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Druck auf die Tränendrüse

Druck auf die Tränendrüse

Mit Bildern von Kindersoldaten versucht ein PR-Video Stimmung für einen eigentlich wirtschaftlich begründeten Militäreinsatz der USA zu machen.

Kritische Beobachter der internationalen Politik haben sich schon damals gefragt, seit wann gerade die US-Regierung ein Bewahrer von Kinderrechten sein soll. War es doch die damalige Außenministerin Madeleine Albright, die der Meinung war, die halbe Million toter Kinder aufgrund der Sanktionen gegen den Irak seien den Preis wert gewesen. Zudem gab und gibt es in Afrika Hunderte bewaffneter Gruppen, die Kinder als Soldaten rekrutieren, und die USA sind nie zuvor eingeschritten.

Doch diese Kampagne war erfolgreich. Das US-Militär war bereits von 2011 an mit Militärberatern in Uganda, ab 2014 dann auch mit Flugzeugen, Hubschraubern und Drohnen im Norden des Landes, in der angrenzenden Zentralafrikanischen Republik und im Südsudan aktiv. Der offiziellen Version des Pentagons zufolge, um Joseph Kony zu fassen. Kritikern zufolge hielt sich Kony zu diesem Zeitpunkt schon lange nicht mehr in dieser Region auf, sondern in Darfur, einem zwischen dem Sudan und dem Südsudan umstrittenen Gebiet. Wusste das US-Militär davon nichts oder hatte die Präsenz in der Region ganz andere Ziele?

Dieser Frage geht ein neuer Dokumentarfilm des französischen Journalisten Jean-Baptiste Renaud nach. In der Doku behaupten kritische Stimmen, die Operation diente vor allem der Kartierung des Gebietes, um nachrichtendienstlich relevante Informationen zu sammeln und um einen Fuß in die Tür dieser Gegend zu setzen, die reich an Rohstoffen ist. Neben Gold und Diamanten gibt es dort Kupfer und Kobalt. Vor allem aber wurde 2009 in Uganda Öl gefunden. Mehr als genug Gründe für das US-Imperium, dort präsent zu sein. Die Suche nach Kony wurde dann auch nach einiger Zeit erfolglos abgebrochen.

Der Film deckt unter anderem auffällige personelle Verstrickungen zwischen Wirtschaft und US-Militär auf. Als lokaler „Kulturberater“ für das US-Militär war damals ein gewisser Marc Pearson tätig. Dieser war zuvor beim Diamantenbergbauunternehmen Gem Diamonds angestellt, einen Konzern mit circa 300 Millionen Euro Umsatz im Jahr. Was genau der Grund für seine Tätigkeit für das US-Militär war, bleibt von Pearson und vom Unternehmen unbeantwortet. Einer der Financiers des Videos von Invisible Children war Howard Buffet, Sohn von Multimilliardär Warren Buffet. Howard Buffet startete später gemeinsam mit Monsanto ein „landwirtschaftliches Projekt“, dessen erklärtes Ziel es war, die ugandische Landwirtschaft zu stärken. In der Realität brachte man damit Monsantos genmanipulierten Mais nach Uganda.

Kritik aus Uganda richtet sich vor allem darauf, dass Invisible Children mit dem ugandischen Diktator Yoweri Museveni eng zusammenarbeitet. Dieser hatte sich 1986 an die Macht geputscht und seitdem das Land regiert. Dem ugandischen Militär werden zudem unter anderem von Human Rights Watch ähnliche Verbrechen vorgeworfen, wie man sie in dem Video Joseph Kony und seiner LRA anlastet: Folter, Vergewaltigungen, Morde. Wieso kooperiert man mit Kräften, denen die gleichen Dinge vorgeworfen werden, die man offiziell bekämpfen möchte? Auch das US-Militär hat seit Jahren Musevenis Diktatur unterstützt.

Im Gegenzug schickte dieser zum Beispiel ugandische Truppen nach Somalia, um den USA dort im „Kampf gegen den Terror“ zu helfen. Kritiker wiesen schon früher darauf hin, dass Museveni den Kampf gegen Kony und die LRA nur als Vorwand benutzt, um Krieg gegen das Volk der Acholi zu führen, das im Norden Ugandas lebt. In der britischen Sunday Times erschien bereits 2002 ein Artikel, in dem Museveni ebenfalls die Rekrutierung von Kindern vorgeworfen wird.

Im Film von Renaud wird eine weitere sehr fragwürdige Verbindung der „NGO“ Invisible Children thematisiert. Zu den Geldgebern gehören viele fundamental-christliche Organisationen, zu denen der Macher des Films „Kony 2012“ selbst engste Verbindungen haben soll. Passend dazu ist auch Museveni in Uganda ein fundamentaler Christ, der mit aller Härte beispielsweise gegen Homosexuelle vorgeht.

Insgesamt ist „Kony 2012“ ein Lehrstück einer perfekt inszenierten PR-Kampagne. Emotional angelegt und mit einem an sich durchaus unterstützenswerten Anliegen – nämlich der Rekrutierung von Kindern als Soldaten ein Ende zu setzen – wird eine gänzlich andere Agenda gerechtfertigt und durchgesetzt. Nicht nur das: Man bringt die Menschen sogar noch dazu, ein militärisches Einschreiten zu fordern. Millionen Menschen unterschrieben nach dem Film eine entsprechende Petition.

Das Perfide an der Sache ist die Tatsache, dass es aufgrund der Emotionalität des Themas so schwer wird, dagegen zu argumentieren. Wer soll schon dagegen sein, die Rekrutierung von Kindersoldaten zu beenden?

Wie kann man an diesem Film Kritik üben? Das kann ja nur heißen, man schere sich nicht um die armen Kinder, die in die Fänge dieses Mörders geraten.

Für Argumentationen, dass sich besonders das US-Militär eher selten um Kinder sorgt und dass Joseph Kony nur einer von vielen ist, die Kindersoldaten rekrutieren, ist in einer derart emotionalen „Debatte“, wenn man sie denn überhaupt so nennen kann, kein Platz. Auch dass der Westen allgemein mit seiner Afrikapolitik die Entstehung solcher bewaffneter Banden seit Jahrzehnten geradezu forciert und all die lodernden Konflikte immer wieder anheizt und etliche Diktatoren unterstützt, denen ähnliche Gräueltaten vorgeworfen werden, spielt keine Rolle. Erst einmal muss man doch die Kinder retten!

Wenn dann nach einigen Jahren herauskommt, dass die US-Operationen keine Kindersoldaten befreien sollten, sondern rein wirtschaftlichen Interessen dienten, interessiert sich schon so gut wie niemand mehr für das Thema. Der kurze öffentliche Aufschrei ist vorbei und das öffentliche Augenmerk gilt irgendeinem anderen Skandal.


Quellen und Anmerkungen:
(1) https://www.youtube.com/watch?v=Y4MnpzG5Sqc

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