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Die Rebellen

Die Rebellen

Studierende der FU Berlin fordern in einem offenen Brief einen Debattenraum über die Corona-Politik.

von Ronny Ebel

Der offene Brief der Berliner Studenten lautet im Volltext:

„Die Corona-Maßnahmen schränken die Lebensqualität und die Grundrechte aller Bürgerinnen und Bürger massiv ein. Durch die Maßnahmen haben bereits 40 Prozent der Studenten ihren Job verloren, und es gab an den Berliner Universitäten letztes Jahr eine Steigerung bei den Exmatrikulationen. Dazu steigen die Schulden bei den Studierenden aufgrund der hohen Ablehnungsquote bei den Überbrückungsgeldern immer weiter; ihr Schuldenberg wuchs schon nach fünf Monaten auf gut eine Milliarde Euro an (1, 2, 3, 4, 5).

Wir, Studierende der FU-Berlin aus unterschiedlichen Fachrichtungen, setzen uns für die Rückkehr zur Präsenzlehre für das Sommersemester 2021 sowie für die sofortige Öffnung eines Debattenraumes in der FU-Berlin ein.

Es ist unserer Ansicht nach ein wichtiges Zeichen, dass dieser Debattenraum nicht irgendwo, sondern an der Freien Universität stattfindet. Dass unsere Universität die Freiheit im Namen trägt, verdeutlicht, worum es den Gründern der FU ging: Sie wollten einen Ort schaffen, an dem die jungen Wissenschaftler nicht unter der Einwirkung politischer Interventionen stehen und fernab von ‚Zwang‘ (6) denken und diskutieren können. Für die Gründer stand diese Universität ‚stellvertretend für die Gesellschaft‘ (7):

‚Es geht um die Errichtung einer freien Universität, die der Wahrheit um ihrer selbst willen dient. Jeder Studierende soll wissen, dass er sich dort im Sinne echter Demokratie frei zur Persönlichkeit entfalten kann und nicht zum Objekt einseitiger Propaganda wird‘ (8).

Wo wäre der geforderte Debattenraum sonst möglich, wenn nicht in einer Exzellenzuniversität, die die Begriffe Veritas, Iustitia und Libertas im Siegel trägt?

Die Corona-Maßnahmen müssen sich nach wissenschaftlichen Kriterien messen lassen können – daher plädieren wir für einen interdisziplinären Debattenraum, in dem die Corona-Maßnahmen und ihre gesellschaftlichen Auswirkungen gesamtheitlich betrachtet und diskutiert werden können; für einen Debattenraum, in den jede interessierte Person eingeladen ist und in dem nicht ihre Zugehörigkeit zu einer Gruppe, Partei oder Ähnlichem im Vordergrund steht, sondern der Inhalt ihrer Aussagen. Wir stehen ein für gegenseitigen Respekt und für eine Debatte, die für Kritik zugänglich ist.“

Die Freiheit der Bildung

Im Grunde spricht natürlich nichts gegen den geforderten Debattenraum. Die Uni steht seit März 2020 leer und die gegenwärtige Situation lässt trotz ihrer zahlreichen Regeln Versammlungen zu (siehe Corona-Verordnung Berlin). Dass dieser Brief überhaupt erst geschrieben werden musste, zeigt, wie sehr sich die Diskussionskultur bereits gewandelt hat. Hier werden besonders zwei Punkte deutlich:

  1. Es hat eine alarmierende Aussagekraft, wenn Hochschüler erst das einfordern müssen, was an Universitäten eigentlich selbstverständlich sein sollte. Der geforderte Debattenraum, veranstaltet und moderiert von den Studierenden der FU selbst, wäre gut dazu geeignet, dass sie selbst die Corona-Maßnahmen analysieren könnten, die man ihnen in der Uni bereits auferlegt, wie zum Beispiel die Maskenpflicht in den Bibliotheken. Von Studis für Studis und alle anderen Besucher der Hochschule. Interdisziplinär, objektiv und fair.
  2. Dieser Brief wurde von einigen Studentinnen und Studenten aus unterschiedlichen Fachbereichen unterschrieben. Nun wäre der Fokus allein auf die Anzahl der Unterschriften nicht hilfreich, da sonst niemand mehr auf den Inhalt des Briefes achten würde. Doch interessant ist, mit welcher Begründung eine signifikante Anzahl derjenigen, die den Brief vor seiner Absendung gelesen hatten, nicht öffentlich unterschreiben wollte: Sie fürchten Repressalien, außerhalb wie auch innerhalb der Uni. Und das, obwohl sie dem Inhalt des Briefes zustimmen. Dies spricht Bände über die Verengung des Debattenraums und die Tabuisierung kritischen Denkens, selbst an einer Hochschule.

Mittlerweile haben weitere Studierende diesen Brief aufgenommen und, mitunter auch leicht abgeändert, in ihrem eigenen Namen an das Präsidium geschickt oder auch ausgedruckt in das Fach von Universitätsmitarbeitern gelegt. Die kleine Gruppe ist also schon größer geworden – wir sind gespannt, wie groß sie wird, und mehr noch auf die Antwort des Präsidiums.


Ronny Ebel ist gelernter Elektroniker, staatlich anerkannter Erzieher und studiert zur Zeit Philosophie und Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft in Berlin.


Quellen und Anmerkungen:

(1) Umfrage: 40 Prozent der Studenten haben wegen Coronakrise ihren Job verloren.
https://www.rnd.de/politik/studenten-in-corona-krise-40-prozent-haben-ihren-job-verloren-R6IJD2ROBQVQEB6FH5KFJ3EHKM.html
(2) Ohne Abschluss von der Uni. Mehr Studierende brechen in Berlin Studium ab.
https://m.tagesspiegel.de/wissen/ohne-abschluss-von-der-uni-mehr-studierende-brechen-in-berlin-studium-ab/26038626.html
(3) Überbrückungshilfe für Studierende. Viele Anträge werden abgelehnt.
https://www.deutschlandfunk.de/ueberbrueckungshilfe-fuer-studierende-viele-antraege-werden.680.de.html?dram:article_id=481175
(4) Studierende nehmen fast eine Milliarde Euro Schulden auf.
https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/id_88685960/corona-krise-studierende-nehmen-fast-eine-milliarde-euro-schulden-auf.html
(5) „Ich werde mit einem Schuldenberg von einigen Tausend Euro dastehen.“
https://www.rbb24.de/politik/thema/2020/coronavirus/beitraege_neu/2020/06/bildungspolitik-studierende-berlin-brandenburg-vor-schuldenberg.html
(6) FU70: Gegendarstellungen. asta-magazin. Oktober 2018. S. 8. Print.
(7) FU70: Gegendarstellungen. asta-magazin. Oktober 2018. S. 9. Print.
(8) Die Gründung und ihre Vorgeschichte.
http://web.fu-berlin.de/chronik/chronik_1945-1948.html

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