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Die vergessene Hungerkrise

Die vergessene Hungerkrise

Während wir im Westen befürchten, im kommenden Winter weniger heizen zu können, droht in Somalia eine Hungersnot.

Somalier informierten in Zürich über Somalia

Im Rahmen der Jahresversammlung des Hilfswerkes Swisso Kalmo — Swisso steht für „Schweiz" und „Somalia", Kalmo bedeutet „Hilfe" und „Verbundenheit" — informierten Nur Scecdon Olad und Bashir Gobdon am Samstag, den 10. September 2022, in Zürich über die Lage in Somalia und über ihre Tätigkeit in Merka (1).

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Nur Scecdon Olad und Bashir Gobdon; Foto: Heinrich Frei

Bashir Gobdon gab seiner Hoffnung Ausdruck, dass die somalische Diaspora im Ausland, arabische Staaten und auch das Welternährungsprogramm Somalia noch stärker helfen werden, die Hungerkrise zu bewältigen. Aber man wisse nicht, wie das möglich sein werde, so Gobdon, „denn Gebiete in Süd- und Zentralsomalia werden von den Milizen der al-Shabaab kontrolliert, die im Krieg steht mit der Regierung in Mogadischu. In den Gebieten, die unter der Herrschaft der al-Shabaab stehen, ist es nicht möglich, Hilfe zu bringen“.

Junge Männer finden bei der al-Shabaab „Verdienst“

Durch die allgemeine Misere gelingt es der militanten islamistischen Bewegung al-Shabaab, immer mehr junge Leute zu rekrutieren. Junge arbeitslose Männer suchen bei dieser Organisation eine Verdienstmöglichkeit. „Das ist das Allerschlimmste“, so Gobdon. „In den Regionen, die vom Krieg und der Dürre am meisten betroffen sind, müsste man vor Ort helfen, aber das hat bisher nicht funktioniert. Die Menschen fliehen, weil sie dort nicht mehr leben können. Sie haben keine andere Wahl.“ — Bashir Gobdon selbst floh als junger Mann aus Somalia, als er unter dem Regime von Diktator Siad Barre in den Krieg ziehen sollte.

Al-Shabaab finanziert sich mit Erpressungszahlungen

Jetzt ist der Krieg mit der al-Shabaab kein täglicher Krieg mehr. Es sind eher Anschläge, die verübt werden: gegen Hotels, gegen die eigenen Leute, gegen das eigene Volk. Wer keine Schutzgelder entrichtet, riskiert sein Leben. „Das ‚Einkommen‘ der al-Shabaab durch mafiöse Erpressungszahlungen soll grösser sein als die Steuereinnahmen der Regierung“, sagt Bashir Gobdon. Wer ein Haus baut, zahlt der al-Shabaab eine Gebühr, auch wenn er dazu einen Kredit aufnehmen muss, wie ein somalischer Bekannter von uns in Mogadischu erlebte, der ein Haus für eine Verwandte baute.

„Die Attacken der al-Shabaab richten sich heute auch gegen die neue Regierung. Einige Stämme sind nicht an der Regierung beteiligt. Also bombardiert al-Shabab die Hotels, die im Besitz von an der Regierung beteiligten Stammesangehörigen sind“, so Bashir Gobdon.

Mukhtar Robo, früher ein führendes Al-Shabaab-Mitglied, in der Regierung

Mukhtar Robo war früher ein führendes Mitglied der al-Shabaab. Jetzt ist er in der neuen Regierung für Religionsfragen zuständig (2).

„Das ist ein Versuch, dass auch ein ehemaliges Mitglied der al-Shabaab sich an der Regierung beteiligen kann, wenn man diese nicht besiegen kann. Was kann man machen? Man muss versuchen, Kontakte aufzunehmen. Mukhtar Robo war ein islamischer Führer in der Periode der Union der islamischen Gerichte, die mit der heutigen al-Shabaab nichts zu tun hat. Es ist der zweite Versuch, ein ehemaliges Mitglied der al-Shabaab einzubinden. Wichtig ist, dass dieser Minister den jungen Leuten erklärt, dass dieser Krieg nichts mit dem Islam zu tun hat. Bei diesem Konflikt geht es um andere Interessen der Gruppierung al-Shabaab.“

Im Jahr 2006, während der Herrschaft der Union der Islamischen Gerichte, in der auch Mukhtar Robo eine führende Rolle spielte, wurden die Warlords aus Mogadischu vertrieben. Erstmals seit 16 Jahren war ein gewisses Maß an Frieden und Ordnung hergestellt. Durch die militärische Intervention Äthiopiens wurde die Regierung der Union der Islamischen Gerichte aber schon Ende des Jahres 2006 vertrieben. Hinter der Intervention Äthiopiens standen damals die USA (3).

In Nepal dagegen kam nach dem langen Bürgerkrieg mit den Maoisten eine Vereinbarung zustande, man hat sich versöhnt. Die Maoisten sind heute in der Regierung (4). Auch in Kolumbien kam es zu Vereinbarungen mit den Aufständischen.

Handel mit dem Somalischen Schilling funktioniert nicht

„Die große Schwierigkeit ist: Der Handel mit dem Somalischen Schilling funktioniert nicht. Es läuft alles über den Dollar. Bezahlt wird in Somalia mit Mobiltelefonen ohne Bargeld. Die Einheit Somalias müsste wieder hergestellt, das Land stabilisiert werden, damit der Zahlungsverkehr mit einer eigenen Währung wieder funktioniert.

Für Menschen, die keine Angehörigen im Ausland haben, die sie unterstützen, ist die Lage durch die Teuerung viel schlimmer geworden. Es gibt heute zwei Gruppen: die Armen und Personen, die durch den Krieg etwas verdient haben“, führte Bashir Gobdon aus.

Schulen, Universitäten, Spitäler, Wasser- und Stromversorgung privat

Schulen, Universitäten und Spitäler in Somalia werden von privaten Unternehmen betrieben, auch die Versorgung mit Wasser, Elektrizität kontrollieren private Firmen. Versuche dies zu ändern sind gescheitert, denn der Regierung stehen keine Mittel zur Verfügung, um solche Einrichtungen zu finanzieren und dafür neue Leute einzustellen.

„Die Regierung hat mit der Weltbank eine Vereinbarung, dass sie nicht neue Mitarbeiter einstellt. Damit können auch keine öffentlichen Schulen und Spitäler eröffnet werden“, berichtet Bashir Gobdon.

Türkei betreibt Hafen und Flugplatz von Mogadischu

Der Hafen und der Flugplatz in Mogadischu werden von der Türkei betrieben mit modernen Einrichtungen und das funktioniert gut. Frachtschiffe von der Ukraine mit Getreide kommen jetzt auch nach Somalia. Al-Shabaab wird auch in diesen Einrichtungen „Steuern“ einziehen, nimmt man an.

AMISOM und 5.000 somalische Soldaten in Eritrea

Die AMISOM, die Friedenstruppe der Afrikanischen Union, unterstützt die somalische Regierung seit Jahren im Kampf gegen al-Shabaab. „Solange die Regierung das Land nicht vollständig kontrolliert, wird AMISOM nicht abziehen“, denkt Bashir Gobdon.

„Ein großes Problem sind heute die 5.000 somalischen Soldaten, die seit zweieinhalb Jahren in Asmara, in Eritrea sind, die zurückwollen. Die frühere somalische Regierung unter dem Präsidenten Mohamed Abdullahi Famajo hatte mit Eritrea vereinbart, diese Somalier in Eritrea auszubilden. Bei den Fußballweltmeisterschaften in Katar, die in diesem November beginnen, hätten diese Soldaten als Schutztruppe eingesetzt werden sollen, was im Moment nicht mehr aktuell ist. Diese 5.000 Soldaten sollten nun nach Somalia zurückkehren.

Am Krieg in Äthiopien haben sie nicht teilgenommen, wie man vermutet hat. Aber Asmara, Eritrea erwartet von Somalia jetzt eine Entschädigung für die Soldaten, die dort gelebt haben. Die Frage ist auch“, so Bashir Gobdon weiter, „Was für eine Rolle werden sie in Somalia haben? Wer bezahlt ihnen den Sold? Wenn diese 5.000 zurückkehren, würde man die ausländischen Soldaten der Afrikanischen Union, der AMISOM nicht mehr brauchen. AMISOM könnte durch diese somalischen Soldaten aus Eritrea ersetzt werden.“

Die USA fliegen in Somalia wieder Bombenangriffe

Laut dem britischen Radio BBC hat sich kürzlich der somalische Verteidigungsminister Abdulkadir Mohamed Nur mit General Michael Langley getroffen, seit August 2022 Kommandant des in Stuttgart stationierten Africa Command der USA (5).

Unter dem US-Präsidenten Joe Biden sollen auch wieder etwa 300 US-Soldaten in Somalia anwesend sein. Die USA fliegen wieder wie früher Angriffe gegen al-Shabaab. Bashir Gobdon: „Die Amerikaner operieren in Absprache mit der somalischen Regierung.“

Diese Bombardierungen der Vereinigten Staaten Amerikas werden auch wieder viele zivile Opfer fordern wie die Bombardierungen und außergerichtlichen Hinrichtungen mit Drohnen in Somalia unter den US-Präsidenten George Bush, Barack Obama und Donald Trump. Wird mit diesen Angriffen nicht der Hass auf die USA geschürt (6, 7)?

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Eingang zum Ambulatorium von Swisso Kalmo in Merka; Foto: Swisso Kalmo

Nur Scecdon Olad war nach zwölf Jahren wieder in Merka

Nur Scecdon Olad konnte im vergangenen Jahr nach einer Unterbrechung von zwölf Jahren wieder nach Merka reisen und das Ambulatorium besuchen, das er mit seiner Frau Magda Nur-Frei vor mehr als 30 Jahren eröffnet hatte. Jahrelang war ein solcher Besuch zu gefährlich. Wie Nur Scecdon Olad ausführte, hat das Ambulatorium wenig Personal, es sind weniger als 20 Menschen, die dort arbeiten und wenige Patientinnen und Patienten.

Die andere medizinische Einrichtung in Merka, das Regionalspital, funktioniert nicht gut, es hat keinen Arzt mehr. Man hofft aber immer noch, dass es wieder einmal klappen wird. — Von 2016 bis 2018 wurde diese Klinik von Swisso Kalmo geführt, unterstützt durch Beiträge des DEZA, des Departementes für Entwicklung und Zusammenarbeit der Schweiz. Nur Scecdon Olad möchte im nächsten Jahr nach Merka zurückkehren und dort die Leitung von Swisso Kalmo übernehmen.

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Konsultationen im Ambulatorium von Swisso Kalmo in Merka; Fotos: Swisso Kalmo

Im Zentrum von Merka gibt es heute ein weiteres Spital mit einem Arzt, der momentan keinen Lohn bezieht. Die Elders von Merka (die Gemeindeältesten) sorgen dafür, dass der Arzt doch etwas Geld bekommt. Dieses neuen Spital verfügt über einen Operationssaal, einen Röntgenapparat und ein Gerät für Herzuntersuchungen.

Vorschlag zur Neuorganisation des Ambulatoriums in Merka

Nur Scecdon Olad hat in Merka den Mitarbeitern vorgeschlagen, sich Gedanken zu machen, wie sich das Ambulatorium von der Unterstützung aus der Schweiz lösen könnte. Das Ambulatorium sollte von den Almosen wegkommen und Wege finden, sich zu privatisieren. Man könnte zum Beispiel für ein paar Stunden einen Arzt engagieren. Es sind auch sehr viele Reparaturen an den Gebäuden notwendig.

Bei der Jahresversammlung in Zürich am 10. September 2022 hat Nur Scecdon Olad einen detaillierten Vorschlag zur Neuorganisation des Ambulatoriums in Merka vorgelegt.

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Straßenbilder von Merka: Ähnliche desolate Lage wie in anderen somalischen Ortschaften; Fotos: Screenshots aus dem Video von Swisso Kalmo 2021

Zur Situation vor Ort gab Nur Scecdon Olad folgende Einschätzung:

„Die Stadt Merka wirkt ärmlicher als früher, und die Businessleute, die es in Merka gibt, sind untätig, man sieht sie im Kaffeehaus sitzen. Viele Leute, die in ihren eigenen Häusern lebten, sind ausgezogen, haben die Häuser für wenig Geld verkauft und sind nach Mogadischu gezogen. Das Militär, das in Merka stationiert ist, wird von der somalischen Regierung bezahlt. Merka ist in zwei Teile geteilt.

Das alte Spital, das bis vor drei Jahren von Swisso Kalmo für kurze Zeit geführt wurde, ist die Grenze. Im Süden regiert der Stamm der Biomal. Im Zentrum und Norden regieren andere Stämme. Die AMISOM-Truppen, die von der Afrikanischen Union finanziert werden, regieren im Süden, was schon immer so gewesen ist. Die Biomal sind für Merka sehr wichtig.

Die Situation in Merka ist nicht gefährlich, die Zufahrtsstraße dem Meer entlang ist ohne Gefahr passierbar. Benützt man aber die normale Straße über das Land begegnet man in der Nähe der Stadt Afgoyee den al- Shabaab, die die Passanten kontrollieren. Vor einiger Zeit hat die Regierung am Tag die Region kontrolliert, und in der Nacht regierte al-Shabaab. Die al-Shabaab stehen 20 Kilometer vor Merka Richtung Mogadischu. Leute benutzen aber auch Boote auf dem Indischen Ozean, um von Mogadischu nach Merka zu gelangen. In der Monsunzeit fahren aber keine Boote.

Die Regierung in Merka wird vom Stamm der Biomal beherrscht, der aber unfähig ist, die Situation zu verbessern. Sie profitieren von der Situation. Das Sultanat, die Atschuran, die früher Merka regierten, sind verschwunden. Leider ist die heutige Regionalregierung nicht fähig, mit der Zentralregierung in Mogadischu zusammenzuarbeiten.“


Quellen und Anmerkungen:

(1) Website Swisso Kalmo
(2) Mukhtar Robow, Counter Extremism Project
(3) Union islamischer Gerichte: https://de.wikipedia.org/wiki/Union_islamischer_Gerichte
(4) „Nepals Regierung und Maoisten einigen sich auf Verfassung“, Zürichsee-Zeitung
(5) „Somali minister and US commander hold security talks“, Somalia - BBC News, 30. August 2022.
(6) „US-Drohnenkrieg: Was haben wir damit zu tun? Auch in Somalia zivile Opfer des US-Drohnenkrieges“; www.youtube.com/watch?v=kBKeLHdOxqk
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(7) www.globalresearch.ca/us-bombs-somalia-third-time-this-summer/5790659

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