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Die unerträgliche Freiheit

Die unerträgliche Freiheit

Einige hochaktuelle Passagen aus Schillers „Don Carlos“ zeigen: Freiheitsentzug ist immer Menschenverachtung. Teil 2/2.

Als Schiller-Fan Dostojewskij seinen „Großinquisitor“ schrieb, dachte er mit Sicherheit an dessen Vorbild aus dem „Don Carlos“. Dort findet sich auch eine brillante Analyse des Menschenbildes autoritärer Staaten. Sie war selten so aktuell.

Spanien, 1568. Philipp II. herrscht mit Hilfe der Inquisition. Nur leider gehört ausgerechnet sein eigener Mitarbeiter, der Marquis von Posa, zu den Abweichlern …

Bei Schiller beruht der Staat der Inquisitoren auf Menschenverachtung: „Wozu Menschen? Menschen sind/ für Sie nur Zahlen, weiter nichts“, meint der Großinquisitor. „Wenn Sie/ um Mitgefühle wimmern, haben Sie/ der Welt nicht Ihresgleichen zugestanden?/  Und welche Rechte, möcht‘ ich wissen, haben/ Sie  aufzuweisen über Ihresgleichen?“

Schon hier werden Elemente dessen sichtbar, was neudeutsch „Nudging“ genannt wird: Mit welchem Recht will ein Mensch seinesgleichen sagen, was gut für sie ist? Das Legitimationsdefizit kann nur durch narzisstische Selbstüberhöhung ausgeglichen werden.

Entsprechend muss der „Stupsende“ auf emotionale Bindungen verzichten, denn sonst würde er sich mit anderen auf eine Stufe stellen. Bezogen auf heute: Social Distancing als Basis des Despotismus. Der Abweichler Posa zeigt dem König die Schwachstelle auf: „Sie blieben selbst noch Mensch …“ Selbst Tyrannen können sich nach Nähe sehnen. Das Menschliche zu überschreiten — gewissermaßen Transhumanismus avant la lettre — ist nämlich gar nicht so einfach.

Etwas zu überschreiten bedeutet, es aufzugeben. Es gibt keine menschlichen Despoten.
 
Was macht Menschsein aus? Freiheit als zentraler Aspekt ist eine zutiefst humanistische Idee. Giovanni Pico della Mirandola (st. 1494) verknüpfte sie mit Menschenwürde: Der Mensch hat keinen vorbestimmten Platz in der Welt. Allein in seiner Hand liegt, was er ist. An dieses humanistische Ideal der individuellen Selbstvervollkommnung knüpft übrigens auch die eigentliche Idee von Nietzsches „Übermensch“ an. Es war der pervertierte Vulgärnietzscheanismus der Nationalsozialisten, der daraus den sozialdarwinistischen Gedanken einer überlegenen Menschenklasse machte. Vulgärnietzscheanismus wird heute auch als „Transhumanismus“ wieder aus seiner Gruft gezerrt — von Leuten, welche die Nuanciertheit dieses Philosophen intellektuell nicht annähernd erfassen. Die Unfähigkeit zur Metapher macht daraus dümmliche Allmachtsphantasien.

Der Trans-Humanismus avant la lettre der Inquisitoren erfordert also nichts weniger, als den Menschen in seinem gesamten Sein zu ändern: Statt eines sich durch Bildung und Kunst frei selbst vervollkommnenden Individuums favorisiert er eine abhängige Kreatur, die bereit ist, Unmenschlichkeit für Übermenschlichkeit zu halten. Schon Giordano Bruno mokierte sich mit Bezug auf die Gottmensch-Idee des „Christus“ über diesen Gedanken: was für ein Irrsinn, aufgrund der Tatsache, dass der ganze Mensch nicht perfekt ist, etwas für besser zu halten, das nur halb Mensch ist! Das wäre, so Bruno, wie eine halbe Hose für besser zu halten als eine ganze. „… das ist etwas, das ich nicht begreifen kann — so wenig wie jeder, der auch nur den kleinsten Funken Verstand hat.“

Wenn Glück darin besteht, man selbst sein zu können, und eben dieses Selbst nun durch Zwang verändert wird — dann ist das Paradies der Inquisitoren ebenso künstlich wie der von ihnen geschaffene Mensch. „Ist das Menschenglück?“, fragt Posa. „Vor diesem Glücke würde die Majestät erzittern — Nein! Ein neues/ erschuf der Krone Politik.“

Angesichts des Alters dieses Texts sieht man, wie wenig originell Despoten sind: Immer wieder wollen sie einen „neuen“, künstlichen Menschen schaffen, in der Hoffnung, dass der sich leichter versklaven lässt.

Dostojewskijs Großinquisitor hatte vorgeschoben, er unterdrücke die Menschen aus reiner Liebe. Posa dagegen: „Ich liebe/ die Menschheit, und in Monarchien darf/ ich niemand lieben als mich selbst.“ Während Posa seinem Gegenüber vorhält, „der Mensch ist mehr, als Sie von ihm gehalten“, verkündet Dostojewskijs Inquisitor: „Ich schwöre Dir, der Mensch ist schwächer und niedriger geschaffen, als Du es von ihm geglaubt hast“. Der entscheidende Unterschied zwischen Menschenliebe und Menschenverachtung, besteht darin, dass erstere Freiheit als Teil des Menschseins sieht: ganz im Sinne Picos. Wenn Freiheit aber zum Wesen (Schopenhauer würde sagen: zum „esse“) des Menschen gehört, ist ein seiner Freiheit beraubter Mensch verstümmelt. „Wie könnten Sie in dieser traurigen/ Verstümmlung — Menschen ehren?“

Freiheitsentzug ist immer Menschenverachtung.

Wenig überraschend hängt die Wertschätzung eines Menschenlebens eng mit dem Menschenbild zusammen. In repressiven Systemen ist das Individuum dem Kollektiv untergeordnet. Tatsächlich argumentierte die historische Inquisition in bestem Nudging-Stil, sie wolle die Menschen doch nur vor der ewigen Verdammnis schützen. Dafür kann man doch ein paar verbrennen, oder? Eine erschreckend ähnliche Argumentation kann man teilweise bei den Corona-Maßnahmen beobachten. Ein Kind verträgt die Maske nicht, can’t breathe? Vorschrift ist Vorschrift! Sie gehören nicht zur Risikogruppe? Egal, ohne Impfung können Sie Ihre Menschenrechte vergessen.

Das angebliche Wohl eines ominösen Kollektivs steht neuerdings wieder über dem des Einzelnen, das Nazi-Wort „asozial“ ist salonfähig. Doch nur freie Gesellschaften respektieren das Individuum.

Kollektivismus ist daher ein untrügliches Warnzeichen: wo immer er sich ausbreitet, machen sich antidemokratische, anti-humanistische Tendenzen breit. Wo Kollektivismus salonfähig ist, ist die Maske nicht besser als die Burka: ein Unterwerfungssymbol (deshalb darf sie auch nicht kritisiert werden).

Kollektivismus legitimiert selbst die Vernichtung von Abweichlern: zum Wohle der Allgemeinheit. „O, schade, dass, in seinem Blut gewälzt,/ das Opfer wenig dazu taugt, dem Geist/ des Opferers ein Loblied anzustimmen!“ kommentiert Posa ironisch.

Wenig überraschend also, dass mit diesem Menschenbild auch eine vormoderne Cancel Culture einhergeht. Als Posa Zweifel an der Menschlichkeit des Mordens von Kritikern äußert, folgert der König sofort: „Ihr seid ein Protestant!“ (wer nicht zu uns gehört, gehört automatisch zu „denen“) Pico ging es übrigens genauso: er wurde zum Ketzer erklärt, seine Thesen vom Papst verdammt. In menschenverachtenden Systemen ist der Gedanke der Menschenwürde per se Ketzerei.

Als logische Folge droht auch in vorindustrieller Zeit schon der Brain Drain: „Der Bürger, den Sie verloren für den Glauben, war Ihr edelster.“ Damit thematisiert Posa das Hauptproblem der kollektivistischen Nudging-Gesellschaft: Schöpferische Kraft kommt nun einmal aus dem Individuum, allem Gefasel von der Schwarmintelligenz zum Trotz. Kreativität aber braucht Raum für das Unkorrekte. Goethe, Byron, Galilei — im Kollektiv wären sie undenkbar. Nudging-Gesellschaften sind also immer vampirische Gesellschaften. Sie ziehen ihren Erfolg aus freieren Epochen (oder Gesellschaften) und brechen ohne den Tropf, an dem sie hängen, früher oder später zusammen.

Aber was ist das Kollektiv eigentlich? Ist es nicht die Summe aller Individuen? Welches Kollektiv soll von Freiheitsentzug profitieren, wenn die Individuen, aus denen es besteht, sich doch nur durch Freiheit entwickeln können? Hier demaskiert sich das System: Das angebliche Kollektiv, dem sich alles unterzuordnen hat, ist niemand anders als der Herrscher selbst. „… und schrecklich, wenn das nicht wäre. Wenn für diesen Preis,/ für das zertretne Glück von Millionen,/ Sie nichts gewonnen hätten!“

Freiheit, humanistische Selbstvervollkommnung, Begabung, Talent … all das ist nicht nur nutzlos für Despoten: es ist eine Gefahr. Wer gewöhnt ist, sich selbst zu vervollkommnen, eignet sich nicht zum abhängigen Lemming. Die scheinbare Ordnung des Systems beruht daher darauf, dass alles Leben gewaltsam erstickt wird: „Die Ruhe eines Kirchhofs!“ Eine treffende Beschreibung für Lockdown-Gesellschaften ohne Kunst, ohne Bildung, ohne Raum für die Individualität des unbedeckten Gesichts. Sie sollte vor allem da zu denken geben, wo sich die Corona-Maßnahmen gegen Kunst und Bildung richten — also genau gegen das, wodurch sich im Humanismus das freie Individuum vervollkommnet.

Nachdem für ihn Freiheitsentzug das größte Leid ist, das einem Menschen zugefügt werden kann, hat Posa keinen Bedarf am Nudging-Paradies. „Ich kann nicht Fürstendiener sein“, bemerkt er, und: „Geben Sie Gedankenfreiheit!“

Schillers eigene Worte lassen die ganze Anmaßung des Drosten’schen Satzes „Schiller würde Maske tragen“ offenbar werden. Er ist nichts weniger als die vollkommene Perversion all dessen, wofür Schiller je stand.

Wo immer die Unterwerfung unter ein angebliches Gemeinwohl, unter ein abstraktes Kollektiv gefordert wird, ist die Menschenwürde in Gefahr. Auch wer Grundrechte zu Privilegien für Geimpfte degradieren will, wer ein ganzes Land, egal aus welchen Gründen, in ein Gefängnis verwandelt, beweist damit nur eines: Eine verstörende Geringschätzung der Menschlichkeit.


Redaktionelle Anmerkung: Dieser Beitrag erschien zuerst unter dem Titel „Traurige Verstümmlung. Das Menschenbild der Nudging-Inquisitoren Teil 2“ auf dem Blog Mit!Denken.

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