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Die Verleugnung

Die Verleugnung

Die AfD gibt sich als Russland-freundliche Partei, doch ihre Führer schweigen zu den Verbrechen der deutschen Wehrmacht an der Ostfront.

Kirchen und Zarenpaläste wurden zerstört, Kriegsgefangene, die nicht laufen konnten, am Wegesrand erschossen. Auf dem Rückzug hinterließ die Wehrmacht und die mit ihr verbündeten Truppen verbrannte Erde. Allein in Weißrussland wurden 9.200 Orte zerstört, in 5.295 Orten auch alle Einwohner oder ein Teil getötet.

Wie der Historiker Hannes Heer in dem Buch zur 1995 gestarteten Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht“ anhand von konkreten Beispielen aus dem besetzten Weißrussland in den Jahren 1941/42 belegt, erfolgte „die Beteiligung der Wehrmacht am Holocaust (…) auf allen Ebenen der militärischen Befehlsgewalt“ (1).

Bis die Rote Armee 1944 die letzten Territorien zurückerobert hatte, waren in der Sowjetunion im Rahmen der deutschen Vernichtungspolitik 2,1 Millionen Juden ermordet worden (2). Die Aufarbeitung des Nationalsozialismus bezeichnen führende Vertreter von AfD und Pegida — wie Björn Höcke, Martin Renner und Tajana Fensterling — als „Schuldkult“.

Die „Ehre der deutschen Soldaten“

Zu denjenigen, welche die Verbrechen der deutschen Wehrmacht an der Ostfront kleinreden, gehört auch der Parteivorsitzende Alexander Gauland.

Am 2. September 2017 erklärte er auf dem „Kyffhäuser-Treffen“ der AfD in Thüringen, die Deutschen hätten „das Recht, stolz zu sein auf Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen“.

Am 2. Juni 2018 legte Gauland auf dem Bundeskongress der AfD-Nachwuchsorganisation Junge Alternative im thüringschen Seebach nochmal nach. „Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“, erklärte der Parteivorsitzende.

Was den Krieg gegen die Sowjetunion betrifft, ist Gauland nie ins Detail gegangen. Ins Detail gehen kann der Parteivorsitzende nicht, denn das könnte Nationalliberale und Russlanddeutsche in der AfD aber auch viele Wähler verschrecken.

Das Gauland nicht über die Verbrechen der Wehrmacht redet, hat vermutlich noch einen anderen Grund. Die Verbrechen der Wehrmacht hat es nach Meinung des AfD-Spitzenpolitikers offenbar nicht gegeben.

Merkwürdig ist, dass der AfD-Spitzenmann zu den Verbrechen der Wehrmacht noch nie in einer deutschen Fernseh-Talk-Show befragt wurde. Dabei könnte man ihn an diesem Thema sehr schnell als Weißwäscher der Nazis enttarnen.

Förderung eines bewährten Kaders aus dem Witikobund

Gauland trat 1973 in die CDU ein. Dort machte er schnell Karriere. 1987 wurde er unter seinem Förderer, dem CDU-Ministerpräsident Walter Wallmann, Chef der hessischen Staatskanzlei.

Der hessische Landesverband der CDU wurde bis 1982 von dem ehemaligen NSDAP-Mitglied Alfred Dregger geleitet. Dregger, gehörte zum nationalkonservativen Flügel der CDU. Der hessische Landesverband galt in der CDU als besonders rechts.

Gauland gehörte in der CDU zu den Nationalkonservativen. Diese waren zum Teil NSDAP-Mitglieder gewesen, was sie aber verschwiegen. Sie waren in den nationalistischen deutschen Vertriebenenverbänden aktiv oder hingen der These an, der Angriffskrieg gegen die Sowjetunion habe nicht der Vernichtung, sondern der „Befreiung“ der Völker auf dem Territorium der Sowjetunion gedient.

1989 machte Alexander Gauland bundesweit Schlagzeilen. In seiner Funktion als Chef der hessischen Staatskanzlei ernannte er Wolfgang Egerter zum Kirchenbeauftragten der hessischen Landesregierung. Der Ernennung wurde zum Skandal, dann Egerter war nicht nur CDU-Funktionär. Er war von 1971 bis 1986 stellvertretender Vorsitzender des Witikobundes. In dieser Vereinigung sammelten sich nationalistische Sudetendeutsche und ehemalige NSDAP-Mitglieder.

Die Rede von Gauland über die hervorragende Rolle der deutschen Soldaten in zwei Weltkriegen erinnert an das Jahr 1995. Es war das Jahr als Rechtskonservative, CDU-Bundestagsabgeordnete, Traditionsverbände ehemaliger Wehrmachtssoldaten, Geschichtsrevisionisten und Vertriebenenverbände Proteste gegen die Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht“ initiierten. Die Ausstellung — organisiert vom Hamburger Institut für Sozialforschung — wurde mit einer Unterbrechung von 1995 bis 2004 in deutschen Städten gezeigt.

Die Rechten erklärten, die Ausstellung verletze „die Ehre der deutschen Soldaten“. Wenn es Verbrechen deutscher Soldaten gegeben habe, dann sei das die Antwort auf „heimtückische Überfälle“ von Partisanen gewesen.

Die Verbrechen der Wehrmacht interessieren die AfD nicht

Was die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg auf dem Gebiet der Sowjetunion anrichtete, interessiert die AfD im Grunde nicht. Von Russland erhofft sich die Partei nichts weiter als Unterstützung gegen den Einfluss der USA in Europa. Heute ist Russland noch der „Freund“. Doch was ist morgen?

International werden Nationalismus und Faschismus wieder salonfähig, wie die Entwicklungen in der Ukraine, in Brasilien und die schwachen Reaktionen darauf in Deutschland zeigen.
Kommt Faschismus „aus dem Volk“? Ist er so etwas wie eine „natürliche“ Entwicklung?

Ein Blick in die deutsche Geschichte zeigt, dass die deutschen Industriellen eine Schlüsselrolle beim Aufstieg des Faschismus spielten. Am 20. Februar 1933 traf sich Adolf Hitler im Geheimen mit 27 Industriellen. Dabei sprachen sie über die Finanzierung des Wahlkampfes der NSDAP bei den Reichstagswahlen am 5. März 1933, bei der die NSDAP einen Stimmenzuwachs von 10 Prozent erreichte und mit 43,9 Prozent stärkste Partei wurde.

Die Nazis nutzten für ihren Aufstieg reaktionäre Traditionen, wie Untertanengeist, Antisemitismus, Russophobie und Militarismus.

Das „gedemütigte Deutschland“

Im heutigen Russland werden diese deutschen Traditionen leider nicht thematisiert. Russische Politiker machen für den Sieg des Faschismus in Deutschland vor allem den Friedensvertrag von Versailles verantwortlich, der Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg „demütigte“ und zu umfangreichen Reparationen und Gebietsabtretungen verpflichtete.

Über die Förderer des deutschen Faschismus spricht in Russland auch heute noch kaum jemand. Fast vergessen scheint, dass die deutschen Großindustriellen beim Machtantritt der Nazis eine Schlüsselrolle spielten. Beim Kriegsverbrecherprozess in Nürnberg 1945 bis 1949 standen 42 deutsche Industrielle und Manager vor dem Gericht, darunter Vertreter der Konzerne Krupp und Flick und I.G. Farben.

Meiner Meinung nach hat jeder Deutsche, der an den Verbrechen des Hitler-Regimes beteiligt war, Schuld auf sich geladen. Doch die Schuld derjenigen, welche die Nazis und ihren Propagandaapparat finanzierten, wiegt meiner Meinung nach besonders schwer.

Haben die Deutschen heute noch Schuld? Ich meine Nein. Aus der deutschen Geschichte sollten wir aber eine zwingende Lehre ziehen. Damit Faschismus sich nicht wiederholt, muss man wissen, warum er entstand, wie dieses System funktionierte und welche Verbrechen begangen wurden.

Ich würde mich freuen, wenn es demnächst mal eine gute Video-Dokumentation über diejenigen zu sehen gibt, die Hitler an die Macht brachten. Dazu zählte 1933 auch der rechtskonservative Reichskanzler Paul von Hindenburg, der Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannte.

Ukrainische Unternehmer unterstützen Rechtsradikale

In der Ukraine, die von der Bundesregierung massiv unterstützt wird, sind es heute wieder Großunternehmer, welche Rechtsradikale unterstützen. Der Oligarch Igor Kolomoiski finanzierte die Gründung des Asow-Bataillons, das in der Ost-Ukraine gegen die abtrünnigen „Volksrepubliken“ kämpft. Der ukrainische Innenminister und Geschäftsmann Arsen Awakow unterstützte die Gründung einer Nazionalnaja Druschina (Nationalen Bürgerwehr), deren Mitglieder am 7. Juni 2018 in einem Park in Kiew eine Roma-Siedlung zerstörten und mit martialischen Märschen in Kiew ihre Macht demonstrieren.

Die AfD gibt sich als Partei „des Volkes“ und der „einfachen Leute“, ähnlich wie damals die NSDAP. Eine durch und durch faschistische Partei ist die AfD noch nicht. Und auch die Ukraine ist noch kein durchgängig faschistischer Staat wie Hitler-Deutschland.

Doch wenn wir nicht wachsam sind, kann sich der Faschismus wieder ausbreiten, wie damals.


Quellen und Anmerkungen:
(1) Hannes Heer, Killing Fields. Die Wehrmacht und der Holocaust, in: Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944, Hamburg, 1995, S. 74
(2) Martin Cüppers, Wegbereiter der Shoa, Die Waffen-SS, der Kommandostab Reichsführer SS und die Judenvernichtung 1939-1945, S. 271

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