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Einsatz für Bernie

Einsatz für Bernie

Die Demokraten unter Sanders erfinden die Demokratie gerade neu — mit Hilfe aus aller Welt.

Florian Kirner: Sie sind soeben in South Carolina, davor waren Sie in New Hampshire. Sie beteiligen sich als deutscher Wahlkampfhelfer an der Kampagne von Bernie Sanders. Wie kommt man dazu?

Mathias Gößling: Ich habe schon 2016 die Kampagne von Bernie Sanders mit großer Begeisterung verfolgt. Als ich gehört habe, dass er 2020 wieder antritt, habe ich gezielt nach Möglichkeiten Ausschau gehalten, wie ich mich beteiligen kann. Und es gibt tatsächlich ein Programm mit Namen „Bernie Journey“.

Das ist ursprünglich konzipiert, um Helfer aus anderen US-Bundesstaaten in den vier Staaten mit den frühesten Vorwahlterminen einzusetzen. Man kann aber auch als Ausländer daran teilnehmen und das machen ziemlich viele. Ich arbeite intensiv mit einem Niederländer zusammen, ich habe einen Australier getroffen, in Portsmouth, New Hampshire sind 15 Niederländern zusammen angereist und haben mitgeholfen. Also, Bernie inspiriert die ganze Welt.

In Deutschland sind Sie auch politisch aktiv. Was fiel Ihnen denn an der Kampagnenkultur von Bernie Sanders als erstes auf?

Die Sanders-Kampagne ist meines Erachtens grundsätzlich verschieden von so ziemlich allem, was wir bisher erlebt haben. Man sagt ja, dass Obama den Fehler gemacht hat, erst eine riesige Kampagne aufzubauen, um gewählt zu werden — aber als er dann im Amt war, hat er diese Massendynamik eingehen lassen, um hinterher festzustellen, dass er sich als Präsident gegen die geballten Lobbyinteressen nicht mehr durchsetzen konnte.

Bernie will das anders machen. Der Slogan der Kampagne lautet: „Not me — us!“ Also: „Nicht ich, sondern wir!“

Er sagt:

„Ich alleine als Präsident werde nicht die Macht haben, all die wichtigen Dinge, die jetzt anstehen, durchzusetzen. Darum brauche ich eine große Community von Freiwilligen, um das zu wuppen.“

Hier wird eine Neuerfindung der Demokratie versucht. Ziel ist, dass sich Massen, Millionen von Menschen, organisieren und Teil des politischen Prozesses werden.

Das scheint erstaunlich gut zu funktionieren. Bisher haben mehr als sieben Millionen Menschen für die Sanders-Kampagne gespendet. Die Zahl der tatkräftig Engagierten liegt weit über einer Million. Wie sieht das vor Ort aus? Was machen Sie zum Beispiel konkret?

Die ganze Kampagnenarbeit basiert auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und die sagen wohl eindeutig, dass persönliche Gespräche die Politik verändern. Darum machen die Sanders-Leute vier Dinge: Sie sammeln Spenden, denn ohne Geld geht es nicht. Sie gehen von Haus zu Haus und reden mit Leuten. Sie rufen Leute an. Und sie schicken Textnachrichten.

Sie machen nichts anderes, auch keine Infostände oder so. Es geht fast ausschließlich darum, mit Menschen zu sprechen. Mein Job besteht darin, den ganzen Tag durch die Stadt zu rennen und an Türen zu klopfen und die Leute zu fragen: „Wen wählst Du denn — und warum?“

Aus diesen Gesprächen ergeben sich am Ende Mehrheiten, weil die Leute in den Gesprächen auf Augenhöhe, mit Nachbarn, mit Bekannten, merken, worum es geht und wie sehr sie selbst auch von Veränderungen profitieren könnten.

Ich sehe dabei Dinge, die man als Deutscher kaum ertragen kann. Leute, die krank sind und keine Krankenversicherung haben und denen nicht geholfen wird — es ist offensichtlich, dass sich hier etwas ändern muss.

Tür-zu-Tür-Wahlkampf … da hätte ich zunächst einmal das Gefühl einer großen Hemmung. Da steht man, als Deutscher noch dazu, an der Haustür wildfremder Menschen und soll sie befragen, was sie wählen. Wie sind denn die Reaktionen? Knallen nicht viele die Tür zu?

Die Leute sind wirklich wahnsinnig freundlich und aufgeschlossen. Im schlimmsten Fall sagen Menschen leicht genervt, dass sie gerade wirklich keine Zeit haben oder machen eben nicht auf.

Ich habe für mich, nach einigem Herumprobieren, die Methode entwickelt, dass ich zunächst frage: „Hello! How are you?“ Das ist eben so die amerikanische Art, das muss man erst einmal gesagt haben. Und dann sage ich, dass ich Mathias aus Deutschland bin, damit die Leute nicht irritiert sind wegen meines Akzents. Dann leuchten schon die Augen und die Leute sagen: „Wow, da steht ein Deutscher an meiner Tür und will mit mir über Bernie Sanders reden!“

Deutsche sind total beliebt, und das hilft mir natürlich. Dann frage ich: „Gehen Sie wählen?“ Die meisten sagen schon „Ja“. Dann frage ich: „Wen?“ und dann antworten sie, den oder die oder „Das möchte ich nicht sagen“. Aber einige sind auch richtig froh und interessiert und wollen gerne darüber sprechen. Viele sind aber natürlich auch nicht da oder machen nicht auf. Aber es gibt tatsächlich einige, die noch nicht entschieden sind oder mehr Information haben möchten. Und ich habe einige Kollegen in der Kampagne, die sind wirklich fantastisch darin, diese Art der Gespräche zu führen. Unsere Aktivisten sind überhaupt durch die Bank supernette, hochkompetente Menschen. Die Leute reden gerne mit ihnen.

Die Sanders-Kampagne scheint einen Mechanismus entwickelt zu haben, wie sie aus Freiwilligen Aktivisten und aus Aktivisten Topprofis macht. Wie funktioniert das, immer mehr neue Menschen in die Bewegung zu ziehen, die dann in kürzester Zeit selbständig agieren?

Ein großer Teil ist, dass es einfach Spaß macht. Ich bin selber ein schüchterner Mensch und in einem fremden Land an Haustüren zu klopfen, ist eigentlich ein Albtraum für mich. Aber es macht wirklich Spaß. Und alle, die ich in der Kampagne getroffen habe, sind offen, freundlich, ticken ähnlich wie ich: man lernt lauter supergute Leute kennen, und das Gefühl, dass man gemeinsam an etwas arbeitet und Erfolg hat dabei, tut einfach gut. Und das zieht immer mehr Menschen an.

Wie ist Ihre Einbindung in die organisatorischen Strukturen der Kampagne? Wer sagt Ihnen, in welchem Stadtviertel Sie an welche Tür klopfen sollen?

Es gibt wie gesagt dieses Programm „Bernie Journey“ und dann gibt es im Internet Listen, wo die ganzen Büros dieses Programms aufgelistet sind. In New Hampshire gab es fünf solcher Büros. Dann geht man da hin, da sind hauptamtliche Mitarbeiter und die haben ein sehr ausgeklügeltes System von Daten, die sie verwalten. Die geben Dir dann eine Liste von Straßenzügen und Häusern, die Du bearbeiten sollst. Die Ergebnisse trägst Du in eine App ein. Wenn man dann fertig ist mit seiner Liste, gibt man die ab, hat ein kurzes Feedbackgespräch und kriegt die nächste Liste und zieht wieder los. Das ist so der Ablauf.

Der deutsche Blick auf die USA besagt, sicherlich auch vielfach berechtigt, dass die Demokratie dort in keinem besonders guten Zustand ist. Aber hat dieser Prozess der Vorwahlen nicht auch etwas sehr Aktivierendes? Speziell im Gegensatz zu Deutschland, wo der Normalbürger beispielsweise auf den Prozess der Listenaufstellungen keinerlei Einfluss hat?

Dieser Gedanke ist mir tatsächlich gestern oder vorgestern auch gekommen. Es erscheint natürlich zunächst aus deutscher Sicht unendlich kompliziert. Da hat man erst diese Vorwahlen, das geht länger als ein halbes Jahr, dann kommen erst die richtigen Wahlen — bei uns geht das natürlich schneller.

Aber ich konnte in New Hampshire miterleben, welchen Effekt dieser Prozess hat. Als ich hinkam, waren die meisten Leute noch ziemlich unentschlossen. Aber die Diskussion hat sich zu einem Kristallisationspunkt hinentwickelt und irgendwann merkte man, jetzt wird es ernst, jetzt muss ich meine Entscheidung treffen. Das war sehr spannend zu sehen, wie sich der Entscheidungsprozess der Leute weiterentwickelt hat.

Vielleicht braucht dieses riesige Land so einen hoch komplizierten Prozess, damit ein Konsens gefunden werden kann und alle an einem Strang ziehen. Denn das ist entscheidend in einer Demokratie: dass die Menschen einen gemeinsamen Willen entwickeln.

Inwieweit erleben Sie die USA auch als das Land unter Donald Trump, als polarisiertes Land? Oder sind auf den Listen, die Sie bekommen, ohnehin nur Wähler der Demokraten?

Für uns war natürlich eine große Frage, was die Topthemen der Leute sind. Und unter den demokratischen Wähler ist es ganz eindeutig: dass Trump wegkommt! Trump muss weg — das ist Priorität 1 und auch viele Republikaner sind sehr unglücklich und empfinden es als beschämend, dass jemand wie Trump im Weißen Haus ist. Es gibt aber natürlich auch Menschen, die „Make Amerika Great Again“ blind kaufen und da wird es dann schwierig im Gespräch. Aber nie, wenn es um die Sachfragen geht.

Wenn ich zum Beispiel sage: „Ich komme aus Deutschland, bei uns ist das Bildungssystem im Wesentlichen umsonst, da ist jeder Bürger krankenversichert und wenn ich zum Arzt gehe, kommt hinterher keine Rechnung!“ … dann kriegen die schon alle große Augen und fragen sich: „Warum haben wir das nicht?“

Insofern gibt es Leute, die Trump toll finden. Aber in den Sachfragen kriegt man eigentlich einen Konsens mit jedem.

Die ersten beiden Vorwahlen, Iowa und New Hampshire, liegen hinter uns. Sanders hat beide gewonnen, wobei es in Iowa ziemlich dubiose Umstände gab mit einer Wahl-App, die nicht funktioniert hat. Wie groß ist in der Sanders-Kampagne die Angst, dass man von der demokratischen Parteibürokratie um den Erfolg betrogen wird?

Die Hoffnung wäre natürlich, dass die in Iowa technisch einfach Mist gebaut haben. Unbestritten ist aber, dass die Wahl 2016 nicht fair abgelaufen ist, dass Hillary Clinton ganz klar bevorteilt wurde und dass uns das den Sieg gekostet hat. Sanders hätte ganz klar gewonnen gegen Trump. Da hat die Parteistruktur eindeutig versagt und das war ein Fehler. Ich denke aber, dass einige Personen daraus gelernt haben.

Andererseits stößt Bernie Sanders weiterhin auf riesige Widerstände, vor allem in den Medien. Das ist weit entfernt von dem, was eine objektive Berichterstattung erfordern würde. Bisher ist es noch nicht so schlimm wie 2016. Wenn Sanders aber jetzt anfängt zu gewinnen, muss man mit allem rechnen.

Denn Bernie legt sich mit allen an: mit der Pharmaindustrie, mit der Rüstungsindustrie, mit jedem, der irgendwie Macht hat. Von diesen Machtstrukturen wird ein Riesen-Backlash kommen, das ist ganz klar. Insofern ist es eine gewaltige Aufgabe, vor der wir stehen.

Die Medienberichterstattung ist bereits jetzt unglaublich negativ. Auf MSNBC wurden Bernies digitale Unterstützer als „Braunhemden“ bezeichnet. Aber was erleben Sie mit den normalen Leuten? Sind Sie sehr beeinflusst davon oder haben sie eine gesunde Skepsis gegenüber den Medien entwickelt?

Menschen, die sich für Politik interessieren, durchschauen das natürlich. Zumal jeder weiß, dass die Situation, wie sie in den USA ist, untragbar ist und grundlegende Veränderungen dringend notwendig sind.

Aber Wahlen werden auch entschieden durch weniger gut informierte Menschen, von klassischen Fernsehkonsumenten. Das ist wiederum eine große Herausforderung.

Genau deshalb braucht Sanders diese riesige Organisation, die dafür sorgt, dass Nachbarn mit Nachbarn sprechen und sagen: „Pass auf, das kannst Du nicht alles glauben, was im Fernsehen erzählt wird. In Wirklichkeit sieht es so und so aus…“

Zum Glück werden solche persönlichen Gespräche als glaubwürdiger empfunden und geben auch mehr Ausschlag für die Wahlentscheidung als die Berichterstattung der Medien. Zumal auch der Naivste inzwischen schon zumindest den Verdacht hat, dass nicht alles zu 100 Prozent zuverlässig ist, was dort erzählt wird.

Die Sanders-Kampagne operiert auch mit Wahlkundgebungen, die geradezu wie Rockkonzerte ablaufen, teilweise aber auch wirklich Konzerte sind, wo sehr namhafte Bands spielen und dann wieder Reden gehalten werden. Waren Sie bei so einer Kundgebung dabei?

Ja, ich war am 10. Februar in Durham, in der Nähe von Portsmouth, wo ich stationiert war. Da gab es ein sensationelles Aufgebot von Superstars der Bewegung, Bernie Sanders, Alexandria Ocasio-Cortez, Cornell West, Nina Turner … die größten Namen waren da und die kommen wirklich wie Rockstars auf die Bühne. 7.500 Leute waren da. Das war eine Megastimmung und -Energie in dem Saal. Es macht einfach Spaß, dabei zu sein.

Es ist interessant zu sehen, wie ein Wahlkampf, der in Deutschland ja doch meistens sehr trocken und seriös abläuft, so eine Energie abstrahlen kann. Es geht im Kern darum, eine Gemeinschaft aufzubauen. Und das kriegt man hin, wenn sich Menschen mit einer solchen Begeisterung hinter ihre Ideale stellen.

Es ist eine Art von Glück, wenn man weiß: „Wir sind auf der richtigen Seite!“

Eine Frage, die die Bewegung immer wieder stellt, lautet: „Bist Du bereit, für jemanden zu kämpfen, den Du nicht kennst?“ Ich kriege eine Gänsehaut, wenn ich das erzähle. Sich zu besinnen auf seine grundsätzliche Menschlichkeit und zu sagen: „Ja, das gehört dazu! Das machen wir. Denn wir können als Gemeinschaft nur bestehen, wenn wir uns auch für Menschen einsetzen, die wir nicht kennen. Wenn wir nicht mehr egoistisch sind. Sondern wenn wir uns gemeinsam dafür einsetzen, dass es allen gut geht.“

Diesen Gemeinschaftssinn zu erleben, mit einer tollen Band, das ist schon der Wahnsinn. Da möchte man einfach dabei sein.

Wie lange sind Sie noch da? Und haben Sie Überlegungen, was von diesen Erfahrungen Sie vielleicht in die politische Kultur in Deutschland einbringen könnten?

Ich fliege am 20. Februar zurück. Die Wahl in South Carolina findet zwar am 29. Februar statt. Aber mehr als drei Wochen konnte ich mir nicht leisten.

In Deutschland möchte ich das definitiv einbringen. In Münster planen wir konkret ein Bürgerbegehren, um die Stadt bis 2030 klimaneutral zu machen. Da kann man den Tür-zu-Tür-Wahlkampf super nutzen. Dazu kommt der Kommunalwahlkampf in NRW im Herbst. Da will ich meine Erfahrungen auch gerne einbringen, aber ich möchte unbedingt auch nochmal in die USA kommen vor der Wahl im November.

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