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Ein Herz geht auf Reisen

Ein Herz geht auf Reisen

Wäre unser zentrales Organ eine Person, dann würde es sich auf dieser kalten Erde wohl einsam fühlen — so lange, bis es verwandte Herzen findet. Eine Adventsgeschichte.

von Christa Ziegenbein

Unsanft plumpste ein kleines Herz auf die kalte Erde und war überrascht: wie kühl es hier war! Und es schien mutterseelenallein zu sein. Fröstelnd schlug es die Arme um sich, klopfte sich etwas warm und blickte sich um. Kein wärmendes Wesen weit und breit, an das es sich hätte anschmiegen können, kein wärmendes Gefühl, in das es sich hätte hineingeben können. Wie einsam und verlassen es sich vorkam. Warum nur war es auf die Erde gekommen?

Bekümmert schloss das Herz seine Augen und wiegte sich in sanftem Schaukeln hin und her. Das beruhigte es etwas, sodass es wieder tief durchatmen konnte.

Auf einmal blitzten uralte Erinnerungen in ihm auf, an ferne Zeiten voller Liebe und Frieden, an ein Gefühl von Zuhause-Sein. Sehnsucht breitete sich in dem kleinen Herzen aus und ein paar Tränen rannen an ihm herab. Gleichzeitig aber stiegen auch Erinnerungen an eine alte Ungeduld auf, an eine ungeheure Neugier, etwas ganz anderes sehr intensiv erleben zu wollen. Und — war damit nicht eine Botschaft, ein Auftrag verbunden? Vielleicht war es absolut richtig, gerade hier in gefühlter Kälte, Schwere und Einsamkeit angekommen zu sein?

Dieser Gedanke machte dem Herzen Mut, er fühlte sich gut an.

So also machte es sich auf den Weg, horchte nach innen und fand dort so etwas wie einen flüsternden Kompass. Zunächst raunte der Kompass so leise, dass es Mühe hatte, ihn wahrzunehmen. Doch das Herz übte unverdrossen weiter, der Stimme in sich zu lauschen und sie zu verstehen. Schon nach kurzer Zeit kam es ihm vor, als ob die Kompassstimme deutlicher und verständlicher wurde.

So bewegte sich das Herz vertrauensvoll durch die Zeit auf seinem eingeflüsterten Weg voran. Unmerklich wuchs und wuchs das Vertrauen in seinem Innern.

„Hallo, du“, wurde es während seiner langen Lebenswanderung einmal von einem etwas dunkel schimmernden Herzen angesprochen, „du wirkst so offen und liebevoll, irgendwie anders als wir. Hast du gar keine Angst, verletzt zu werden?“

„Ich habe meine Tür schon verschlossen, als ich noch ein Kind war“, ergänzte ein zweites, schlappes Herz, das mutlos auf dem kargen, sandigen Boden hockte. „Das schien mir sicherer. So tut mir nichts mehr weh!“

Ein drittes, blasses Herz lag wie versteinert auf einem schattigen, schwarzen Felsblock und bewegte sich kaum noch, wandte sich aber doch an das offene Herz: „Kannst du uns helfen, unsere Schmerzen zu heilen? Wir scheinen schon seit langer Zeit unseren Weg verloren zu haben und dämmern teilnahms- und leblos von einem Tag zum anderen.“

„Ich habe schon so viel erlebt und habe mich auch schon verlaufen“, sinnierte das offene Herz, „aber durch die Impulse, die ich empfange, habe ich mich doch wieder neu orientieren und ausrichten können.“

Entschlossen nahm es die drei leidenden Herzen an die Hand, aktivierte seinen Liebesstrahl und schickte belebende, harmonisierende Energie in seine neuen Reisegefährten. Augenblicklich wechselte deren blass-weiße Farbe zu einem schwachen Rosa, und alle drei spürten ein zaghaftes Pulsieren in sich, ein erstes Wiedererwachen ihrer Lebenswärme.

„Auf geht’s“, ermunterte das weite Herz, „ich führe euch zurück. Zuerst werden wir uns gründlich reinigen.“

Mit vertrauensvollen Schritten bewegten sich die vier Herzen auf einem schmalen, felsigen Pfad bergauf und bergab, überstiegen auf dem Weg liegende, mächtige Baumstämme und kletterten über kantige Felsen, die ihren Weg versperrten. Den drei schmerzenden Herzen tropfte der Schweiß von der Stirn, denn sie kannten nur schnurgerade, ebene Wege. Hindernisse hatten sie in ihrem Leben bisher vermieden, weil sie noch nicht wussten, dass sie an ihnen wachsen konnten.

Nach langen Stunden des Wanderns begrüßte sie ein zunächst plätschernder, dann rauschender Wasserfall, der vom Gipfel in tiefste Tiefen stürzte. „Wir stellen uns auf den Felsvorsprung dort drüben“, schrie das offene Herz gegen das Rauschen an, „und lassen uns von der Kraft des warmen Wassers reinigen. Es löst unsere Verhärtungen und Verkrustungen auf. Fasst euch fest an!“

Etwas zögerlich und ängstlich folgten die drei den strikten Anweisungen, hielten sich fest an den Händen und blickten schaudernd in die Tiefe. Was, wenn sie von den Wassermassen ins Nichts gerissen würden? Doch schließlich wagten sie den entscheidenden Schritt nach vorn und spürten augenblicklich, wie der Wasserfall auf sie herab prasselte und trommelte.

„Nehmt die Kraft des Wassers in euch auf, zentriert euch und verbindet euch miteinander. Wir gehören alle zusammen — wir sind eins“, schallte es neben ihnen. So ermutigt trauten sie sich, ihre Ängste und Verhärtungen langsam loszulassen und den energetisierenden Wasserstrom zu genießen. Ihr schlaffes Äußeres veränderte sich, so, als hätte jemand Energie in sie hineinströmen lassen, so prall gefüllt wirkten sie auf einmal.

„Tretet nun mit mir hinter den Schleier und seht in die Sonne“, forderte die Herzstimme sie auf. „Die Sonne entzündet euer inneres Licht und lässt es wachsen. Öffnet euch, lasst euch berühren und ihr werdet strahlen!“

Die vier sahen einander mit tiefen Blicken an und richteten dann gleichzeitig ihre Augen auf die Sonne. Sie spürten, wie langsam ihre Zellen mit Licht und Liebe geflutet wurden und vor Freude tanzten und strahlten.

Das offene Herz strahlte ebenfalls vor Freude.

„Gesegnet sei dieser Moment. Möget ihr in die Welt gehen und diese mit eurem Strahlen erhellen, sodass ihr andere ansteckt mit eurem Licht und die Liebe sich ausbreitet. So sei es.“

Tief berührt schlossen sich die vier Herzen in die Arme und nahmen diesen Moment ganz intensiv in sich auf. Er hatte sie verwandelt, das spürten sie deutlich. Sie hatten sich wiedererkannt durch die Kraft und Liebe des offenen, weiten Herzens und versprachen, sich für alle Zeiten gegenseitig ein Segen zu sein.


Redaktionelle Anmerkung: Dies ist ein Gedicht aus dem Audiokalender von Mittengold & friends.

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