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Die Schwätzer

Die Schwätzer

Facebook-Aktivitäten retten nicht die Welt!

Es geht heiß her! Nicht nur meteorologisch, sondern auch im Cyberspace, konkret auf Facebook. Meine digitale Filterblase dehnt sich aus vor lauter Diskussionen rund um die Fragen: Ist es ein menschengemachter Klimawandel? Ist der Klimawandel eine Erfindung? Soll der Klimawandel von der eigentlichen Umweltverschmutzung ablenken und sämtliche Aufmerksamkeit auf das Klima kanalisieren? Bei all den ideologischen Diskussionen und dem Fakten-Hagel fehlen Empfehlungen, welche Maßnahmen wir konkret treffen können.

Dass irgendetwas mit dem Klima so gar nicht stimmt, sollte in den vergangenen Wochen ja nun wirklich auch dem Letzten anhand seiner Schweißperlen klar geworden sein! Sei es, weil man seinen Hintern mal bewegt, von Facebook wegkommt – wenn auch nur, weil der Rechner bei der Hitze abgeraucht ist – und man seine Fühler mal nach draußen strecken möchte. Oder wenn man in den Medien verfolgt, wie sich die aktuelle Hitze auf der Nordhalbkugel auswirkt. Sibirien wird zu Russlands Sunshine-State und selbst am Nordpol übersteigt das Thermometer die sonst dort üblichen Durchschnittstemperaturen.

Und die Online-Community?

Gähnende Leere. Keine grünen Punkte neben den Facebook-Profilbildern, alle sind offline und suchen draußen im realen Leben nach Lösungen und Möglichkeiten, ihren Alltag klimafreundlicher zu gestalten, gießen von der Dürre bedrohte Bäume oder verwandeln ihren englischen Garten in ein ertragreiches Stückchen Grün.

Oh! Ich habe wohl vor mich hin fantasiert. Verzeihung! Die Hitze eben!

Facebook brodelt! In Statusmeldungen lamentiert der User über die Hitze, im nächsten Moment macht er ein Foto von dem auf dem Grill brutzelnden Fleisch. Gibt es da einen Zusammenhang? Wer weiß!

Andere User bereichern uns mit Memes über den Klimawandel, die in der Zahl, wie oft man diese schon gesehen hat, in etwa den aktuellen europäischen Durchschnittstemperaturen entsprechen. Und wem die oben erwähnten Diskussionen zu blöd sind, der kann es sich ganz einfach machen. Er wechselt einfach den Rahmen seines Profilbildes. Ganz oben in den Trends steht nun der „Love the Earth“-Profilbildrahmen, dessen unterer Rand eine Erde und ein Herz zieren. Mission erfüllt!

Was bringt das?

Ich will gar nicht heucheln! Ich habe früher selber Unmengen an Zeit und Energie in Facebook verballert und Diskussions-Schlachten in den Kommentarleisten geführt, die letztlich nur mein Ego verwöhnten. Aber wir haben doch nicht mehr 2013, sondern 2018 und sollten mittlerweile zu der Erkenntnis gekommen sein, dass dieser Facebook-Aktivismus die reale Welt in kaum einer Weise tangiert. Ich habe jedenfalls noch nicht gehört, wie sich die Erde bei den Facebook-Usern mit „Love the World“-Profilbildrahmen bedankt.

All die vermeintlichen Aktivitäten verleihen dem User die Illusion, etwas getan zu haben. Sie wirken wie der törichte Glaube von Hausbewohnern, deren Häuser von einem Waldbrand bedroht sind, sie könnten das Feuer löschen, indem sie aus ihrem Badezimmerfenster guckend den Wasserhahn aufdrehen und dem Waldbrand zurufen: „Geh aus! Geh aus!“

Wir benehmen uns wie Rangierlokomotiven auf einem Rangierbahnhof, die sinnlos irgendwelche Waggons hin- und herschieben, anstatt dass wir auf eine Langstrecke wechseln und dort – wenn vielleicht am Anfang auch nur im Schneckentempo – einem Ziel entgegenfahren.

Das betrifft natürlich nicht nur den Umweltschutz! Bei diesem Thema ist nur schlicht sehr offensichtlich zutage getreten, dass wir im Angesicht der nahenden Katastrophe, in dem Moment, wo die ersten Vorbeben unter unseren Füßen rumoren, nichts weiter tun, als mit unseren nutzlosen Facebook-Tools zu hantieren und auf Dürre-Meldungen mit einem weinenden Smiley zu reagieren – vielleicht in der Hoffnung, dessen Träne würde den Boden befeuchten?

Wo führt das hin, wenn wir auf alle Gefahren nur noch online reagieren? Werden – sollte die Wehrpflicht tatsächlich wieder eingeführt werden – die Knaben widerstandslos zur Musterung gehen und danach beleidigt #meToo twittern? Werden wir Naturkatastrophen und nach Osten rollende Panzer lediglich in unsere zynischen Instagram-Storys einbetten, anstatt im realen Leben wirkliche Konsequenzen folgen zu lassen?

Obergrenze für Postings!

Dieser Arschtritt richtet sich selbstverständlich nicht an alleinerziehende Mütter oder Eltern, die in drei Minijobs schuften müssen, um ihre Kleinen durchzukriegen, genauso wenig an Kranke oder die, die schon den zweiten Burn-out haben! Dieser Tritt in den Hintern ist denen gewidmet, die, ausgehend von ihrer andauernden Facebook-Präsenz, allem Anschein nach mehr als genug Zeitressourcen hätten, um „in echt“ was zu bewirken, statt sich in Facebook die Finger wund zu tippen. Von manchen weiß ich, dass sie viel tun. Denen sehe ich es absolut nach, dass sie einen Post nach dem anderen raushauen. Und ganz im Ernst: Die Postings von den Machern sind doch die Besten!

Doch wie wäre es, sich selber folgende Regel vorzuschreiben: pro Monat nicht mehr Facebook-Postings über Aktionismus abzusetzen oder Content zu teilen, als man konkrete Aktivitäten begeht? Speziell in puncto Klimawandel gibt es viel zu tun! Wenn es einem wieder in den Fingern kribbelt, man wieder den Drang hat, etwas vermeintlich Wichtiges zu posten, sollte man sich vor dem digitalen Ausgießen dieser Gedanken vielleicht mal die folgenden Fragen stellen:

Wo verbrauche ich noch zu viel Verpackungsmaterial und wie kann ich das ändern? Habe ich schon ein Konto bei einer Bio-Bank? Kann ich vielleicht zu einem Ökostromanbieter wechseln? Oder, esse ich noch Fleisch? Wenn ja, welches?

Und erst wenn man einen dieser Punkte abgearbeitet hat, gestattet man es sich wieder, einen Post darüber abzusetzen oder Ähnliches.

Und selbst wenn einem die Ideen ausgehen sollten – bald wird ein neues Netzwerk, Human Connection, online gehen, welches Facebook absolut obsolet machen wird, da es statt eines Like-Buttons über einen Action-Button verfügt, welcher einem direkt aufzeigt, was man gegen einen bestimmten Missstand konkret machen kann. Für dieses Netzwerk zu spenden, damit es so bald wie möglich mit seiner Beta-Version an den Start geht, ist eine weitere konkrete Sache, die man jetzt schon tun kann.

Ich möchte hier nicht mit der Peitsche dastehen und die Menschen auffordern, mehr zu unternehmen, sondern ich möchte an die Menschen appellieren, dass sie das, was sie glauben zu tun oder tun wollen – meist die Welt zu einem besseren Ort zu machen – dort zu erledigen, wo das Gemachte auch eine Macht hat, um damit letztlich zu Machern zu werden!


Nicolas Riedl, geboren 1993 in München, durchlief fast jede Schulform des deutschen Schulsystems und absolvierte neben einer kaufmännischen Ausbildung jeden Schulabschluss vom Quali bis zum Abitur. Schon in Kindheitsjahren entdeckte er seine Leidenschaft für das Schreiben, eine journalistische Laufbahn verfolgte er jedoch nicht konsequent und versuchte stattdessen vergeblich, in der Filmbranche Fuß zu fassen. Ferner wurde er 2014 im Zuge der Ukrainekrise von der Politisierungswelle erfasst und verlor zunehmend sein berufliches Interesse in der Medienbranche. Nichtsdestotrotz veröffentliche er 2016 seinen ersten Film in Spielfilmlänge auf YouTube, drehte seither zahlreiche Musikvideos und studiert seit Oktober 2017 Politikwissenschaften mit Theater- und Medienwissenschaften in Erlangen.

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