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Die Panik-Pandemie

Die Panik-Pandemie

Die Massenhysterie rund um Corona entbehrt jeder Grundlage — vor allem Angst und Aktionismus gehen viral.

von Peter G. Gøtzsche

Ich werde versuchen zusammenzufassen, was wir über die Coronavirus-Pandemie wissen. Viel habe ich dazugelernt: aus E-Maildiskussionsforen, aus den Veröffentlichungen meines guten Freundes Professor John Ioannidis aus Stanford sowie von dem Silicon-Valley-Technologen Aaron Ginn, bei einer Telko mit Greg Glassman — einem anderen guten Freund und Gründer von CrossFit — sowie neun weiteren Teilnehmern und aus Diskussionen mit meiner besten Freundin — meine Frau Helle Krogh Johansen, Professorin für Klinische Mikrobiologie. CrossFit bat mich, über die Massenpanik zu schreiben. „Corona: an epidemic of mass panic“ (Corona: Eine Epidemie der Massenpanik) habe ich am 21. März 2020 in meinen Blog hochgeladen.

Unsichere Zahlenlage

Bereits am 8. März 2020 veröffentlichte ich den Artikel „Covid-19: Are we the victims of mass panic?“ (Covid-19: Sind wir Opfer einer Massenpanik?) auf der Webseite von The BMJ (Anm. d. Übers.: British Medical Journal, eine wissenschaftliche medizinische Fachzeitschrift). Ich schrieb, dass die Todesfallraten höchst ungewiss sind, da viele milde Infektion unbemerkt bleiben; und wenn ein älterer, gebrechlicher Patient mit einer ernsthaften Herzerkrankung wegen einer Infektion über die Schwelle geht — war dies dann ein durch das Virus oder ein durch das Herz verursachter Tod? Wir wissen, dass die meisten Toten alte Menschen mit schwerwiegenden Komorbiditäten sind — wie es auch bei der Influenza oder anderen Atemwegsviren der Fall ist.

Ich stellte die Frage:

„Und wenn die Chinesen nun ihre Patienten nicht auf das Coronavirus getestet hätten oder es gar keine Tests gegeben hätte? Hätten wir einfach unser Leben weitergelebt, ohne Einschränkungen und ohne dass uns ein paar Tode von alten Menschen hier und dort beunruhigt hätten, die wir jeden Winter erleben?“

Corona und die Grippe

Wir sollten Vergleiche mit der Grippe anstellen, haben jedoch keine zuverlässigen Schätzungen von Grippe-Todesfällen. Wenn wir uns die Mühe machen, sie einzeln zu zählen, stellen wir fest, dass die offiziellen Zahlen stark übertrieben sind. Ich habe dies anhand eines kanadischen Beispiels in meinem Buch „Vaccines: truth, lies and controversy“ (Impfungen: Wahrheit, Lügen und Kontroverse) verdeutlicht:

„Als 2009 die sogenannte Grippe-Pandemie zuschlug und die WHO die ganze Welt damit in Angst und Schrecken darüber versetzte, wie schlimm das alles sei, ergab sich die seltene Möglichkeit, die tatsächliche Zahl der Grippe-Todesopfer zu ermitteln. Zum ersten Mal erfolgten flächendeckende Labortests, gab es ein nationales Meldesystem und aller Augen waren auf potenzielle Grippe-Todesfälle gerichtet. Die abschließende Zählung — 428 Tote — lag viel näher am saisonalen Durchschnitt von etwa 300 in den Bevölkerungsstatistiken, als an den bis zu 8.000, die Schätzungen von Computermodellen ergeben hatten. Anstatt uns in Angst zu versetzen, könnten uns die Gesundheitsbehörden versichern, dass wir uns keine Sorgen zu machen brauchen. Sogar die extrem übertriebene Schätzung von 8.000 könnte genau anders herum interpretiert werden — bedeutet sie doch, dass 99,98 Prozent der Kanadier im Laufe eines Jahres eben nicht an der Grippe sterben.“

Laut Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO könnte die saisonale Grippe allein aufgrund respiratorischer Ursachen zu 290.000 bis 650.000 Todesfällen jährlich führen. Wir wissen nicht, wie zuverlässig diese Schätzung oder die Schätzungen zu Coronavirus-Todesfällen sind. Heute jedoch liegen diese — vier Monate nach Beginn der Pandemie — bei etwa 17.000 Todesfällen (1).

Warum also die extreme Panik und die jeder Grundlage entbehrenden drakonischen Maßnahmen in vielen Ländern, die das Leben der Bevölkerung so stark einschränken?

Corona ansteckender als Grippe?

Man erzählt mir, der Grund dafür sei, dass das Coronavirus um ein Vielfaches ansteckender sei als das Grippevirus — doch jedes Mal, wenn ich um Beweise hierfür bitte, ist die Antwort Schweigen. Die Übertragungsrate scheint jener der saisonalen Grippe sehr ähnlich zu sein. Grundlage hierfür sind die Informationen von Ioannidis über ein Kreuzfahrtschiff, auf dem das Ansteckungsrisiko sehr hoch war, weil sich die Menschen in Bars, an Buffets und beim Tanzen „auf die Pelle rückten“, sowie die Informationen in Ginns Beitrag. Zudem schreibt Ginn, dass bei den Tausenden von Flügen seit November 2019 nur eine Handvoll von Flughafen- und Flugpersonal positiv getestet wurden.

Ist das Coronavirus viel tödlicher als das Grippevirus? Es sieht nicht so aus. Die von der WHO geschätzte Todesfallrate von 3,4 Prozent ist viel zu hoch angesetzt. Südkorea kommt gut mit dem Virus zurecht und ist führend bei der Anzahl der Tests pro Kopf. Die offizielle Sterberate liegt bei nur 0,9 Prozent. Die wirkliche Rate ist wahrscheinlich jedoch noch niedriger anzusetzen, weil viele Menschen mit leichten Symptomen gar nicht erst getestet werden.

Andere Länder, andere Vorgehensweisen

Italien ist ein Sonderfall. Von den bisher 16.558 Todesfällen weltweit entfallen 6.077 auf Italien, mit einer Todesfallrate von 9,5 Prozent. Ich fand es sehr vernünftig, dass Menschen in Südkorea dazu aufgefordert wurden, im Krankheitsfall zu Hause zu bleiben und nur im Fall einer schweren Erkrankung in ein nicht überfülltes Krankenhaus gebracht zu werden. Durch Professor Peter Aabys bahnbrechende Arbeit über die Masern wissen wir, dass bei einer hohen Infektionsdosis auch die Mortalität hoch ist, weil dann nicht genügend Zeit für die Entwicklung einer Immunreaktion zur Verfügung steht. Daher haben überfüllte Krankenhäuser höhere Sterblichkeitsraten. Die Panik bewirkt genau dies: Sie führt zu überfüllten Krankenhäusern.

Aus verschiedenen Gründen ist es schwierig, Länder untereinander zu vergleichen. Menschen in Norditalien, der Region mit den meisten Todesfällen weltweit, sind älter, rauchen mehr, haben viel engere soziale Kontakte, mehr Komorbidität als an den meisten anderen Orten. Wir wissen auch, dass es mehr als eine genetische Variante des Virus gibt und dass es als RNA-Virus recht schell mutiert.

Auch beim Grippevirus variieren die gemeldeten Todesfallraten. Bei einer systematischen Auswertung lag der Mittelwert für im Labor nachgewiesene Grippefälle während der leichten Grippepandemie im Jahr 2009 und den folgenden Jahren bei etwa einem Prozent — meinen Schätzungen in Diagramm 3 meiner Abhandlung zufolge.

Drakonische Maßnahmen sinnvoll?

Ist das eine evidenzbasierte Gesundheitsversorgung, wenn Schulen und Universitäten geschlossen, Flüge und Konferenzen abgesagt, Reisen unterbunden, Grenzen geschlossen und Menschen isoliert werden, wenn sie krank sind? Isolation und ein Abstand von zwei Metern sind sehr gute Ratschläge, weil das Virus sich in großen Tropfen verbreitet und keine Flügel besitzt, wie ein Kommentator anmerkte.

Es ist aber unwahrscheinlich, dass die drakonischen Maßnahmen wirken. Ginn schrieb, dass die tägliche Wachstumsrate in verschiedenen Ländern — selbst wenn sie unterschiedliche Maßnahmen anwenden — in ähnlicher Geschwindigkeit abnahm. In Südkorea und Taiwan können die Menschen ins Fitnessstudio und zum Essen ins Restaurant gehen, und Orte, die Schulen schlossen, wie zum Beispiel in Hongkong, schienen nicht mehr Erfolg bei der Verringerung der Ausbreitung zu haben als diejenigen, die das nicht taten, wie beispielsweise Singapur. Die Menschen in Singapur können noch immer ein normales Leben führen.

In meinem Land, Dänemark, haben die Politiker das Leben selbst zerstört und machen es immer schlimmer. Fast jeder, mit dem ich darüber spreche, schüttelt ungläubig den Kopf.

Sie betrachten die Coronavirus-Pandemie vor allem als Pandemie der Panik.

Versammlungen von mehr als 10 Menschen sind in Dänemark verboten — selbst im Freien. Wenn man gegen diese Vorschrift verstößt, kann die Strafe bis zu 1.500 Kronen, also 200 Euro, betragen. Das ist das Traumszenario eines jeden Herrschers mit diktatorischen Neigungen: Alle demokratischen Demonstrationen wurden für rechtswidrig erklärt.

Räumliche Distanzierung ad absurdum

Fußballspiele sind erlaubt, wenn in jedem Team höchstens fünf Spieler mitspielen — ohne Zuschauer. Turnhallen sind geschlossen; Tennisplätze sind geschlossen, obwohl sich nicht mehr als vier Spieler gleichzeitig auf dem Platz aufhalten können; Golfplätze sind geschlossen, obwohl man noch auf dem Platz spazieren gehen darf, wenn man nicht wie ein Golfspieler aussieht. Man kann nicht zum Friseur. Vielleicht wird unser Premierminister demnächst erklären, dass sich in dänischen Doppelbetten nur noch eine Person alleine aufhalten darf, weil wir Abstand voneinander halten müssen.

Im Wald dürfen wir noch joggen. Aber Menschen, denen wir begegnen, machen einen großen Bogen, um uns nicht zu nahe zu kommen. Kürzlich sahen wir ein älteres Ehepaar mit Gesichtsmasken — im Gegensatz zu Asien ein sehr seltener Anblick in Dänemark. Gesichtsmasken sollten nur dann getragen werden, wenn man selbst infiziert ist, aber das scheinen die Leute nicht zu wissen. Viele Menschen, die wir treffen, blicken ernst — als würden sie überlegen, wie sie ihr Testament verfassen sollen, bevor es zu spät ist. In den TV-Nachrichten hört man nichts als Corona, Corona, Corona. Der jüngste Tag ist nah.

Unsere Grenzen zu Deutschland und Schweden haben wir geschlossen — obwohl wir mehr Coronavirus-Infizierte haben als sie. Warum schließen wir nicht auch die Insel Fünen inmitten der Dänischen Ostsee — das wäre ein Leichtes, befindet sich doch auf jeder Seite eine Brücke, die vom Militär gesperrt werden kann. Wo hört das auf? Die Logik war das erste Opfer.

Das Messen mit zweierlei Maß

In vielen Ländern ist das Toilettenpapier ausverkauft, als hätten wir eine Cholera-Epidemie. Ich verstehe das nicht. Ich verstehe auch nicht, warum Corona das einzig Wichtige ist, wenn Millionen an Malaria, Tuberkulose und verschreibungspflichtigen Medikamenten sterben, die sie gar nicht brauchten. Wo ist die Perspektive? Erwartet uns das ewige Leben, wenn wir es nur schaffen, nicht am Coronavirus zu sterben?

Die Hysterie hat auch so manch positiven Effekt. Dass Menschen nun lernen, sich die Hände zu waschen und anderen nicht ins Gesicht zu husten, wird zweifellos Todesfälle vermeiden — auch durch Influenza und andere Viren.

Verheerende Folgen

Für unsere Volkswirtschaften und uns selbst sind die Schäden immens groß. Die Lebensqualität für Milliarden von Menschen hat sich verringert und die Sterblichkeitsrate durch andere Ursachen steigt. Unternehmen gehen scharenweise bankrott, was die Zahl der Selbstmorde erhöht. Arbeitslosigkeit erhöht die Zahl der Selbstmorde und Antidepressiva erhöhen die Zahl der Selbstmorde. Manche Menschen, darunter sogar Kinder, bekommen Antidepressiva, weil sie Angst vor Corona haben — und wir wissen, dass diese Medikamente die Zahl der Selbstmorde nicht nur unter Kindern, sondern auch unter Erwachsenen verdoppelt.

Dumme Ärzte können ähnlich gefährlich sein wie dumme Politiker.

Während der Grippe-Pandemie von 2009 wurden keine solch drakonischen Maßnahmen ergriffen. Man bedenke auch, dass es immer irgendwo Winter ist und wir nicht dauerhaft die ganze Welt abschalten können. Warum also jetzt? Na ja, offensichtlich wird niemand je wegen zu drakonischer Maßnahmen in Schwierigkeiten geraten. Wahrscheinlich klingt die Epidemie bald ab, und dann wird es jede Menge Menschen geben, die die Lorbeeren dafür einheimsen wollen.

Corona und die Demokratie

Die Demokratie hat gelitten, weil wir nicht demonstrieren können, und auch die Freiheit leidet. Die hässliche Fratze der Zensur ist bereits unter uns. Medium hat Ginns interessanten Artikel gelöscht. Das Wall Street Journal schrieb, dass nun auf deren Webseite steht:

„Dieser Beitrag wird gerade geprüft oder verletzt die Regeln von Medium.“

Twitter hat währenddessen umfassende Einschränkungen bei Beiträgen zum Coronavirus angekündigt. Das Unternehmen sagt, es werde „Inhalte, die den Richtlinien maßgeblicher Quellen globaler und lokaler Informationen des Gesundheitswesens direkt widersprechen“, einschränken. Wenn man auf Twitter auf den Link zu dem Medium-Beitrag klickt, ist eine Warnung zu sehen — der Inhalt sei „möglicherweise schädlich“.

Wenn ein ehrlicher und informativer Artikel über eines der größten Gesundheitsprobleme zensiert wird, weil sein Inhalt „gegen die Richtlinien maßgeblicher Quellen“ verstößt, haben wir nicht nur einen Virus aus China importiert, sondern auch Zensur à la China. Wollen wir das? Abgesehen davon kann ich nicht nachvollziehen, dass Ginns Ratschläge oder vorsichtige Schlussfolgerungen gegen diese Richtlinien verstoßen. Ich kann nicht einmal nachvollziehen, dass er überhaupt irgendetwas empfiehlt.


Professor Peter C. Gøtzsche hat einen Master in Biologie, Chemie und Medizin. Er ist Internist und war 1993 Mitbegründer der Cochrane Collaboration. Im Jahr 2010 ernannte ihn die Universität Kopenhagen zum Professor für Forschungsdesign und Forschungsanalyse. 2019 gründete er das Institute for Scientific Freedom, ein informelles Netzwerk von Gleichgesinnten. Er publiziert in den „Big Five“ der medizinischen Fachzeitschriften und ist Buchautor.


Redaktionelle Anmerkung: Dieser Text erschien unter dem Titel „The Coronavirus mass panic is not justified“ zuerst auf deadlymedicines.dk. Er wurde von Gabriele Herb aus dem ehrenamtlichen Rubikon-Übersetzungsteam übersetzt und vom ehrenamtlichen Rubikon-Korrektoratsteam lektoriert.


Quellen und Anmerkungen:

(1) Die Zahlen entsprechen heute nicht mehr dem aktuellen Stand.

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