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Eine unbequeme Wahrheit

Eine unbequeme Wahrheit

Wie die Welt zum Besseren gestaltet werden kann, ist lange bekannt.

Don't think twice!

Manchmal ist es erhellend, eine Erkenntnis mit ein paar persönlichen Bemerkungen zu verbinden. Ich gehöre zu den wenigen meiner Generation, welche die Hippie-Bewegung mit vollem Bewusstsein erlebt haben, aber keine Freaks geworden sind, sondern Drogen und freie Liebe schon bald wieder hinter sich ließen. Das Misstrauen gegen die Mächtigen aber ist geblieben und hat in meinem Fall dazu geführt, dass ich mich nie in eine hierarchische Struktur einordnen konnte oder wollte, weder in die Hierarchie einer Rundfunkanstalt noch in die einer großen Firma, einer staatlichen Organisation oder der deutschen Hochschul-Wissenschaft. Das erklärt meine Distanz zum System und aus der Distanz hat man einen besseren Überblick.

Die Zeiten vor fünfzig Jahren ohne PC, Laptop und Smartphone waren erstaunlich kommunikativ, es gab eine Bewusstseinserweiterung nach der anderen, auch ohne LSD. Daher war sich die Jugend so sicher, dass Love and Peace nicht nur Schlagworte, sondern Ideale sind, die für den Rest des Lebens gelten.

Ein besonders sinnreicher, wenn auch unscheinbarer, Spruch ist der Satz von Bob Dylan:
Don't think twice! Also: „Denke nicht zweimal!″

Das ist kein Sponti-Spruch, sondern eine Faustregel für den Umgang mit der eigenen Intelligenz. Man sollte versuchen, den ersten Gedanken zu verfolgen. Also nicht ohne zu denken handeln, aber auch nicht zweimal denken, ohne zu Handeln.

Wenn die Synapsen sich beim ersten Denken zusammenfügen, soll man sie erst einmal so belassen. Die erste Möglichkeit, die aufleuchtet, nicht mit einem zweiten Gedanken schon verwerfen. Das ist etwas, das gerade intelligente und gebildete Leute (dazu gehören ja auch einige Politiker) immer wieder falsch machen, sie übergehen das Nächstliegende zugunsten von Lösungen zweiten Grades.

Wenn es überall zu viel Müll und Abfälle gibt, ist wohl der erste Gedanke: Die Abfallmenge reduzieren! Doch diese Idee wurde nicht durchgesetzt. Reduzierung entspricht nicht dem System von Konsumgesellschaft und Wirtschaftswachstum. Stattdessen hat man sich als zweites die Abfalltrennung ausgedacht: Graue Tonne, gelbe Tonne, grüne Tonne, blaue Tonne...

Nichts gegen Mülltrennung, sie ist ein Fortschritt, doch sie verleitet die Konsumbürger dazu, den ersten und besten Gedanken, Reduzierung des Abfalls durch Begrenzung des Konsums zu verdrängen und dann schnell zu vergessen.

Viele Argumente, wenig Erkenntnis

Was mit dem zweitklassigen zweiten Nachdenken zusammen hängt, ist eine andere Unsitte: Wenn jemand einen konkreten Vorschlag macht, sucht man gleich nach einem Gegenargument, anstatt darüber nachzudenken, wie ein erster Schritt zur Verwirklichung einer (vielleicht guten) Idee aussehen könnte. Wenn wir das immer so machen, kommt nichts als eine zerfahrene Diskussion zustande, die sich wie eine Talkshow in diverse Meinungen verliert und von der Realität entfernt.

Eine harte Realität, die ohne viel Nachdenken offensichtlich ist, die aber in keiner Talk-Show zur Sprache kommt, ist folgende:

Wir haben im Jahre 2018 die schlechteste Regierung seit Gründung der Bundesrepublik Deutschland.

Es mag sein, dass die Regierung Kiesinger vergleichbar schlecht war, aber damals gab es erfolgreiche Kritik von vielen Journalisten in den Leitmedien, besonders im Spiegel. Das führte dann zu einem Regierungswechsel. Im Jahre 2017 war das, allein schon wegen der Mediensituation, völlig unmöglich.

Wenn die jetzige Regierung sich, wie einige vorhergehende Regierungen auch, nur der ohnehin stärksten Kraft, also der Finanzmacht, beugt, deren Interessen vertritt und ihre Forderungen, zum Beispiel nach Privatisierungen, umsetzt, ist das Regieren natürlich leicht gemacht. Ähnliches gilt für die Beschäftigung von externen Beratern mit Honoraren im neunstelligen Bereich, also 100.000.000 Euro zum Beispiel im Verteidigungsministerium.

Es kommt jetzt am Ende der Legislaturperiode nur noch darauf an, die Wähler durch konforme Medien soweit einzulullen, dass eine Mehrheit von ihnen, die sogenannte bürgerliche Mitte, nicht registriert, dass auch sie zu den krassen Verlierern der neuen Geldverteilung gehört, obwohl man die Partei gewählt hat, welche dann die Wahl gewann.

Ein Geschmack von Wahrheit

Millionen wünschen sich unterschwellig etwas anderes, als das, was in Berlin zur Zeit abgeht, doch die Leute kommen nicht weiter mit ihren Wünschen, weil sie das Bestehende, den Konsum, die Bequemlichkeit, die wohlfeile Unterhaltung und Gedankenlosigkeit, weil sie das alles nicht verlieren wollen. Gegen dieses Zaudern gibt es einen einfachen und klaren Hippie-Spruch, den wohl kaum einer kennt:

Tell me what you hope to find,
I tell you what you've got to loose.

Auf deutsch:

Sage mir, was du finden willst
und ich sage dir, was du loslassen musst.

Den Spruch habe ich bei einem Konzert der Gruppe Taste (Band) aufgeschnappt. Eine Band, die nur kurz existierte, die aber weltbekannt wurde, weil sie auf dem damals größten Festival aller Zeiten aufgetreten ist: Isle of Wight 1970 (deutlich größer als Woodstock). Auf der Isle of Wight habe ich die Taste verpasst, weil wir bei dem Andrang einen halben Tag an der Fähre warten mussten, doch ich hatte die Band schon vorher gesehen, es muss in Düsseldorf, Köln oder Eindhoven gewesen sein.

Die drei unscheinbaren Musiker kamen fast unbemerkt auf die Bühne und ohne Ansage oder sonstiges Brimborium schleuderte der Sänger und Gitarrist Rory Gallagher die erste Zeile seines ersten Songs ins Mikrofon:

What's going on?

Damit sprach er uns allen aus der Seele: Was geht hier ab? Wie geht's weiter? Eine Frage, die immer aktuell ist.

Die drei Jungs von Taste kamen aus Irland, damals eins der ärmsten Länder Europas. Sie trugen schlecht sitzende Jeans, karierte Hemden und hatten abgewetzte Instrumente. Ihre Karriere von den Pubs in Cork bis auf die Konzertbühnen der Welt war so steil verlaufen, dass sie völlig unprofessionell ausgestattet waren und sie benahmen sich auch so. Mitten im Stück begannen sie auf einmal zu üben. Als der Bassist eine falsche Figur spielte, ging Rory auf ihn zu, spielte ihm die richtige Sequenz auf der Gitarre vor, auch zweimal hintereinander, bis der andere es gecheckt hatte, und dann ging es ohne Unterbrechung weiter.

Das war für uns, die wir von der Beatles-Perfektion schon angeödet waren, eine Offenbarung der irischen Ehrlichkeit. Dass Rory Gallagher später, wie viele erfolgreiche Musiker, auf einen Ego-Trip geriet, war dann nicht mehr nach dem Geschmack der Progressiven.

Um heute festzustellen, in welchem Stück der Taste der philosophische Spruch vorkommt, müsste ich alte Platten heraus suchen, doch für mich gilt immer noch:

Tell me what you hope to find,
I tell you what you've got to loose.

Wer Leute von heute ansprechen will, muss die alten Platten im Schrank lassen. Aber man kann ja mal googeln: Der Song heißt Railway and Gun.

Es gibt tausend Gelegenheiten, bei denen diese Erkenntnis eine echte Aktionshilfe ist. Zum Beispiel für junge Männer aus Irland: Wer die sexuelle Befreiung will, muss den Glauben an die katholische Kirche aufgeben.

Entweder Marx oder Piketty

Wer das Verständnis für Wirtschaft und Finanzen im einundzwanzigsten Jahrhundert finden will, muss auf die Anwendung der marxistischen Theorie verzichten.

Karl Marx hat wie fast alle Philosophen eigene, spezielle Begriffe definiert, die nicht mit dem normalen Sprachgebrauch übereinstimmen. Er hat den Begriff Mehrwert erklärt und so definiert, dass dieser Mehrwert nur durch die Arbeit von Menschen zustande kommt.

Kein Unternehmer oder Kaufmann und auch kein marxistisch ungeschulter Arbeiter benutzt diesen Begriff. Es geht um Gewinne oder Verdienst und jeder weiß, dass Gewinn nicht nur durch Arbeit zustande kommt, wie Marx es vom Mehrwert behauptet. Ein Gewinn kann dadurch entstehen, dass jemand Kartoffeln oder Handytäschchen von einem Markt zum andern transportiert. Heutzutage auch dadurch, dass er an der Börse Wetten auf steigende oder fallende Kartoffelpreise abschließt.

Natürlich kann man sagen, dass der Mehrwert durch den Fahrer eines LKW zustande kommt, der die Ware transportiert, doch entscheidend ist nur der Preis, den Kartoffeln auf dem einen Markt kosten und auf dem anderen Markt erzielen. Der Gewinn ist eine Richtgröße, wonach Entscheidungen sich richten. Der Mehrwert ist ein gedankliches Konstrukt, das in der Praxis niemanden interessiert.

Wer das Verständnis für die Entscheidungen von Händlern und Unternehmern gewinnen will, muss den Gedanken an den Mehrwert fallen lassen.

Klima retten ohne Energie zu sparen?

Fast alle wollen für die Umwelt und gegen Klimawandel eintreten. Was suchen sie? Eine Wirtschaft, die den Klimawandel nicht weiter beschleunigt. Das Problem ist die Erzeugung von Energie. Wir suchen also eine Lösung für das Problem der Energiegewinnung. Und wir werden, wenn wir eine gültige Lösung finden, die Möglichkeit zum schrankenlosen Energieverbrauch verlieren.

Doch das will keiner wahr haben.

Man sagt uns, ihr könnt weiterhin mit einem Auto fahren, das soviel Power hat wie vor 50 Jahren ein Rennwagen der Formel Eins.

Super!

Ihr könnt für neununddreißig Euro mit dem Flieger von Dortmund nach Bukarest fliegen, weil auf Kerosin keine Kraftstoff-Steuer fällig ist.

Super!

Ihr könnt soviel Heizöl und Erdgas verstochen, wie ihr wollt, Hauptsache das Haus ist mit Styropor isoliert.

Supergeil!

Wir können auch einen Teil der Energie durch Wind erzeugen, wenn wir die Grundlast durch Fossile Energie garantieren und die Stromtrassen durch das ganze Land beträchtlich ausbauen.

Sehr raffiniert durchdacht!

Wir müssen das Wirtschaftswachstum permanent steigern, damit wir Geld genug haben, um Milliarden in den Umweltschutz zu investieren. Windräder und Solaranlagen sind nicht billig.

Total logisch!

Man hat mehr Angst vor einer Delle im Wachstum als vor dem Anstieg des Meeresspiegels.
Das ist Ökonomie!

Verteilung von Gewinn und Verlust

Gestern habe ich einen Artikel über die große Rezession nach 1929 gelesen und ich war überrascht, dass die Wirtschaft damals nur um zwanzig Prozent eingebrochen ist. Was ist das schon, zwanzig Prozent weniger Umsatz? Das verkraftet doch jede solide Firma.

Das Problem führte aber damals zur weltweiten Depression, weil die Einbußen in den USA nur durch die Entlassung von Arbeitern kompensiert wurden und weil man dort keine Arbeitslosenversicherung und andere Soziale Standards für die Masse der Erwerbslosen hatte. Nicht einmal ihre Wohnungen durften sie behalten.

Hätten alle an der Wirtschaft Beteiligten und auch der Staat in gleicher Weise um zwanzig Prozent zurück gesteckt, wäre es nicht zur totalen Depression gekommen. Aber der Rückschlag landete nur auf dem Buckel der Besitzlosen. Das führte zur Depression im psychologischen Sinne und zur wirtschaftlichen Depression, weil die Menschen den Mut verloren hatten. Die wirtschaftliche Depression ging erst zu Ende, als das Rüsten für den Zweiten Weltkrieg begann.
Das sind doch tolle Aussichten!

Wir wollen einen Weg in die Zukunft finden ohne Krieg und, ohne das Klima und den Planeten völlig zu ruinieren. Wir verlieren dabei die Grenzenlosigkeit der Konsumwirtschaft.

Umgekehrt, wenn wir auf die Bequemlichkeiten der Konsum- und Wegwerfgesellschaft nicht verzichten wollen, können wir das Ziel, mit zehn Milliarden Menschen noch ein paar hundert Jahre in Frieden auf diesem Planeten zu leben, nicht erreichen. Wer das nicht wahr haben will, soll sich gleich zum Militär melden oder einen Flug zum Mars buchen oder in einen Atombunker verkriechen.

Wenn es eine Drosselung von Geldumsatz, Energieverbrauch, Abfall und Ausbeutung aller Ressourcen einschließlich der Ressource Mensch geben soll und auch wenn das zwangsweise eintritt, dann kommt es darauf an, alle in angemessener Weise am Rückgang zu beteiligen, auch die Reichen und Super-Reichen, sogar die Herrscherinnen und Herrscher, Regierenden, Scheichs und Mullahs. Und wir dürfen auf der anderen Seite niemanden ins Bodenlose fallen lassen, wie es 1929 in den USA geschehen ist.

Tell me what you hope to find,
I tell you what you've got to loose.

Wer allen Menschen eine Wohnung geben will, muss die Spekulation mit Häusern, Grund und Boden aufgeben. Wer die gering Verdienenden nicht in totale Armut treiben will, kann den Großgeldbesitzern nicht die Verfügungsgewalt über all das überflüssige Geld lassen.

Wenn wir die Welt der Zukunft sozialisieren wollen, müssen wir auch die Philosophie von Karl Marx aufgeben. Der glaubte, dass der Kapitalismus sich selbst zugrunde richtet. Es sieht heute eher so aus, als ob der Neoliberalismus uns zugrunde richtet, wenn unsere Staaten und Regierungen nicht endlich dagegen vorgehen.

Wenn wir unseren Planeten für nachkommende Generationen in einem erträglichen Zustand hinterlassen wollen, müssen wir auf eine Menge Konsum und Bequemlichkeit verzichten. Wer das jetzt schon mal im Alltag ausprobiert, erfährt so ganz nebenbei, wie gesund das ist, im Bauch, in den Beinen und im Kopf.

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