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Die Stadt der Zukunft

Die Stadt der Zukunft

Zwischen Berliner Bahnhof und Regierungsviertel entscheidet sich, wie die Welt von morgen aussieht.

Ich komme vom Land. In meinem Geburtsort gab es ein paar hundert Einwohner und mindestens ebenso viele Kühe und Federvieh. Im Winzerdorf meiner französischen Wahlheimat gibt es einen Kirchturm, zwei Bushaltestellen, kein Bistro und jede Menge Ruhe, die freitäglich von einem Austernwagen aus Bouzigues unterbrochen wird, der direkt vor meiner Haustür hält (1). Großstadt erlebte ich dazwischen in Hamburg, Madrid und Barcelona — und in diesem Sommer kurzzeitig in Berlin.

Ich reise im Zug, ungeimpft, ungetestet, maskiert. Bis auf ein paar zur Gesundheit mahnende Durchsagen passiert nichts. Ich werde nicht an der Grenze aus dem Zug geführt, muss in keine Quarantäne und hätte mir die Anschaffung einer Enten-Maske sparen können. Als ich mich in Frankfurt auf meinen Sitz fallen lasse, macht mich meine Sitznachbarin mit strengem Auge darauf aufmerksam, dass meine medizinische Maske zu locker und nicht richtig auf der Nase sitzt. Ein junger französischer Lehrer fragt mich, ob ich geimpft bin. Eine Mutter mit Kleinkind erkundigt sich beim Schaffner, ob nicht alle Passagiere Maske tragen müssen, um einen jungen Mann in einem anderen Abteil zu denunzieren, der offenbar keine trug.

Unter einem Dach

In Berlin steige ich erleichtert aus dem Zug und atme anstatt chemischer Partikel und Denunziantenmuff Großstadtluft. Ich vertrete mir die Beine, die gläserne Kuppel des Reichstagsgebäudes im Blick. Es ist nicht viel los jenseits der Bahnhofshalle. Ein paar Touristen flanieren, um sich in fotogenen Posen vor den historischen Gebäuden ablichten zu lassen. Eine Handvoll Paare übt Tango und Salsa vor einem Regierungsgebäude. Es sind die einzigen Menschen, die mir begegnen.

Futuristisch reihen sich Stahl, Beton, Glas und freie Flächen aneinander. Hier ist alles nah und bequem zu Fuß zu erreichen. Bundestag, Bundesrat, Ministerien, Botschaften, der Sitz des Bundespräsidenten, die Vertretungen der Bundesländer, der Bundesnachrichtendienst. Die Charité liegt hinter mir, vor mir das ARD-Hauptstadtstudio an der Spree. Nur durch ein paar Steinwürfe voneinander getrennt.

Am Brandenburger Tor belebt sich die Kulisse. Am Fuße des Symbols der deutschen Einheit lässt man sich besonders gerne fotografieren. Welcher Einheit?, frage ich mich. Der Einheit des Gleichschritts, des uniformen Aufmarschs der Desinfizierten, Durchgeimpften, Regierungskonformen — oder eine alles umfassende Einheit, die durch die Verschiedenartigkeit und Besonderheit jedes Einzelnen erst komplett wird? Welche Werte versinnbildlichen sie heute, die Denkmäler einer Stadt, die vorgibt, die Trennung überwunden zu haben? Ist sie tatsächlich gefallen, die Mauer, die uns mahnte, oder existiert sie in unseren Köpfen weiter und hält uns davon ab, zueinander zu finden?

Hinter den Kulissen

Sind wir uns heute näher? Ist der Stacheldraht niedergerissen, der uns daran hinderte, uns die Hand zu reichen? Haben wir unsere Gemeinschaft gerechter gemacht, wacher, friedlicher?

Haben wir unsere Entwicklung in die richtige Richtung vorangetrieben in den letzten Jahrzehnten? Haben unsere Auseinandersetzung mit der jüngeren Geschichte und unsere unermüdliche Selbstanklage dazu beigetragen, Misstrauen und Fremdenfeindlichkeit zu überwinden und Respekt und Akzeptanz zu fördern?

Von welcher „Arbeit am Gedächtnis“ ist in der aktuellen Ausstellung in der Akademie der Künste die Rede? Die kritische Auseinandersetzung mit Exil und Verfolgung gehöre, so steht es auf der Webseite, zu ihrer DNA — ein inhaltsschwerer Begriff in einer Zeit, in der alle Voraussetzungen zum gezielten Eingreifen in das menschliche Erbgut gegeben sind. Wie geht eine der ältesten Kulturinstitutionen Europas mit dem erneuten Erstarken von nationalistischen, rassistischen und antisemitischen Tendenzen um? Sind wir auf dem richtigen Weg, wenn genau das, was wir vorgeblich so vehement bekämpfen, immer wieder aufkeimt? Oder ist es der Kampf selbst, der das Schlachtfeld bereitet und den Frieden behindert?

An welcher Art von Zukunft wird gearbeitet im Einstein Center Digital Future, welches dazu beitragen soll, im „Einsatz für das Wohl des Menschen“ die „Herausforderungen unserer digitalen Zukunft zu meistern“? Welche Ideen und „Zukünfte“ werden im Futurium unweit der Charité entwickelt, ausschlaggebend bei der Abschaffung der Menschenrechte und Freiheiten eines ganzen Planeten? Wem dient das Europäische Haus? Wer steigt im neu errichteten Hotel Adlon ab? Ist der Reichstag verhüllt geblieben?

Quo vadis?

Durch die anbrechende Nacht spaziere ich mit meinen Fragen zurück zum Bahnhof. Es mutet wahrhaftig futuristisch an, dieses Berlin, mehr von morgen als von gestern. Leergefegt. Kalt. Es ist, als fehlten hier die wirklichen Menschen, die, die eine Demokratie lebendig halten. Hier geht es vor allem um Macht. Berechnende Macht. Macht, die über Leichen geht? Hier laufen sie alle zusammen, die Fäden der Institutionen aus Politik, Medien, Kultur, Technologie und Hochfinanz. Hier wird neue Geschichte geschrieben.

Wie wird sie sich entwickeln? An was für einer Zukunft wirkt Deutschland mit? Für welche Werte stehen wir ein? Welche Rolle spielen Freiheit, Gerechtigkeit, Einigkeit? Zu was haben wir Berlin gemacht, die geteilte Stadt, die wieder zusammenwuchs? Berlin, die einst bunteste und besonderste der deutschen Städte, in der so vieles möglich war, was ist daraus geworden? Was machen wir aus uns? Welche Möglichkeiten geben wir uns, um zusammenzufinden und miteinander eine menschlichere Welt aufzubauen?

Det is Berlin

Als ich mit meinen Fragen wieder in den Zug steige, schweben mir Bilder im Kopf, wie die weiten Flächen zwischen Bahnhof und Regierungsgebäuden sich mit Menschen aller Couleur füllen. Alle Masken sind gefallen. Offene Gesichter lächeln einander zu. Die Menschen sehen sich voller Wohlwollen und Neugierde an, versammeln sich, bilden lebendige Gesprächskreise, hören einander zu, treffen gemeinsame Entscheidungen. Sie leben Demokratie. Tango und Salsa wird getanzt und noch vieles mehr. Nicht mehr die Gebäude machen das Ansehen der Stadt aus, sondern die Menschen, die mit Respekt und Toleranz im Bewusstsein ihrer Fähigkeiten Leben gestalten.

Diese Stadt hat wahrlich etwas Besonderes. So denke ich bei mir auf meiner Fahrt zwischen Nord- und Südeuropa. Ich erinnere mich an die letzte Nacht des Jahres 1989, die Menschen, die von überall herkamen und in einem Feuerwerk der Freude das Zusammensein feierten.

Das Unvorstellbare war geschehen. Die Mauer war offen. Ich denke mir, dass das jederzeit wieder passieren kann. Grenzen und Absperrungen, verrostete, korrupte Strukturen, mögen sie auch noch so sauber und modern daherkommen, können von einem Tag auf den anderen aufbrechen und einer neuen Wirklichkeit Platz machen.

Hierfür, das haben wir schon einmal bewiesen, braucht es keine einzige Waffe. Nur ein großes Herz und Hände zum Zupacken. Det wird schon.


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Quellen und Anmerkungen:

(1) Kerstin Chavent: Und freitags kommt der Austernwagen. BoD 2019

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