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Die Zermürbungsstrategie

Die Zermürbungsstrategie

Um den Bürgern zuvor undenkbare Zumutungen aufzunötigen, setzt der Kapitalismus auf inszenierte Krisen.

Wirtschaftliche „Schockbehandlungen“

Überzeugt davon, sein Land bräuchte eine „moralischen Reinigung“, putschte Augusto Pinochet — finanziell unterstützt von USA und CIA — am 11. September 1973 in Chile. Der demokratisch gewählte sozialistische Präsident Salvador Allende nahm sich daraufhin das Leben und Pinochet regierte das Land bis 1990 als Militärdiktatur.

Besessen von der Vision einer „keimfreien Kultur“ ließ er Bücher verbrennen und Kulturgut zerstören. Alles, was durch Aufklärung und Zusammenschluss Sinn und Orientierung zu schaffen vermochte, wurde ausradiert: Akademiker der Wirtschaftsfakultät verschwanden, da sie als „nährende Quelle subversiver Delinquenten“ galten. In Bildungseinrichtungen wurden Gruppenarbeiten verboten, weil sie „für die individuelle Freiheit zum gefährlichen Kollektivgeist“ wurden. Versammlungen waren nur bei Militäraufmärschen und Fußballspielen erlaubt. Um verhaftet zu werden, reichte es, als Frau eine lange Hose zu tragen, als Mann lange Haare.

„In Chile war Pinochet entschlossen, seinem Volk die Unsitte abzugewöhnen, auf die Straße zu gehen. Die winzigsten Versammlungen wurden mit Wasserwerfern auseinandergetrieben, Pinochets Lieblingswaffe zur Behandlung von Menschenmengen. Die Junta besaß Hunderte, sie waren klein genug, um auch Fußwege zu befahren und Gruppen von Schulkindern zu durchnässen, die Flugblätter verteilten; selbst Begräbnisprozessionen wurden brutal auseinandergetrieben, wenn die Trauer zu laut geäußert wurde. Von einer für ihre Spuckkünste bekannten Lamaart hatten die allgegenwärtigen Wasserwerfer den Spitznamen Guanakos, sie spritzten die Menschen weg, als wären sie Müll, und hinterließen glänzende, saubere und leere Straßen“ (2).

Es galt, die Bevölkerung zu traumatisieren, sie zu dissoziieren und somit kulturell wie sozial zu entwurzeln. Nur indem man alle Gewalttaten auf einmal begehe (Niccolò Machiavelli), könne man Krisen oder Schocks zu einem Umbau von Wirtschaft und sozialer Infrastruktur nutzen. So der Plan von Milton Friedman, den er Mitte der Siebzigerjahre an Pinochet herantrug. Ähnlich wie später Präsident George W. Bush träumte auch Friedman von der „Befreiung des Marktes vom Staat“, dem Ideal eines „perfekten hohlen Staates“ (3): Wettbewerbsfreie Auftragsvergaben unter der Hand und Staaten, die somit ihre Autonomie verlieren, sprich ihre Fähigkeit, über die eigene Wirtschaftspolitik selbst bestimmen zu dürfen. Was daraufhin folgte, „war der extremste kapitalistische Umbau, der irgendwo jemals versucht worden war“:

Chile erlebte die Dreifaltigkeit des freien Marktes (4):

  • Deregulierung: Regeln und Regulierungen werden gestrichen, die der Akkumulation von Profiten im Weg stehen.
  • Privatisierung: Alles wird verkauft, was auch profitorientiert von Unternehmen vertrieben werden kann. wie Schulen, Krankenhäuser, Sicherheitsfirmen, Kriegsführung, Öl, Bodenschätze, Schlüsselindustrien, Nationalparks ...
  • Einschnitte: drastisches Zurückfahren von Sozialausgaben.

„Nur eine Krise — eine tatsächliche oder empfundene – führt zu echtem Wandel. Wenn es zu einer solchen Krise kommt, hängt das weitere Vorgehen von den Ideen ab, die im Umlauf sind. Das ist meiner Ansicht nach unsere Hauptfunktion: Alternativen zur bestehenden Politik zu entwickeln, sie am Leben und verfügbar zu halten, bis das politisch Unmögliche politisch unvermeidlich wird“ (5).

„Solche konzertierten Überfälle auf die öffentliche Sphäre nach verheerenden Ereignissen und die Haltung, Desaster als entzückende Marktchancen zu begreifen, nenne ich ‚Katastrophen-Kapitalismus‘. (…) Auf eine große Krise oder einen Schock warten, dann den Staat an private Interessenten verfüttern, solange die Bürger sich noch vom Schock erholen, und schließlich diesen ‚Reformen‘ rasch Dauerhaftigkeit verleihen“ (6).

Die Schockstrategie: Massenentprägung durch Massentraumatisierungen

Was anfangs als Revolution der Chicago Boys galt — weil viele von Pinochets Wirtschaftsexperten bei Friedman an der University of Chicago studiert hatten —, etablierte sich später als „Schocktherapie“, das Aufeinanderfolgen von drei Phasen, die den umfassenden Wechsel zur freien Marktwirtschaft herbeiführen sollen:

1. Die Schock- oder Weichklopfphase

Mittels Kriegen, Terroranschlägen, Staatsstreichen oder gar Naturkatastrophen soll ein, alle Ebenen des zwischenmenschlichen Miteinanders überlagerndes, Gefühl der Angst entstehen — ähnlich wie nach 9/11. So ließe sich rationales Denken und der Schutz eigener Interessen am einfachsten aussetzen. Wer sich wehrt, hat weitere Schocks zu erleiden: Verhöre, Gefängnisaufenthalte bis hin zu sensorischer Deprivation und Elektrokonvulsionstherapien (Kubark-Methoden, (MKULTRA)). Manch einer „verschwindet“ auch einfach. Dieses „Foltern der Massen“ gleicht einem „Krieg gegen den Geist“. Das systematische Ausmerzen von „Systemunkonformen” soll verdeutlichen: Widerstand bedeutet Tod. Mach mit, oder du stirbst.

2. Die „Tabula-rasa-“ oder „Entprägungsphase“

Durch das gezielte Aufbrechen des bislang vorherrschenden Narrativs soll ein Verlust der eigenen Realität sowie der an sie bis dato gebundenen Identität stattfinden.

Alles, was dich bislang ausgemacht hat, darf nun nicht mehr sein. Alles, was dir bislang wichtig war — Kultur, Freunde, Privatsphäre, Individualität — wird nun unter Strafe gestellt. Du hörst auf, du selbst zu sein, weil du kein Selbst mehr haben darfst.

Das Erleiden dieser kumulativen Traumatisierung wird letztendlich subtraumatisch:

„Die einsetzende Erholungsphase wird jedoch jedes Mal durch erneute Ereignisse gestört und somit auf Dauer das psychische System zum Zusammenbruch gebracht.“

Was folgt, ist eine mentale Regression auf individueller wie kollektiver Ebene. Die anhaltenden Schocks lähmen den Menschen, lassen ihn sich ohnmächtig und orientierungslos fühlen — beinahe wie einen „Gefangenen im eigenen Körper“.

Dieses Erzeugen größtmöglicher kognitiver Dissonanzen verlagert den kollektiven Zersetzungsprozess von der Politik auf den Bürger selbst. Nicht mehr die Politik spaltet die Gesellschaft, die Gesellschaft spaltet sich selbst: Übersteigt der eigene Energieaufwand, den es zur Aufrechterhaltung der Komplexität äußerer Strukturen braucht, die eigene Leistungskapazität, so scheint die eigenständige „Entprägung“ alter Ein- und Vorstellungen als einziger Ausweg, dem Druck der Nonkonformität zu entkommen. Man macht mit, um zu überleben.

3. Das „Psychische Antreiben“

Auf der individuellen Ebene von Staatsfeinden und Widersachern käme es in dieser Phase zum Informationserwerb durch ein Geständnis. Frühere Überzeugungen werden zurückgedrängt und das einstige Selbst verleugnet. Was bleibt, ist ein gebrochener Mensch.

Auf kollektiver Ebene gilt es nun, den Staat als „Vaterfigur“ und „Retter“ erstarken zu lassen.

Die Bürger sind so weich gekocht und leer, dass sie für alles „Neue” offen sind. Die Pläne, die die ganze Zeit in der Schublade lagen, können nun endlich hervorgeholt werden. Hauptsache: „Es endet“.

Es ist wie nach dem 11. September: Die Angst vor dem Terrorismus übersteigt plötzlich die Angst vor einem Leben im Überwachungsstaat.

Zu geplant, um wahr zu sein?

Oft wurde Naomi Kleins Bericht der Schockstrategie als Verschwörungstheorie abgetan, etwa in Zeit online. Sie habe nicht mehr „alle Tassen im Schrank“ und sei „verrückt geworden“. Die Schock-Strategie sei ein Buch für Menschen, „die schon jetzt in den Verschwörungstheorien der Globalisierungskritiker gefangen sind“, schrieb die Süddeutsche Zeitung. Solch kalkulierte Pläne zu Massentraumatisierung, Folter und schlussendlichem Systemwechsel hätten nicht spurlos an der Öffentlichkeit vorübergehen können. Nein, das hätten wir mitbekommen. In dem Versuch, das bestehende Bild von Staat und Politik nicht angeknackst zu wissen, wird jede von Klein gezogene Parallele abgestritten.

Nicht abstreiten lässt sich jedoch, dass die Dreifaltigkeit des freien Marktes seit Langem für zahlreiche Länder und ihre Bevölkerung die täglich spürbare, harte Realität darstellen. Ob Afghanistan, Algerien, Argentinien, Bolivien, Brasilien, Chile, Ecuador, El Salvador, Indonesien, Irak, Nicaragua, Philippinen, Polen, Russland, Sri Lanka, Südafrika, Südkorea, Thailand — Kleins historisch vielschichtigen Rückblenden hinterlassen Spuren, auch beim Leser. Aber wie kommt es, dass trotz der keineswegs subtilen Anwendung wirtschaftlicher Schocktherapien, die ihnen zugrunde liegenden Machtmechanismen verborgen und so für die Massen unsichtbar bleiben?

Wiederholt wurde sich des Klimas eines „großen Notstandes“ bedient und so das Bild von Zwangsläufigkeit erzeugt: Die ungebremste Marktwirtschaft wird nicht nur als alternativlos angesehen, sondern als „der beste und legitimste Weg aus der Krise“. Der Ausnahmezustand erlaubt es der Politik, sich über Wählerwünsche hinwegzusetzen und das Land den Wirtschaftstechnokraten zu übergeben. „Stabilität“ gilt hier als offizielle Rechtfertigung zur zukünftigen Krisenprävention (7).

Naomi Klein geht so weit, jene „Krisen“ als „demokratiefreie Zonen“ (8) zu bezeichnen. Sie zeichneten das Ende des „Laissez-faire-Kapitalismus“. Das, was Massentraumatisierung und kollektive Zersetzungsprozesse zurückgelassen haben, nennt sie „Katastrophenkapitalismus“, die Möglichkeit zum „Aufbau einer technifizierten Demokratie“ als Inbegriff des Zusammenschlusses von Big Business und Big Government. Ihr Bündeln von Machtpotenzialen zur Regulierung und Kontrolle der Bürger stelle schlussendlich die höchste Verwirklichung der korporatistischen Mission dar: „Die totale Verschmelzung der politischen und wirtschaftlichen Elite im Namen der Sicherheit“ (9).

Krieg ist Frieden! Freiheit ist Sklaverei! Unwissenheit ist Stärke!

Die Zeit der offenen Kriege ist passé, nicht aber das neoliberale Unterfangen der Marktreichweitenvergrößerung. Was früher unter der Parole „Krieg gegen den Terror“ durchgesetzt wurde, findet heutzutage als eine Art globaler Klassenkampf statt — auf allen Ebenen von Privatunternehmern geführt und von öffentlichen Geldern bezahlt (10). Während diese in der alten Normalität noch unter dem Schein der Friedenssicherung agieren konnten, bedarf die Privatisierung von Regierungen heutzutage einer Schock-Strategie.

Der Krieg findet nun auf anderer Ebene statt. Um die Sicherheit im eigenen Land zu wahren, gilt es fortan nicht mehr, „alles Böse in Übersee“ zu eliminieren. „Das Böse“ ist nun überall. Jeder kann es haben, jeder kann es verbreiten. Der Bürger wird zur potenziellen Bedrohung, zum potenziellen Feind, zum potenziellen Mörder. Folglich bedarf die „Friedenssicherung“ heute in erster Linie der Freiheit der Bürger im eigenen Land. Was folgte, war die Einschränkung von Grundrechten zum Schutz ihrer „Besitzenden“. Es ist das Etablieren von Instabilität als neue Stabilität.

Im Aufreißen tiefer Klüfte der Unsicherheit und Angst, wurden Bevölkerungen atomisiert — überall auf der Welt. Da jeder primär als potenzielle Gefahr galt, und nicht mehr als Mensch, fing man an, sich gegenseitig zu misstrauen.

Man traf sich nicht mehr, sprach nicht mehr. Es folgten todesverheißende Bilder, Zahlen, Prognosen. 24 Stunden, 7 Tage lang. Und das nun seit knapp zwei Jahren. Wenn das kein kumulatives Trauma ist, was dann?

Zwei Jahre lang eingetrichtert zu bekommen, dass jeder Schritt vor die Haustür, jedes Gespräch ohne Maske sowie jede Umarmung dein Ende bedeuten könnte, zerreißt. Um dieser kognitiven Dissonanz zu entgehen, fängt der Mensch an, seinen Wunsch nach Nähe und Wärme zu unterdrücken. Er rationalisiert, „entprägt“ sich solange von seinen früheren Bedürfnissen, Verhaltensmustern, Träumen, bis er diesen verdammten Druck nicht mehr spürt, bis der Wille der Welt da draußen endlich zu seinem eigenen geworden ist: Er macht mit, um gesellschaftlich zu überleben.

Aber ist ein Leben innerhalb einer solchen Gesellschaft überhaupt noch lebenswert? Und ist eine solche Gesellschaft überhaupt noch eine Gesellschaft, da sie nicht mehr auf Kommunikation und Vereinigung beruht, sondern auf Diffamierung und Missgunst?

„Meinungsfreiheit ist bedeutungslos, wenn die kommerzielle Kakofonie eine solche Lautstärke angenommen hat, dass einen niemand mehr hören kann“ (11).

Warten wir nicht auf ein Korrektiv neoliberaler Ideologien zur offiziellen Geschichte. Seien wir selbst das Korrektiv unserer Zeit. Seien wir unser eigener Sinn. Unser eigener Halt. Unsere eigene Orientierung. Wer, wenn nicht wir?


Redaktioneller Hinweis: Dieser Text erschien am 3. Januar 2022 unter dem Titel „Im Kampf gegen die Schock-Doktrin“ im Blog der Autorin Treffpunkt im Unendlichen.


Quellen und Anmerkungen:

(1) Klein, Naomi: Die Schock-Strategie: Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2007, Vorwort.
(2) Ebenda, Seite 190.
(3) Ebenda, Seite 522.
(4) Ebenda, Seite 139.
(5) Milton Friedman, zitiert nach Klein 2007, Seite 17.
(6) Ebenda, Seite 16 folgende.
(7) Ebenda, Seite 292.
(8) Ebenda, Seite 250.
(9) Ebenda, Seite 561.
(10) Ebenda, Seite 27.
(11) Klein, Naomi: No Logo. Taking Aim at the Brand Bullies. Vintage Canada, 2000, Seite 193. Originalzitat: „Free speech is meaningless if the commercial cacophony has risen to the point that no one can hear you.“

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