Zum Inhalt:
Hilfe-Icon Unterstützen
Druschba!

Druschba!

Statt uns Ängste vor dem „großen Bruder im Osten“ einreden zu lassen, sollten wir eine bewährte Partnerschaft wiederbeleben.

Neulich, beim Mittagstisch, tauschten mein kurz nach der Wende in den Osten übergesiedelter Kollege und ich uns wieder einmal über aktuelle politische Geschehnisse aus. Als strammer FAZ-Leser (1) vertritt er klar transatlantische Positionen. Anders als ich, der „Russlandversteher“, was ich ihm gegenüber klar artikuliere.

Seine Verwunderung und ähnliche Diskussionen mit Mitbürgern, denen russlandfreundliche Positionen unverständlich sind, nehme ich zum Anlass für eine biographische Spurensuche. Wie kommt es, dass insbesondere jene, die in der „Zone“ unter dem „Joch des Kommunismus“ zu leiden hatten, oft große Sympathie für „den Russen“ hegen? Woher rührt das Verständnis für Russlands Politik?

Persönliche Entdeckungsreisen

Als Kind entdeckte ich bunte Dias einiger Reisen, die meine Mutter mit Jugendfreundinnen in den 1960er Jahren unternahm. Sie führten unter Anderem nach Sotschi am Schwarzen Meer. Obwohl keine Systemfreunde, genossen die Frauen sehr gerne den Hauch von Exotik unter Palmen.

Ich selbst durfte diesen Hauch im Februar 1984 mit 12 Jahren in Jalta auf der Insel Krim spüren. Meine Russischkenntnisse reichten gerade zum Kauf einer Matrjoschka von einer sehr bescheidenen Marktfrau. Im Nachhinein tat es mir leid, den bereits günstigen Preis von circa 3 Rubel heruntergehandelt zu haben, doch wurde uns vorher gesagt, dass Feilschen üblich sei.

Damals wusste ich noch nicht, dass der Großteil der Einwohner der Krim Russen sind. Es spielte auch keine Rolle in der Sowjetunion. Just in dieser einen Woche verstarb das Staatsoberhaupt Andropow. Unsere Reiseleiterin verfiel augenblicklich in Tränen. Wir besichtigten gerade den Liwadija-Palast, wo 1945 die Alliierten-Konferenz von Jalta zur Machtverteilung in Europa nach dem Ende des Krieges stattfand, als sie die Mitteilung bekam.

Im Juli 1985 durften einige Schüler unserer „Maxim Gorki“ getauften Schule die gleichnamige Partnerschule in der am Goldenen Ring um Moskau gelegenen Stadt Jaroslawl besuchen. Durch einen nächtlichen Halt unseres Freundschaftszuges in Brest bekamen wir mit, dass die in Westeuropa übliche Normalspur auf russische Breitspur umgestellt werden musste.

Reisen bildet. Während dieser Reise ging ich zum ersten Mal in meinem Leben in eine Sauna. Meine Gastfamilie nahm mich im Lada Niva mit auf ihre Datsche. Obwohl alles sehr durchorganisiert war, mit wenig Freiheiten und unzureichender Kommunikation, erlebten wir unsere Gastgeber als überaus zuvorkommend und herzlich. Niemals hatte man den Eindruck, dass wir auf Grund der Historie unseres Landes etwa beleidigt worden wären. Keiner war nachtragend. Sicher sind die Russen stolz auf ihren Sieg, aber menschlich unvoreingenommen. Sie lassen es einen nicht spüren.

Erst sehr viel später erfuhr ich, dass in Lehrbüchern immer fein unterschieden wurde (und wird) zwischen Faschisten und den Deutschen als Volk. Bekanntermaßen wird auf unserer Seite leider wieder das Feindbild des „bösen Russen“ medial verbreitet. Dem müssen wir entgegentreten!

Die vorerst letzte Reise führte mich im Rahmen einer Abschlussfahrt nach dem Abitur im Jahre 1989 für eine Woche nach Moskau. Neben touristischen Dingen sahen wir auch die vorhandene Armut. Die Bahnhofstoilette mit Standklos ohne Türen war sehr gewöhnungsbedürftig.

Kulturelle Berührungspunkte

Der vorhin erwähnte Name „Maxim Gorki“ wurde unserer Schule im Frühjahr 1980 im Beisein einer sowjetischen Delegation verliehen. Eine jahrelange Bewerbung war dem vorausgegangen. Wir Zehnjährigen hatten noch nicht viel von diesem Schriftsteller gehört, lernten seinen Roman „Die Mutter“ und weitere russische Autoren aber in einer höheren Klassenstufe kennen. Große Literatur.

Russische Märchen waren bei uns populär. Und auch solche angrenzender Länder. Ich denke unter Anderem an das Buch „Märchen von der Bernsteinküste“ (Lettische Märchen), welches uns im Hort zum Mittagsschlaf vorgelesen wurde. Wie eine kurze Suche im Web zeigt, wurde es damals vom Moskauer Progreß Verlag veröffentlicht. Zu schade, dass sich die baltischen Staaten und Russland heutzutage so sehr auseinanderdividieren lassen. Auch im Fernsehen gab es nicht nur die beliebten tschechoslowakischen, sondern auch russische Märchenfilme zu sehen. Jedes Kind im Osten kannte damals die „Hexe Babajaga“, vor welcher wir uns nachmittags im Kino fürchteten.

Im Musikunterricht lernten wir Komponisten wie Prokofjew („Peter und der Wolf“) oder Tschaikowski („Der Nussknacker“) kennen. Künstler von Weltrang. Während des oben erwähnten Jaroslawl-Besuches gingen wir in eine Ballett-Aufführung im dortigen Wolkow-Theater, dem erstgegründeten Russlands.

Und natürlich gab es das „Sozialistische Liedgut“, wozu Pionierlieder zählten. Obwohl kirchlich angehaucht, sang ich einige davon sehr gerne. Spontan fällt mir das aus dem Russischen übersetzte „Immer lebe die Sonne“ ein. Als erklärte Sportnation wurmte es die DDR (2) und andere Ostblockstaaten, nicht an den Olympischen Sommerspielen in Los Angeles teilnehmen zu können, da beschlossen wurde, diese zu boykottieren.

Vorausgegangen war1980 ein Boykott der Spiele in Moskau seitens der USA (3) – laut Wikipedia entgegen dem Willen der Mehrzahl seiner Athleten. Grund war damals offiziell der Einmarsch sowjetischer Truppen in Afghanistan. Doch galt unser großer Bruder auch im Sport als Vorbild. Am im Volk sehr beliebten Radrennen „Internationale Friedensfahrt“ (Tour de France des Ostens) zwischen Berlin, Prag und Warschau nahmen regelmäßig auch russische Fahrer teil.

Und was die Esskultur anbelangt, so sei wenigstens kurz erwähnt, dass bis zum heutigen Tage russische Gerichte wie Soljanka und Pelmeni zu den beliebtesten in den neuen Bundesländern gehören.

Organisierte Freundschaft

Sicher gab es sie, die „arrangierte Freundschaft“. Im Russischunterricht zum Beispiel wurden uns Adressen sowjetischer Schüler für Brieffreundschaften vermittelt. Persönliche Treffen waren auf Grund der großen Entfernung eher selten. Zudem gab es selbst zwischen „Bruderstaaten“ keine völlig freie Kommunikation. Wie auch immer. Kontakte zwischen Menschen zu knüpfen, war keine schlechte Sache. Das tat Westdeutschland ja auch, mittels Städtepartnerschaften oder Schüleraustauschen mit Frankreich.

Einen direkten Zwang gab es also nicht. Wohl aber war es gern gesehen, Mitglied in der DSF (4) zu sein. Doch auch abseits von derlei Massenorganisationen entwickelten sich Beziehungen. Viele Hochschulen unterhielten Partnerschaften zu russischen Einrichtungen, so die TU Ilmenau bis heute zum Moskauer Energetischen Institut. Diese waren nicht selten Basis für Freundschaften oder sogar Familiengründungen.

Gleiches galt für Firmen und die Wirtschaft generell. An der Eisenbahnverbindung BAM (5) arbeiteten viele Kräfte aus den Staaten des RGW (6), so auch der DDR, mit. Der Ehemann unserer Unterstufenlehrerin beispielsweise war dort jahrelang auf Montage. Nach dem, was ich hörte, harte Arbeit, aber gutes Gehalt und Vergünstigungen, wodurch es eine lange Liste Freiwilliger gab.

Militärische Eindrücke

Als militärische Großmacht genoss die Sowjetunion und heute Russland schon immer den Respekt anderer Staaten. Beliebt war sie dafür aber unter den Menschen nicht unbedingt, schon gar nicht in ihrem ehemaligen Einflussbereich, den Staaten des Warschauer Vertrages. (Man denke nur an den Aufstand in der DDR vom Juni 1953 oder den Prager Frühling von 1968.)

Dennoch waren die Soldaten der Besatzungstruppen, zumindest in unserer Generation, nicht verhasst. Wieso? Ich denke zurück an einen Ausflug im Rahmen eines Pioniernachmittages. Wir fuhren in die nahe gelegene Stadt Arnstadt, wo sich eine russische Kaserne befand. Im Rahmen einer Besichtigung bekamen wir auch den Schlafsaal zu sehen. Dort standen dutzende Betten aneinandergereiht und so schmal, wie wir es noch nie gesehen hatten. Die auf einigen schlafenden Soldaten (welche offenbar Wache gehabt hatten) erregten eher unser Mitleid.

Wenn unsere Familie einige Male im Jahr von Thüringen nach Sachsen fuhr, um Verwandte zu besuchen, kamen wir auch durch die Stadt Zeitz (heute in Sachsen-Anhalt). Entlang der Begrenzungsmauer der dortigen russischen Kaserne standen drei stets besetzte Holzwachtürme, deren Soldaten mit geschultertem Gewehr wir immer ganz genau musterten. Ein Grund war sicherlich die Verschiedenheit ihres Aussehens, von europäischen bis zu asiatischen Gesichtern. Die Meisten blickten nicht sehr glücklich drein.

Im Thüringer Wald gab es unweit meines Heimatorts einen Stützpunkt mit umgebendem Sperrgebiet der russischen Streitkräfte auf dem Berg „Schneekopf“. Unter den zwei weithin sichtbaren Kuppeln vermuteten Viele Raketen, doch handelte es sich dabei um Radarüberwachung. Manchmal kam es vor, dass nachts Hubschrauber zu hören waren, auch wenn kein Manöver angekündigt war. In der Schule hörten wir dann offiziell oder durch Gerüchte von einem desertierten russischen Soldaten, der nun in den Wäldern gesucht wurde. Irgendwie überwog bei uns immer das Mitgefühl mit ihnen, da wir um ihr hartes Leben wussten.

Eine Umorientierung und Rückbesinnung auf den Osten wäre für die Länder Europas nicht das Schlechteste. Man muss ja nicht gleich von „Waffenbrüdern“ sprechen. Durch seine militärische Stärke und Verlässlichkeit könnte ein freundschaftlich verbundenes Russland ein Garant für Stabilität und Frieden auf dem europäischen Kontinent sein.

Naturwissenschaftliches Können

Zu Schulzeiten erfuhren wir Kinder 1978 vom Flug unseres Kosmonauten Sigmund Jähn ins All, wo er zusammen mit dem Russen Waleri Bykowski eine Woche lang zahlreiche Experimente durchführte. Seit dem Entsenden des ersten Sputnik hatte die Sowjetunion technologisch in der Raumfahrt große Fortschritte erzielt. Wir waren schwer beeindruckt. Noch heute erwähne ich in meiner Vorlesung zu „Web-Technologien“ den so genannten „Sputnikschock“ im Westen, welcher indirekt zur Entwicklung des Internet in den USA führte.

Apropos Vorlesung: Allgemein war bekannt, dass die Russen traditionell eine sehr gute naturwissenschaftliche Ausbildung genossen. Die Nachwirkungen dessen spüre ich noch heute bei meinen Studenten. Seit Jahren sind immer wieder Kinder russischer Aussiedler unter ihnen. Bisher hat sich das Bild fast immer bestätigt. Was ich außerdem spüre, sind Wissbegierde und eine große Aufgeschlossenheit. (Manche Russlanddeutsche in meiner sächsischen Heimatstadt sind so gut integriert, dass sie sich sogar einen Kleingarten mitLaube zugelegt haben.)

Ausblick

Damit sind wir in der Neuzeit angekommen. So eigenartig es klingen mag: Unter den deutschen Bürgern legen – nach meinem Eindruck – immer mehr ihre Hoffnung auf Präsident Putin, seine Klugheit, Standhaftigkeit und Umsichtigkeit. Außerdem natürlich auf China, die BRICS-Staaten (7) insgesamt und die zunehmende Zahl aufgeklärter Bürger weltweit. Darauf, dass sich die Verhältnisse in einer multipolaren Welt normalisieren und Kriege sich reduzieren. Eine freie und souveräne Entwicklung von Staaten, ohne bunte Revolutionen, Staatsterror oder andere von außen ins Land getragene Konflikte soll wieder möglich sein. Militärisches Gleichgewicht und Frieden sollen erreicht werden.

Dennoch darf man nicht vergessen, dass ein großer Teil der Bevölkerung medial NATO-verblendet (8) ist. Dort müssen wir ansetzen.

Wenn Mainstream-Medien Russland als Feind darstellen, so widerstrebt mir das. Statt russischer Aggressivität sehe ich in mir Bilder von Menschen und Begegnungen, habe überwiegend positive Assoziationen. Die Propaganda wirkt bei mir nicht wie gewünscht. Sie prallt ab.

Zwischenmenschliche Begegnungen zum Schutz vor Vorurteilen und Infektion durch schlechte Gedanken. Eine Möglichkeit, aktives Kennenlernen zu fördern, ist die Unterstützung der vom 2. bis 17. Juni 2018 bereits zum dritten Mal stattfindenden Friedensfahrt (9) Berlin-Moskau.

Dieser Artikel zog persönliche Erfahrungen einer ostdeutschen Biographie als Beispiel heran. Genauso viele positive Berührungspunkte gibt es mit Sicherheit in den alten Bundesländern. Erinnert sei an den frenetischen Empfang von Michail Gorbatschow und Frau Raissa in Bonn, wo sie vor dem Rathaus einen deutschen Jungen auf den Arm nahmen. Dies verfolgten wir im Osten staunend, froh und mit großer Zuneigung. Man denke auch zurück an Musiktitel wie „Moskau“ (Dschinghis Khan, 1979) oder „Wind of Change“ (Scorpions, 1990). Wo ist diese Russland-Begeisterung geblieben?

Lasst uns die jahrhundertealte Partnerschaft neu beleben!


Bild


Quellen und Anmerkungen:

(1) Frankfurter Allgemeine Zeitung
(2) Deutsche Demokratische Republik
(3) United States of America
(4) Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft
(5) Baikal-Amur-Magistrale
(6) Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe
(7) Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika
(8) North Atlantic Treaty Organization
(9) http://www.druschba.info/

Dieses Werk ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen dürfen Sie es verbreiten und vervielfältigen.
Creative Commons Lizenzvertrag

Wenn Sie unsere Arbeit unterstützen möchten, können Sie hier eine Spende abgeben. Da wir gemeinnützig sind, erhalten Sie auch eine Spendenquittung.