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Die soziale Kontrolle

Die soziale Kontrolle

Könnte jeder jeden bewerten, würde sich die Beschaffenheit eines sozialen Kreditsystems vollkommen anders darstellen.

Die Vermutung, dass dieses System zur Unterdrückung der Gesellschaft, vor allem der unteren Schichten, benutzt werden kann, ist nicht aus der Luft gegriffen. Sie wird einerseits durch das herrschende Misstrauen in den Staatsapparat sowie in die sogenannten Eliten genährt, andererseits durch die allgemeine Erkenntnis, dass unsere Gesellschaft hierarchisch organisiert ist und diese hierarchische Ordnung durchaus auch mit Gewalt durchgesetzt wird. Immer mehr Menschen verstehen die Konzepte, die unsere Gesellschaft beherrschen, und nähren daraus ihre Skepsis. Kritische Denker ahnen, dass mit einem sozialen Kreditsystem der Weg zum gläsernen Bürger geebnet und dieser einer totalen Kontrolle eines anonymisierten, technokratischen Staatsapparates ausgeliefert sein wird.

Ein soziales Kreditsystem, aufgebaut nach dem Konzept der herrschenden Klasse, würde es ihr ermöglichen, die Gewaltausübung subtiler zu gestalten und durch ein raffiniertes Belohnungssystem einen Menschen nach ihrem Wunsch zu erschaffen. Selbstverständlich werden die Regeln so gestaltet sein, dass viele nicht für die Oberschicht selbst gelten, denn wie würde man einen Flug mit einem Privatjet, das Motorsport-Hobby oder eine Woche auf einer Megajacht sozialökologisch bewerten wollen, wenn man sie mit einem ökologischen Fußabdruck eines Menschen der Unterschicht vergleicht, der deutlich weniger Ressourcen verbraucht? Der Konflikt wird also ziemlich schnell erkennbar:

Das Beharren auf den eigenen Privilegien wird ein faires Kreditsystem unmöglich machen.

Was wäre aber, wenn das Kredit- beziehungsweise Bewertungssystem komplett anarchisch organisiert wäre? Das heißt, wenn jeder jeden bewerten könnte? Ich postuliere, dass sich das Ergebnis eines solchen sozialen Kreditsystems umgekehrt proportional zu den gesellschaftlichen Eigentumsverhältnissen verhalten würde. Große Teile der Oberschicht stünden wahrscheinlich mit schlechten Karten da. Für mich persönlich schätze ich die Gefahr gering ein, denn wer würde sich schon für mich interessieren? Der eine Nachbar, der mich nicht mag, kann mir letztlich nicht schaden, schließlich bemühe ich mich, mit allen Menschen in Frieden zu leben. Auch bin ich mir sicher, dass die Aufmerksamkeit denen gewidmet werden würde, die für gesellschaftlich relevante Ereignisse sorgen oder sich gerne in den Mittelpunkt stellen. Zudem könnte so ein Bewertungssystem heftig an den etablierten Hierarchien rütteln, wenn man sich vorstellt, dass Untergebene anfangen, ihre Vorgesetzten zu bewerten, oder das Volk seine Vertreter.

Ein interessantes Konzept entstünde, bei dem die Masse die Kontrolle über einzelne Mitglieder wiedererlangen könnte.

Jeder, der aus der Masse herausragen will, um zum Beispiel Führung zu übernehmen, muss sich ihrer Bewertung stellen. Wie wir wissen, geben die etablierten Medien gegenwärtig das Narrativ auf Grundlage von zwielichtigen und intransparenten Interessen vor und beurteilen beziehungsweise verunglimpfen vor allem solche Menschen, die diesem Narrativ wiedersprechen. Das macht die ganze Beurteilung äußerst suspekt. Die Medien übernehmen die Rolle des Richters über eine Persönlichkeit und liefern auch gleich selbst die Argumente, die für oder gegen sie sprechen. Mit dem Heroisieren einfacher Taten oder dem Skandalisieren von Banalitäten sind sie in der Lage, erheblich auf die Meinungsbildung einzuwirken. Sie lenken vielmehr die Aufmerksamkeit der Masse und formen deren Meinung, anstatt ihrem Auftrag gerecht zu werden, die Menschen nüchtern zu informieren und ihnen Raum für Entscheidungen zu lassen.

Der Bevölkerung wiederum fehlt ein einflussreiches Werkzeug, ihrer Sicht der Dinge Ausdruck zu geben. Man beschränkt die Befriedigung dieses Verlangens auf die Möglichkeit, alle paar Jahre ein Kreuz auf einem Wahlzettel zu zeichnen. Die vor nicht allzu langer Zeit eingeführte Möglichkeit, sich im Internet darzustellen, Blogs zu betreiben, Artikel oder Beiträge zu kommentieren und Petitionen zu starten, sehe ich als Fortschritt an.

Nebenbei muss ich an dieser Stelle gestehen, dass ich mittlerweile viele Artikel im Internet nur noch „überfliege“ und dann direkt die Kommentare lese. Die dort von vielen geleistete intellektuelle Arbeit hat manchmal einen viel höheren informativen Wert als der Artikel selbst. Außerdem verschafft mir dies einen kleinen Überblick über die Meinung der Leser. Die Redaktion von Heise hatte die herausragende Idee, die Bewertungen der Kommentare simpel zu visualisieren, was mir diesen Überblick immens erleichtert. Manchmal beflügelt es mich, wenn ich sehe, dass ich mit meiner Meinung nicht nur nicht allein stehe, sondern eine Mehrheit meiner Meinung ist. Genial! Gleichzeitig frustriert es mich, dass dieser Meinung auf gesellschaftlicher Ebene so wenig Beachtung geschenkt wird.

Den Spieß umdrehen

Es gibt noch einen anderen Aspekt, der es wert ist, erwähnt zu werden, nämlich die Frage: Welchen Einfluss hätte ein anarchisches Bewertungssystem auf das Benehmen der Menschen der oberen Schichten? Wenn sie es nicht schaffen würden, dieses System aufzuhalten, weil es zum Beispiel komplett dezentral im Internet verankert wäre, könnte es sein, dass sie sich mit der Zeit gezwungen sähen, dem Druck der Masse nachzugeben, und anfingen, ihre Macht für wohltätige Zwecke einzusetzen.

Beginnend mit guter Bezahlung der Menschen, die für sie arbeiten, fortsetzend mit der Gestaltung einer Möglichkeit mitzubestimmen und endend in der völligen Synergie mit der Umwelt.

Der Akt des öffentlichen Bewertens würde durch eine Eigenschaft besonders beeinflusst werden: ob die Bewertung anonym stattfindet oder nicht. Wir können davon ausgehen, dass bei einer anonymen Bewertungsform die Menschen viel leichtfertiger und aggressiver urteilen würden, als mit dem Wissen, dass jeder sehen kann, wie und von wem jemand bewertet wurde. Transparenz würde die Menschen vorsichtiger urteilen lassen, weil sich viele bewusst wären, dass sich das Blatt auch gegen sie wenden kann.

Außerdem sollten wir uns die grundlegende Frage stellen, inwiefern wir überhaupt in der Lage sind, Menschen sowie Sachverhalte richtig zu bewerten, und ob das Maß, das wir anlegen, auch wirklich angemessen ist. Vielleicht sollten wir nicht zu sehr in den Wahn des Urteilens und Bewertens verfallen.

„Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.“

Dieses bekannte biblische Zitat ruft in Erinnerung, dass wenn man über die Wirklichkeit anderer urteilt, man nicht vermeiden kann, über seine eigene zu urteilen. Es täte uns gut, uns mit der Beurteilung von Menschen zurückzuhalten, schon allein durch die demütige Einsicht, dass wir die Ganzheit nicht erkennen und unser Urteil aus diesem Grund letztendlich wertlos ist. Niemand kann auf bruchstückhaftem Beweismaterial urteilen, denn das ist kein Urteil, sondern eine Meinung.

Wenn wir in der Lage wären, uns die ganze Biographie eines Menschen in einer Art Dokumentation anzusehen, von der Geburt an bis hin zur Gegenwart, mit allen Details, wäre unsere einzige Reaktion auf ihn und sein Verhalten tiefes Verständnis. Dabei blenden wir in vereinfachter Weise den Lebensgang der Vorfahren aus, obwohl er genau so wichtig zu betrachten wäre. Schließlich vererben wir Charakterzüge unserer Eltern, welche Einfluss auf unsere Verhaltensmuster haben und für die wir letztendlich nicht verantwortlich gemacht werden können. Die Eltern haben ihren Charakter wiederum von ihren Vorfahren geerbt und so weiter. An welchem Punkt wollen wir also ansetzen, um mit dem Urteilen, Bewerten oder dem Zuweisen von Schuld zu beginnen? Welche Ursache ist uns genug? Anstatt nun mit der arroganten Überzeugung, man könne selbstverständlich über seine Mitmenschen urteilen, sollten wir uns vielmehr um Verständnis bemühen.

Der Akt des Verstehens ist eng verwandt mit der Vergebung, und wie alle spirituellen Meister sagten, ist Vergebung der Schlüssel zum Frieden.

Verständnis begünstigt die Entstehung von Empathie, da wir uns leichter in die Lage eines Menschen hineinversetzen können. Dieser Akt lässt die Grenzen von Personifikationen schmelzen, wir fühlen uns unserem Mitmenschen verbunden und können so leichter seine Entscheidungen nachvollziehen. Das ist gelebte Einheit.

Ein weiterer Aspekt betrifft das Urteilen an sich. Der Akt des Urteilens beinhaltet immer Zurückweisung und hebt niemals nur die positiven Aspekte desjenigen hervor, der beurteilt wird. Wir messen mit dem falschen Maß und arbeiten mit belanglosen Ergebnissen, welche dennoch erheblichen Einfluss auf unser Leben haben. Noch halten wir am anstrengenden und kräftezehrenden Akt des Urteilens fest und geben dafür den Frieden auf, den wir erfahren würden, wenn wir uns dazu entscheiden, unseren Mitmenschen ohne jedes (Vor)Urteil zu begegnen. Ich bin jedoch zuversichtlich, dass wir das korrigieren können, indem wir unser Augenmerk präzisieren beziehungsweise fokussieren, und zwar auf die Ideen unseres Mitmenschen, denen er mit seinem Verhalten Ausdruck gibt. Wir abstrahieren.

Wählen statt Urteilen

Im Grunde sind die Ideen, die der Mensch in der Gesellschaft manifestiert, von entscheidender Bedeutung, und genau ihnen sollten wir einen großen Teil unserer Aufmerksamkeit schenken. Dabei würden wir merken, dass sich das eben erwähnte biblische Zitat bewahrheitet, nämlich dass wir beim Bewerten der Ideen anderer auch unsere eigenen auf den Prüfstand stellen müssen. Nun legen wir ein Maß an, das uns allen gegeben wurde und das durch keine Autorität aufgehoben oder übergangen werden kann. Wir messen die Menge an enthaltener Liebe in dem, was wir beurteilen, und treffen daraufhin eine Wahl. Mit ein wenig Erfahrung werden wir in der Lage sein, entstehende Konflikte weit vorherzusehen, indem wir die Muster der uns spaltenden oder der uns einenden Konzepte in der abstrakten Welt der Emanationen, das heißt der Ausstrahlungen, wiedererkennen.

Mit der Zeit könnte sich dadurch unser Demokratieverständnis wandeln weg von der Wahl von Menschen hin zu der Wahl von Ideen. In einer echten Demokratie würden die Menschen wählen, worin sie ihre Arbeitskraft investieren, welche Güter sie erschaffen wollen, anstatt Parteien und ihre Repräsentanten zu wählen, welche nicht viel mehr zu bieten haben als Versprechen. Das Volk würde bestimmen, wohin Gelder seines Budgets fließen und welche Projekte es damit direkt finanzieren will, anstatt horrende Summen an Berater, Vermittler und Politiker auszugeben, die zwar untereinander selbst Synergien bilden, jedoch auf Kosten der Allgemeinheit.

Wie würde das Volk wählen, wie würdest Du wählen?

Würde ein Volk tatsächlich wählen, 100 Milliarden in die Rüstungsindustrie zu stecken anstatt in die Infrastruktur, ins Gesundheitswesen, in Bildung und Kultur seines Landes? Würde eine Gesellschaft in einer Pandemie wirklich solche Beschränkungen in Kauf nehmen, um ihr Gesundheitssystem nicht zu gefährden, ohne es gleichzeitig zu sanieren, um solch eine Gefahr abzuwenden? Würde ein Volk tatsächlich wählen, seinen Vertretern ein Dutzend gepanzerter Luxuslimousinen samt Personenschützern zu spendieren? Um sie vor wem genau zu schützen?

Welches ihrer Mitglieder würde eine Gesellschaft am ehesten überwachen wollen: den Nachbarn und somit sich selbst, oder den Politiker, der die Ausgaben ihrer Gelder veranlasst? An welchen Stellen würden Mitglieder einer Gesellschaft Kontrollmechanismen etabliert sehen wollen?

Mir erscheinen die Antworten auf diese Fragen leicht, aber um es auf gesellschaftlicher Ebene wirklich zu wissen, müsste man es belegen können. Vielleicht könnten uns kleine Applikationen helfen, diese Daten zu sammeln und zu visualisieren.

Umfrage und Wahl-Apps, die uns helfen, ein akkurates Abbild des Meinungsspektrums zu erschaffen, oder gemeinsame Nenner zu evaluieren.

Interessant wird es, wenn der zum Ausdruck gebrachte Wille anfängt, nach Realisation zu streben und nach Wegen zu suchen, sich zu manifestieren. Um dieses revolutionäre Potenzial zu erreichen, bedarf es jedoch einer großen Menge Optimismus, Empathie und Vertrauen in seine Mitmenschen. Ein Vertrauen, dass die Menschen in unserer Gesellschaft schon richtig entscheiden werden, dass sie ihre gemeinsamen Interessen wahrnehmen und einander Barmherzigkeit erweisen.

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