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Eliten im Traumaschatten

Eliten im Traumaschatten

Die weltweit zu beobachtende Spaltung der Gesellschaft fiel in Deutschland auf unvergleichbar fruchtbaren Boden. Exklusivabdruck aus „Die Wiedergutmacher“.

Schaut man sich die Entscheider und Protagonisten der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen in Deutschland näher an, stößt man unweigerlich auf die Generation der Babyboomer. An den Schaltstellen der Macht, politisch, medial und kulturell, sitzen die Geburtenjahrgänge von 1955 bis 1970. Ich gehöre selbst dazu und bin als Autor und bildender Künstler ein Vertreter des kulturellen Flügels. Im ersten Teil dieses Buches möchte ich die Besonderheiten meiner Generation skizzieren, die sich gegenüber Amerikanern, Briten, Franzosen und vielen anderen westlichen Demokratien doch erheblich unterscheidet.

Denn nicht nur die viel beschriebene Schuld und Täterschaft der Deutschen während des Zweiten Weltkrieges ist einzigartig, sondern gemessen am Rückbranden des Kriegsgeschehens auf deutschen Boden hat auch die deutsche Bevölkerung im Vergleich zu anderen westlichen Staaten eine ungleich höhere Zahl persönlicher und struktureller Schäden zu beklagen. Während die zivilen Toten der Staaten aus Übersee naturgemäß gegen null gehen, beklagt Deutschland allein 1,2 Millionen tote Zivilisten, darunter viele Frauen und Kinder. Doch zunächst ein Vergleich der absoluten Kriegstoten einiger westlicher Nationen, Zahlen die betroffen machen: USA: 400.000, Frankreich: 360.000, Großbritannien: 330.000, Kanada: 40.000, Australien: 30.000, Deutschland jedoch: 6,4 Millionen Tote.

Hinzu kommt das kollektive Trauma durch den Heimatverlust von 12 bis 14 Millionen Deutschen, die gewaltsam aus den ostdeutschen Gebieten vertrieben wurden. Vor allem Frauen, Kinder und Greise erlebten auf ihrer überstürzten Flucht im Winter 1945 die Hölle. Zu den über 6 Millionen Kriegstoten und den 12 Millionen Vertriebenen kommen noch einmal 2 Millionen deutsche Frauen und junge Mädchen hinzu, die von der systematischen Massenvergewaltigung durch russische Soldaten betroffen waren.

Mir ist bewusst, dass allein das Erwähnen deutscher Opferzahlen vielerorts Entrüstung auslöst und in der Regel reflexartig der Satz folgt: „Ja — aber was willst du damit eigentlich sagen! Deutschland hat doch den Krieg angefangen!“ Selbstverständlich. Das Benennen von Tatsachen ist keineswegs mit dem Vorsatz verbunden, deutsche Schuld zu relativieren, Opferzahlen aufzurechnen oder Verbrechen zu leugnen. Natürlich lernt jeder deutsche Grundschüler, dass Deutschland in Bezug auf den Holocaust und Russland noch ganz andere Zahlen zu verantworten hat, nämlich 6 Millionen getötete Juden und unfassbare 26 Millionen Tote auf dem Gebiet der heutigen Sowjetunion.

Mir geht es an dieser Stelle nicht um Aufrechnungen, Schuld, Verantwortung oder Gerechtigkeit. Die Debatte über „verdienten“ oder nicht verdienten Schaden an der deutschen Bevölkerung, über die Kollektivschuldthese und andere moralische Bewertungen möchte ich an dieser Stelle überhaupt nicht führen.

Mir geht es schlichtweg darum aufzuzeigen, dass bei der Generation der deutschen Babyboomer — im Vergleich zu anderen westlichen Staaten — eine statistisch ungleich höhere Wahrscheinlichkeit besteht, aus einer durch Gewalt vorbelasteten Familie zu kommen.

In den USA, England oder Frankreich gibt es diese nahezu flächendeckende persönliche Betroffenheit durch Täter- oder Opferschaft de facto nicht. Denn rechnet man obige Zahlen der persönlich betroffenen Deutschen hoch, so gibt es in nahezu jeder deutschen Familie wenigstens ein Familienmitglied, das getötet, verwundet oder vergewaltigt wurde.

Zudem ist ja völlig klar, dass es innerhalb der betroffenen Generation eine kaum zu bemessende Anzahl geleugneter Täterschaft gibt, das heißt, eine saubere Trennlinie zwischen „Opfern“ und „Tätern“ lässt sich in einem Gewaltraum so gut wie niemals ziehen. Deutschland bis 1945 als ebendiesen Gewaltraum zu erkennen, in dem sowohl durch Opferschaft als auch durch Täterschaft eine nahezu flächendeckende Betroffenheit der Bevölkerung gegeben war, ist für das weitere Verständnis dieses Buches unerlässlich.

Deutsche Babyboomer sind nicht einfach nette, unbelastete, lebensfrohe Fünfzigjährige wie in anderen westlichen Demokratien auch. Sie sind die Kinder von Eltern, die als Kinder um ihr Leben rannten, auf der Flucht aus dem Osten. Sie sind die Kinder von Eltern, die in Bunkern der Großstädte zitterten oder mit ansehen mussten, wie Eltern, Geschwister oder Freunde verbrannten oder vergewaltigt wurden. Deutsche Babyboomer sind die Kinder von Vätern, die bei den Pimpfen oder der Hitlerjugend lernten, dass deutsche Männer zäh, flink und hart sein müssen. Sie sind die Kinder von Müttern, die beim Jungmädelbund oder Bund Deutscher Mädel (BDM) lernten, dass das Schlachtfeld einer tapferen deutschen Mutter das Kindbett ist.

Deutsche Babyboomer sind die Kinder von Eltern, die ohne Väter aufwuchsen oder deren Väter körperlich oder seelisch so verwundet waren, dass sie ihren Kindern niemals nahekommen konnten.

Babyboomer sind die Kinder von Kindern, die von kalten, verbitterten Müttern erzogen wurden, die alles verloren hatten, oftmals auch die Liebe zu ihrem eigenen Körper. Und — deutsche Babyboomer sind die Enkel von Großeltern, die einem verbrecherischen Regime zujubelten, die von Stalingrad bis El-Alamein Krieg führten und die Menschen wegen ihrer Abstammung oder persönlicher Merkmale ausgrenzten und töteten.

Aufgrund der emotionalen Verkümmerung ihrer Eltern und Großeltern haben viele Babyboomer früh gelernt, sich anzupassen, nicht aufzufallen und ihre Familie so gut wie möglich zu stützen. Den wenigsten ist überhaupt bewusst, dass sie dabei selbst um die eigene Kindheit betrogen wurden. Diese zu früh, häufig falsch und deshalb gar nicht erwachsen gewordene Generation beginnt erst zögerlich zu begreifen, was ihr tatsächlich widerfahren ist.

Das Tabu, darüber zu sprechen, der fehlende Vergleichsrahmen und die Selbstbeschwichtigungen sorgten lange Zeit dafür, etwaige psychische Probleme für selbst verschuldet zu halten. Nur zögerlich setzt sich die Erkenntnis durch, dass viele der für individuell gehaltenen Probleme in Wirklichkeit gewaltige kollektive, transgenerationale Hintergründe haben. Viele Babyboomer verstanden erst zur Lebensmitte und häufig erst nach dramatischen persönlichen Krisen, was in ihrer Kindheit tatsächlich geschehen war. Wer unter ihnen die Zusammenhänge erkannte und sein Trauma in Gruppen und auf Tagungen aufarbeitete, suchte schließlich nach einer geeigneteren Bezeichnung für seine Generation.

Die niedliche, auf die bloße Tatsache der Größe der Generation abhebende Bezeichnung „Babyboomer“ wich einem neuen, selbst gewählten Generationentitel: Kriegsenkel. Der Begriff verwies auf den Kern des Themas: die eigenen Großeltern als aktive Protagonisten des Zweiten Weltkrieges. Die wissenschaftlich-psychologisch-historische Forschung auf diesem Gebiet ist vergleichsweise jung, dennoch gibt es mittlerweile eine Vielzahl an Literatur über die transgenerationale Weitergabe kriegsbelasteter Kindheiten.

In diesem Buch werde ich die konkreten Mechanismen der transgenerationalen Weitergabe lediglich streifen können, ansonsten verweise ich auf die weiterführende Literatur, zu der auch meine beiden vorangegangenen Bücher zählen. Zum weiteren Verständnis setze ich die These als gegeben, dass viele Babyboomer — oder besser Kriegsenkel — bewusst oder unbewusst innerpsychische Probleme haben, die idealerweise verarbeitet werden sollten.

Insbesondere eine unnatürliche Bindung an die Eltern, ein „Nicht-erwachsen-Werden“ und ein diffuses Schuldgefühl für die Verwerfungen der eigenen Familie werden den Babyboomern nachgesagt. Doch wie schon bei der Generation zuvor stellt sich nur ein kleiner Prozentsatz meiner Generation diesem Prozess — und dies aus verständlichen Gründen.

Die Heilung von einem psychischen Trauma, ganz gleich welcher Art, funktioniert letztlich nur dadurch, dass man den Schmerz der einstigen Ursache wiedererlebt. Nicht jeder hat den Mut dazu.

Allerdings geht nichts in diesem Universum verloren, auch der Schmerz der Kindheit nicht. Unangesehener, geleugneter Schmerz bahnt sich auf andere Weise seinen Weg zum Licht. Es ist das kleine Einmaleins der Psychologie, dass sich ungeklärte, verdrängte, innerpsychische Probleme als Projektionen, Überkompensationen und ausagierte Handlungen Bahn brechen. In diesem Buch stelle ich deshalb die berechtigte Frage: Wie erwachsen, wie gesund und wie bewusst sind deutsche Eliten in Politik, Medien und Kultur.


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