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Ende der Schonzeit

Ende der Schonzeit

Das Rubikon-Buch „Die Öko-Katastrophe“ zieht NATO und herrschende Eliten für ihre Umweltverbrechen zur Rechenschaft.

Vor Kurzem erschien ein Buch auf dem deutschsprachigen Büchermarkt, das hochaktuell in den momentanen Zeitgeist passt. Vor dem Hintergrund bundes- und weltweiter Klimaproteste brachte Ende 2019 Rubikon, das Magazin für die kritische Masse, den Sammelband Die Öko-Katastrophe: Den Planeten zu retten, heißt die herrschenden Eliten zu stürzen heraus.

„Wie einst die Titanic rast die Menschheit ohne Abbremsen und Kurskorrektur direkt auf die Katastrophe zu“, so der Klappentext des Buches. Darin lassen die beiden Herausgeber — der Publizist Jens Wernicke und der Geheimdienst-Experte und Publizist Dirk Pohlmann — hochkarätige Autoren, teilweise von Weltrang, zu Wort kommen. Darunter Noam Chomsky, die Journalistin Karin Leukefeld, Rainer Mausfeld, Caitlin Johnstone, Franz Ruppert, Hermann Ploppa und viele andere.

„Bei den Themen Umweltzerstörung und globale Erwärmung herrscht mediales Totalversagen in unserem Land“, schreibt Herausgeber Wernicke in seiner Bucheinleitung „Die Planeten-Zerstörer“. Dazu ergänzt Co-Herausgeber Pohlmann in seinem Beitrag:

„Es gibt Probleme im politischen Alltag, die kommen und gehen, die im Prinzip auch lösbar sind. Und es gibt zwei Bedrohungen, die alle höheren Lebensformen auf unserem Planeten vernichten könnten: die Möglichkeit eines atomaren Krieges und der Kollaps unseres Klimas.“

Auch der Politologe und NATO-Kritiker Ullrich Mies hat einen Beitrag für das neue Buch verfasst. Er gewährte daraufhin Sputnik ein Interview.

„Fridays for Future” und „Extinction Rebellion“ als Auslöser

„Auslöser für dieses neue Buch waren die Proteste von ‚Fridays for Future‘ und ‚Extinction Rebellion‘ und vieler anderer Klima- und Umweltschutzorganisationen Ende letzten Jahres“, sagte Mit-Autor Mies im Sputnik-Gespräch. Der Sozial- und Politikwissenschaftler studierte in Duisburg und in Kingston, Jamaika, mit Schwerpunkt Internationale Beziehungen und schreibt für verschiedene Medien, darunter Rubikon oder scharf-links. Mit Jens Wernicke verfasste er 2017 das Buch „Fassadendemokratie und Tiefer Staat“.

„Wir selber als Autorenkollektiv verstehen dieses Buch insofern, als dass es ein Weckruf an die Bevölkerung sein soll“, sagte Mies im Interview. „Damit diese begreift, in welcher scherwiegenden Lage wir uns befinden.“ Es sei für die Bevölkerung Deutschlands und der Welt an der Zeit „den Ernst der Lage zur Kenntnis zu nehmen und sich der vor uns liegenden Herkulesaufgabe zu stellen, die die herrschenden Eliten seit etwa 50 Jahren systematisch verschleppen.“

Kritik an der Kritik: „Wichtig, dass junge Menschen überhaupt etwas tun“

Besonders „unappetitlich finden wir“, betonte er, „dass auch diese Aktivitäten von den ewigen Besserwissern aus unterschiedlichen Lagern wieder in den Schmutz gezogen werden, weil sie zum Teil von den falschen Leuten unterstützt werden. Als sei das ein Kriterium dafür, die grundlegenden Probleme nicht auf die Tagesordnung zu heben und die Herrschaftseliten unter Druck zu setzen.“ Dann stellte er klar:

„Für uns ist entscheidend, dass junge Menschen überhaupt wieder aktiv werden und für ihre zentralen Zukunftsanliegen auf die Straße gehen.“

Es sei schade, dass unüberlegtes „Greta-Thunberg-Bashing“ und teils völlig überzogene Kritik die jungen Klima-Aktivisten treffe.

Denn: In der Sache würden die jungen Demonstranten richtig liegen. Die Welt stehe tatsächlich vor „einer Ökokatastrophe“: Nicht nur das Klima befinde sich im Wandel. Auch die „gefährdete Ökosphäre“, riesige Plastikinseln in den Weltmeeren und kaum noch zu organisierende Müllhalden sowie der Raubbau an der Natur — Stichwort Seltene Erden für die Elektronik- und Handyproduktion — seien akute Probleme für die Menschheit.
„Aktuell wird aus Sicht der Autorinnen und Autoren eine völlig verengte Diskussion geführt“, bedauerte Mitautor Mies im Gespräch.

„Die große Ökologieproblematik wird reduziert auf die Klimadebatte. Korrekter ausgedrückt: Die große Ökologiedebatte findet gar nicht statt. Die darf auch gar nicht geführt werden, weil dann das ganze zerrüttete System ins Schleudern käme. Stattdessen ist der Internetkrieg darüber ausgebrochen, ob es eine Klimakrise überhaupt gibt und ob sie Menschen gemacht ist. Da werden aktuell ganze Hassdebatten losgetreten und am liebsten würden sich die Diskutanten die Augen ausstechen.“

Dies sei sehr zu bedauern.

„Der Natur ist es völlig egal, wer sie zerstört“, schreibt Mies in seinem Beitrag „Planetarer Super-GAU“ im neuen Buch: „Produktivität, Ideologien, der Klassengegensatz, Kolonialismus, Imperialismus oder welches Kriegsgeschehen auch immer.“

Ende Januar sprach bereits RT Deutsch mit ihm über das neue Buch.

Warum politische und wirtschaftliche „Eliten“ verantwortlich sind

„Alle Autorinnen und Autoren in dem Buch halten die politischen und ökonomischen Eliten für maßgeblich verantwortlich für diese negative Entwicklung“, erklärte der Politologe gegenüber Sputnik.

Denn die selbst ernannten „Eliten“ seien „genau diejenigen, die sich in ihrer Arroganz ständig über die Belange der Bevölkerung erheben und sich als Nabel der Welt und Schaltzentren der Macht begreifen. Diese ‚Eliten‘ sind es, die die Weichen in Wirtschaft und Politik stellen. Nicht die Bevölkerung. Und darum halten wir die Verantwortung der ‚Eliten‘ für überproportional. Die Interessen der Bevölkerung spielen in den Fassadendemokratien des Westens keine oder eine völlig untergeordnete Rolle. Alle Probleme, die in dem Buch angesprochen werden, waren in ihren Grundzügen ja bereits vor 30, 40 oder sogar schon vor 50 Jahren bekannt.“

Um den Planeten zu retten: „Eliten stürzen!“

Die Herrschafts-„Eliten“ in Politik, Wirtschaft und Militär seien „nicht Teil der Lösung, sie sind das zentrale Problem“, formulierte Mies scharfe und klare Worte.

„Sie wollen den marktradikalen Kapitalismus nicht verlassen, weil er der Garant ihres Reichtums und ihrer Machtpositionen und Machtfunktionen ist. Die ‚Eliten‘ sind mit dem Geld-Macht-Komplex — wie es Hans-Jürgen Krysmanski in seinem Buch: ‚0,1 Prozent — Das Imperium der Milliardäre‘ ausgedrückt hatte — systemisch verwoben. Die ‚Eliten‘ sind integraler Bestandteil des marktradikalen Kapitalismus. Von oben ist gar nichts zu erwarten, nur von unten. Das geht eben nur durch massiven Druck. Deshalb das gigantische Störmanöver gegen Umweltaktivisten. In Großbritannien hat die Polizei die Organisation ‚Extinction Rebellion‘ bereits als Terroristen eingruppiert.“

Das Autorenkollektiv sei „davon überzeugt, dass wir im Westen einen kompletten Wechsel des ökonomischen und politischen Systems brauchen, der nur dann zu bewerkstelligen ist, wenn die sogenannten ‚Eliten‘ ausgetauscht werden. Der erforderliche grundsätzliche Wandel kann nur erfolgen, wenn diejenigen gestürzt werden, die uns in die gigantische Umweltmisere geführt haben, die unmittelbar auch mit der Friedensfrage verbunden ist.“

Was bei der Klimadebatte völlig vergessen wird: Die NATO und das Militär

Die Realitäten des Klimawandels würden sich bereits abzeichnen, mahnte der Politikwissenschaftler mit Blick auf das westliche Militärbündnis der NATO und weitere militärische Aktivitäten:

„Für das US-Militär ist die Klimadebatte längst gegessen, der Klimawandel ist für das Pentagon längst Fakt. Das US-Militär stellt sich bereits auf den Klimawandel ein, weil es sich in seiner Kernaufgabe — Russland und China zu bekämpfen — durch die zunehmenden Effekte des Klimawandels in seiner Handlungskompetenz und Kernaufgabe, Kriege zu führen, massiv eingeschränkt sieht. Die US-Militärs sehen sich durch die auf sie zukommenden Klimaprobleme massiv gefährdet. Die US-Kriegsfähigkeit ist bedroht. Deswegen sind auch Forscher vom Militär so an der Umweltfrage interessiert. Da laufen die klimarelevanten Daten zusammen auf etwa 4.000 Militärstützpunkte in den USA und noch mal auf etwa 1.000 externe US-Stützpunkte, die weltweit verteilt sind.“

Die gegenwärtig geführte Klimadebatte werde dem Ernst der Lage, in dem sich die Menschheit befindet, in keiner Weise gerecht.

„Diese Engführung ist eine Meisterleistung der psychologischen Kriegsführung und Propaganda, weil allerletzte Gewissheit natürlich erst dann erbracht ist, wenn den Menschen in den Küstenregionen das Wasser bis zum Hals steht und auch noch der letzte Gletscher sowie die Antarktis und die Arktis abgetaut sind.“

Der Westen „ist mit seinem Entwicklungsmodell aus meiner Sicht vollkommen gescheitert, und die sogenannten Führungseliten sind bis zum heutigen Tage darüber hinaus unfähig, in Kategorien der Kooperation zu denken — im Gegenteil. Sie setzen auf Konfrontation, weil sie wissen, dass es innerhalb ihrer eigenen kapitalistischen Wachstumslogik nur zulasten anderer Staaten gehen kann. Darum rüsten sie auf und verschwenden wertvolle finanzielle und natürlich Ressourcen und leisten sich hochgradig gesellschaftsschmarotzende Militärmaschinen. Und schauen Sie sich die Militärstrategien des Westens in Sonderheit der USA und der NATO an. Das geht alles genau in diese falsche Richtung — mit der Merkel-Regierung im Kanonenboot sozusagen.“

US-Präsident Jimmy Carter: Problem schon 1977 erkannt

Interviewpartner und Buchautor Mies warf einen historischen Blick zurück, denn es gab schon weit vor dem aktuellen Werk „hervorragende Wissenschaftler und geistige Vordenker“, die schon vor Jahrzehnten auf diese Probleme aufmerksam gemacht haben:

„Die US-Regierung unter Präsident Carter hatte bereits 1977 eine große Umweltstudie, ‚Global 2000‘, in Auftrag gegeben. Deren Ergebnisse lagen im Jahre 1980 vor: Über 1000 Seiten Umweltwissen, gigantisch, das kann man heutzutage noch lesen. Seit jener Zeit kann sich niemand mehr in den Herrschaftsetagen damit herausreden, er oder sie habe nicht gewusst oder wissen können, wie es um unsere Umwelt steht. All diese Erkenntnisse aus den siebziger, achtziger, und neunziger Jahren des früheren Jahrhunderts führten bis heute nicht zum erforderlichen fundamentalen Umdenken. Im Gegenteil: Die Carter-Studie verschwand unter der Reagan-Administration wieder in den Schubladen und es erfolgte nicht nur ‚business as usual‘, sondern der Einstieg in die neoliberale Phase des Kapitalismus.“

Der Westen habe es „bis heute nicht verstanden, Naturverbrauch, Wirtschaft und Konsumverhalten der breiten Bevölkerungsschichten miteinander zu harmonisieren.

Also geht der Wahnsinn immer weiter und seit dem Totalsieg des Kapitalismus 1989/90 geht er in eine intensivierte Globalisierung über. Mit allen Ressourcenkriegen, die bereits laufen und die noch kommen werden.“ Damit spielte Mies beispielsweise auf Kriege um den Rohstoff Wasser an, die bereits seit mehreren Jahrzehnten — vor allem in trockenen Regionen und Wüstengebieten — toben. Meist völlig unbeobachtet von der Weltgemeinschaft.

„Wir stehen vor einem Umwelt-Desaster …“

Die Folgen aufgrund fehlender oder nur unzureichender Umweltpolitik in Deutschland, Europa und der Welt seien gegenwärtig für jeden sichtbar:

„Heute stehen wir vor einem umweltpolitischen Desaster, weil die herrschenden ‚Eliten‘ die letzten 40 Jahre nicht dazu benutzten, ein Wirtschaftssystem zu schaffen, das mit den Reproduktionsmöglichkeiten des Planeten in Einklang ist. Da die Menschheit aufgrund der gigantischen Versäumnisse der herrschenden Klassen nun an der letzten Weggabelung steht — an der letzten Weiche sozusagen — um den Planeten und damit sich selbst noch zu retten, haben wir aus aktuellem Anlass die Beiträge verfasst. Wir alle haben das gemacht, um auf die Dramatik der Lage hinzuweisen, die keinen Aufschub mehr duldet.“

Der neue Rubikon-Sammelband unterscheide sich von anderen Fachbüchern zur Umweltproblematik „durch einen radikalen Ansatz“, machte Mies deutlich. „Weil sämtliche Autoren und Autorinnen der Auffassung sind, dass es mit irgendwelchen kosmetischen Korrekturen oder mit ‚Green Capitalism‘ oder diesen oder jenen Reförmchen nicht getan ist“, kritisierte er.

„Fragen Sie mal einen Physiker, ob grenzenloses Wachstum in einem geschlossenen System begrenzter Ressourcen möglich ist — der lacht sich tot und wird Ihnen sagen, dass Sie in die geschlossene Abteilung der Psychiatrie gehören. Aber draußen erzählen uns die Politchargen, das sei möglich.“

„Menschheit muss endlich verstehen, dass …“

Eine nachholende Entwicklung der Großmächte von Morgen und teilweise schon heute — China, Russland oder auch Indien — hält der Politologe „auf der Grundlage westlicher Standards ohne absolute Zerstörung des Planeten für vollkommen ausgeschlossen.“ Die Menschheit müsse endlich verstehen lernen, „dass sie ihre Wirtschafts- und Politiksystem mit der Begrenztheit des Planeten harmonisieren muss. Dass die Menschheit entweder Frieden mit dem Planeten und der Natur schließt und ihre Wirtschaftsmodelle diesen begrenzten Ressourcen absolut unterordnet. Oder sie wird gnadenlos untergehen.“

Ein Satz des weltbekannten Linksintellektuellen Noam Chomsky mahnt im Buch abschließend die gesamte Erdbevölkerung:

„Die gegenwärtige Generation muss eine Entscheidung treffen, ob die organisierte menschliche Gesellschaft noch ein paar Generationen überleben soll — und sie muss dies schnell tun, weil wir keine Zeit mehr zu verlieren haben.“




Quellen und Anmerkungen:

Dieser Text ist eine Rezension zum Buch von Jens Wernicke & Dirk Pohlmann (Hrsg.) et al: „Die Öko-Katastrophe: Den Planeten zu retten, heißt die herrschenden Eliten zu stürzen“, Rubikon-Betriebsgesellschaft, erste Auflage (November 2019), 384 Seiten, 24,80 Euro (als e-Book: 14,99 Euro). Das Buch ist überall im Handel erhältlich.

Der Artikel erschien zuerst auf Sputnik-News.

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