Stevens durch sein abweisendes Verhalten.

Das Opfer des Gefühls

Und noch ein drittes Zentralthema Ishiguros kommt in diesem Meisterwerk zum Tragen: das Opfer des Individuums für die Gemeinschaft. „Das Opfer des Gefühls“ nennt der Astrologe Wolfgang Döbereiner diese Seelenbewegung mit Blick auf das Sternzeichen des Skorpions — es ist tatsächlich Ishiguros Zeichen. Gewiss sollte man vorsichtig sein mit pauschalen Aussagen über Nationen. Dennoch fand ich es aufschlussreich, in einem Internet-„Benimmratgeber“ zu stöbern, in dem Japanreisende mit der Mentalität des Landes vertraut gemacht werden: „In Japan steht im Gegensatz zu vielen westlichen Gesellschaften nicht Selbstverwirklichung eines Individuums im Vordergrund, sondern stets die Gemeinschaft. Die japanische Erziehung baut demnach auf Selbstlosigkeit und der Bereitschaft, der Gesellschaft zu dienen. Im Angesicht einer Krise hat der wohlerzogene Japaner also nicht in erster Linie an eigene Verluste zu denken oder an das eigene Schicksal.“

Butler Stevens also ist der „englische Japaner“ par excellence. Und auch in dem anderen sehr bekannt gewordenen Roman Ishiguros zeigen sich diese Muster: „Alles, was wir geben mussten“, 2005 verfilmt mit Carey Mulligan, Andrew Garfield und Keira Knightley. Der Roman spielt in einer dystopischen Zukunftswelt, die jedoch statt Raumschiffen und Robotern die gepflegte Atmosphäre eines englischen Internats vor den Lesern ausbreitet. Die Kinder dort, so enthüllt ein schockierender Twist, sind Klone, die einzig dafür aufgezogen werden, um „richtigen Menschen“ als Organersatzteillager zu dienen. Nach zwei oder drei Organspenden werden sie als junge Erwachsene sterben — so ihre unausweichliche Bestimmung.

Fügsame Melancholie

Wie es scheint, traf der Roman einen Nerv, weil er ein Grundgefühl von Jugendlichen transportiert: von Erwachsenen funktionalisiert, verplant und verheizt zu werden — ohne irgendein Mitspracherecht über das eigene Schicksal. Im Gegensatz zu anderen populären Jugenddystopien, etwa „Die Tribute von Panem“, fällt aber in Ishiguros Roman — wieder — dieser irritierend resignative Tonfall auf. Man möchte die Hauptfiguren am liebsten schütteln und ihnen zurufen: „Nun tut endlich was!“ Aber niemand rebelliert lauthals, alle fügen sich mit einer für den Leser fast schon enervierenden Hinnahmebereitschaft.

So gesehen verweist „Alles, was wir geben mussten“ schon im Voraus auf das Corona-Geschehen. Den Menschen in einer ideologisch und organisatorisch stark vereinheitlichten Gesellschaft wird heute ein eigentlich unerträgliches Opfer für die Gemeinschaft abverlangt: Die Menschen müssen ihre Lebendigkeit in sich abtöten, damit potenziell durch das Virus Gefährdete überleben können.

Opfern muss die Protagonistin Kathy auch das private Gefühl zu ihrem Geliebten Tommy, den sie an die zupackendere Rivalin verliert — ein Liebesdreieck nah am Abgrund des sicheren Todes.

Für entscheidender als den potenziell gesellschaftskritischen Aspekt halte ich einen philosophischen: Mono no aware heißt die japanische Variante der Melancholie. Gemeint ist ein fügsames Bewusstsein dessen, dass alles auf Erden vergänglich ist. Eine Definition von Wikipedia spricht auch von einer „tiefen, zärtlichen Traurigkeit über die Realität der Dinge“. Ishiguros Nobelpreisträger-Kollege Thomas Mann nannte es die „wissende Wehmut der Sterbensreife“. Was viele Leser an den Werken Kazuo Ishiguros irritiert und zugleich anzieht, könnte auch Mono no aware sein — etwas, was unsere am „positiven Denken“ orientierte Machbarkeitsgesellschaft tief in ihrem Schatten mit sich herumträgt: das bittersüße Gefühl, sich in ein Unausweichliches wehrlos wie ein Ertrinkender hinabgleiten zu lassen. Womit sich zugleich auch alle Ego-Schranken auflösen.

Der Traum von der einen aufrichtigen Liebe

Als Ausweg aus der tödlichen Enge des uns zugemuteten Schicksals kommt bei Ishiguro etwas ins Spiel, das an sich nicht neu ist: der Traum von der einen aufrichtigen Liebe zwischen Mann und Frau. Unter den Klonen des Internats in „Alles, was wir geben mussten“ geht zeitweise das Gerücht um, bei „wahrhaft Liebenden“ könne die erste Organspende aufgeschoben werden. Doch auch dieser Hoffnungsfunke erweist sich als Gerücht, die Liebe vermag nicht wirklich vor dem Tod zu retten, aber die vergebliche Hoffnung, die sie spendet, versüßt immerhin die Wartezeit.

Das gleiche Motiv finden wir auch in Ishiguros vorletztem Roman „Der begrabene Riese“, in dem mit Beatrice und Axl ungewöhnlicherweise ein älteres Ehepaar im Mittelpunkt steht. Der Fantasy-Roman, in dem tatsächlich Ritter, Zauberer, Drachen und Kobolde auftreten, entwirft eine mythische Fiktion: Jeder Mensch muss am Ende seines Lebens von einem Fährmann ins Totenreich übergesetzt werden. Mann und Frau können aber nur getrennt fahren, was für Beatrice und Axl mit massiven Verlustängsten verbunden ist. „Gibt es eine Form liebender Gemeinsamkeit, die stark genug ist, um den Tod zu überwinden?“ ist auch hier die Frage.

Schuld — der „begrabene Riese“

Schließlich ist auch „Der begrabene Riese“ wieder ein Roman über quälende Erinnerungen und ihre misslingende Verdrängung, womit der Schriftsteller zu seinen Anfängen und zu Nagasaki zurückkehrt. Der Roman, der in der Zeit des Artus-Rittertums spielt, berichtet von grausamen Massakern, die zwischen den verfeindeten Stämmen der Sachsen und der Britannier stattgefunden haben müssen. Alles Vergangene ist aber zu Beginn der Handlung in einen „Nebel des Vergessens“ gehüllt. Die Protagonisten können nicht weiter als ein paar Wochen in die Vergangenheit schauen. Der Atem einer riesigen Drachin, so die Fabel, hat diesen Nebel erzeugt. Ist Vergessen eher Fluch oder Gnade? Und was an Verdrängtem kommt zum Vorschein, wenn der Drache getötet, die betäubende Wirkung des Nebels somit verflogen sein wird?

Wir können uns diese Frage stellen — als Einzelpersonen und auch als Deutsche, die wie die Japaner mit dem Schatten einer Kriegsschuld zu kämpfen haben. Welche unserer Fehler im zwischenmenschlichen Bereich würden wir am liebsten dem Vergessen anheimgeben?

Welche historische Schuld, aber auch welche Opfererfahrung, in die unsere Vorfahren sich verwickelt haben, könnte durch den gnädigen Schleier einer kollektiven Amnesie gemildert werden? Ist Verdrängung Feigheit und eine Verhöhnung der dann ungerächt bleibenden Opfer? Oder könnte Vergessen verhindern, dass gemäß der „Logik“ von Schuld und Vergeltung neues Blut vergossen wird?

Kazuo Ishiguro selbst interpretierte sein Buch im Interview mit Deutschlandfunk im Sinne aktueller Bezüge: „Ich habe tatsächlich darüber nachgedacht, sie [die Geschichte] in einer zeitgenössischen Umgebung anzusiedeln. Die schrecklichen Sachen, die in Bosnien und im Kosovo passiert sind, haben mich interessiert. In Ruanda ebenso. Fast jedes Land scheint so eine dunkle Vergangenheit zu besitzen. Die Leute erinnern sich nur sehr ungern daran und sie zögern bei der Frage, wie viel soll man erinnern und wie viel soll man vergessen.“ Die dunkle Vergangenheit fast jedes Landes nämlich ist der „begrabene Riese“, der diesem Buch den Titel gab.

Androiden — die besseren Menschen

Mit „Klara und die Sonne“, dem erst im März 2021 erschienen neuen Roman, wechselt der Autor aus einer mystischen Vergangenheit unmittelbar in ein Zukunftsszenario. Die Titelheldin der Handlung ist eine künstliche Intelligenzform, ein weiblicher Android. Interessanterweise wird der gesamte Roman aus ihrer Perspektive erzählt, was dem Leser Einblicke in ganz andere Formen der Wirklichkeitswahrnehmung gibt. Klara, die anfangs von einem Schaufenster aus den flanierenden Passanten zuschaut, sehnt dich danach, von einem Kind als KF — Künstliche Freundin — ausgewählt zu werden. Sie kommt in die Familie des todkranken Mädchens Josie, zu dessen Rettung sie sich berufen fühlt.

Oberflächlich betrachtet kann man Ishiguros Roman im Kontext modischer Roboter-Soaps lesen. Parallelen zu den Serien „Real Humans“ und „Better than us“ oder zu Lieutenant Commander Data aus dem Star Trek-Universum liegen nahe. Ebenso zu Ian McEwans literarischer Abhandlung über Androiden als Liebhaber: „Maschinen wie wir.“ In allen Fällen geht es unter anderem um die Frage, ob hoch entwickelte Maschinen nicht unter Umständen die besseren Menschen sind — auch unter ethischen Aspekten. Denn die künstlichen Intelligenzformen sind gemäß ihrer Programmierung radikal selbstlos und begnügen sich mit einer dienenden Funktion. Sie sind höflich, sauber und effizient. Zudem ermüden sie nie. Klara knüpft in vieler Hinsicht nahtlos an diese Vorbilder an. Auffällig wenig interessiert sich Kazuo Ishiguro allerdings um technische Details, die zur Kreation einer fiktiven Zukunft nötig wären. Ganz klar: Dem Autor geht es um etwas anderes: um ein psychologisches sowie philosophisches „Problem“.

Das Selbstopfer

Obwohl Klara der erste „Roboter“ in seinem literarischen Universum ist, ist sie doch eine ganz typische Ishiguro-Figur in der Tradition von Butler Stevens in „Was vom Tage übrigblieb“. Ganz dem Dienst an der Gesellschaft hingegeben, die ideale Staatsbürgerin in einer geschlossenen, kollektivistischen Gesellschaft und — wie die Jugendlichen in „Alles, was wir geben mussten“ — ohne Einschränkung zum Selbstopfer bereit. Für den Fall des Todes von Josie ließ deren Mutter eine perfekte künstliche Imitation anfertigen, eine täuschend echt aussehende humanoide Puppe. Klara soll Josie aufmerksam beobachten, um später in ihre Rolle schlüpfen zu können. Sie müsste dann ihre eigene „Identität“ opfern und ihr elektronisches Innenleben in die Puppe verpflanzen lassen. „Wenn der Tag kommt (…), dann sollst du mit allem, was du gelernt hast, die Josie dort oben bewohnen.“ Diese Lösung würde der Mutter den unerträglichen Verlust ihres Kindes ersparen. Sie hätte den Tod besiegt und für immer ein perfektes Kind bei sich, das ihrer Obhut nie entwachsen würde.

An dieser Stelle kommt auch der philosophisch interessanteste Aspekt des Romans zum Tragen. Der Androiden-Konstrukteur Capaldi nämlich möchte am Fall Josie/Klara demonstrieren, dass der Mensch komplett durch eine künstliche Imitation ersetzbar ist.

„Unsere Generation ist noch dem alten Fühlen verhaftet. Ein Teil von uns wehrt sich dagegen loszulassen. Der Teil, der nach wie vor glauben will, dass in jedem von uns etwas Ungreifbares ist. Etwas, das einzigartig ist und sich nicht übertragen lässt. Aber es gibt nichts dergleichen, und das wissen wir jetzt. (…) Es ist nichts in Josie, das die Klaras dieser Welt nicht fortsetzen könnten.“

Transhumanismus versus Religion

Diese Auffassung — wir wissen es — ist das Credo des Transhumanismus, der sich derzeit gern als die unaufhaltsame Zukunftsphilosophie beziehungsweise -technologie inszeniert. Der Mensch alten Typs wird sich demnach als ersetzbar erweisen, sogar als übertreffbar. Diese Auffassung hat die Leugnung eines authentischen Seelenkerns des Menschen zur Voraussetzung. „Was Sie brauchen, ist nicht Glauben. Nur Rationalität“, sagt Capaldi. Der Kernsatz des wissenschaftlichen Zeitalters. Interessant ist nun, dass der Gegensatz „Glaube“ versus „Rationalität“ auf ein medizinisches Problem übertragen wird. Welche der beiden Ideologien wird Josie retten können? Kann ein Mensch auf die Summe seiner äußeren Verhaltensweisen und seiner Wirkungen auf andere Menschen reduziert werden, kann man ihn somit durch künstliche Intelligenz ersetzen? Oder birgt das Menschsein etwas wie ein Geheimnis, dem man sich auf mystischem Weg besser annähert?

Überraschend wird die Dimension der Religion, des Glaubens in diesem Roman von Klara repräsentiert, die sich in anrührender, fast kindlicher Naivität den Narrativen der Technokraten entgegenstemmt. Klara, die ein solarbetriebener Android ist, glaubt an einen Gott, der allen Wesen Nahrung und Heilung bringen kann: die Sonne. Zweimal betet sie zu ihrer Gottheit um die Genesung Josies. Dies würde ihr im Erfolgsfall ersparen, ihre menschliche Freundin „vertreten“ zu müssen. Und das Wunder geschieht: Während das Mädchen krank auf ihrem Bett liegt, erhellt ein seltener Lichteffekt, ausgelöst durch eine besonders gleißende Sonnenstrahlung, den Raum. Josie gesundet aus rätselhaften Gründen. Der Glaube von Klara, der Roboter-Heiligen, hat geholfen.

Was uns im Kern ausmacht

Man kann über die „Moral“ dieser Pointe streiten, kann sie irreal finden oder kitschig.

Klar ist, dass Ishiguro damit das Genre-Klischee „Roboter sind die besseren Menschen“ auf die Spitze getrieben hat, indem er die Menschheit als spirituell ausgehöhlt beschreibt — bestrebt, auf transhumanistischen Krücken in eine kalte Zukunft zu schreiten, in der ausgerechnet die Androiden Bewahrer von etwas Warmherzigkeit sind.

Eine Menschheit auch, die aus Unfähigkeit, den Tod in ihr Leben zu integrieren, auf immer abwegigere Konstruktionen verfällt, um die Traurigkeit von ihrer Seele fern zu halten. Mono no aware, die Melancholie angesichts der Vergänglichkeit, ist für den modernen Menschen unaushaltbar geworden, weshalb er faden Trost im kalten Glanz des Mechanischen sucht. Josies Mutter und der Wissenschaftler Capaldi sind Gescheiterte einer sich übergriffig gebärdenden Machbarkeitsideologie; dagegen erscheint Klara als eine Heldin der Hingabe und des Vertrauens.

Einer, der noch immer in angenehmer Weise den „alten Menschen“ repräsentiert, ist Josies leiblicher Vater. In einem Gespräch mit Klara fragt er:

„Glaubst du an das menschliche Herz? Ich meine natürlich nicht einfach das Organ, sondern spreche im poetischen Sinn. Das Herz des Menschen. Glaubst du, dass es so etwas gibt? Etwas, das jedes Individuum besonders und einmalig macht?“

Und Klara glaubt: Sie, die perfekte Menschen-Imitatorin, glaubt an die Unnachahmbarkeit des menschlichen Wesenskerns. „Aber wie sehr ich mich auch bemüht hätte, wäre doch etwas geblieben, das außerhalb meiner Möglichkeiten war.“

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