Zum Inhalt:
Die sterile Kultur

Die sterile Kultur

Wenn die Eventbranche Test- und Impfpflicht zur Teilnahmevoraussetzung macht, verrät sie ihren Grundwert der Inklusion.

Das Berliner Nachtleben war bisher weltweit bekannt für die zahlreichen Clubs und Bars, das Berliner Kulturleben insbesondere für seine Musikszene und Filmkultur. Nun sind die Clubs und Bars bereits seit gut einem Jahr geschlossen. Um während der Coronakrise über die Runden zu kommen, wurde der Kitkat-Club in ein Schnelltestzentrum umgewandelt, und die Berliner Clubcommission wollte Schnelltests vor den Clubs anbieten, damit diese wieder besucht werden können (1).

Der Ticketverkäufer CTS Eventim gab am 3. Februar 2021 bekannt, dass er eine Corona-Impfung als Voraussetzung für einen Konzertbesuch für denkbar hält (2). Während Eventim aufgrund der heftigen Kritik noch am selben Tag eine Richtigstellung (3) veröffentlichte und es seitdem etwas ruhiger um den Ticketvermittler geworden ist, werden die Veranstalter des Immergut Festivals in Mecklenburg-Vorpommern schon konkreter:

„Für das Immergut Festival 2021 wird es personalisierte Karten geben, bei denen alle Informationen für die Kontaktrückverfolgung abgefragt werden und vor Ort die Identität geprüft wird“ (4).

Personalisierte Tickets werden schon seit mehreren Jahren angeboten, doch setzten sie sich bisher mehrheitlich nicht durch. Wer wollte, konnte die Karten für das nächste Konzert auch anonym holen. Doch seit dem Beginn der Coronakrise gehen manche Veranstalter gerne einen Schritt weiter. So hat beispielsweise Borussia Dortmund auch die Körpertemperatur messen und die Maskennutzung der Besucher überprüfen lassen (5). Ob die Veranstalter des Immergut Festivals von der Messung der Körpertemperatur absehen werden, wird aus den Informationen auf ihrer Website nicht ersichtlich, doch schreiben sie weiter:

„Um das Festival für alle Beteiligten möglichst sicher zu gestalten, wird euch, falls es das im August aktuelle Infektionsgeschehen vorgibt, nur mit einem negativen Antigen-Schnelltestergebnis oder einem nicht älter als 24 Stunden negativen PCR-Testergebnis Zutritt zum Immergut Festival 2021 gewährt“ (6).

Das Fusion Festival, das ebenso in Mecklenburg-Vorpommern stattfindet, setzt dagegen sogar auf „PCR-Massentests“ (7). Das bedeutet für die Besucher, dass sie sich sogar „während des Festivals“ (8) wiederholt testen lassen müssen.

Das Immergut Festival und das Fusion Festival sind somit die ersten Festivals in Deutschland, die den Grundstein für eine Einteilung in gesunde und ungesunde Menschen innerhalb der Kulturbranche legen: Nur die „Gesunden“, die laut Test kein positives Ergebnis bekommen haben, dürfen dann noch weiterhin das Festival besuchen.

Statt zu integrieren, wird aussortiert. Doch wer der Separation zustimmt, stellt sich klar gegen die Integration.

Wenn sich diese Art der Separation von Menschen erst einmal etabliert hat, würde sich der gesamte Kulturbereich im Grunde gegen sich selbst stellen. Er würde nicht nur, er müsste, um weiterhin Einnahmen unter diesen neuen Umständen generieren zu dürfen, gegen all das sein, wofür er selbst vorher immer wieder einstand: für einen Querschnitt der Gesellschaft. Für ihre Vielfalt. Für ein interkulturelles Neben- und Miteinander. All das wäre dann nicht mehr erwünscht, da eine Veranstaltung ohne eine vorhergehende Separation der Besucher nicht mehr als sicher und durchführbar gelten würde.

Die luca-App

Die App luca, die unter anderem von den Mitgliedern der Band „Die Fantastischen Vier“ initiiert wurde, soll bei der Kontaktverfolgung von Infektionsketten helfen (9, 10). Die App wurde anfangs nur auf Sylt, Amrum und Föhr (11) verwendet, mittlerweile wird sie in 13 Bundesländern genutzt (12).

Am 28. Februar 2021 stellte Smudo — ein Mitglied der Fantastischen Vier — die luca-App bei Anne Will vor (13). Diese App sollte laut Smudo überall genutzt werden: im „Restaurant, (im) Stadion, (...) in der U-Bahn (oder der) Regionalbahn (oder auch in der) Pension“ (14). Der Journalist Benjamin Gollme machte im Podcast Basta Berlin darauf aufmerksam, dass die luca-App viel mehr sensible, private Gesundheitsdaten sammelt als die bisher genutzten Erfassungsmöglichkeiten wie die Corona-Warnapp oder die einfachen Handzettel (15).

Bei Anne Will forderte die Medizinethikerin und ehemalige Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, Christiane Woopen, „Schutzkonzepte (...), die über das hinausgehen, was wir jetzt haben. Denn es liegt doch auf der Hand, dass wenn jetzt einfach nur aufgemacht wird, mit den schon bekannten Schutzkonzepten, dass die dritte Welle notwendigerweise kommt. Daran kann doch kein ernsthafter Zweifel bestehen“ (16). Daher forderte sie weiter neben einer „Impfstrategie“ (17) auch „eine digitale Plattform“ (18), die eine „umfassende tagesgleiche Infektionskettennachverfolgung“ (19) bietet.

Der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar knüpft die Verwendung der Tests und die digitale Datenerhebung sogar an die Freiheit: „Die Freiheit bekommen wir, wenn wir Schnelltest(s verwenden), wenn wir digital wirklich da sind“ (20).

Dass er für diese Forderung von den anderen Gästen der Sendung wie beispielsweise der ehemaligen Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger keine Widerrede bekam, steht für sich. Christiane Woopen bestätigte dieses Modell sogar:

„Und alles das, was jetzt da an Kapazitäten und Technologie aufgebaut wird, hilft uns erstens als Sicherheitsnetz und im Übrigen, zweitens, auf die lange Strecke. Und das auch nur noch mal vielleicht für eine nächste Runde: bitte das auch europäisch, am besten international denken. Sowohl so eine Plattform, wie auch immer sie dann heißt, denn das würde uns ja das Reisen und die Freizügigkeit auch wieder erlauben“ (21).

Die ganze Sendung war ein Lobgesang auf die digitale Erfassung und Nutzung von (Schnell-)Tests – ohne dass diskutiert wurde, ob diese in der gegenwärtigen Situation überhaupt notwendig sind.

Die Journalisten Marcel Joppe und Benjamin Gollme, die Moderatoren von Basta Berlin, erwähnten auch, dass luca nicht nur bei Events oder Restaurantbesuchen zum Einsatz kommen soll, sondern laut Website der App-Entwickler auch für „private Treffen“ (22) genutzt werden kann (23). Das würde immerhin eine weitere Kontrolle des Freizeitverhaltens bedeuten. Und müssten für eine lückenlose Rückverfolgung der Infektionsketten im privaten Raum dann nicht auch die Daten der Kinder angegeben werden?

Ausblick

Aber was wird passieren, wenn die Menschen vor kulturellen Veranstaltungen separiert und ihre Kontakte bis in das Private hinein digital erfasst werden? Auch wenn ein solches Vorgehen unter dem Aspekt der Sicherheit verkauft wird, hätte es eine Abkehr von alldem zur Folge, was das kulturelle Leben bisher ausmachte: Es stehen dann nicht mehr die Freude am kulturellen Event und der schöpferische Aspekt im Vordergrund, sondern die Sterilität, die dieses Event allein den „Gesunden“ bietet.

Es entsteht eine sterile Kultur, die auf Tests und Überwachung aufgebaut ist. Und zwar auf Tests, deren Einsatz mehr als fragwürdig und deren Fehlerquote bekannt ist, da sie, gerade bei Massentestungen, auch falsch positive Ergebnisse liefern (24 bis 28).

Allein die Ungewissheit wegen des Testresultats vor Ort lässt die Angst vor einem positiven Ergebnis und dessen Folgen größer werden. Das heißt auch, dass dann selbst Symptomlose, aber vor Ort positiv Getestete wohl wieder die Heimreise antreten müssten. Die Angst, dass man krank sein könnte oder auch, dass bei bester Gesundheit ein positives Ergebnis entstehen könnte, wird die Angst vor Ausgrenzung, vor der Isolation im wahrsten Sinne des Wortes, noch steigern.

Doch auch ohne Tests als Einlasskontrolle würde sich die umfassende Erhebung aller Kontaktdaten auch auf das Verhalten untereinander auswirken. Man lädt dann nur noch die Personen ein, von denen man weiß, dass sie sich „vernünftig“ verhalten, eben die, die sich an die „Regeln“ halten; Freunde und Verwandte, bei denen man sich denken kann, dass sie „gesund“ sind. Denn wer will schon dauernd riskieren, wegen unvernünftiger Freunde in Quarantäne gehen zu müssen, weil diese womöglich Krankheiten mitbringen?

Es wird eine sterile Kultur werden, denn die Kranken oder die, die es sein könnten, werden aufgrund der Gefahr, die mit einem Kontakt zu ihnen angeblich einhergeht, erst gar nicht eingeladen, sie sind nicht mehr willkommen.

Man trifft sich dann also nur noch mit den vernünftigen und gesunden Menschen im Restaurant oder auch zu Hause bei der Geburtstagsfeier des eigenen Kindes. Diese Abkapselung gilt übrigens für beide Seiten. Denn sobald die einen damit beginnen, sich nur noch mit denen zu verabreden, die der umfassenden Erhebung aller Kontaktdaten und der Nutzung der Tests zustimmen, werden andererseits all die zusammenfinden, die diesen Handlungen entschieden entgegenstehen. Kurzum: Die Menschen werden sich in zwei Gruppen aufteilen, sich spalten.

Was kann eine Kultur überhaupt noch hervorbringen, wenn deren Individuen vor dem Prozess des Schaffens zuallererst den Vorgang der Separation durchlaufen müssen? Es stellt sich auch die Frage nach der Staatsform: ein demokratisches (!) System mit einer Zweiklassengesellschaft, die von der Teilung in Gesunde und Ungesunde geprägt ist? Ein Rechtsstaat (!), in dem die Zuverlässigkeit einzelner Tests nicht ausreichend geprüft wird? Was bedeutet es auch für die Identitätsentwicklung der Kinder, wenn sie, je nach Gesundheitszustand, nur noch in einem klar abgesteckten Bereich die Möglichkeit zur Entwicklung und Partizipation haben?

Bisher konnten einige Personen aufgrund von Armut nicht an kulturellen Veranstaltungen teilhaben, „weil (ihnen) die Mittel fehlen, um am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen“ (29). In Zukunft könnte die eigene körperliche Verfassung eine weitere Größe sein, die den Zugang zur Veranstaltung zulässt — oder auch verwehrt.

Welch Ironie, dass ausgerechnet die Künstler und die Eventbranche selbst dabei helfen, die Vielfalt zu vernichten, die ihre eigenen Events bisher auszeichnete. Diese Absurdität hat die Columbiahalle, ein beliebter Veranstaltungsort in Berlin, selbst sehr treffend und knapp reproduziert, indem auf ihrer Anzeigetafel folgende Meldung zu lesen ist: „Erst impfen — dann feiern!“ (30)

Dimitri Hegemann vom Tresor — einem berühmten Berliner Club — glaubt, dass die Sehnsucht nach den anderen, nach der „zwanglosen Party“ in dunklen Räumen, nach dem Berühren und dem Miteinander bleiben werden. Denn darum geht es seiner Meinung nach (31). Er hat Recht; die Menschen werden das Bedürfnis nach Nähe wohl nicht vollends verlieren, doch kann eine Separation von Menschen durch Tests und eine Überwachung ihrer Kontaktdaten nur dazu führen, dass Menschen ausgeschlossen werden. Nur wenn wir als Gesellschaft nicht allein im Namen der Sicherheit all die kulturalen Werte vergessen, mit denen wir uns bis März 2020 immer gebrüstet haben, können wir dieser Separation und Überwachung entgehen.


Quellen und Anmerkungen:

(1) https://www.n-tv.de/panorama/Berliner-Clubs-werden-Schnelltest-Zentren-article22207605.html
(2) https://www.n-tv.de/wirtschaft/Duerfen-kuenftig-nur-Geimpfte-aufs-Konzert-article22334359.html
(3) https://twitter.com/eventimDE/status/1356917749935669253
(4) https://www.immergutrocken.de/article/kartenladen
(5) https://netzpolitik.org/2020/automatisierte-einlasssysteme-vermessung-auf-dem-weg-ins-fussballstadion/#comments
(6) https://www.immergutrocken.de/article/kartenladen

(7) https://www.fusion-festival.de/de/x/testkonzept
(8) https://www.fusion-festival.de/de/x/testkonzept
(9) https://www.jumpradio.de/thema/corona/luca-app-kontaktverfolgung-fantastischen-vier-smudo-100.html
(10) https://www.stadionwelt.de/news/24959/app-soll-kultur-events-wieder-moeglich-machen
(11) https://www.stadionwelt.de/news/24959/app-soll-kultur-events-wieder-moeglich-machen
(12) https://netzpolitik.org/2021/digitale-kontaktverfolgung-fast-20-millionen-euro-fuer-luca/
(13) https://www.ardmediathek.de/daserste/video/anne-will/die-grosse-ratlosigkeit-gibt-es-einen-weg-aus-dem-dauer-lockdown/das-erste/Y3JpZDovL25kci5kZS80OTFlYWQzNS1kMDllLTRjNjAtOTE4YS1lN2I1MjQ5OTM2ZGE/
(14) Ebenda (25'28" bis 25'48")
(15) https://www.youtube.com/watch?v=8azw8tUeflg&ab_channel=SNA (15':15" bis 35':59")
(16) https://www.ardmediathek.de/daserste/video/anne-will/die-grosse-ratlosigkeit-gibt-es-einen-weg-aus-dem-dauer-lockdown/das-erste/Y3JpZDovL25kci5kZS80OTFlYWQzNS1kMDllLTRjNjAtOTE4YS1lN2I1MjQ5OTM2ZGE/ (15'23" bis 15'41")
(17) Ebenda (15'57" bis 15'58")
(18) Ebenda (17'02" bis 17'04")
(19) Ebenda (17'09" bis 17'13")
(20) Ebenda (09'30" bis 09'35")
(21) Ebenda (52'14" bis 52'41")
(22) https://luca-app.de/faq/#ac_6958_collapse1
(23) https://www.youtube.com/watch?v=8azw8tUeflg&ab_channel=SNA (15'15" bis 35'59")
(24) https://www.aerztezeitung.de/Politik/Die-Krux-der-Corona-Antigen-Schnelltests-415100.html
(25) https://norberthaering.de/news/schnelltests/
(26) https://www.rubikon.news/artikel/die-nonsens-tests
(27) https://cormandrostenreview.com/report/
(28) https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(21)00425-6/fulltext
(29) https://www.caritas-muenster.de/wirhelfen/menscheninnot/armut/armut
(30) Am 28. Dezember 2020 wurde ein Foto der Anzeigetafel mit dem erwähnten Zitat auf der Instagram-Seite der Columbiahalle veröffentlicht: https://www.instagram.com/columbiahalle_official/?hl=de
(31) https://www.berliner-zeitung.de/news/nach-corona-clubs-rechnen-mit-laengerer-anlaufphase-li.134801

Spenden per SMS
Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann senden Sie einfach eine SMS mit dem Stichwort Rubikon10 an die 81190 und mit Ihrer nächsten Handyrechnung werden Ihnen 10 Euro in Rechnung gestellt, die abzüglich einer Gebühr von 17 Cent unmittelbar unserer Arbeit zugutekommen.
Creative Commons Lizenzvertrag
Dieses Werk ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen dürfen Sie es verbreiten und vervielfältigen.

Weiterlesen

Abenteuer Leben
Thematisch verwandter Artikel

Abenteuer Leben

Wirklich spannend wird es, wenn wir aus der virtuellen in die reale Welt hinaustreten.