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Durchsichtiges Manöver

Durchsichtiges Manöver

Der Westen zetert über das Vorgehen des Iran gegen einen britischen Tanker — und nimmt sich selbst weit Schlimmeres heraus.

von Peter König

Der unter britischer Flagge nach Saudi-Arabien fahrende Tanker „Stena Impero“ wurde am Freitag, den 19. Juli 2019, in der Straße von Hormus von den Iranischen Revolutionsgarden aufgebracht, nachdem er den Hilferuf eines iranischen Fischerbootes ignoriert und dieses gerammt hatte.

Offene Provokation?

Der Tanker sei in einen iranischen Hafen gebracht worden, weil er sich nicht an „internationales Schifffahrtsrecht hielt“, teilten die Iranischen Revolutionsgarden mit. Wichtiger noch — das Schiff antwortete nicht auf mehrere Warnungen von Hubschraubern und iranischen Booten, weil es offensichtlich seinen Transponder abgeschaltet hatte. Man muss sich fragen, wie dies unter der Leitung von Berufsseeleuten passieren konnte — es sei denn, es handelte sich um eine offene Provokation.

Die Sicherheit der Schifffahrt in der Straße von Hormus ist äußerst wichtig — 20 bis 30 Prozent des weltweit auf dem Seeweg transportierten Öls wird durch diese Engstelle in internationale Gewässer geschifft, bevor es den Golf von Oman erreicht. Die Meerenge wird vom Iran genau überwacht, da sie für ihn sicherheitstechnisch von äußerst großer Bedeutung ist. Eine Sperrung dieser Passage infolge eines Konfliktes könnte die Weltwirtschaft zum Erliegen bringen.

Es geht um das Atomabkommen

Sind sich jene, die diese Provokationen verüben — hier Großbritannien als Marionette Washingtons — bewusst, was auf dem Spiel steht? Wollen sie den Nahen Osten an den Rand eines Krieges bringen? Eines regionalen Krieges, der leicht zu einem Weltkrieg werden könnte? Langfristig mag dies durchaus Absicht sein. Kurzfristig dagegen sieht es so aus, als wolle man einerseits die Eskalation derartig aufheizen, dass der US-Satellit Europa nicht mehr darauf bestehe, seinen Teil des Atomabkommens (JCPOA) einzuhalten, und andererseits den Iran so unter Druck setzen, dass er sich schließlich auf bilaterale Verhandlungen mit den USA über sein Atomprogramm einließe.

Das erste Ziel wäre erreichbar, das zweite in keinster Weise. Der Iran fällt auf eine derartige Täuschung nicht herein — vor allem nicht auf ein Land, das einseitig ein Abkommen aufkündigt, das fast zwei Jahre lang (seit November 2013) verhandelt worden war, bevor es am 14. Juli 2015 in Wien, Österreich, die Fünf-plus-eins unterzeichneten, die fünf ständigen Mitgliedern des UN-Sicherheitsrates — China, Frankreich, Russland, Großbritannien und die USA mit Deutschland und der EU — plus natürlich dem Iran.

Nicht nur, dass Präsident Trump, geleitet von seinem Kumpel, Israels Netanjahu, einseitig das Abkommen zerriss — zusätzlich zu all den westlichen Lügen und der Verleumdungspropaganda brachte er auch noch eines der schärfsten Wirtschaftssanktionsprogramme gegen den Iran wieder auf den Weg. Es ist der Wahnsinn zu glauben, dass sich der Iran unter diesen Umständen mit seinem Henker an einen Verhandlungstisch setzen würde. Dies wird nicht passieren.

Die Spannungen werden jedoch weiter verschärft, was genau den Wünschen des Kriegsverbrechers John Bolton entspricht, die dieser seit der Invasion des Irak im Jahr 2003 hegt, an deren Planung er maßgeblich beteiligt war. Das ist wie der Lebensinhalt dieses Kranken: Massenmord durch Krieg und Konflikt liegen ihm in den Genen. Die Welt kann nur hoffen, dass Trump oder diejenigen, die hinter ihm die Fäden ziehen, Bolton endlich entlassen.

Der Iran hat bereits angekündigt, dass er eine umfassende Untersuchung gegen den britischen Tanker "Stena Impero" bezüglich der Kursabweichung und des Rammens eines Fischerbootes einleitet — und Großbritannien dazu eingeladen, sich an den Ermittlungen zu beteiligen.

Ein Akt der Piraterie

Kommen wir zum 4. Juli zurück, als die Britische Marineinfanterie den iranischen Tanker „Grace I“ in spanischen Gewässern vor Gibraltar aufbrachte — unter dem Vorwand, der Supertanker transportiere Erdöl für Syrien, was den EU-Sanktionen widerspreche. Irans Außenminister Dschwad Sarif leugnete, dass das Erdöl für Syrien bestimmt gewesen sei, äußerte sich jedoch nicht weiter dazu.

Der spanische Außenminister Josep Borrell gab bekannt, dass Washington Spanien über die bevorstehende Festsetzung des iranischen Tankers durch Großbritannien in spanischen Gewässern informierte. Spanien hätte Nein sagen können, tat das aber nicht. Warum nicht? Aus Angst vor Sanktionen?

Das Vereinigte Königreich machte sich gegen seine eigenen Interessen zum Handlanger der USA, war es doch — mit Deutschland und Frankreich — eines der drei Länder, die sich wenigstens den Anschein gaben, dass sie ihren Teil des Atomabkommens mit dem Iran einhalten wollen. Natürlich nicht aus Liebe zum Iran, sondern aus reinem Geschäftsinteresse. Der Iran sollte sich dessen bewusst sein: Die EU kann ihm jederzeit in den Rücken fallen, durch genau die Länder, die versuchen — oder so tun, als ob sie versuchten —, die US-Sanktionen zu umgehen.

Das Geschehen am 4. Juli war ein Akt reinster Piraterie — nicht weniger. Eine Straftat auf Hoher See, die der Westen einfach toleriert.

Das Schiff befindet sich noch immer in britischer Gewalt, die Crew wurde zwischenzeitlich freigelassen. Abgesehen von der Tatsache, dass Irans Festsetzen des britischen Erdöltankers wie ein „Wie du mir, so ich dir“ aussehen mag, handelte der Iran völlig legitim, da seine Revolutionsgarden die Straße von Hormus überwachen, um die Sicherheit anderer Schiffspassagen durch die Meerenge zu gewährleisten.

Feuer und Zorn — mal wieder

Bei einem seiner typischen Ausbrüche eines Verrückten warnte Präsident Trump am Freitag, den 19. Juli, in einer im Fernsehen übertragenen „Feuer und Zorn“-Rede im Weißen Haus: „Wir haben die besten Schiffe — die tödlichsten Schiffe und wir wollen sie nicht einsetzen müssen. Wir hoffen um des Iran Willen, dass er nichts Unkluges unternimmt. Falls doch, wird er einen Preis bezahlen, den noch nie jemand bezahlt hat.“

Warum verwarnt Trump die Briten nicht im selben Ton wegen ihrer Piraterie gegenüber einem iranischen Schiff in spanischen Gewässern? Nun, wir wissen ja, so ist die verrückte, unsymmetrische und aus dem Lot geratene Welt, in der wir leben. Es ist sowas von normal, dass die Menschen im Westen diese Ungleichheit und Ungerechtigkeit, diese Doppelzüngigkeit und Scheinheiligkeit als ihr Evangelium ansehen.

Ein weiterer Schritt zur Weltherrschaft?

Es weist jedoch alles darauf hin, dass die USA — während sie ein Kriegsszenario aufbauen — eine Rechtfertigung für das suchen, was sie bereits ausgerufen haben: eine Allianz der Willigen, die Kriegsschiffe in die Straße von Hormus schickt, um eine sichere Passage für „jedermann“ zu gewährleisten. Nun, der Iran wird da sicher nicht mitmachen. Aber wichtig zu wissen ist, was hinter dieser Idee steht. Stellen wir uns mal vor, die US-Marine und ihre alliierten Marionetten hätten die Gewalt über die Meerespassage, die fast ein Drittel aller weltweit auf See fahrenden Öltanker täglich durchqueren — Washington hätte dann ein weiteres Instrumentarium zur Sanktionierung, um Länder zu drangsalieren, die sich seiner Meinung nach Washingtons Diktat nicht in ausreichendem Maße beugen. Ihre Öllieferungen würden zurückgehalten, um ihre Wirtschaft zu Fall zu bringen — das könnte die bisher effektivste Waffe sein.

Hüte dich, Welt! Selbst jene, die jetzt das Wohlwollen des selbsternannten Hegemons genießen — Ihr wisst nie, wann das Pendel in die andere Richtung ausschlägt — aus nichtigem Grund: Vielleicht weil die von Israel gelenkten USA sich gerade auf einem launischen Aggressionskurs gegen einen imaginären Feind befinden oder weil sich Unternehmensinteressen verschieben. Letztendlich wäre niemand sicher. Die Weltwirtschaft könnte ins sich zusammenfallen wie ein Kartenhaus. 2008 wäre ein Spaziergang dagegen!


Peter König ist Ökonom und geopolitischer Analyst. Er ist außerdem Spezialist für Wasserressourcen und Umweltfragen; in diesem Bereich hat er über 30 Jahre lang für die Weltbank und die Weltgesundheitsorganisation gearbeitet. Er unterrichtet an Universitäten in den USA, Europa und Südamerika. Regelmäßig schreibt er unter anderem für Global Research, ICH, Russia Today, Sputnik, PressTV, The 21stCentury, TeleSUR, The Saker Blog und New Eastern Outlook (NEO). Er ist Autor des auf seinen Weltbank-Erfahrungen basierenden Romans „Implosion — An Economic Thriller about War, Environmental Destruction and Corporate Greed“ sowie Ko-Autor von „The World Order and Revolution! — Essays from the Resistance“. Außerdem ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter des „Centre for Research on Globalization“.


Redaktionelle Anmerkung: Dieser Text erschien zuerst unter dem Titel „Iran — Seizure of a British Tanker — more than Tit for Tat“. Er wurde von Gabriele Herb aus dem ehrenamtlichen Rubikon-Übersetzungsteam übersetzt und vom ehrenamtlichen Rubikon-Korrektoratsteam lektoriert.

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