Zum Inhalt:
Hilfe-Icon Unterstützen
Die Weltbeherrscher

Die Weltbeherrscher

Die „westliche Wertegemeinschaft“ agiert global wie ein astreiner Psychopath — was der Kontrolle zu entgleiten droht, muss zerstört werden.

Nach Befassung mit dem Thema halte ich die These, dass es eine Art zentral gesteuerter Planung zur Neuordnung der Welt tatsächlich gibt, für sehr wahrscheinlich. Zumal dies eben vor allem wiedergibt, was ohnehin bereits unmissverständlich aus Kreisen von Superreichen, Ideologen, Philosophen und Politikern, die sich allesamt als dazu berufene Weltverbesserer sehen, geäußert wurde. Beispielhaft sei diesbezüglich an George Bush Senior und Samuel P. Huntington erinnert. Durch und mit ihnen hat sich in vielen Jahrzehnten ein eng verflochtenes Netzwerk gebildet.

Innerhalb dieses Netzwerkes spielen die größtenteils durch Konzerne und „Philantropen“ aber auch durch mit Steuergelder finanzierten Denkfabriken eine singuläre Rolle. Dort sitzen die geistigen, die intellektuellen Väter DES Krieges, eines gewollten globalen Krieges, bestehend aus vielen kleinen und großen Konflikten — Konflikte die mittels dieser Intellektuellen geradezu generalstabsmäßig konzipiert wurden.

Eine Reihe von Stellungnahmen — abgegeben von elitären Figuren aus dem Zentrum der Macht in den USA — belegt das im Folgenden. Wir werden dabei wiederholt auf die — mit hoher Affinität zum Faschismus versehenen — Begrifflichkeiten stoßen: „Revolution“, „totaler Krieg“ und „kreative Zerstörung“.

Die revolutionäre Kraft des Faschismus

Beginnen wir mit einem Zitat von Michael Ledeen (Hervorhebung durch Autor):

Kreative Zerstörung ist unser zweiter Vorname, sowohl innerhalb unserer eigenen Gesellschaft als auch außerhalb dieser. Wir reißen jeden Tag aufs Neue die alte Ordnung nieder, von der Wirtschaft über Wissenschaft, Literatur, Kunst, Architektur und Kino bis hin zu Politik und Recht“ (1).

Wohlgemerkt: Der Anspruch im Zitat bezieht sich ausdrücklich auf das gesamte gesellschaftliche Leben auch außerhalb der USA.

Wer kennt schon Michael Ledeen? In der deutschen Wikipedia gibt es nicht einmal einen Eintrag über ihn (a1). Das wird seinem langjährigen Einfluss sowohl auf die US-amerikanische Außenpolitik als auch deren geostrategische, konzeptionelle Ausrichtung in keiner Weise gerecht.

Michael Ledeen studierte Philosophie, wirkte jahrelang in Italien und arbeitete unter anderem als Journalist für das „rechtsgerichtete“ Blatt „Il Giornale Nuovo“, das damals auch von der CIA finanziert wurde (2), sowie als Auslandskorrespondent des unter anderem von Walter Lippmann gegründeten US-Magazins „The New Republic“ (3).

Während seines Studiums hatte sich Ledeen mit dem europäischen Faschismus beschäftigt, was auch Thema seiner Doktorarbeit war. In Italien führte er diese Studien weiter. Dabei faszinierte ihn die Massen von Menschen bewegende „revolutionäre Kraft“ des Faschismus. Revolution steht für den grundlegenden Umsturz bestehender Verhältnisse, um auf den Trümmern neue Strukturen aufzubauen. Ledeen entwickelte daraus seine Ideen über die Nutzbarkeit „kreativer Zerstörung“ auf gesellschaftlicher Ebene. Später beanspruchte er aus diesen Ideen ein Anrecht auch der „Rechten“ auf Revolutionen. Das, was die Leute in seinem Dunstkreis seitdem in über einem Dutzend Staaten anrichteten, ist tatsächlich Hinsicht revolutionär. Ob es kreativ ist, darf bezweifelt werden.

Michael Ledeen ist nicht irgendwer: Er war Berater des Nationalen Sicherheitsrats und des Außenministeriums der USA, in die Iran-Contra-Affäre Mitte der 1980-er Jahre verstrickt und bestimmte maßgeblich die Politik der USA ab dem folgenden Jahrzehnt mit (4, a2). Michael Leeden lehrte über Jahrzehnte am American Enterprise Institute, einer der einflussreichsten Denkfabriken der USA und Geburtsstätte der Initiative „Project for the New American Century“ (PNAC) (5). Ihm — wie auch den beiden genannten Institutionen — werden wir in dieser Abhandlung wiederbegegnen.

Die praktische Umsetzung des Konzepts "kreativer Zerstörung" innerhalb gesellschaftlicher Strukturen lässt sich am Besten durch Beispiele veranschaulichen. Schauen wir uns den Ausbruch der Kriege in Libyen und Syrien an, dann erkennen wir das Wesen dieser „kreativen Zerstörung“ — und so auch die Augen öffnenden Übereinstimmungen. Der Buch-Autor Oliver Fahrni schrieb dazu im Jahre 2003:

„(Es geht im Irak) um Öl, um Israel, um die Unterwerfung des Nahen Ostens und ein paar Dinge mehr (...) Vor allem aber um ein Modell: Weltherrschaft durch ,kreative Zerstörung’ (PNAC), durchorganisiertes Chaos. Das ist nicht sogleich einsichtig, weil es mit unserem Weltbild kollidiert: Macht, denken wir, gründe auf Law & Order, imperiale Hegemonie brauche (und erzwinge) Stabilität. Doch Konfliktforscher wissen: Chaos ist manchmal die effizientere Herrschaftsform. Im permanenten Bürgerkrieg können Ressourcen umverteilt, Gesellschaften umgebaut werden, ohne den langen Weg politischer Konsensfindung zu gehen“ (6).

Die erste Phase der Kriege in Libyen und Syrien war durch das Entfachen von Terror gekennzeichnet, verbunden mit einem Verfall der öffentlichen Ordnung und Sicherheit. Das bedrängte System war gezwungen, restriktiv zu reagieren. Diese Phase sah im Falle Syriens als auch Libyens die Türkei zwar als indirekten Unterstützer vor. Der ursprüngliche Plan hierfür kam allerdings NICHT aus der Türkei. Andererseits waren und sind für die Türkei selbst „Umgestaltungen“ durch Dritte geplant (siehe weiter unten). Im Falle der „kreativen Zerstörung“ zur Schaffung eines „Neuen Mittleren Ostens“ („Greater Middle East“) „zerfiel“ Syrien ebenso wie Libyen praktisch in drei Teile. Zuvor war schon der Irak in drei Teile „zerfallen“.

Das Konzept zur Destabilisierung des „Greater Middle East“, zwecks späterem grundlegenden Neaufbau wurde in den großen regierungsnahen Denkfabriken der USA entwickelt.

Das sind vor allem diese: der Council on Foreign Relations und die Heritage Foundation, die RAND Corporation und die Brookings Institution, das schon genannte American Enterprise Institute, das National Endowment for Democracy (NED) und schließlich die geostrategisch aufgestellte Analyse-Plattform Stratfor, deren Vertreter allesamt — für den Kenner nicht überraschend — regelmäßige Teilnehmer der Bilderberg-Konferenz sind.

„Kreative Zerstörung“ und Joseph Schumpeter

Der von den Erfindern verwendete brutale Gestaltungsansatz wird von ihnen und den eingenommenen Medien und Politikern in der Regel mit dem euphemistischen Begriff Transformation tituliert. Hinter so einem Begriff lässt sich das Leid, das mit dem Konzept verbunden ist, gut verstecken. Am Anfang stehen also die „Schreibtischtäter“, am Ende die verführten, unwissenden, missbrauchten, entsozialisierten und ihrer Empathie beraubten „kleinen Täter“ — beginnend beim Bürokraten, endend beim fanatischen Glaubenskämpfer. Eine dialektische Einheit, die das Tun beider Seiten unbedingt einschließt und die Möglichkeit des Bruchs aufdeckt ...

Kommen wir zurück zum „kreativen Zerstörer“ Michael Ledeen (siehe ganz oben). In einer hochgradig arroganten Polemik gegen Brent Scowcroft, den damaligen Sicherheitsberater von US-Präsident George W. Bush — schrieb er:

„Man kann nur hoffen, dass wir die Region in einen Hexenkessel verwandeln, und zwar schneller, bitte. Wenn es jemals eine Region gab, die es verdient hat, wie in einem Kessel erhitzt zu werden, dann ist es heute der Mittlere Osten. Wenn wir den Krieg effektiv führen, werden wir die Terrorregime im Irak, Iran und in Syrien stürzen und entweder die saudische Monarchie stürzen oder sie zwingen, ihre globalen Aktivitäten aufzugeben, um junge Terroristen zu indoktrinieren“ (7).

Gehen wir davon aus, dass es einen tiefen Staat in den USA gibt, aber Michael Ledeen über Jahre lediglich einen nützlichen Idioten für diesen gespielt hat. Verliebt in seine Theorie, deren Struktur und Vorgehen er sich während seines Studiums und der Zeit in Italien vom italienischen Faschismus abgeschaut hatte, war er offensichtlich nur noch scharf darauf, diese Theorie als Ideologie in der Praxis umgesetzt zu sehen. Ledeen ist — aus meiner Sicht — ein abgehobener, zum Wahnsinn neigender totaler Krieger. Wer glaubt, die irrsinnige Postulierung eines „totalen Krieges“ sei nur dem deutschen Faschismus vorbehalten, der irrt gewaltig (Hervorhebung durch Autor):

„Es gibt allen Grund zu der Annahme, dass es uns gelingen wird, den Nahen Osten zu revolutionieren, denn wir haben es immer verstanden, Tyranneien zu zerstören (...) Wir führen einen totalen Krieg, weil wir im Namen einer Idee — der Freiheit — kämpfen und Ideen entweder triumphieren oder scheitern“ (8).

Damals, im Jahre 1988, hatte die politische Karriere des Michael Ledeen gerade so richtig Fahrt aufgenommen. Sein bellizistisches Wesen wurde sehr wohl erkannt — und für geeignet befunden. Fortan spielte Ledeen eine außerordentlich einflussreiche Rolle in der US-Politik.

Wie bereits ausgeführt, hatte Ledeen Philosophie studiert und dürfte dabei erstmalig mit Joseph Schumpeters Idee „kreativer Zerstörung“ in Kontakt gekommen sein. Die in ihrem Selbstverständnis geistigen Eliten nutzten bei ihren Modellen zur „Umgestaltung“ die Ideen des ehemaligen österreichischen Finanzministers und Wirtschaftstheoretikers.

Der heutzutage von Nationalökonomen, Wirtschaftspolitikern und Medien hochgelobt Schumpeter erkannte, dass Kapitalismus nicht als stetiger, sondern diskontinuierlicher, in Sprüngen voran schreitender Prozess verstanden werden muss, der von grundlegenden technischen (!) Innovationen geprägt ist, über die ein entscheidender Vorteil am Markt erlangt wird. Damit bilden sich neue Formen zeitweise sehr profitabler Wirtschaftstätigkeiten heraus, während andere aussterben. Die Herausbildung von etwas völlig Neuem ist mit dem Untergang von Bisherigem verbunden; Kreativität bringt unweigerlich Zerstörung hervor (9, 10).

Schumpeters Erkenntnisse sind innerhalb des definierten Modells sicher richtig — wohlgemerkt innerhalb des derzeit als alternativlos gepriesenen kapitalistischen Wettbewerbs-Modells. Doch begreife ich sie eben als nicht über die Grenzen der Matrix hinausgehend. Sie bewegen sich ausschließlich im Rahmen eines sozialdarwinistischen Bildes vom Handeln der Menschen, so wie es bereits Adam Smith Jahrhunderte zuvor in seinem Buch „Wohlstand der Nationen“ beschrieben hatte. Danach ist der Mensch ein auf reinem Eigennutz fokussiertes Wesen, der somit prinzipiell in Konkurrenz denkt und handelt. Dass Menschen ihr Überleben — und damit ihr Empfinden von Glück — vor allem ihren kooperativen und empathischen Zügen verdanken, wird dabei ausgeblendet. Womit die Logik zwar schlüssig, aber die Grundannahme falsch ist und somit das gesamte Konstrukt auf tönernen Füßen steht.

Dieser falsche Grundansatz für das Wesen des Menschen wird allerdings von den Geostrategen der Weltmacht USA seit vielen Jahrzehnten als gegeben hingenommen. Und auf dieser fehlerhaften Annahme, die im eigenen Wesen begründet ist und das spiegelt, werden von ihnen fatale, ja pathologisch gefärbte Gesellschaftsmodelle und Herrschaftskonzepte entwickelt und nachfolgend versucht umzusetzen.

Pathologisch ist es, wenn Strategen meinen, sie und zwar ausschließlich sie — die im Selbstverständnis wahren Gestalter — hätten die Fähigkeiten, das Wissen und die Möglichkeiten, bessere Gesellschaften „zu schöpfen“.

Ihre gefühlte Einzigartigkeit befähigt und verpflichtet sie, am großen Rad der Welt zu drehen. Dafür muss man die Menschen nur überzeugen und wer nicht überzeugt werden kann, muss — selbstverständlich nur zu seinem Besten — mit Gewalt bekehrt werden. Demokratie ist für diese Leute Mittel zum Zweck — als Fassadendemokratie.

Neun Tage nach den Ereignissen des 11. September 2001 wurde beim Magazin „National Review Online“ ein Artikel von Michael Ledeen veröffentlicht — Titel: „Creative Destruction“ — auf Deutsch „Kreative Zerstörung“. Neun Tage nach dem Einsturz dreier New Yorker Hochhäuser im freien Fall wusste offensichtlich auch Ledeen bereits ganz genau „wer es war“. Also konzentrierte er sich umgehend darauf, seiner Obsession nachzugehen und zur Tat der „kreativen Zerstörung“ zu schreiten. Der Mann hatte offensichtlich Gefallen am Faschismus gefunden (Übersetzung und Hervorhebung durch Autor):

„(...) wir sollten keine Zweifel an unseren Fähigkeit hegen, Tyranneien zu zerstören. Das ist es, was wir am besten können. Es ist für uns selbstverständlich, denn wir sind das einzige wirklich revolutionäre Land der Welt, wie wir es seit mehr als 200 Jahren sind. Kreative Zerstörung ist unser zweiter Vorname. Wir tun es automatisch und genau deshalb hassen uns die Tyrannen und werden gezwungen, uns anzugreifen (11).

Das zuletzt im Zitat Unterstrichene ist Hinweis auf die krude Logik, mit der Besessene wie Ledeen sich ihre heile Welt zurechtbiegen. Und obwohl keinerlei Verbindungen zum Irak Saddam Husseins aufgedeckt waren, trommelte Ledeen in diesem Artikel — in seinem und im Namen seiner Freunde von PNAC — bereits vehement zu einem geradezu heiligen Krieg gegen dieses Land. Ledeen setzte noch einen drauf, als er sagte:

„Mit anderen Worten, es ist wieder einmal an der Zeit, die demokratische Revolution zu exportieren“ (12).

Geostrategen der Art, wie sie die Geschicke der Politik des Weißen Hauses bestimmen, verhalten sich wie religiöse Eiferer. Ihre Vorbilder finden sich bei ihren Vorgängern, den britischen Weltherrschern. Doch bleiben wir beim Thema, innerhalb dessen der Plan der „Gestaltung“ eines „Neuen Nahen Osten“ deutlich die Elemente „kreativer Zerstörung“– umgesetzt auf Gesellschaften — zutage treten lässt. Kommt das dem Leser zu abenteuerlich vor?

„Kreative Zerstörung“ und der „Neue Mittlere Osten“

Erinnern wir uns noch einmal an die dramatischen Geschehnisse in der Türkei des Sommers 2016. Der gescheiterte Putsch gegen die Regierung Erdogan hatte eine geopolitische Neuorientierung der Türkei zur Folge. Das lässt sich mit dem Strategiepapier des Ralph Peters, erarbeitet für das US-Verteidigungsministerium und im Jahr 2006 bestimmten Kreisen in Führungsstäben der NATO zugänglich gemacht, erklärbar machen. Dazu gehörte auch diese Karte (b1):

Bild

Sie zeigt unter anderem ein durch die „Gestalter“ gestutztes türkisches Staatsgebiet, was den türkischen Militärs — als sie es zur Kenntnis nahmen — ziemlich sauer aufstieß (13). Aber die Pentagon-Planer hatten — was Grenzen betrifft — in der gesamten Region keinen Stein auf dem anderen gelassen und praktisch jedes Land im Nahen und Mittleren Osten nach ihrem Gutdünken neu gestaltet. Die Art und Weise wie man das bewerkstelligen würde, verbirgt sich in eben der Strategie „kreativer Zerstörung“. Peters brachte es übrigens bis zum Stellvertretenden Stabschef für Geheimdienstfragen im sogenannten US-Verteidigungsministerium.

Auf einer Pressekonferenz im gleichen Jahr kommentierte die damalige US-Außenministerin Condoleezza Rice die Angriffe Israels auf den Libanon unter anderem mit den folgenden Worten (Hervorhebungen durch Autor):

„Aber ich habe keinerlei Interesse, eine Diplomatie zur Wiederherstellung des Status quo ante zwischen Israel und Libanon zur betreiben. Ich denke, das wäre ein Fehler. Was wir hier mitverfolgen, sind gewissermaßen die Anfänge, die Geburtswehen eines neuen Nahen Ostens, und was auch immer wir tun, wir sollten sicher sein, dass wir in Richtung eines neuen Mittleren Ostens voranschreiten und nicht zum alten zurückkehren“ (14).

Die Außenministerin äußerte unmissverständlich die Auffassung, Gesellschaften auf anderen Kontinenten gestalten zu dürfen, ja zu müssen — über deren Köpfe hinweg und um den Preis, den sie für richtig hielt, dass er halt gezahlt werden muss. Und auf was beziehen sich die großen Leitmedien, wenn sie sich zum ideologischen Anwalt kreativer Zerstörung machen? Auf eine angeblich „zur Not“ — Stichwort: R2P (Responsible to Protect = die Verantwortung zu schützen) — mit Gewalt durchzusetzende Demokratie und Freiheit der Völker. Ist der Widerspruch zwischen dem Einen und dem Anderen erkennbar?

Ralph Peters — der Autor des Pentagon-Strategiepapieres — vermerkte unter anderem, dass es die Grenzen sind, die niedergerissen werden müssen:

„Obwohl der Nahe Osten viel mehr Probleme als nur nicht funktionierende Grenzen hat — von kultureller Stagnation über skandalöse Ungleichheit bis hin zu tödlichem religiösem Extremismus — ist das größte Tabu bei allen Versuchen, das umfassende Versagen der Region zu verstehen, nicht der Islam, sondern die schrecklichen, aber unantastbaren internationalen Grenzen, denen von unseren eigenen Diplomaten gehuldigt wird“ (15).

Peters riss mit dieser Behauptung noch ganz andere Grenzen nieder. Er tat da nichts anderes, als zum Krieg aufzurufen! In arroganter Erhebung verhöhnte und entmündigte er mit dem Aufruf zur — unvermeidbar gewaltsamen — Neuziehung von Staatsgrenzen die dortigen Gesellschaften. Es ist zudem die völlige Abkehr von des in den Statuten der Vereinten Nationen verbrieften Rechts der Völker auf staatliche Souveränität und Selbstbestimmung. Das hat nichts mit Demokratie zu tun, sondern ist nur noch Ausdruck einer im Größenwahn versinkenden Weltmacht. Eine Gesellschaft wird dann paranoid, wenn es ihre Mitglieder, die Menschen sind — und man kann ohne Zweifel sagen, dass Peters in seinen eigenen Sphären schwebt(e). Ein Kommentar aus dem Jahre 2003 — getitelt mit „Der Zorn Amerikas — Ihr Deutschen widert uns an“ — belegt das eindrucksvoll (16).

Die Umsetzung dieser Neuziehung von Grenzen sehen wir derzeit am eindrucksvollsten im Irak und in Syrien. Dort spielen die Gottgleichen aus Washington systematisch Konfessionen gegeneinander aus, spalten damit die Gesellschaften und gründen neue, kleinere, schwächere, in keiner Weise souveräne, staatenähnliche Gebilde. Doch bevor das geschehen kann, ist eine Systemdestabilisierung, „kreative Zerstörung“, unerlässlich.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, dass es sich hier tatsächlich um offizielle Weltmachtpolitik der USA handelt, zitiere ich nun erneut den neokonservativen Philosophen und späteren Berater des US-Präsidenten George W. Bush, Michael Ledeen:

„Stabilität ist ein Auftrag, der Amerikas nicht würdig ist (...) Wir möchten keine Stabilität im Iran, im Irak, in Syrien, im Libanon, und sogar in Saudi-Arabien möchten wir keine Stabilität; Wandel wollen wir. (...) Kreative Zerstörung ist unsere zweite Natur, ob es unsere Gesellschaft betrifft oder das Ausland (17).

Michael Ledeen war der perfekte Zuarbeiter für Ralph Peters. Der Eine als vermeintlicher Gutmensch, der andere in seiner Verliebtheit zum und Eiferei im entwickelten philosophischen Modell, sind sie beide in ihrem Charakter pathologisch.

Es gibt tatsächlich eine durchaus überschaubare politische Kaste in den USA, die seit Jahrzehnten den Ton angibt. In der Regel stammen sie aus sogenannten Denkfabriken und entwickeln dort ihre beklemmenden Konzepte zur „Transformation“ von Gesellschaften. Michael Ledeen war als Repräsentant des American Enterprise Institute bald auch zur Bilderberg-Konferenz geladen, so wie sein Kollege und späterer Nachfolger Richard Perle (18).

Richard Perle war bereits vor drei Jahrzehnten in hohe politische Ämter berufen worden — so zum US-Präsidentenberater von Ronald Reagan. In jener Zeit gab er dem australischen Journalisten John Pilger ein Interview. Als Perle damals vom „totalen Krieg“ sprach, glaubte Pilger, sich verhört zu haben. Doch nach dem 11. September 2001 benutzte Perle in Bezug auf den „Krieg gegen den Terror“ diesen Ausdruck erneut:

„No stages. This is total war. We are fighting a variety of enemies. There are lots of them out there. All this talk about first we are going to do Afghanistan, then we will do Iraq (…) this is entirely the wrong way to go about it. If we just let our vision of the world go forth, and we embrace it entirely and we don't try to piece together clever diplomacy, but just wage a total war … our children will sing great songs about us years from now“ (19).

Atmen Sie unsere einzigartigen westlichen Werte ein, liebe Leser (Übersetzung und Hervorhebung durch Autor):

„Keine Zweifel. Das ist ein totaler Krieg. Wir kämpfen gegen eine Vielzahl von Feinden. Es gibt viele von ihnen da draußen. All dieses Gerede über ‚zuerst werden wir uns mit Afghanistan befassen, dann mit dem Irak’ (...) das ist der völlig falsche Weg. Wenn wir unsere Vision von der Welt einfach weitergeben und sie vollständig annehmen, und wir nicht versuchen, kluge Diplomatie zusammenzufügen, sondern (stattdessen) nur einen totalen Krieg führen, werden unsere Kinder in Jahren großartige Lieder über uns singen.“

Es ist kein Zufall, dass nicht nur Joseph Goebbels, sondern auch einflussreiche Intellektuelle wie Richard Perle und Michael Ledeen, ungeniert ihre Überzeugung vom „totalen Krieg“ verbreiteten. Sie waren und sind Brüder im Geiste — und zwar in dem Sinne, dass es die eigenen „Werte“ erlauben, darauf aufbauende Konzepte mit aller, selbst der brutalsten Macht, weltweit zu verbreiten. Solch Denken hat ein festes zu Hause im American Enterprise Institute. Richard Perle wurde aus gutem Grund — nicht nur bei seinen Gegnern — auch mit dem Spitznamen „Prince of Darkness“ („Prinz der Finsterniss“) bedacht (20).

Die Mär vom Kampf der Kulturen

Dort zu Gast war im Jahre 1992 auch ein gewisser Samuel P.Huntington, um ein Referat unter dem Titel: „The Clash of Civilization“ — auf Deutsch „Der Kampf der Kulturen“ — zu halten. Was er als schicksalhaftes Chaos prophezeite, passte wie aufs Auge in das Konzept der Schaffung „kreativer Zerstörung“. Die rein hypothetischen Aussagen Huntingtons zu den Ursachen dieses „Kampfes der Kulturen“ waren höchst geeignet, als Vorwand genau die von ihm vorhergesagten Prozesse gezielt herbeiführen zu können. Man musste allerdings — um Huntingtons Prophezeiungen Wirklichkeit werden zu lassen — ein wenig nachhelfen.

Um das zu erreichen, war es unter anderem erforderlich, Ursache und Wirkung umzukehren und die Menschen emotional von dieser Umkehrung zu überzeugen. Die Überlegungen Huntingtons kamen auch deshalb wie gerufen, weil man durch sie die nach dem Ende des Kalten Krieges ausgegangenen Feindbilder durch neue ersetzen konnte.

Die sicher einflussreichste Denkfabrik des vergangenen Jahrhunderts, der Council on Foreign Relations (CoFR), veröffentlichte ein Jahr später den Vortrag Huntingtons als Essay in seinem Blatt „Foreign Affairs“. 1996 erschien dieses schließlich — erheblich erweitert — als Buchausgabe mit dem nunmehrigen Titel „Der Kampf der Kulturen und die Neugestaltung der Welt“ („The Clash of Civilization and Remaking of World Order“) (21, a3).

Letztlich hatte Huntington die Gedanken einer weiteren 1992 veröffentlichten Schrift weitergeführt, das Buch vom „Ende der Geschichte“ des Politologen Francis Fukuyama. Ganz bescheiden adelte Fukuyama in diesem Buch das kapitalistisch-demokratische System einer freien Marktwirtschaft als höchste Stufe gesellschaftlicher Entwicklung (22). „Das Ende der Geschichte“ war für ihn gleichbedeutend mit dem Gipfel gesellschaftlichen Fortschritts. „Der Kampf der Kulturen“ beschäftigte sich daher auch mit den „Gefährdungen“, denen sich das von Fukuyama gepriesene System zu erwehren hatte. Beide Schriften waren daher ideales Futter für die Verfechter der „kreativen Zerstörung. Ja, Fukuyama war selbst ein „kreativer Zerstörer“, denn auch er war wenige Jahre später Mitglied des PNAC, jener Initiative die vehement militärische Interventionen im Mittleren Osten forderte (23).

Huntington zeichnete später auch das Bild einer Elitenschicht und nannte sie Davos-Mensch; angelehnt an die exklusiven Teilnehmer des jährlich stattfindenden Weltwirtschaftsgipfels in Davos (a4). In dieser Elitenschicht, als deren Teil er sich übrigens selbst sah, betrachtete er wiederholt die Auflösung von Nationalstaatlichkeit (24) und — ironisch verpackt — die künftigen Führer der Menschheit, die:

„wenig Zeit haben für nationalstaatliche Loyalität, nationalstaatliche Grenzen als Hindernis betrachten die dankenswerterweise verschwinden und die nationalstaatlichen Regierungen als Restbestände der Vergangenheit ansehen, deren einzige nützliche Funktion es ist, die globalen Operationen der Elite zu ermöglichen“ (25).

Überlegen wir gemeinsam, auf welche Art und Weise man das praktizieren könnte. Wie man den Nationalstaat auflöst und seinen Bewohnern das Gefühl nimmt, Teil einer speziellen kulturellen und sozialen Identität zu sein.

Die wahren Werte

„Kreative Zerstörung“ bedient sich moralisch aufgepoppter Narrative, um sie akzeptabel zu machen. Dabei atmen bereits diese — bei genauerem Hinsehen — die Sprache des Krieges. Die öffentlichen Stellungnahmen und Briefe des PNAC zeugen davon (26). Doch der eigentliche Zweck „kreativer Zerstörung“ ist pragmatisch und wird seit Jahrhunderten vom „Wertewesten“ praktiziert:

„Lasse die anderen sich gegenseitig zerfleischen und uns dabei ein wenig moderieren und Geld verdienen, um gleichzeitig voller Verachtung auf die Barbaren herabzuschauen.“

Das im Gebäude des American Enterprise Institute kampierende PNAC löste sich im Jahre 2006 unspektakulär auf, denn die Ziele waren erreicht, der weltweite zerstörerische „Krieg gegen den Terror“ bereits in vollem Gang. PNAC — wie dessen Nachfolgeorganisation, die Foreign Policy Initiative (FPI) — war mit Dutzenden Leuten besetzt oder verbunden, die US-Politik aktiv gestalt(et)en und sich „nebenbei“ bei Bilderberg-Konferenzen die Klinke in die Hand gaben. Und für was steht die — natürlich steuerbefreite — FPI?

„Laut eigener Bekundung hat sich die FPI die Abwehr des politischen Isolationismus und die Fortsetzung des diplomatischen, militärischen und wirtschaftlichen Engagements der USA in der Welt sowie robuste Unterstützung demokratischer Alliierter und der Menschenrechte in Unterdrückerregimes ebenso zur Aufgabe gemacht wie die Stärkung sowohl der Streitkräfte der USA für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts als auch der globalen Konkurrenzfähigkeit der US-Wirtschaft in Zeiten weltweiten Umbruchs (27).

Mit dem letzten Passus ist auch die Katze aus dem Sack. Alles davor ist emotionale Klingelei zur Manipulierung der Bevölkerungen, das unehrliche Gehabe einer angeblich ethisch-moralisch sauberen Demokratie. Daher auch meine Äußerung weiter oben, dass ideologisch verbohrte Intellektuelle wie Michael Ledeen und Richard Perle als nützliche, aber unbedingt notwendige Idioten für das Funktionieren des Systems benutzt werden. Zur Pflege eines solchen Denkens stecken Superreiche Unsummen in akademische Einrichtungen, Denkfabriken und sogenannte Nichtregierungsorganisationen.

Um parasitär von anderen Gesellschaften zu leben, benötigen die Wirtschafts- und Finanzeliten — die inzwischen nationalstaatlich oft gar nicht mehr identifizierbar sind — ein geeignetes, globales Umfeld. Das ist kein Umfeld, das durch souveräne, ihre eigenen Interessen selbstbewusst vertretende Staaten geprägt ist. Externe Ressourcen lassen sich nur dann zum ausschließlich eigenen Vorteil absaugen, wenn man Gesellschaften zuvor dauerhaft in innere wie äußere Konflikte stürzte und nunmehr quasi permanent „umgestaltet“. Das Konzept „kreativer Zerstörung“ ist dafür bestens geeignet.

Fragen wir uns in diesem Zusammenhang, wer es tatsächlich ist, der einen Krieg europäischer Staaten gegen Russland anstrebt und wer davon zu profitieren gedenkt.

Im September 2013 bezog sich auch Robin Wright in der New York Times auf die Karte des Ralph Peters (siehe weiter oben), als er im Kontext einer Neuordnung des Nahen und Mittleren Ostens schrieb:

„Syriens günstige Lage und seine militärische Stärke machen es zum strategischen Zentrum des Nahen Ostens. Mit der Neuordnung Syriens könnte ein Präzedenzfall für die ganze Region geschaffen und nebenan fortgeführt werden. Bisher konnte der Irak wegen des vom Ausland ausgeübten Drucks, wegen regionaler Ängste vor irakischen Alleingängen und weil ihm sein Ölreichtum wenigstens auf dem Papier zu loyalen Unterstützern verholfen hat, seinen Zerfall verhindern. Aber der Bürgerkrieg in Syrien könnte auch den Irak in den Strudel reißen“ (28).

Der Irak schien in den folgenden beiden Jahren einer Aufsplitterung entlang ethnischer und religiöser Trennungslinien näher zu sein, als jemals zuvor. Diese Aufsplitterung hatten die Neokonservativen schon vor dem Amtsantritt des jüngeren Bush geplant — im 1996 vorgelegten Strategiepapier „A Clean Break: A New Strategy for Securing the Realm“ („Ein sauberer Bruch: Eine Strategie zur Sicherung der Ostflanke“), war es unter anderem der bereits erwähnte „totale Krieger“ Richard Perle, der vorschlug gewaltsam den Irak „umzugestalten“ und Syrien „einzuhegen“. Was ab 2011 in Syrien und Libyen bittere Wahrheit wurde, nahm er vorweg — den Einsatz von Proxies zur gewaltsamen Destabilisierung der Opferstaaten (29, 30).

Das bedacht, kann uns das Aufkommen des Islamischen Staates — faktisch aus dem Nichts heraus — in einem völlig neuen Licht erscheinen.

Das nach der Jahrtausendwende verfasste Strategiepapier des Ralph Peters für neue Grenzziehungen im Nahen Osten ist also logische Konsequenz vorher gefasster geostrategischer Beschlüsse für eine Neuordnung der Region seitens des Hegemons.

Noch vor der Verfassung des „Clean-Break-Dokuments“ durch Richard Perle und sein Umfeld hatte der israelische Politiker und Journalist Oded Yinon ein weiteres Konzept, „The Zionist Plan for the Middle East“ vorgelegt. Darin forderte er, Israel solle „die arabischen Staaten in kleinere Territorien zerschlagen und die Aufteilung Syriens und des Irak in ethnisch oder religiös definierte Teilstaaten wie den Libanon betreiben“. Das müsse „das langfristige Primärziel Israels zu Sicherung seiner Ostgrenze sein“.

Yinon schlug vor, die arabischen und islamischen Staaten von innen heraus unter Ausnutzung der in ihnen herrschenden religiösen und ethnischen Spannungen zu zerstören (31).

Dem sei hinzugefügt: Und wenn diese Spannungen (noch) nicht vorhanden sind, sind diese zu erzeugen und zu schüren. Destruktivität ist das Geheimnis „kreativer Zerstörung“. Um den westlichen Konsumenten diese Destruktivität schmackhaft zu machen, wurden diese permanent mit dem Märchen vom notwendigen Export weltweiter Freiheit und Demokratie geflutet. Treffend meinte die Bundeszentrale für politische Bildung im Jahre 2005:

„Der Demokratieexport in den Greater Middle East ist demnach primär kein zivilisatorisches und für die Demokratie Hoffnung stiftendes Projekt. Er ist Bestandteil einer neuen ideologischen Offensive zur Rechtfertigung geostrategischer Interessen. Er ist das Herzstück einer neokonservativen Strategie, die Huntingtons Konzept vom Krieg der Kulturen durch ein neues Gewand von Freiheit oder Tyrannei austauscht“ (32).

Eine weitere Denkfabrik, in der sich die Aktivisten von PNAC wiederfinden, ist das Jewish Institute for National Security of America. Dort fanden und finden wir die bereits genannten Scharfmacher der US-Politik im Sinne einer „Full Spectrum Dominance“ wieder. Leute die beseelt vom eigenen Anspruch sind, den Planeten Erde zu kontrollieren und zu gestalten. Das sind zum Beispiel Dick Cheney und John Bolton, Paul Wolfowitz und John McCain, Richard Perle und der Gründer des Instituts — Michael Ledeen (33). Ihre ab der Jahrtausendwende vollends umgesetzten Vorstellungen einer Pax Americana und gewaltsamer gesellschaftlicher Veränderungen außerhalb der USA werden nach wie vor von den Massenmedien verbreitet und greifen bis heute tief in die US-amerikanische Politik ein (34).

Die Herausforderung besteht darin, zu erkennen, dass hinter der über uns schwebenden riesigen Wolke an Desinformationen, welche gefüttert ist mit wohlfeilen Worten von Freiheit, Menschenrechten, Befreiung der Völker von Diktaturen, Schutz vor humanitären Katastrophen; das hinter all dem sehr, sehr praktische Ziele stehen, die ganz und gar nicht mit den laut verkündeten moralischen Werten korrelieren. Die Ideen von Samuel P. Huntington sind keine theoretischen Spinnereien. Es gibt Machtblöcke, die sehr daran interessiert sind, die Welt nach dem von Huntington gezeichneten Bild zu gestalten.

Die Vernetzungen von akademischen Einrichtungen und Denkfabriken mit der praktischen Politik, ja die dadurch betriebene Steuerung Letztgenannter ist offensichtlich. Ungeheure Summen werden renditeorientiert in ideologische Netzwerke investiert, was eine riesige Echokammer entstehen lässt, in der sich die Protagonisten gegenseitig die vorgegebene Weltsicht bestätigen und damit den gegebenen Gewaltansatz als natürlich und normal empfinden. Die größten Summen fließen aus den Töpfen multinationaler Konzerne, Banken, Vermögensverwalter, Investmentfirmen, Hedgefonds und derer Stiftungen und wie gesagt tun sie das, um einen Nutzen für sich zu generieren (35 bis 37).

Die geistigen Väter „kreativer Zerstörung“ können zwar zerstören. Doch sind sie dabei keineswegs kreativ. Sie verkaufen alten Wein in neuen Schläuchen und verpacken so das Konzept des „Teile und Herrsche“ einmal mehr neu.

Bei den US-Präsidentschaftswahlen 2016 ist jedoch für die „kreativen Zerstörer“ etwas mächtig schief gelaufen. Barack Obamas Außenpolitik — so kriegerisch diese auch war — ließ „Hemmungen“ beim zügellosen Intervenieren erkennen. Daher war es das erklärte Ziel der ziokonservativen Kriegstreiber, mit einer Wahl Hillary Clintons zur US-Präsidentin, die US-amerikanische Rolle als globaler Führer wiederherzustellen und so nach Belieben das „Gestalten“ der Welt fortzusetzen. Für das Erreichen des Ziels hatten sich die Neokonservativen und Interventionisten ganz offen über die Parteigrenzen von Demokraten und Republikanern hinweg verbündet (38).

Für Außenstehende völlig überraschend scheiterten sie jedoch. Damit wird auch sichtbar, dass der tiefe Staat in den USA keineswegs homogen ist und in ihm auch Gruppen um die Macht kämpfen, die ein weiteres Streben nach globaler Führerschaft für das Land selbst als gefährlich begreifen. Das mögen bitte all die berücksichtigen, die selbstgefällig in das von den etablierten Medien betriebene Bashing gegen Donald Trump einstimmen.

Doch ungeachtet dessen gilt:

Eine mächtige Gruppe politischer und geistiger Eliten in den USA arbeitet eindeutig auf einen totalen Krieg (nach Richard Perle und Michael Ledeen) hin, und letztlich führt sie ihn bereits seit mindestens 2001. Ein totaler Krieg macht vor nichts halt, auch nicht vor Europa. Die totalen Krieger sind es auch, die ganz Europa in einen Krieg mit Russland treiben wollen.

Der vorliegende Artikel leitete mit einem Zitat von Michael Ledeen ein. Diesem „Vorzeigedemokraten“ und Mitgestalter der US-Politik als Avantgardist „kreativer Zerstörung“ in den vergangenen Jahrzehnten sei auch ein abschließendes Zitat vorbehalten. In einer Rede am American Enterprise Institute, Anfang der 1990-er Jahre erklärte er unter anderem:

„Every ten years or so, the United States needs to pick up some mall crappy little country and throw it against the wall, just to show the world we mean business.“

auf Deutsch:

„Alle zehn Jahre, oder so, müssen sich die Vereinigten Staaten irgendein beschissenes kleines Land herausgreifen, um es gegen die Wand zu schlagen, nur um der Welt zu zeigen, dass wir es ernst meinen“ (39),

Das funktioniert jedoch nur, wenn die Opfer zuvor das tückische Gift der Spaltung und Zwietracht angenommen und eingenommen haben. Es darf auffallen, dass solche Gaben auch uns hier ständig aufs Neue und in mannigfaltigen Variationen angeboten werden.

Bitte bleiben Sie auch deshalb schön aufmerksam.


Bild


Quellen und Anmerkungen:

(a1) Die erfolglose Suche nach Michael Ledeen in der deutschen Wikipedia datiert vom 2. August 2019.
(a2) Michael Ledeen war Mitarbeiter einer der Protagonisten in der Iran-Contra-Affäre, bei welcher der US-Auslandsgeheimdienst CIA seine verdeckten Kriege in Mittelamerika mittels illegaler Waffengeschäfte mit dem Iran finanzierte.
(a3) Samuel P. Huntington hat in seinem Buch explizit darauf hingewiesen, dass dieses nicht als wissenschaftliches Werk zu betrachten ist, sondern "eine Interpretation der Entwicklung der globalen Politik nach dem Kalten Krieg".
(a4) Interessanterweise war auch Huntington selbst geladener Gast des Weltwirtschaftsforums in Davos.

(Allgemein) Dieser Artikel von Peds Ansichten ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen kann er gern weiterverbreitet und vervielfältigt werden.

(1) John Laughland, 30. Juni 2003, „Flirting with Fascism. Neocon theorist Michael Ledeen draws more from Italian fascism than from the American Right“, https://www.theamericanconservative.com/articles/flirting-with-fascism/.
(2) Fred Landis, „Robert Moss, Arnaud de Borchgrave, and Right-Wing Disinformation“, CovertAction Information Bulletin, no. 10 (August bis September 1980), Seite 43; entnommen bei: https://en.wikipedia.org/wiki/Talk%3AMichael_Ledeen/Archive_1#Who_is_Michael_Ledeen?; 3. August 2019.
(3) https://en.wikipedia.org/wiki/Michael_Ledeen#Academic_career, abgerufen: 3. August 2019.
(4) Final Report of the Independent Counsel for Iran/Contra Matters, 4. August 1993, Part IV — Chapter 1: United States v. Robert C. McFarlane, ab Note 73, https://fas.org/irp/offdocs/walsh/chap_01.htm.
(5) http://www.aei.org/?s=Michael+Ledeen, abgerufen: 3. August 2019.
(6) Oliver Fahrni, Weltherrschaft durch „kreative Zerstörung“, INAMO 34/Sommer 2003, entnommen bei: Joachim Guilliard, Irak, Die neue Phase des Krieges, 2003, https://www.imi-online.de/download/IMI-Studie-2003-05-Guilliard-Irak.pdf, Seite 23.
(7) Michael Ledeen, 6. August 2019, https://web.archive.org/web/20020815074336/http://www.nationalreview.com/ledeen/ledeen080602a.asp.
(8) zitiert in Christopher Hitchens, „Minority Report“, 14. November 1988, Nation, Seite 482, entnommen bei: https://en.wikipedia.org/wiki/Talk%3AMichael_Ledeen/Archive_1, 3. August 2019.
(9) Simon Betschinger, Schumpeters Wirtschaftsmodell 2010, http://www.mastertraders.de/html/channel-info/Diplomarbeit-Uni-Konstanz-Betschinger-Simon-09022010.pdf.
(10) Frank Arnold, Der Unordnungspolitiker, 1. April 2012, http://www.spiegel.de/wirtschaft/oekonom-joseph-schumpeter-und-der-prozess-der-schoepferischen-zerstoerung-a-823853.html.
(11, 12) Michael A. Ledeen, Creative Destruction, 20. September 2001, National Review Onoline, abgerufen bei: http://www.aei.org/publication/creative-destruction-2/, am 3. August 2019.
(13) Kurt Suleyman, 29. September 2006, Carved-up Map of Turkey at Nato Prompts U.S. Apology, Zaman (Türkei), entnommen bei: http://www.globalresearch.ca/dem-projekt-eines-neuen-nahen-ostens-kreative-zerst-rung-als-revolution-re-kraft/23196.
(14) What the Secretary Has Been Saying, Special Briefing on the Travel to the Middle East and Europe of Secretary Condoleezza Rice (Washington, D.C.), 21. Juni 2006, Außenministerium der USA, http://www.state.gov/secretary/rm/2006/69331.htm.
(15) Blood borders: How a better Middle East Would Look, Ralph Peters, Armed Forces Journal (AFJ), Juni 2006, http://www.armedforcesjournal.com/2006/06/1833899, Seite dort zwar noch verlinkt bei http://armedforcesjournal.com/peters-blood-borders-map/, Links verweisen aber ins Leere, entnommen bei: Mahdi Darius Nazemroaya, http://www.globalresearch.ca/dem-projekt-eines-neuen-nahen-ostens-kreative-zerst-rung-als-revolution-re-kraft/23196.
(16) Ralph Peters, 15. Mai 2003, https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/der-zorn-amerikas-ihr-deutschen-widert-uns-an-1102176.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2.
(17) Weltherrschaft durch kreative Zerstörung, Joachim Guilliard, 2003, http://antikriegsforum-heidelberg.de/irakkrieg2/hintergrund/irak_neue_phase_krieges_jgl3.htm, Originalquelle: Michael Ledeen: The War Against the Terror Master, St. Martin’s Press, 2002 und Creative Destruction — How to wage a revolutionary war, National review online, 20. September 2001, http://www.nationalreview.com/contributors/ledeen092001.shtml.
(18) Bilderberger-Treffen 2005 in Deutschland, 2005, https://www.zeitenschrift.com/news/bilderberger-treffen-2005-in-deutschland#.V_o_d55al2U.
(19) John Pilger, 12. Dezember 2002, Two Years Ago a Project Set up by the Men Who Now Surround George W. Bush Said What America Needed Was 'A New Pearl Harbor', entnommen bei: https://rightweb.irc-online.org/profile/richard-perle/.
(20) Ramzy Baroud, 11. Juli .2014, https://www.foreignpolicyjournal.com/2014/07/11/obamas-failure-and-richard-perles-whitewashing-of-the-iraq-war/.
(21) https://en.wikipedia.org/wiki/Clash_of_Civilizations; abgerufen: 3. August 2019; Buch als Online-Ausgabe unter: https://www.gloria.tv/text/ggWgnXfJQXGj4FF8rubpJLFRE.
(22) https://de.wikipedia.org/wiki/Ende_der_Geschichte, abgerufen: 3. August 2019.
(23) Lieven de Cauter, 18. März 2003; https://www.nettime.org/Lists-Archives/nettime-l-0303/msg00094.html.
(24) Samuel P. Huntington, Dead Souls, The Denationalization of the American Elite, 3. Januar 2004, Nationalinterest, abgerufen bei WaybackMachine: https://web.archive.org/web/20090202000904/http://www.nationalinterest.org/General.aspx?id=92&id2=10938.
(25) Timothy Garton Ash, 3. Februar 2005, Davos man's death wish, https://www.theguardian.com/world/2005/feb/03/globalisation.comment.
(26) https://web.archive.org/web/20050203180636/http://www.newamericancentury.org/lettersstatements.htm, abgerufen: 3. August 2019.
(27) 9.10.2016; https://de.wikipedia.org/wiki/Foreign_Policy_Initiative; Originalquelle: http://www.foreignpolicyi.org/about
(28, 32) Kurt Nimmo, Wie ISIS zu seinen schweren Waffen kam, 15. Juni 2014, https://www.infowars.com/isis-and-the-plan-to-balkanize-the-middle-east/, Übersetzung bei: http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=20782, 17. September 2014.
(29) http://en.wikipedia.org/wiki/A_Clean_Break:_A_New_Strategy_for_Securing_the_Realm, abgerufen: 3. August 2019
(30) Study Group on a New Israeli Strategy Toward 2000, „A Clean Break: A New Strategy for Securing the Realm”, Institute for Advanced Strategic and Political Studies, www.israeleconomy.org/strat1.htm, entnommen bei: https://rightweb.irc-online.org/profile/richard-perle/, 4. August 2019.
(31) Mohssen Masserrat, 2. November 2005, http://www.bpb.de/apuz/28717/demokratisierung-des-greater-middle-east?p=all.
(33) https://en.wikipedia.org/wiki/Jewish_Institute_for_National_Security_of_America, abgerufen: 3. August 2019.
(34) Alexandra Homolar-Riechmann, 5. November 2003, http://www.bpb.de/apuz/27287/pax-americana-und-gewaltsame-demokratisierung?p=all.
(35) https://www.aei.org/wp-content/uploads/2019/01/AEI-2018-Annual-Report.pdf, Seite 41.
(36) https://www.brookings.edu/wp-content/uploads/2018/11/2018-annual-report.pdf, Seite 43.
(37) https://www.rand.org/capabilities/private.html; https://www.rand.org/giving/ventures.html, abgerufen: 4. August 2019.
(38) Keegan Farley, Die Hochzeit der Kriegstreiber, 5. Oktober 2016, https://www.imi-online.de/download/KF-Clinton-AusdruckOktober2016.pdf.
(39) Jonah Goldberg, Baghdad Delenda Est, Part Two, 23. April 2002, National Review, Artikel bei National Review nicht mehr verfügbar, gesichert in WaybackMachine: https://web.archive.org/web/20020604070303/http://www.nationalreview.com/goldberg/goldberg042302.asp, abgerufen: 3. August 2019.

Dieses Werk ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen dürfen Sie es verbreiten und vervielfältigen.
Creative Commons Lizenzvertrag

Wenn Sie unsere Arbeit unterstützen möchten, können Sie hier eine Spende abgeben. Da wir gemeinnützig sind, erhalten Sie auch eine Spendenquittung.