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Die Sieger-Ideologie

Die Sieger-Ideologie

Der Liberalismus als zentrale Doktrin unserer Epoche hat sich „linkes“ und „rechtes“ Denken längst einverleibt. Exklusivabdruck aus „Der Siegeszug des Liberalismus“.

Dieses Buch behandelt das moderne Weltsystem im langen 19. Jahrhundert von 1789 bis 1914. Zahllose andere Bücher haben die grundlegenden Merkmale dieser Periode erörtert. Es gibt eine konventionelle Sicht, die von vielen Forschern mit unterschiedlichen ideologischen und wissenschaftlichen Ansichten geteilt wird.

Es gilt als das Jahrhundert mehrerer Revolutionen: der industriellen Revolution, der wissenschaftlich-technischen Revolution, der bürgerlichen Revolution (und insbesondere der Französischen Revolution). Der üblichen Sichtweise zufolge hat die Kombination all dieser Revolutionen die Moderne hervorgebracht, oder das, was als solche bezeichnet wird. Die Moderne begann im langen 19. Jahrhundert und sollte sich bis ins 20. Jahrhundert fortsetzen.

Die Sichtweise dieses Werks, wie sie sich in allen bisher erschienenen vier Bänden ausdrückt, ist eine andere. Beginnen wir mit dem Begriff der „industriellen Revolution“. Für die meisten Forscher fand sie zuerst in England oder Großbritannien statt und wird üblicherweise in etwa auf die Zeit zwischen 1760 und 1840 datiert. Danach sei sie in einer Reihe anderer Länder auf dem europäischen Kontinent und in Nordamerika kopiert oder nachgeahmt worden. In Band III haben wir ausführlich dargelegt, warum wir diese Auffassung für falsch halten.

Was sich unserer Ansicht nach in diesem Zeitraum in England ereignete, war ein zyklischer Aufschwung der Mechanisierung in der industriellen Produktion, wie es ihn schon zuvor einige Male gegeben hatte und wie wir ihn auch danach noch einige Male erlebten. Zudem denken wir, dass es sich um einen Prozess der gesamten Weltwirtschaft handelte, der aufgrund von Frankreichs Niederlage im Kampf um die Rolle der neuen Hegemonialmacht im Weltsystem vor allem Großbritannien zum Vorteil gereichte.

Bezüglich der Französischen Revolution herrschte lange Zeit die sogenannte soziale Interpretation vor, die in der Revolution den Sturz der feudalen Kräfte durch die Bourgeoisie sah, der es Frankreich ermöglichte, ein „kapitalistisches“ Land zu werden. In den letzten vierzig Jahren wurde diese Interpretation durch eine andere infrage gestellt, die in der Französischen Revolution den Versuch sieht, einen liberalen, parlamentarischen Pfad einzuschlagen, der aber aus dem Ruder lief.

Auch hier stimmen wir mit keiner der beiden Ansichten überein. In Band III haben wir erklärt, warum man die Französische Revolution nicht als eine bürgerliche Revolution betrachten kann, die den „Kapitalismus“ installierte. Unserer Ansicht nach war Frankreich schon lange zuvor ein wesentlicher Bestandteil der kapitalistischen Weltwirtschaft geworden. Für uns war die Französische Revolution zum Teil der letzte Versuch, England im Kampf um die Rolle der Hegemonialmacht zu besiegen, und zum Teil eine „antisystemische“ (das heißt antikapitalistische) Revolution in der Geschichte des modernen Weltsystems, die im Wesentlichen scheiterte.

Unserer Ansicht nach ist das moderne Weltsystem von zwei großen zyklischen Prozessen bestimmt. Der eine besteht in den etwa fünfzig bis sechzig Jahre dauernden Kondratjew-Zyklen, in denen die Weltwirtschaft insgesamt wächst und wieder stagniert. Der zweite wichtige zyklische Prozess ist viel langsamer: der Aufstieg und Niedergang von Hegemonialmächten im internationalen Staatensystem.

In Band II haben wir dargestellt, wie die Vereinigten Provinzen (die heutigen Niederlande) Mitte des 17. Jahrhunderts den Status der Hegemonialmacht erlangten. Und in Band III zeigten wir, wie Großbritannien nach seinem Sieg über Frankreich im revolutionär-napoleonischen „Weltkrieg“ von 1792 bis 1815 zur Hegemonialmacht werden konnte.

Schließlich rekapitulierten wir in Band III die zweite große Expansion der Außengrenzen der kapitalistischen Weltwirtschaft. Wir stellten die Prozesse dar, in denen vier Gebiete, die bis dahin praktisch außerhalb der kapitalistischen Weltwirtschaft gelegen hatten (Russland, das Osmanische Reich, der indische Subkontinent und Westafrika) hineingezogen und als Ergebnis dieser Integration wirtschaftlich, politisch und gesellschaftlich umgeformt wurden.

Wir legten also die Analyse der ersten drei Bände zugrunde, als wir nun daran gingen, die Geschichte des langen 19. Jahrhunderts zu erzählen. Seit dem langen 16. Jahrhundert war das moderne Weltsystem zu einer kapitalistischen Weltwirtschaft geworden. Mitte des 19. Jahrhunderts war Großbritannien die Hegemonialmacht. Die Außengrenzen des modernen Weltsystems hatten sich ausgedehnt, es umfasste jedoch noch nicht die ganze Erde. Die dritte und letzte Expansion fand Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts statt. Die Geschichten dieser Expansionen gehörten nicht in diesen Band. (Im Vorwort haben wir erklärt, warum wir die Geschichte der dritten und letzten Expansion des modernen Weltsystems erst in Band V behandeln werden.)

In diesem Band wollten wir uns vielmehr auf das konzentrieren, was neuartig im 19. Jahrhundert war — wir nennen es den „Siegeszug des zentristischen Liberalismus“. Natürlich sind wir nicht die ersten, die die Stärke des Liberalismus als Ideologie im 19. Jahrhundert betonen. Aber unsere Herangehensweise an diese Frage unterscheidet sich etwas von der anderer Wissenschaftler. Dazu war es notwendig, die schwierige Begriffsgeschichte des Wortes „Liberalismus“ nachzuzeichnen und die Verwirrung seiner mehrdeutigen Verwendung aufzulösen, die einer stichhaltigen Analyse der ideologischen Realität im Wege steht.

Um diese Aufgabe zu bewältigen, mussten wir zunächst einmal herausarbeiten, dass im 19. Jahrhundert etwas erreicht wurde, was es in der historischen Entwicklung des modernen Weltsystem noch nie gegeben hatte: die Schaffung dessen, was wir seine „Geokultur“ nennen. Darunter verstehen wir einen Wertekanon, der sowohl explizit wie latent im gesamten Weltsystem weitgehend geteilt wird.

Bis zum langen 19. Jahrhundert waren die politische Ökonomie des Weltsystems und seine diskursive Rhetorik getrennt geblieben. In diesem Band haben wir dargestellt, wie es die kulturellen Auswirkungen der Französischen Revolution zwingend erforderlich machten, diese Trennung durch die Herausbildung der drei Hauptideologien des modernen Weltsystems zu überwinden: Konservatismus, Liberalismus und Radikalismus.

Wir haben versucht zu erklären, wieso der Liberalismus immer eine zentristische — weder linke noch rechte — Doktrin war. Und obwohl alle drei Ideologien vorgaben, gegen den Staat zu sein, waren sie in der Praxis keinesfalls antistaatlich.

Außerdem wollten wir zeigen, wie der zentristische Liberalismus die beiden anderen Ideologien „zähmte“ und sie faktisch zu Ausdrucksformen des zentristischen Liberalismus machte. Auf diese Weise konnten wir nachweisen, dass der zentristische Liberalismus am Ende des langen 19. Jahrhunderts zur vorherrschenden Doktrin der Geokultur des Weltsystems geworden war.

Im Einzelnen haben wir entwickelt, wie der zentristische Liberalismus seine Ideologie in drei entscheidenden Sphären durchsetzte. Erstens wurden in den Kerngebieten des Weltsystems „liberaler Staaten“ geschaffen, angefangen mit den Musterbeispielen Großbritannien und Frankreich. Zweitens wurde versucht, die Doktrin der Staatsbürgerschaft von einer einschließenden in eine ausschließende zu verwandeln. Dies zeigten wir an den drei entscheidenden Gruppen, die ausgeschlossen wurden: die Frauen, die (eigentumslose und häufig analphabetische) Arbeiterklasse und ethnische „Minderheiten“. Drittens entstanden die historischen Sozialwissenschaften, in denen sich die liberale Ideologie widerspiegelte und mit deren Hilfe die dominierenden Gruppen die beherrschten Schichten kontrollieren konnten.

Für diese Analyse haben wir so viele empirische Belege angeführt, wie wir nur zusammentragen konnten, und auf alle uns verfügbaren theoretischen Argumente zurückgegriffen. Wir bieten damit eine Analyse an, die der Totalität der weltweiten gesellschaftlichen Realität besser gerecht wird als andere Versuche, das lange 19. Jahrhundert zu erklären.


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