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Die verschwiegene Gefahr

Die verschwiegene Gefahr

Niemand soll erfahren, wie gefährlich Mobiltelefone sind. Exklusivabdruck aus „Thank You For Calling“.

„You got a faxmachine?“, der Privatdetektiv aus Baltimore klang gereizt, als er die Frage nach meinem Faxgerät stellte. Und dann ging’s los, „sit and watch“ hatte er noch gemeint, und tatsächlich traute ich meinen Augen kaum, als die Maschine eine hochexplosive Seite nach der anderen ausspuckte.

„Motorola confidential“ stand da oder „Vertrauliches Memorandum Burson Marsteller“, anwaltlicher Schriftverkehr zum 800-Millionen-Dollar-“Gehirntumorprozess Newman“. Der Wahnsinn. Die meisten Dokumente waren mit dem Stempel „Beweisstücke“ versehen. So ratterten Berichte über gefälschte oder manipulierte Studien der Mobilfunkindustrie, Regieanweisungen von Lobbyisten und interner anwaltlicher Schriftverkehr zum Thema Prozessstrategien gegen die Mobilfunkriesen bei mir ein.

Um die Explosivität dieser Schriftstücke insgesamt zu begreifen, brauchte es freilich einige Jahre der Recherche. Nicht zuletzt, weil sich bei freien Journalisten immer auch die Frage stellen sollte: Werde ich hier instrumentalisiert? Denn so ein „Fang“ ist, nüchtern betrachtet, zu schön, um wahr zu sein.

Am Tag nach dieser aufregenden und unerwarteten Ausschüttung hatte ich einen Termin beim Fernsehsender France 2 in Paris. Seit Monaten versuchte ich, den damals sehr mutigen Dokumentarfilmchef des Staatssenders, Yves Yeanneau, auf ein Mobilfunkthema einzustimmen. Mit den rund vierzig Dokumenten aus dem Faxgerät im Handgepäck war mir klar, dass ein alter Hase wie Jeanneau nicht mehr nein sagen würde. Und in der Tat, die Beweisstücke verfehlten ihre Wirkung nicht. Jeanneau gewährte mir noch am gleichen Tag ein Budget für eine Recherchereise in die Vereinigten Staaten. Sein Zauberwort war „Class Action“, das amerikanische Verbrauchersammelklagen-Verfahren, welches damals, im Jahr 2005, für die französische Gerichtsbarkeit adaptiert werden sollte und dadurch öffentlich zur Diskussion stand.

So hatte Monsieur Jeanneau seinen Aufhänger, denn, wie er so treffend formulierte: „Frontal gegen die Mobilfunkindustrie zu schießen, kriege ich hier im Hause niemals durch!“ Und ich hatte einen Produktionspartner, der meine Arbeit honorierte und meine Reise nach Baltimore ermöglichte.

Auf dieser Reise an die Ostküste der USA sollte ich zum ersten Mal einen Mann treffen, der mein Journalisten-Leben von da an entscheidend prägte: Dr. George Carlo. Aber der Reihe nach.
Baltimore im Februar 2005. Es herrscht eine klirrende Kälte: minus zwanzig Grad. Das erste Hotel am Platze ist das Harbor Court Hotel, direkt gegenüber des größten amerikanischen Hafens der Ostküste. Hierher hatte mich der Detektiv „Bob“ bestellt.

Nahezu ein symbolischer Ort. In Baltimore waren einige der bedeutendsten amerikanischen Verbrauchersammelklagen gelaufen, hatte der hier ansässige Anwalt Peter Angelos den US-Tabakkonzern Phillip Morris (u.a. Marlboro, weltweit Nr. 1) in die Knie gezwungen und für den Bundesstaat Maryland 4,2 Milliarden US Dollar erstritten. Am hiesigen Bundesgericht erkämpfte der einflussreiche Jurist ebenfalls für rund 20000 Hafenarbeiter Schadensersatzzahlungen in Milliardenhöhe. Diesmal gegen die Asbest-Industrie, was freilich für die armen Kerle, die durch die Löschung der hochgiftigen Ladung todkrank geworden waren, oftmals zu spät kam.

So wunderte es mich nicht, dass Peter Angelos auch bei den Klagen gegen die Mobilfunkindustrie seine Hände im Spiel hatte, wie Bob mir schnell zu verstehen gab.

Erstens gibt es zwischen Tabak, Asbest und Mobilfunk durchaus Parallelen, nämlich dergestalt, dass die jeweilige Industrie vehement Gesundheitsrisiken abgestritten hat und zweitens sich für ehrgeizige Juristen hier jede Menge Geld verdienen lässt.

Bobs direkter Auftraggeber war allerdings eine Frau gewesen, Joanne Suder, ebenfalls aus Baltimore, und als Anwältin eigentlich auf Sexualdelikte gegen Kinder spezialisiert. Bob, der zu diesem ersten Treffen in der Hotelbar sein kleines Schoßhündchen mitbrachte, berichtete mir schon sehr bald recht freizügig, dass er eine Affäre mit Frau Suder gehabt habe und dieselbe genau an eben jenem Tag von ihr beendet worden war, an dem ich mich bei ihm gemeldet hatte. Er sei derart verärgert über den doppelten Rausschmiss (Bett und Kanzlei) gewesen, dass er, nachdem ich ihn darüber in Kenntnis gesetzt hatte, dass eben jene Frau Suder mir seine Nummer gegeben hatte, mich quasi aus Wut über die Dame mit dem brisanten Material, das eigentlich ihr gehörte, versorgt habe.

Ich hatte Bob eine gute Flasche Bordeaux aus good old Europe mitgebracht als kleines Zeichen meiner Dankbarkeit ob der reichen Ernte aus der Faxmachine. Der Ende 50-Jährige, konservativ gekleidete, stattliche Mann zeigte sich begeistert über diese Geste. Dann lösten zwei Gläser kalifornischen Chardonnays hier im riesigen Bar-Raum des Harbor Court nach und nach seine Zunge. Nachdem meine drängendsten Fragen nach dem Warum und der Herkunft meiner Unterlagen geklärt waren, legte Bob so richtig los. Sein Leben sprudelte aus ihm heraus. Nach drei Stunden kannte ich die wichtigsten Stationen seiner beruflichen Laufbahn, einige seiner bunten Frauengeschichten und den wesentlichen Schachzug der an der Klage gegen die Mobilfunkindustrie beteiligten Anwälte, nämlich einen gewissen Dr. George Carlo als wissenschaftlichen Berater zu engagieren.

Ich hatte Dr. Carlos Buch „Cellphones-Invisible Hazards in the Wireless Age“, was so viel heißt wie „Handys – unsichtbare Gefahren der drahtlosen Zeit“, gelesen, das er zusammen mit dem Washington Post-Journalisten Martin Schramm im Jahr 2001 verfasst hatte.

Darin beschrieb Carlo seine Zeit zwischen 1993 und 1999, als er im Auftrag der Mobilfunkindustrie, genauer gesagt des in Washington D.C. ansässigen Industrieverbandes CTIA (Cellular Telephon Industry Association), geforscht hatte. Jenem Verband, in dem alle auf der Welt existierenden Mobilfunkanbieter und Handyhersteller organisiert sind!

Das Budget von zunächst 25 Millionen Dollar (später auf 28,5 Mio. aufgebessert) sollte Dr. George Carlo dazu nutzen, den wissenschaftlichen Beweis anzutreten, dass sich das kontinuierlich und weltweit verbreitende Handy keinerlei Gesundheitsgefahren mit sich bringt.

Die Verpflichtung Dr. Carlos war die Reaktion der Industrie auf zunehmend kritische Stimmen in der amerikanischen Öffentlichkeit. Zuletzt hatte in der damals sehr beliebten „Larry King Show“ ein Mann namens David Reynard aus Florida behauptet, seine Frau sei an einem Gehirntumor verstorben, und dieser sei eindeutig auf die häufige Nutzung ihres Motorola Handys zurückzuführen. Er habe nun eine Schadensersatz-Klage gegen den Handy-Pionier Motorola eingereicht!

Auf diese spektakuläre Behauptung reagierte die Wall Street empfindlich, innerhalb einer Woche verlor die Motorola-Aktie gut 10 Prozent ihres Wertes ...

Diese angespannte Börsensituation, die Diskussion in der Öffentlichkeit, ob es nun beim Handytelefonieren zu Krebs führen könnte, zwang die Mobilfunk-Industrie zum Handeln.

So wurde am 5. Mai 1993 Dr. George Carlo der Presse als der Mann vorgestellt, der im Auftrag der Industrie die größte je durchgeführte Mobilfunkstudie leiten sollte. Indem er auf George Carlos industriefreundliche Grundhaltung vertraute, hatte der Verband, wie sich später herausstellen sollte, aufs falsche Pferd gesetzt. Carlo, Jahrgang 1953, Sohn italienischer Einwanderer, promovierter Mediziner und Jurist, mutierte zum Whistleblower, zum Insider, der seinen ehemaligen Auftraggeber quasi als Betrüger entlarvte.

Mir sagte Dr. George Carlo zwölf Jahre später, 2005, in unserem ersten Interview vor laufender Kamera: „Die Industrie manipuliert die Wissenschaft und stellt die Ergebnisse für die Verbraucher so dar, als gäbe es keine Probleme. Das ist scientific fraud = wissenschaftlicher Betrug!“ Interessanterweise wurde diese massive Aussage bis heute von Seiten der Industrie nicht juristisch verfolgt.

„Wollen Sie mit Dr. Carlo zusammentreffen?“, fragte mich Bob in Baltimore. Und ob ich wollte.

Und Bob, der Researcher, wie ihn seine Ex-Geliebte genannt hatte, versprach mir an jenem kalten Februartag in Baltimore, mich mit George Carlo zusammenzubringen. Der Mann mit dem Schoßhündchen brachte dieses Kunststück zwei Tage später tatsächlich fertig.

Großes Kino: Bob holte mich mit einer schwarzen Lincoln-Limousine mit Fahrer ab und wir fuhren die 60 Meilen von Baltimore nach Washington gemeinsam auf der Rückbank plaudernd. Bob hatte das Treffen im Heiligtum der amerikanischen Journalisten, im „Washington D.C. Presseclub“, arrangiert, und Dr. Carlo hatte darauf bestanden, einen Kollegen von mir dabei zu haben, Jeff Silva. Ein, wie sich herausstellte, hochqualifizierter Fachjournalist, der für ein Industrieblatt schrieb und über eine enorme Kenntnis der Geschichte des Mobilfunks verfügte.

Mir war damals klar, dass ich maximal eine Minute hätte, um Carlo zu überzeugen, bei meinem Film mitzumachen. Ganz nach dem Hollywood-Motto: „Eine gute Geschichte musst du in fünf Sätzen erzählen können, sonst ist es keine gute Geschichte!“

Jeff Silva hatte einen kleinen Konferenzsaal arrangiert, und so warteten Bob, Jeff und ich eine gute halbe Stunde auf den Star der Veranstaltung. George erschien mir auf den ersten Blick eher schüchtern und müde. Zwar von einer legeren äußeren Erscheinung, schwarzes T-Shirt zum grauen Anzug, beeindruckend muskulöser Oberkörper, betont ruhiger Gang, aber ich hatte sofort den Eindruck, dass dieser Mann viel durchgemacht haben musste in den letzten Jahren. Eine tiefe Traurigkeit war in seinen Augen zu lesen. Über den großen Konferenztisch hinweg gaben wir uns die Hand, und ich legte sofort los: „Ich bin sozusagen der Michel Moore aus Europa. Habe Ihr Buch gelesen und finde, da steht alles drin. Da wo ich herkomme, scheint man Ihre Geschichte nicht zu kennen. Ich würde sie gerne erzählen.“ George schenkte mir ein mildes, höfliches Lächeln. Erst viel später wurde mir bewusst, wenn George an diesem Wintertag im Februar 2005 gewusst hätte, welche Beweismittel mir Bob zugespielt hatte, wäre das Treffen gar nicht erst zustande gekommen. Aus gutem Grund war Dr. George Carlo zu diesem Zeitpunkt noch extrem vorsichtig.

Er lebte sehr zurückgezogen, denn ihm war übel mitgespielt worden. In seinem Buch schildert Carlo, wie der damalige Vorsitzende des Industrie-Verbandes, ein gewisser Tom Wheeler, einen Satz prägte, der in fataler Weise zur Anwendung kommen sollte: „If you can’t win the game, change the rules!“ Wenn du das Spiel nicht gewinnen kannst, ändere die Regeln.

George war nach allen Regeln der Kunst der Diffamierung, des Psychoterrors und des Mobbings ausgebootet worden. Kein Wunder. Der ehemalige Industrie-Guy Carlo war abtrünnig geworden und hatte es gewagt, sich gegen seinen mächtigen Auftraggeber zu stellen. Dr. George Carlo koordinierte ja in der Tat die bis dahin umfangreichste und aufwendigste Studie über die Gesundheitsrisiken der Mobilfunktechnologie. Allerdings mit der Vorgabe, den Verbrauchern die Ängste zu nehmen. Sehr zum Leidwesen seiner Auftraggeber hatte er Risiken von äußerster Tragweite für die Gesundheit der Menschen aufgedeckt. Unter seinen breit gestreuten Forscherteams waren die ersten Wissenschaftler zu finden, die die Auswirkung der Mobilfunkstrahlung auf die menschlichen Zellen untersuchte. Was sie entdeckten, war für den Fachmann eindeutig und beunruhigend zugleich: Beschädigung der DNA, Doppelstrangbrüche, Zellteilung, die im schlimmsten Fall bis zum Krebs führen könnte.

Diese und andere besorgniserregende News wollte Carlo nicht der Öffentlichkeit vorenthalten. Nach sechs Jahren der Forschung auf höchstem Niveau – er hatte insgesamt 28,5 Mio. Dollar, das höchste je bezahlte Forschungsbudget bekommen – war er ganz klar und eindeutig der Überzeugung, dass die Verbraucher über diese Gefahren informiert werden mussten. Bei einem großen internationalen Mobilfunkkongress in Long Beach, Kalifornien, im Mai 1999 stellte sich Dr. George Carlo auf die Seite der Verbraucher:

„Die Menschen lieben das Handy, sie wollen es nutzen, aber sie wissen nicht um die möglichen Gefahren. Wir als Industrie müssen sie schützen, müssen weiter forschen, um die Risiken möglichst auszuschalten.“

Dadurch war er in den Augen des Verbandes zum Verräter, zum Feind der Mobilfunkindustrie geworden, und den Krieg, der fortan gegen ihn geführt wurde, konnte er nur schwerlich gewinnen.

Zunächst brannte sein Haus an der Chesapeake Bay, Washington D.C.! Es war Brandstiftung, wie die Polizei später ermittelte, die Täter konnten nie gefasst werden.

Dann begann eine subtile Diffamierungskampagne, inklusive Übergriffe in sein Privatleben. Carlos Geschichte erinnerte mich an den Film „Der Insider“, der ja auch auf einer wahren Begebenheit basiert.

Ähnlich wie bei dem von Russell Crowe dargestellten Wissenschaftler, der sich gegen seinen Arbeitgeber aus der Tabakindustrie richtet, wird auch George Carlos bis dahin beschauliches Leben auf den Kopf gestellt und seine Familie zerrüttet. Auch bei Dr. Carlo wurde ein kritischer TV-Beitrag in der damals noch bedeutenden Sendung „60 Minutes“ von den Anwälten der Industrie gestoppt, obwohl er es am 18.7.1999 zumindest in die Abendnachrichten von ABC gebracht hatte.

Der zu der Zeit beliebteste amerikanische TV-Nachrichten-Moderator Peter Jennings machte seine 20 Uhr-Hauptnachrichten-Sendung mit folgender Frage auf: „Kann Mobilfunk Krebs erzeugen? Die Industrie sagt nein, aber wir wollen Ihnen einen Mann vorstellen, der anderer Meinung ist: Dr. George Carlo!“

Das wirbelte natürlich gehörig Staub auf. Und die Industrie setzte alle Hebel in Bewegung: Carlos Gelder wurden gestoppt, seine Funde wurden angezweifelt, seine Kompetenz in Frage gestellt. Das volle Programm.

In seiner Verzweiflung wandte sich der Wissenschaftler an die Vorstände der großen Konzerne. Sein offener Brief, der heute noch im Internet zu finden ist, war ein fast naiv anmutender Appell an die Vernunft. Unter anderem bittet er die großen Bosse der Telefongesellschaften um Ehrlichkeit den Verbrauchern gegenüber und zieht einen direkten Vergleich mit der Tabakindustrie, die durch wissentliches Verbreiten von Entwarnungen das Vertrauen der Verbraucher auf lange Sicht verspielt hätten.

Noch heute finden sich aber auch Spuren der Diffamierungskampagne gegen Carlo im Internet. Die Industrie hat ganze Arbeit geleistet. Als besonders tragisch habe ich es empfunden, dass sogar sogenannte Mobilfunkgegner hier und da auf Stammtisch-Niveau Carlo-Anekdoten in ihre Vorträge einbauen. Auch diese Dinge bleiben dann im Internet manifestiert und verfehlen ihre Wirkung nicht. Wie z.B. ein Vortrag eines deutschen Arztes, der ungeprüft diffuse Behauptungen verbreitet, die Industrie habe Dr. Carlo in die Psychiatrie einweisen lassen. Nun, ich konnte mich davon überzeugen, das hatte die böse Industrie nicht geschafft, aber dennoch. Die Verunglimpfungen federn noch heute nach. Und die Bewertungskompetenz wird zu einem großen Problem: Ich selbst hatte Monate gebraucht, um diesen umstrittenen Mann schließlich eindeutig bewerten zu können. Letztlich ging das nur über den ganz persönlichen Kontakt, durch die Erfahrung, die wir miteinander machen sollten. Heute kann ich meine Hand für ihn ins Feuer legen. Die Basis für dieses Vertrauen wurde an jenem Tag im Washingtoner Presseclub gelegt.

„Dann schreiben Sie einmal auf, wie Sie den Film gestalten wollen und schicken mir das Exposé“, sagte der Wissenschaftler, und ich dachte, klar, diese Arbeit muss ich mir wohl machen. Aber er hatte mir keine Absage erteilt, und somit konnte meine Arbeit an meinem ersten Mobilfunkfilm beginnen.

Auf der Rückfahrt fragte ich Bob, ob er sich vorstellen könne, bei meinem Film persönlich mitzumachen. Der Detektiv sprach für seine Verhältnisse erstaunlich kryptisch um den heißen Brei, verzögerte seine Antwort mit dem Hinweis, er müsse die dann auf ihn zukommenden Gefahren überprüfen.

Bob ließ später erkennen, dass er Geld brauche, um sich, wie er meinte, gegen die dann zu erwartenden Angriffe der Industrie zu schützen. Ich sagte, ich würde sein Ansinnen prüfen, bräuchte aber noch weitere Elemente aus seinem Archiv, um überhaupt meine Film-Geschichte rund zu machen.

Die lieferte mir Bob am nächsten Tag – kostenlos – in seinem Büro in Baltimore. Als Erstes zeigte er mir ein Video, genauer gesagt eine VHS-Kassette. Er selbst hatte einen historischen Moment mit der Videokamera festgehalten. Nämlich das erste Treffen mit Dr. George Carlo als strategischen Berater vor den versammelten Anwaltskollegen Joanne Suder, Jeff Morganroth und Peter Angelos. Carlo referierte seine Strategieansätze für die Verbraucherklagen gegen die Mobilfunkindustrie, und Bob nahm es auf.

Es ist in gewisser Weise der Moment, in dem Dr. George Carlo endgültig die Seiten wechselte.
Die versammelte Anwaltsgemeinschaft hatte erste Erfahrungen gesammelt durch einen spektakulären 800-Millionen-Dollar-Schadensersatzfall des aus Baltimore stammenden Neurologen Dr. Christopher Newman.

Die Initiatorin dieser Klage, eben jene Anwältin Joanne Suder, hatte den Tabak- und Asbest-Sieger-Anwalt Peter Angelos umgarnt, damit er mit seiner Finanzkraft das Anwalt-Team gegen die Mobilfunkgiganten verstärken würde. Der durch Sammelklagen zum Milliardär gewordene Meister-Anwalt, Mister 25%, der sich inzwischen ein eigenes Baseball-Team zugelegt hatte (Baltimore Orioles) und im 28. Stockwerk seines Hochhauses einen phantastischen Blick auf das Spielfeld im Kreise einflussreicher Freunde genoss. Ein amerikanischer Traum.

Angelos, der Experte für große Industrie-Sammelklagen, besaß keinerlei Berührungsängste, was große Summen anbelangt. In seiner Kanzlei hatten die Wirtschaftsexperten in einer Art Due Diligence den direkten Schadensersatz für den Neurologen Christopher Newman auf 100 Millionen Dollar errechnet. Ganz buchhalterisch nach dem Motto: Was hätte der Mann noch alles erreichen können in seinem Leben und was ist das wert. Die weiteren 700 Millionen galten als Strafe für die Industrie, denn schließlich war so ein Gehirntumor keine Lappalie.

Auf dem Video war nun zu sehen, wie Dr. Carlo die Verschleierungs-Strategie der Industrie erörterte, die wesentlichen Erkenntnisse seiner Arbeit ausführte und der Versammlung nur einen kleinen Einblick in seinen Dokumenten-Schatz vermittelte: Die sechs Jahre Forschungsarbeit für die Industrie und die dazugehörigen Gespräche, Termine, Präsentationen etc., waren sauber protokolliert. Alles war in Wort, Bild und Schrift festgehalten und in Kopie natürlich auch in den Händen von Dr. Carlo, dem Chef-Koordinator der Industrie-Forschung.

Mein privater Detektiv zeigte mir anschließend die Sitzungsprotokolle einer Anhörung vor Richterin Blake am Gericht von Baltimore zum „Newman Case“. Ich darf mich einige Stunden mit den Verhörtaktiken der Anwälte der Mobilfunkindustrie beschäftigen.

Freundlicherweise mit Kaffee, Mineralwasser und Sandwiches ausgestattet, mache ich es mir bequem in Bobs Office. Schnell wird mir die Verhandlungs-Taktik der Industrieanwälte klar. Sie diffamieren die eingeladenen Wissenschaftler und stellen deren generelle Kompetenz im Mobilfunkthema in Frage. Dabei herrscht ein rauer Ton. Und die Industrie-Anwälte haben ihre Hausaufgaben gemacht. So wird zum Beispiel Prof. Neil Sherry, der es gewagt hatte, die Mobilfunkrichtlinien der WHO anzuzweifeln und der von den Newman-Anwälten extra aus Neuseeland eingeflogen worden war, nach allen Regeln der Kunst auseinandergenommen. Er sei von seiner Kernkompetenz ein Wetterforscher und wie er denn in der Lage sei, die komplizierte Mobilfunkmaterie überhaupt zu bewerten? Immer wenn der kleine Mann von der Insel ansetzte, sich zu rechtfertigen, kam die nächste Frage des gegnerischen Anwalts, nach dem Motto, waren es nicht Sie selbst im Jahre 1982, der die Wetterstationen mit relevanten Daten beliefert hatte? ... usw., usw. Niemand hatte den armen Mann auf die Boshaftigkeit amerikanischer Strafverteidiger vorbereitet.

Nach der Lektüre sagte Bob einen entscheidenden Satz: „In dieser Angelegenheit haben alle Dreck am Stecken, egal auf welcher Seite sie sich bewegen.“ Ein Satz, dessen Bedeutung ich noch heute zu spüren bekomme ... George Carlo pflegt mir immer zu sagen: „Es gibt sie nicht mehr, die Cowboys mit den weißen Hüten.“ (Der Klingelton seines Handys spielt übrigens „das Lied vom Tod“ ...)

Der Newman-Case wurde so etwas wie ein „Trainingsfall“ für alle Beteiligten. Richterin Catherine Blake hatte ihn 2002 schließlich nach der Anhörung der Wissenschaftler abgeschmettert. Sie war der Meinung gewesen, dass die wissenschaftlichen Beweise, die den eindeutigen kausalen Zusammenhang zwischen Handynutzung und Gehirntumor aufzeigen, nicht ausreichend seien.

Nun hätten die Anwälte durchaus in Berufung gehen können. Stattdessen trennten sich hier ihre Wege. Joanne Suder begann nach Verbündeten zu suchen, die sie schließlich in einer Vater-und-Sohn-Kombination fand: Jeffrey Morganroth und Mayer Morgenroth, von Morganroth und Morganroth, einer renommierten Kanzlei unweit von Detroit. Diese Anwälte begannen nun, diverse Gehirntumorfälle zusammenzutragen und gleichermaßen ein Business-Modell zu entwickeln. In den USA ist es üblich, dass die Anwälte gerade bei Verbrauchersammelklagen in Vorkasse treten und in die Fälle investieren. Das würden sie freilich nur tun, wenn diese Fälle auch Aussicht auf Erfolg haben. Gleichermaßen bemühte sich Joanne Suder um vermögende Klienten, die ihrerseits einen finanziellen Beitrag zu den Schadensersatz-Klagen beisteuern könnten. Einem Schreiben von Joanne Suder an Morganroth & Morganroth, das Bob mir geschickt hatte und – wie er mir nun zu verstehen gab – das er selbst in ihrem Namen auf dem Briefbogen der Kanzlei aufgesetzt hatte, konnte ich entnehmen, dass Frau Suder sehr zuversichtlich war, was diese Dinge anbelangt (Zitat: „Einige Verwandte von bereits verstorbenen Gehirntumor-Opfern sind sehr wütend und wollen sich beteiligen und uns ungefähr zwanzig weitere Fälle bringen“).

An dieser Stelle Dr. George Carlo zu kontaktieren, von dem die Öffentlichkeit erfahren hatte, dass die Mobilfunkindustrie die Gesundheitsrisiken ignoriert, war natürlich ein aussichtsreicher Schachzug der Juristen.

Zu einem Schachzug der etwas anderen Art entschied sich seine graue Eminenz Peter Angelos. Der Mann, der durch seine erfolgreiche Arbeit als „Class Action“-Anwalt selbst zum Milliardär geworden war (deshalb Mister 25%, denn das war in aller Regel sein Anteil am Kuchen, was, ich darf erinnern, im Falle der Tabakklage allein 1,05 Milliarden Dollar ausmachte), sah eine ganz andere lukrative Geldquelle für die Zukunft sprudeln: die der Problemlösung auf technischer Ebene. So viel hatte er ja jetzt verstanden, es scheint ein Problem mit der Handystrahlung zu geben, auch wenn die direkte Kausalität zwischen dem Ereignis Gehirntumor und der Handynutzung formaljuristisch schwer nachzuweisen ist. Wie wäre es also, wenn es eine technische Lösung gäbe, die von vornherein eine gesundheitliche Gefährdung des Handynutzers ausschließt?

Die Industrie kannte, spätestens nach Carlos Forschungsergebnissen, die vorhandenen Probleme, konnte sie aber unmöglich eingestehen. Die Flut der Schadensersatzforderungen hätte in den sicheren Bankrott geführt.

Heute lässt sich nachvollziehen, warum die Industrie bei den neueren Modellen wie Smartphones, Blackberry und Co. einen Sicherheitsabstand vom Körper (zwischen 1,5 und 2,5 cm) und die Nutzung von Kopfhörern in die Sicherheitsvorschriften der Bedienungsanleitungen aufgenommen hat. Obwohl nur am Rande und im hinteren Teil der Gebrauchsanweisung versteckt, kann sich die Industrie im Falle eines Falles darauf berufen. Aber fragen Sie einmal, wer dies gelesen hat? Ich kenne keinen ...

Jedenfalls ging der schlaue Fuchs Peter Angelos an die Recherche-Arbeit und bestellte sich das Ehepaar Peter und Ulla Bak in seine Kanzlei. Das in St. Barbara, Kalifornien, lebende dänische Ehepaar hatte in eine Technologie investiert, die ursprünglich durch einen Forschungsauftrag des US-Militärs an die Katholische Universität in Washington D.C. entwickelt worden war. Die sogenannte „Noise Field Technology“ war in zehnjähriger Forschungsarbeit unter Leitung von Professor Ted Litowitz auf ein Chip-Format reduziert worden, der nun bequem auf die Batterie eines jeden Handys installiert werden konnte und der in der Lage war, die biologischen Reaktionen der menschlichen Zellen während der Handynutzung auszuschalten. Wie mir das Ehepaar Bak später eröffnete, ließ Maître Angelos die beiden zunächst in dem Glauben, er würde für die Markteinführung des Chips als Investor einsteigen, entschied sich dann aber zu einer anderen Annäherung. Er versorgte den guten Wissenschaftler Litowitz hinter dem Rücken der Baks mit einem fünfhunderttausend Dollar-Scheck und bat ihn, doch einen eigenen, auf die Noise-Field-Technologie basierenden Chip für ihn, Peter Angelos, zu entwickeln ...

Professor Litowitz hatte den Scheck auch angenommen, wie er später unter Tränen der Familie Bak gestand. Der alte Mann litt unter Magenkrebs und verstarb schließlich im Jahre 2007.

Das Beispiel zeigt allerdings auch wieder eine interessante Farbeauf der Palette der Mobilfunk-Problematik. Eine Farbe, auf die mich wiederum Dr. Carlo gebracht hatte, nachdem ich ihn für eine Mitarbeit an meinem ersten Film gewinnen konnte. Die Farbe des Geldes...


Trailer von „Thank You For Calling“


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Thank you for Calling

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