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Die Querfront-Hysterie

Die Querfront-Hysterie

Rechtsextreme vereint mit Verschwörungstheoretikern bedrohen die Demokratie, Ken Jebsen ist ihr Wortführer und immer mehr Linke schließen sich ihnen an – so heißt es aktuell in vielen Medien. Eine Gegenrede.

Die Kritik ist so intensiv und teilweise schrill, dass sie sich kaum mit Fakten allein erklären lässt. Hier geht es um mehr, um Gefühle, Affekte und Weltbilder. Ken Jebsen, so scheint es, ist der provozierende Gegenpol zu den Ansichten einiger Linker. Er und die Gäste, die er in seine Interviewsendungen einlädt (ich gehörte auch schon dazu), sagen Dinge, mit denen mancher nicht behelligt werden möchte. 9/11 war anders, als es in der Zeitung stand? Israel gleicht einem Apartheidsstaat? Die EU-Integration ist ein Elitenprojekt und unterhöhlt die Demokratie? Machteliten bedienen sich eines Geldsystems zur Steuerung der Gesellschaft? Alles Quatsch, Unsinn, Verschwörungstheorien! Schluss damit! Klare Kante gegen Querfront!

Was Jebsens Ankläger dabei vor allem auf die Palme bringt, jenseits aller Zuspitzungen und teilweise auch Widersprüche in dessen Aussagen, über die man sicher in Ruhe diskutieren könnte, ist seine Schärfe und Unbarmherzigkeit im Offenlegen ihrer eigenen Schwächen. Jebsen zeigt: Teile der Linken sind aus der Opposition längst in den Mainstream gewechselt. Wo Linkssein ursprünglich bedeutete, Herrschaftskritik zu üben, gilt genau diese grundlegende Kritik an den Mächtigen heute als „unseriös“. Der Journalist Uwe Kalbe schrieb dazu vor Kurzem:

„Aluhüte und Antisemiten, Putinversteher und Amerikahasser – in der Summe der Vorwürfe fügt sich das Weltbild ihrer Gegner. Nicht mehr die Herrschaftsstrukturen des Kapitalismus stehen im Fokus, die zu Ungleichheit und Ungerechtigkeit, zu Egoismus als genetischem Grundcode der Gesellschaft und zu Krieg als seinem zerstörerischsten Ausdruck führen. Verschwörungstheoretiker werden zum Gegner einer vermeintlich aufgeklärten Linken erklärt, und gemeint ist jede Kritik an den realen Machtstrukturen, die aus erkennbaren Widersprüchen einen vermeintlich zu weit gehenden Verdacht ableitet. Der Verdacht wird selbst für verdächtig erklärt, wenn er nur Indizien statt Beweise liefert. Doch wieso bringen Linke eine solche Energieleistung auf, allein, um den Verdacht als ungeheuerlich zu bekämpfen, der Kapitalismus könnte ungeheuerliche Verbrechen hervorbringen? Obwohl das eine Binsenweisheit ist! Ist die Verteidigung der Macht vor womöglich absurden Fantasien nicht eine allzu bescheidene Denkempfehlung für Linke? In der Konsequenz ist es die Kritik selbst, die verhindert wird. Jener Generalverdacht gegenüber dem Kapitalismus galt früher als Ausweis der Linken. Jetzt ist er ein Ausschlussgrund, zumindest einer, der einen ins Abseits geraten lässt.“

Das trifft den Punkt. Details sollen zwar gern kritisiert werden, einzelne Gesetze, Parteien oder Politiker, nicht aber die ganz großen Fragen, heiße Eisen wie 9/11, Israel, Eliten oder Geldsystem. Deutlich wird bei der Betrachtung der breiten Anti-Jebsen-Front im linken Lager: Man hat sich mit dem System in Teilen arrangiert, trotz gegenläufiger Aussagen. Der „modernen Linken“ ist bei entscheidenden Themen ihr Giftzahn gezogen worden, sie stellt dort keine Bedrohung mehr für die Mächtigen dar, da sie grundsätzliche Konflikte gar nicht mehr diskutiert oder „ungefährliche“ Positionen dazu einnimmt. Die bequeme Haltung zu 9/11 („Verschwörungstheorie“) steht exemplarisch für eine Denkfaulheit und Anpassung an herrschende Deutungen, die mit linken Idealen schlecht vereinbar ist. Darauf weist Jebsen hin. Und genau dafür wird er von vielen gehasst. Ähnlich erklärt sich die extreme und höchst emotionale Abneigung der SPD gegenüber Oskar Lafontaine. Auch hier hält einer den Genossen den Spiegel vor – und wird dafür mit Ausgrenzung und Verachtung bestraft.

Der Mainstream und seine Sprachregelungen

Wundern sollte das nicht. Wer einmal Teil des Mainstreams, der „Mitte“, geworden ist, der sieht sich fortan von bedrohlichen Feinden umringt und verteidigt sein „Lager“. Die Schwerkraft der Masse, zu der man nun gehört, bindet die Meinungen, zähflüssige Konsenssprache verklebt das Denken. Im Mainstream orientiert man sich an Sprachregelungen und Parteilinien, die andere, Höherstehende erdacht haben. Das entlastet, mindert aber die eigene Urteilskraft. Sicher fühlt man sich dann bloß noch in der Gruppe, bei den Sichtweisen, die „alle anderen“ auch vertreten. Im Mainstream regiert der Konformismus und feiert sich als Stimme der Vernunft – auch im linken Teil des Mainstreams.

Die populäre These einer Querfront ist im Grunde selbst eine Verschwörungstheorie: „Die anderen haben sich alle miteinander abgesprochen und wollen gemeinsam die Demokratie stürzen. Compact-Magazin, KenFM, Montagsmahnwachen, 9/11-Skeptiker, Kopp-Verlag – alles das Gleiche, rechte Spinner und Verschwörungstheoretiker. Wehret den Anfängen, denkt an die Nazizeit!“ Oder so ähnlich. Im Kern beruht die Querfront-These dabei auf mehreren Grundannahmen:

  • Verschwörungstheorien sind grundsätzlich Unsinn.
  • Wer Verschwörungstheorien vertritt, der ist unseriös.
  • Wer Ansichten äußert, die Rechte äußern, ist selbst auch rechts.
  • Die Nazis kamen mit Hilfe einer Querfront an die Macht.

Wenn Journalisten von „Querfront“ schreiben, dann stimmen sie oft, ob nun bewusst oder unbewusst, diesen Prämissen zu. Die Annahmen gelten sozusagen als bekanntes, sicheres Wissen, was nicht weiter hinterfragt zu werden braucht. Genau das erweist sich bei näherer Betrachtung allerdings als Fehlschluss.

Verschwörungstheorien sind nicht in jedem Fall Unsinn. Es gibt bewiesene Verschwörungen, die entsprechenden Theorien heißen dann „Fakten“, widerlegte Verschwörungstheorien sowie Ereignisse, die bislang ungeklärt sind und bei denen mehrere Deutungen miteinander konkurrieren. Wer pauschal behauptet, dass alle Verschwörungstheorien paranoider Unfug seien, der bewegt sich auf einem voraufklärerischen Niveau nach dem Motto „die Kirche/die Partei/die Autoritäten haben immer recht“. Für Linke ist eine solche Denkweise (oder besser gesagt: Denkverweigerung) einigermaßen peinlich, tatsächlich aber weit verbreitet.

Ob jemand, der Verschwörungstheorien vertritt, unseriös ist oder nicht, hängt konkret von den jeweils vertretenen Theorien ab. Diese gilt es zu diskutieren. Wer aber zum Beispiel über 9/11 gar nicht erst reden will, der sollte über Herrschaftskritik dann besser auch schweigen.

Die historische Querfront in der Nazizeit

Die Annahme, dass die Nazis in den 1930er Jahren mit Hilfe einer Querfront an die Macht gekommen seien, ist ähnlich substanzlos. Die Pläne für eine Querfront-Koalition, 1932 vorangetrieben von General Kurt von Schleicher, dem letzten Reichskanzler der Weimarer Republik, scheiterten bereits im selben Jahr, noch vor der Machtübernahme durch die Nazis. Schleicher umwarb damals sowohl die Gewerkschaften wie auch Gregor Strasser, einen kapitalismuskritisch gesinnten Parteiführer der NSDAP. Schleicher handelte im Sinne des Establishments, man wollte die Nazis spalten, um sie besser einbinden zu können. Doch Strasser konnte sich innerhalb der NSDAP, besonders gegen Hitler, nicht durchsetzen und auch die Gewerkschaften schreckten zurück – die Idee platzte. Strasser schwenkte anschließend auf den industriefreundlichen Hitlerkurs ein und meinte nun, „dass der Kapitalismus von den Nationalsozialisten nichts zu fürchten“ habe (1).

Die eigentliche und auch sehr erfolgreiche Querfront war die zwischen Nazis und Großindustrie. Im Februar 1933 versicherte Hitler bei einem diskreten Treffen mit den mächtigsten Industriellen des Landes, er bekenne sich zum Privateigentum und wolle der kommunistischen Gefahr trotzen. Die Konzernlenker vereinbarten daraufhin eine gemeinsame Spende in Millionenhöhe für den Wahlkampf der NSDAP zur bevorstehenden Reichstagswahl. Die Nazis gewannen diese Wahl mit einem Rekordergebnis und die Geschichte nahm ihren Lauf. Dem britischen Historiker Adam Tooze zufolge war für die Unterstützung der Industriellen entscheidend, was ihnen Hitler versprochen und dann auch durchgesetzt hatte: das Ende der parlamentarischen Demokratie und die Vernichtung der deutschen Linken. Soviel zur realen Querfront in der deutschen Geschichte.

Aber, so könnte man fragen, stimmt es nicht dennoch, dass die Grenzen zwischen linken und rechten Haltungen heute zunehmend verschwimmen, wo doch Linke wie Rechte so heftig das System kritisieren? Entsteht da am Ende nicht doch eine gemeinsame Front? Müssten sich Linke nicht von einer Systemkritik deutlich distanzieren, wenn auch Rechte sie lautstark äußern?
Emotional mag da mancher zustimmen wollen. Doch so einfach ist es eben nicht. Der Ansatz, eine Kritik an den Verhältnissen abzulehnen, weil auch der politische Gegner sie äußert, führt in die Irre. Eine gemeinsame Gesinnung entsteht – anders als viele meinen – nicht schon dadurch, dass man mit anderen die Diagnose eines politischen Problems teilt, etwa: „die Demokratie funktioniert derzeit nicht so, wie behauptet wird“. Anhänger ganz unterschiedlicher politischer Lager können ein Problem oder einen Sachverhalt („der Kaiser ist nackt“) in gleicher Weise erkennen, ohne dadurch zu Verbündeten zu werden. Eine Diagnose ist kein Lösungsvorschlag. Erst wer auch dort, bei der geforderten Lösung, übereinstimmt, gerät in die Nähe des anderen politisches Lagers.

KenFM ist nicht Compact

KenFM und das Compact-Magazin zum Beispiel stimmen bei den diskutierten Lösungen ganz und gar nicht überein, im Gegenteil. Während Ken Jebsen kapitalismuskritisch, herrschaftskritisch und gerade nicht autoritär argumentiert und sein Publikum immer wieder dazu aufruft, selbst zu denken und sich keinen Parteien und Hierarchien unterzuordnen, empfiehlt Compact-Herausgeber Jürgen Elsässer seinen Lesern eine Koalition aus AfD und FDP als „Regierung aus dem Volk, durch das Volk und für das Volk“.

Größer könnten die Unterschiede kaum sein – was der Mainstream, gerade auch der linke Mainstream, mit TAZ, Junger Welt, Neuem Deutschland und Frankfurter Rundschau, aber konsequent ignoriert. Zu schön ist offenbar das große Feindbild, zu bequem die Möglichkeit, Journalisten wie Jebsen als Rechte auszugrenzen, die eigenen Tabuthemen – Geldsystem, Staatsterror, Machteliten – kurzerhand zu „rechten“ Anliegen zu erklären.

Herrschaftskritik aber, also das grundsätzliche Hinterfragen der Autoritäten, bleibt links, egal was die Political Correctness der etablierten Linken dazu meint. Und wer eine Ansicht mit der Begründung ablehnt, es handle sich bloß um eine absurde Verschwörungstheorie, der sollte auch willens und informiert genug sein, im Detail zu argumentieren. Etiketten kleben reicht nicht aus. Und Hysterie („überall Nazis“) hilft nicht weiter. Sie ist das Gegenteil von Aufklärung.


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Anmerkungen und Quellen:

(1) Siehe: Reinhard Neebe, „Großindustrie, Staat und NSDAP 1930-1933“, Vandenhoeck & Ruprecht 1981, S. 164

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