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Die Rebellen

Die Rebellen

Was bringt einen Menschen dazu, sich einer Terrorgruppe anzuschließen, deren Taten an Grausamkeit kaum zu überbieten sind?

Ich bekam die Gelegenheit, diesen Mann zu interviewen, wofür ich dankbar war, weil wir damit zum Kern des Konfliktes vorstießen. Die „moderaten Rebellen“, die „Kämpfer für den Frieden“ … diese bewaffneten Gruppen, die direkt von meiner Regierung unterstützt werden.

Vielleicht ist es ironisch, dass der Mann der Gruppe Ahrar al-Sham angehört, einer der Al-Qaida verbundenen Organisation. Während meiner ersten Reise im Mai 2016 befand ich mich auf dem Weg von einem Dorf nahe Homs in die Stadt. Damals war die Straße sehr gefährlich und „heiß“ gewesen: Auf der gesamten Ebene, die sich von den Hügeln aus erstreckte, wo ich Homs besucht hatte, wimmelte es nur so von IS, Al-Qaida und vielen anderen Gruppen, die verschiedene Orte in der Region unter ihrer Kontrolle hatten.

Wir kamen an einem Elektrizitätswerk vorbei und jenseits davon befindet/befand sich ein alawitisches Dorf namens „Al Zara“, auf das man mich aufmerksam machte. An diesem Morgen gingen die Menschen dort ihrem typischen Tagesgeschäft nach. Ich erinnere mich, dass ich winkte und aus irgendeinem Grund „Hallo Al Zara“ sagte.

Massaker in einem alawitischen Dorf

Wir kamen in Homs an. Am nächsten Tag wurde das Dorf von Ahrar al Sham und Al-Nusra gemeinsam angegriffen. Ein Massaker. Männer, Frauen und Kinder abgeschlachtet. Nach dem Bericht einer vertrauenswürdigen Quelle, die sich bisher stets als zuverlässig erwiesen hatte, hängten die Terroristen manche Kinder auf, nachdem diese die Ermordung ihrer Eltern hatten ansehen müssen. Sie verbrannten sie zu Tode.

Abschiedsgeschenk von „moderaten Rebellen“

Während einer anderen Reise befand ich mich gerade in Aleppo, als ich mich in einem Flüchtlingslager mit Menschen treffen sollte, die vom östlichen Teil Aleppos kamen. Am Tag vor dem geplanten Treffen bombardierten Ahrar al-Sham und die Al-Nusra-Front Busse mit schiitischen Dorfbewohnern, die im Rahmen eines Gefangenenaustausches die von Terroristen belagerten Dörfer Kefraya und Foua in Idlib verließen.

5.000 Menschen waren da unterwegs – aber als Abschiedsgeste der „Rebellen“-Terroristen, die „Freiheit und Demokratie“ lieben, griffen diese einige der Busse mit Bomben an. Sie töteten über 100 Menschen, die meisten davon Kinder. Die Überlebenden wurden in das Flüchtlingslager gebracht, das wir gerade besuchten und wir konnten mit ihnen sprechen. Auch Vanessa Beeley war dort, führte wichtige Interviews und schrieb Artikel darüber.

Was ich damit sagen möchte: Ich habe persönlich etwas über das Wesen der Ahrar al-Sham erfahren. Noch einmal: Es ist eine Gruppe, die als „Gemäßigte“ direkt von den USA, von Saudi-Arabien, Katar und der Türkei unterstützt wird. Sie erhielt unter anderem Geld, Waffen – einschließlich moderner Waffensysteme – und geheimdienstliche Unterstützung. Die USA haben sich während des gesamten Krieges geweigert, sie als Terrorgruppe zu bezeichnen.

Nun zu Adnan.

Er hat fünf Kinder und stammt aus Al Waer – im Gegensatz zu vielen anderen Kämpfern in diesem Vorort, die aus ganz Syrien und sogar auch aus anderen Ländern kamen. Als wir uns ihm näherten, war er gerade dabei, Verzierungen an eine Tür zu schweißen. Ohne Augenschutz, aber mit brennender Zigarette. Er schien zufrieden, ja sogar heiter und bereit zu reden – wenngleich auch etwas manisch. Wir gingen in ein Zimmer nebenan und begannen mit dem Interview.

Versöhnungsangebot für Terroristen

Adnan kann sich in Al Waer frei bewegen, weil er das Versöhnungsangebot der Regierung angenommen hat. Als die Innenstadt von Homs von den vielen bewaffneten Gruppen, die sie jahrelang terrorisiert hatten, befreit wurde, begaben sich die Kämpfer nach Al Waer, das somit zu deren Hochburg wurde. Al Waer wurde erst 2017 vollständig befreit, nicht ausschließlich durch einen militärischen Sieg, sondern durch diesen „Versöhnung“ genannten Vorgang.

Im Wesentlichen bestand das Angebot darin, dass jene Kämpfer, die bereit waren, ihre Waffen niederzulegen und wieder ein Teil der Zivilgesellschaft zu werden oder für die Syrische Armee zu kämpfen, genau dies tun konnten. Sie konnten aber auch ihre Familie und ihr persönliches Hab und Gut, einschließlich ihrer Waffen, nach Idlib oder Jarablus bringen. Die meisten Zivilisten und auch manche der Kämpfer, wie Adnan, entschieden sich dafür zu bleiben.

Vor allem Idlib ist nun von Zehntausenden von Kämpfern und ihren Familien bevölkert, die sich weigerten, den Kampf gegen die Regierung einzustellen. Viele wurden von den Terroristen-Anführern irregeführt – sie glaubten, sie würden von der Syrischen Armee getötet, wenn sie blieben. Dies geschah natürlich nicht, und in einem späteren Beitrag werde ich darauf noch einmal eingehen.

Wenn bewaffnete Gruppierungen die Macht in bestimmten Gebieten übernahmen, wurde die zivilisierte Gesellschaft Syriens durch die Brutalität dieser Gruppierungen und der Scharia-Herrschaft ersetzt – dies bestätigten alle Zeugen, die ich selbst gehört habe, einschließlich derer in Al Waer. Minderheiten wurden vertrieben oder hingerichtet.

Warum bleiben Zivilisten?

Nun könnte man sich natürlich fragen, wie man sich als vernunftbegabter Mensch dafür entscheiden sollte, unter solchen Umständen auszuharren – wie die Zivilisten, die in von Terroristen beherrschten Gebieten blieben.

Wie kann man das so erklären, dass US-Amerikaner es verstehen können? Die beste Erklärung, die ich liefern kann, ist folgende: Stellen Sie sich vor, Sie sind ein weißer US-Amerikaner und die Bewegung der „Weißen Vorherrschaft“ hat durch Unterstützung anderer Länder, die die USA zerstören möchten, an Fahrt aufgenommen. Diese anderen Länder nutzen nun pausenlos Propaganda, um die Ängste der Weißen davor zu befeuern, dass ihre Regierung und die Minderheiten den Tod aller Weißen wünschten.

Diese anderen Länder versorgen nun die Anführer der „Weißen Vorherrschaft“ und Fanatiker über die kanadische und mexikanische Grenze mit großen Mengen an Waffen und Geld. Viele Weiße kaufen ihnen diese Farce ab, aus Angst oder aus einem Hass gegenüber Minderheiten.

Von der Mob-Mentalität vereinnahmt, begegnen sie nun ihren einer Minderheit angehörenden Nachbarn, ja selbst früheren Freunden, mit Misstrauen und Vorurteilen. Diese Gruppen nehmen nun Schlüsselstädte ein und „säubern“ sie von Minderheiten. Die meisten Weißen in den USA erkennen, was da vor sich geht und widersetzen sich, andere jedoch akzeptieren es und bleiben in ihren Städten – sie stehen es einfach durch, weil sie auf diese Weise wenigstens leben und arbeiten können, auch wenn ihnen die Art, wie sie von den weißen Rassisten behandelt werden, nicht gefällt. Ja, ganz ähnlich der Nazi-Ideologie.

Ersetzen Sie nun „sunnitische Rassisten“ mit „weiße Rassisten“ und Sie erkennen, was hier vor sich ging. Ob er nun politisch, rassistisch oder religiös geprägt ist – Extremismus führt zu Gewalt und Chaos.

Es ist extrem wichtig zu verstehen, dass die meisten Sunniten in Syrien weder diese Ideologie noch diese „Rebellen“-Terroristen unterstützen. Wenngleich die Sunniten hier die große Mehrheit stellen, hat sich nur eine Minderheit von ihnen gegen ihre Regierung gewendet. Tatsächlich besteht die Mehrheit der Armee und der Regierung aus Sunniten – auch die First Lady Asma, Ehefrau von Präsident Assad, ist Sunnitin.

Nun also wieder zurück zu Adnan.

Vergünstigungen für die Rebellen und ihre Familien

Als die Terrorgruppen Al Waer übernahmen, brachten sie durch verschiedene Methoden Männer und Jugendliche dazu, sich ihnen anzuschließen. Erstens wurde die Familie eines jeden Mannes oder Sohnes, der sich „der Sache“ anschloss, gut behandelt. Sie erhielt zum Beispiel Nahrungsmittel und medizinische Versorgung.

Familien, deren Väter und Söhne nicht mitkämpften, mussten Hunger und Verfolgung erleiden. Laut Adnan bestand hierin seine Motivation. Erzählt er die Wahrheit? Das weiß allein Gott.

Andere erlagen der Versuchung einer sehr guten Bezahlung – ermöglicht durch die Spendierhosen der Golfstaaten, vor allem Saudi-Arabiens und Katars. Kämpfer der „Rebellen“-Gruppen verdienten in der Regel zehnmal so viel wie Soldaten der Syrischen Armee. Auch erhielten sie Vergünstigungen in Form von Frauen und Drogen – hier vor allem Captagon, das meiner Meinung nach ähnlich wie Crystal Meth wirkt: Man spürt tagelang keinen Schmerz, keine Angst und keine Erschöpfung. Es führt auch dazu, dass man verrückt wird.

Religiös-fundamentalistische Gehirnwäsche

Natürlich gibt es auch jene, die eine richtige Gehirnwäsche hinter sich haben und der Idee anhängen, aus Syrien einen religiös-fundamentalistischen, auf der Scharia basierenden Staat zu machen. Dies wäre jedoch der großen Mehrheit der Syrer – egal welchen Glaubens und Hintergrunds – ein Gräuel. Die Harmonie und der gegenteilige Respekt unter den religiösen Gruppierungen, das Empowerment der Frauen, die persönlichen Freiheiten sowie die Sicherheit hier werden wertgeschätzt und verteidigt.

Jene, die eine Gehirnwäsche durchlaufen haben, bringen ihren Kindern bei zu hassen und zu töten, wie sie selbst es tun. Tatsächlich haben „Rebellen“-Terrorgruppen sogar Kinder als Scharfschützen, Kämpfer und Selbstmordattentäter eingesetzt. In Ost-Aleppo gab es sogar einen neunjährigen Scharfschützen. Natürlich sprechen die westlichen Regierungen und Medien nie darüber oder über die ständigen Gräueltaten ihrer Lieblings-„Rebellen“. Es kümmert sie nicht, dass Kinder dazu erzogen werden, die nächste Generation von IS und Al-Qaida zu stellen.

Was auch immer der wahre Grund dafür war – Adnan wurde ein Scharfschütze für Ahrar Al-Sham, eine der stärksten der vielen Gruppen in Al Waer. Er und Gleichgesinnte wurden an hochgelegenen Stellen des Viertels stationiert. Von ihren Aussichtspunkten aus konnten sie Menschen auf den Straßen oder Soldaten weit außerhalb des Gebietes erschießen, um die Menschen in Homs in Angst und Schrecken zu versetzen.

Nie gesehene Grausamkeiten

Am Rande von Al Waer befindet sich die viel befahrene Straße von Homs nach Tartus. Die meisten Syrer reisen in kleinen und großen Bussen von Ort zu Ort. Die Terroristen in Al Waer hatten auf dieser Straße Checkpoints zusätzlich zu den Posten der Scharfschützen eingerichtet. Sie hielten die Busse an. Alawiten, Christen und Schiiten wurden getrennt; manche wurden an Ort und Stelle hingerichtet, andere entführt und gegen Lösegeld freigelassen. Wurde das Lösegeld jedoch nicht bezahlt, wurden die Opfer oft zerstückelt und auf belebten Straßen zur Schau gestellt – als Warnung dafür, was passiert, wenn Forderungen nicht erfüllt würden.

Diese Art Verbrechen gab es in Syrien buchstäblich 100-prozentig nicht, bevor Obama und Hillary und McCain und Graham und Rubio und andere begannen, die terroristischen „Friedenskämpfer“ zu bewaffnen und zu unterstützen. Gallup-Umfragen zufolge war Syrien das fünftsicherste Land auf der ganzen Welt.

Ich fragte Adnan nach ausländischen Kämpfern, vor allem nach Anführern. Er sagte, diese wirkten stets im Hintergrund und die einfachen Kämpfer hätten nie mit ihnen zu tun – nur die Leutnants träten mit ihnen in Kontakt. Jeder der Kämpfer erhielt einen neuen Namen – sie selbst und auch die Anführer nutzten nie ihre echten Namen.

Kampf für die Freiheit?

Eine andere Frage, die ich hatte, war diese: Viele Kämpfer und ihre Unterstützer behaupten, diese „Revolution“ sei gegen die Regierung gerichtet, weil es ihnen nicht erlaubt gewesen sei, den Präsidenten oder die Regierung zu kritisieren, und sie kämpften für diese Freiheit.
Meine persönliche Erfahrung mit vielen Syrern war, dass sie sehr offen waren und ihrer tiefen Sorge bezüglich vieler Themen tatsächlich Ausdruck verliehen – es ist aber auch bekannt, dass die Sicherheitsvorkehrungen hier streng sind. Während des Krieges haben die Menschen hier erfahren, wie tödlich Syriens Feinde sind, und das erklärt, warum dies so ist. Bereits bevor Hafiz al-Assad an die Macht kam, hatte Syrien viele Putsche durchgemacht, an denen üblicherweise ausländische Regierungen wie die der USA mitgewirkt hatten und die das Land destabilisierten. Dies soll jedoch in einem weiteren Artikel diskutiert werden.

Ich fragte Adnan nun: Durften die Menschen, die unter der Herrschaft der bewaffneten Gruppen lebten und Präsident Assad nach Herzenslust kritisieren durften und darüber jubelten, auch ihre „Rebellen“-Anführer kritisieren? Natürlich nicht, war die Antwort. Derartiges wurde hart bestraft, ja sogar mit Hinrichtungen.

Tickende Zeitbomben

Trotz seiner wilden, halb-manischen Manierismen erschien mir Adnan als pragmatisch und nicht fanatisch. Ich hielt ihm absichtlich meine Hand hin, weil ich sehen wollte, ob er sie schütteln, also eine Frau berühren würde, und er tat es, ohne zu zögern. Vielleicht will er wirklich einfach nur weiterkommen – vielleicht ist er aber ein Tiger, bereit zum Sprung, oder eine tickende Zeitbombe; ich kann es nicht beurteilen.

Zum Schluss fragte ich ihn, welchen Rat er den „Rebellen“, die Idlib in ihrer Gewalt haben, geben würde. Seine Antwort, so ich sie denn richtig verstanden habe, war: „Der Zug fährt weiter, aber die Hunde bleiben zurück“. Ich glaube, er meinte damit, ihre Niederlage sei unausweichlich, aber viele würden aus Verachtung und Dummheit hartnäckig weiterkämpfen.

Ich bin mir sicher, dass Adnan gerade genau beobachtet wird. Er kann nun jedoch frei über seine Zukunft entscheiden – im Gegensatz zu den unschuldigen Syrern, die er getötet hat. Das Aussöhnungsprogramm ist höchst umstritten. Viele Syrer werden all jenen, die ihre Waffen gegen ihr Land und ihre Nachbarn erhoben haben, niemals verzeihen oder jemals wieder trauen. Andere sehen es als erfolgreiche Strategie für ein Ende der Gewalt in vielen Gebieten an. Die Zeit wird es zeigen. Dies ist etwas, das die Syrer unter sich diskutieren und entscheiden sollten. Der Schmerz und das Leiden sind allein die ihren – wie auch ihre Zukunft.


Redaktionelle Anmerkung: Dieser Text erschien zuerst unter dem Titel „Syria: Interview with a former Sniper with Ahrar al Sham „Rebel“ Terrorist Group". Er wurde vom ehrenamtlichen Rubikon-Übersetzungsteam übersetzt und vom ehrenamtlichen Rubikon-Korrektoratsteam lektoriert.

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