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Die neue Widerstandskultur

Die neue Widerstandskultur

Die musikalischen Helden unserer Jugend haben sich überwiegend mit dem System arrangiert — jetzt schicken sich Jüngere an, das Protestlied neu zu beleben.

„Wir müssen ganz klar sagen: Die Musikbranche oder überhaupt die Kulturbranche hat in dieser Zeit komplett versagt.“ Alex Olivari hat die Nase voll. Der Songwriter und professionelle Musiker war lange in der Begleitband von Matthias Reim unterwegs gewesen. Bis ihn dessen Management gnadenlos und sehr plötzlich schasste. Der Grund: Olivari hatte ein paar kritische Lieder zum Corona-Thema aufgenommen, allen voran „Deutschland, zeig dein Gesicht“.

Der Künstler hat „wenig Hoffnung“, dass die gesettelten Altstars der Szene noch irgendetwas bewegen werden. So lässt er in einem Interviewvideo durchblicken: „Dann hätten sie’s schon längst machen müssen. Nach einem Jahr ist der Zug abgefahren. (…) Da ist eine große Enttäuschung in der Musik hörenden Bevölkerung da.“ Und worin liegt es? „Die Künstler, von denen man das jetzt erwarten könnte, haben an dem Zwangsjackett der Political Correctness jahrzehntelang gestrickt. Ich glaube, dass die selber ihren Teil dazu beigetragen haben, dass der Meinungskorridor so eng ist.“

Das Schweigen der meisten Künstler und Intellektuellen zu Corona bleibt ein Phänomen. Die Zeit hat diese klaffende Wunde der derzeitigen Kulturszene nur sehr bedingt heilen können. Die Reaktionen des Mainstreams auf die Schauspieler-Aktion #Allesdichtmachen hat das Feuer des Widerstands ausgetreten, bevor es sich zum Flächenbrand ausweiten konnte. Ab und zu wagt sich — wie Til Schweiger — jemand aus der Deckung, bekommt aufs Maul und verschwindet dann wieder in der Versenkung. Immer wieder stoße ich zwar bei meinen Recherchen auf gute Widerstandsvideos fachlicher wie auch musikalischer Art, aber sie bleiben eher im kleinen Rahmen, bleiben Nische.

Verkürzter „Antifaschismus“ ersetzt die Freiheitsliebe

Die „Großen“ halten sich noch immer an der gedanklichen Hilfskonstruktion fest, ihr Einknicken vor dem globalen Gesundheitstotalitarismus sei Antifaschismus. Vielleicht, weil sie vom Fernsehsessel aus beobachtet haben wollen oder in der Zeitung gelesen haben, dass sich unter den Grundrechtsdemonstranten Reichskriegsflaggenträger befanden. Nichtteilnehmer belehren die Teilnehmer solcher Demos nur allzu gern darüber, wie es dort zugeht. Auch große, zuvor sehr weit ausgreifende Geister nehmen Zuflucht zum Unterkomplexen, beten selbst die durchschaubarsten Phrasen der etablierten Politik nach: „Ich schütze mich und andere“ und „Ich demonstriere nicht mit Nazis“.

Nicht ihr Antifaschismus, also der Kampf gegen wirkliche Rechtsextreme, ist den Akteuren ja vorzuwerfen, sondern der Mangel an Antifaschismus, wenn es um die schon weit fortgeschrittenen Anfänge eines totalitären Staatsautoritarismus geht. Nach der Logik etablierter, links-grün sozialisierter Künstler ist jemand offenbar umso antifaschistischer, je duldsamer er sich gegenüber diesem Autoritarismus verhält. Dieser Antifaschismus arbeitet sich an den „Kleinen“ ab und lässt die „Großen“ laufen.

Grundsätzlich sind diese beiden Entscheidungen natürlich nachvollziehbar: Man hält sich vorsichtshalber an Hygieneregeln, und man bleibt Demonstrationen fern, wenn eine gewisse Wahrscheinlichkeit besteht, dass sich unter dem Publikum „Rechte“ befinden. Was immer jemand unter rechts versteht — der Hass auf die, die damit gemeint sind, scheint allenthalben größer zu sein als die Liebe zur Freiheit. Natürlich: Niemand muss Demonstrationen besuchen, wie sie zum Beispiel von den viel gescholtenen Querdenkern organisiert werden. Was aber, liebe Künstler, Intellektuelle und Prominente, tut ihr dann, um zumindest die schlimmsten Auswirkungen der Maßnahmenpolitik zu verhindern? Eine eigene „linke“ Demonstration organisieren? Auf euren Webseiten aufbegehren? Oder gestreamte Protestlieder verfassen?

PR-Taktik statt Rückgrat

Nichts dergleichen. Nicht einmal zur demütigenden, grundrechtswidrigen Ausgangssperre, zur Automatisierung der Freiheitsberaubung mittels des neuen Seuchenschutzgesetzes, zur Maskenpflicht für Kinder, zur Verfolgung unbequemer Richter und zur ausufernden Medienzensur sagen eingebettete Rebellen einen Pieps. Und das, obwohl ihnen doch selbst die andauernden Einschränkungen und Belehrungen im öffentlichen Raum mittlerweile zum Hals raushängen müssten.

Und obwohl jetzt offenkundig ist, dass eine reale Gefahr besteht, dass sich diktatorische Tendenzen in Deutschland verstetigen. Nicht einmal, um für ihre Kinder eine bessere, eine zumindest erträgliche Zukunft zu schaffen, stehen Etablierte auf. Der Weg in die derzeit bestehende Corona-Opposition scheint aufgrund medial gelenkter Feindbildpflege versperrt. Dies führt aber nicht zur Kreation einer besseren, einer nicht rechtsoffenen Opposition, sondern zu einer dauerhaften Willenslähmung.

Nicht nur die großen Namen etablierter Deutschrockstars und Chansonniers sucht man in den Reihen der Maßnahmenkritiker vergeblich — auch viele Kleine schweigen. Beide Gruppen unterscheiden sich allenfalls in der Begründung, die sie für ihre Untätigkeit wählen. Prominente Künstler stehen in besonderem Maß im Rampenlicht. Der Mainstream würde an ihnen ein Exempel statuieren, wagten sie es, aus der Phalanx der Nichtrebellion auszuscheren.

Sie fürchten wahrscheinlich, durch übermäßiges Eintreten für Freiheit und Grundrechte ihrem Lebenswerk irreparablen Schaden zuzufügen. Und näher als der Rock solcher Ideale ist ihnen allenfalls das Hemd ihrer eigenen Karriereabsichten. Weitgehend unbekannte Akteure dagegen müssen nicht befürchten, in den großen Medien als Schwurbler und Corona-Leugner an den Pranger gestellt zu werden, jedoch sind sie finanziell in einer labileren Gesamtsituation. Die Missbilligung eines Teils ihrer Fans könnte für sie das Karriereaus bedeuten.

Eine Ära des Kulturopportunismus

Bei diesen strategischen Überlegungen scheint eines am wenigsten zu zählen: ihre wirkliche Überzeugung und ihre wahren Gefühle in der Coronafrage. Bei den großen politischen Künstlern der Geschichte hatte man nicht so stark das Gefühl, dass sie in Gedanken kalkulierten, welcher Prozentsatz ihrer Fans welche politische Meinung teilte. Aus ihrem Verhalten sprach nicht so stark die Sorge, die Leitartikler großer Tageszeitungen könnten schimpfen, wenn sie ein nicht mit der Redaktionslinie übereinstimmendes Couplet sängen. Künstlerinnen und Künstler mit Rückgrat machen einfach — egal, wie die Resonanz hinterher ausfällt. Gerade dafür bewundern wir sie.

Vom Vorwurf des Kulturopportunismus würden sich eingebettete Kulturschaffende aber selbst vermutlich mit dem Argument freisprechen, sie seien zufällig von ganz allein zu ähnlichen Ergebnissen gekommen wie die Maßnahmen-Befürworter. COVID-19 sei gefährlich, Vorsicht könne schließlich nichts schaden und so weiter. Die Psychodynamik der Angepassten — selbst wenn diese ihnen selbst bewusst wäre — kann kaum beweiskräftig offengelegt werden. Sie bleibt in einer Grauzone.

Der Musiker Alex Olivari deutete in seinem Interview an, dass es für die jetzigen Mitmacher auch einmal zu spät sein könnte, um aufzubegehren. Das ist wahr. Dennoch sollten die Türen für Rückkehrer grundsätzlich offengehalten werden. Wir können die neue, menschlichere Gesellschaft nicht allein mit Helden bauen. Dazu sind es zu wenige. Aber ohne ein Mindestmaß an Einsicht wird es nicht gehen.

Helden unserer Jugend

Olivari nahm in seinem Song „Die Helden unserer Jugend“ speziell Exponenten der 68er-Generation aufs Korn, die man von der Richtung her „links-grün“ einordnen würde und die in der Vergangenheit durch eine rebellische Attitüde auffielen.

„Habt ihr die Seiten gewechselt, oder wart ihr schon immer da?“, fragt Olivari hintersinnig. Dies suggeriert, dass sich hinter Linkssein, Nonkonformismus und Freiheitspathos auch imageprägende Weltanschauungsmodule innerhalb eines gesellschaftlich akzeptierten Spektrums verbergen könnten.

Die Künstler bedienen damit ein spezifisches Marktsegment; ihre Zielgruppe unterscheidet sich von wertkonservativen Zuhörern, wie sie etwa von Heino und anderen Volksmusikern bedient werden. Beide Gruppen etablierter Künstler haben jedoch gemeinsam, dass sie nie aus jener unsichtbaren ideologischen Umhegung ausbrechen würden, die für sie über viele Jahre Sicherheit, Brot und öffentliche Anerkennung bedeutet hat. Konkret: Als öffentlicher Künstler darf man zwar sagen, dass Politiker sich im Zuge der „Maskenaffäre“ persönlich bereichert haben, nicht aber, dass die Maskenpflicht als solche verfehlt wäre. Vor allem wagen sie eines nie: sich die Gunst der großen Medien zu verscherzen, bei denen sie für ihre jeweils neuen Produkte Werbung machen können.

Erlöschende Fackeln

Etabliert-rebellische Künstler waren für viele Vorbilder. Sie gleichen Fackeln, die vor dem Erlöschen andere entzündet haben, um diesen dann ihre Helligkeit zum Vorwurf zu machen. Gerade Künstler des Typs „linker 68er“ haben ihre Fans mit Freiheitsrhetorik, mit der Aufforderung zu Widerstand, Lebensdurst und bedingungsloser Selbstidentität, mit der Mahnung, autoritären und faschistoiden Entwicklungen frühzeitig entschlossen entgegenzutreten, heißgemacht. Sie haben Menschen, die in weniger glutvollen Jahrzehnten groß wurden als sie selbst, mit wohltönenden Anfeuerungsrufen an die Front aktueller politischer Auseinandersetzungen geschickt.

Mitten im Kampfgetümmel bemerkten die Jüngeren dann, dass sie dort allein kämpften, weil sich die Älteren längst vornehm hinter die Linien zurückgezogen hatten. Schlimmer noch: dass sie von diesen von hinten mit Steinen beworfen wurden. Die „Schüler“ sind den „Vorbildern“ peinlich geworden — vielleicht, weil sie das, was deren Texte aussagten, nur allzu gut verstanden haben.

Wir werden aber der gegenwärtigen Musikszene nicht gerecht, wenn wir fortdauernd nur auf die großen Namen starren und deren Angepasstheit beklagen. Sogar unter den Bedingungen eines dauerhaften Auftrittsverbots sprießen außerhalb des Aufmerksamkeitsspektrums der großen Masse die Corona-Lieder. Ihre Plattform ist meist das Internet-Musikvideo. Stilistisch untereinander sehr verschieden, formieren sie eine neue Subkultur, die sich vor allem durch Nachdenklichkeit und Furchtlosigkeit mit Blick auf mögliche Diffamierung auszeichnet.

In meinem Artikel „Protestnoten“ habe ich im Februar einige dieser Künstlerinnen und Künstler vorgestellt — etwa die Schauspielerin und Sängerin Nina Proll und den Gitarristen und Slam-Poeten Jens Fischer Rodrian. Im Folgenden setze ich diese kleine „Hitparade der Corona-Lieder“ fort — ohne dass mit der Platzierung der Lieder jedoch eine Wertung verbunden wäre.

Alex Olivari: Das Blatt wird sich wenden

Selbst Menschen, die mit der Coronapolitik der Regierung nicht einverstanden sind, können sich kaum noch vorstellen, dass das Regime besiegt werden kann. Deshalb sind visionäre Lieder in diesem Zusammenhang so wichtig. Sie erzeugen die Sehnsucht nach dem Meer — oder die Sehnsucht nach mehr —, motivieren und sind ein Mittel gegen den Trübsinn, der uns aus Schlagzeilen wie „Lauterbach warnt vor vierter Welle“ entgegenquillt. Alex Olivari ist derzeit der fleißigste Schöpfer kritischer Lieder zum Thema Corona. Musikalisch ist es eher Deutschpop — griffig, emotional und mit dem Zeug zum Klassiker, an den sich die Menschen nach der neuen Wende gern erinnern werden.

Guido de Gyrich: Wo seid ihr alle hin?

In der Szene etablierter, sonst durchaus rebellischer Rockstars und Liedermacher geht es derzeit stiller zu als hinter den Mauern eines Schweigeordens. Wenn überhaupt etwas ertönt, dann Kritik an den Kritikern der Coronamaßnahmen der Regierung. Eher noch wird ein Armin Laschet unversehens zum Corona-Rebellen als Niedecken, Grönemeyer & Co. Das ist traurig und befremdlich. Jetzt wurde den wortkargen Künstlern sogar ein Lied gewidmet — und das nennt Namen. Man muss dem Text jedoch sorgfältig folgen und über ein Grundwissen der Szene verfügen. Dann stellt man fest, dass Guido de Gyrich seine Protagonisten sehr klug an ihren eigenen Ansprüchen misst. Stichwort: „Sei wachsam!“ Ein schmissiger Rocksong ist es überdies.

Van Morrison: Where have all the rebels gone?

„Where have all the rebels gone, hiding behind computer screens?“ Tja, die Frage stellt sich in der Tat. Und bei Van Morrison, dem vielleicht aktivsten englischsprachigen Corona-Liedsänger, ist anzunehmen, dass er es genau so meint. Der Vorwurf richtet sich vor allem an seine Generation, die Alt-68er, wie man in Deutschland sagt. Und Morrison fragt sich: Wart ihr eigentlich jemals wirklich so tough, oder war alles nur PR? Musikalisch liefert er wieder süffigen Blues-Rock ab.

HK: Laissez-nous travailler

Kaddour Hadadi („Danser encore“) ist derjenige Corona-Protestsänger, der die beste Laune zu erzeugen weiß. Das liegt einerseits an der flotten Musik und den stets um ihn herumhüpfenden Menschen, andererseits auch an seiner Art, der Kritik eine positive Wendung zu geben. Hier singt er: „Glück ist ansteckend“. Er wolle die Sterne in den Augen seines Publikums wieder entzünden. Die Politik aber hat momentan alles verboten, was Freude macht, daher befinde er sich in Opposition zu „seinem“ Präsidenten. Ein dringender Appell an die Politik, die Kunstschaffenden nicht weiter daran zu hindern, ihrer ureigenen Bestimmung nachzukommen: „Lasst uns arbeiten!“

Nur: Es ist doch nur

Man redet sich die Zustände in diesem Land gern schön, indem man das Gesamtbild in Einzelteile zerlegt und dann sagt: „So schlimm ist es ja gar nicht.“ Die Maske beim Anstehen vor dem Laden, kurz vorher zum Test, und die Impfung … na ja, es ist unwahrscheinlich, dass gerade ich von den Nebenwirkungen betroffen bin, und dann ist wenigstens Ruhe … Die Band „Nur“ hat sich hierfür ein Video von Hans-Jörg Karrenbrock zum Vorbild genommen. Einen Ausblick auf das Ende des Wahnsinns gibt es auch. Die Bebilderung des Videos ist eindrucksvoll und professionell.

Viola: Werfe die Maske weg

„Hol dir dein Recht auf Atmen zurück, den Quell deines Lebens.“ Viola Rescher ist vermutlich eine Debütantin in der Liedermacherkunst. Die Psychotherapeutin hält Krankheitssymptome für „Warnsignale bei Überangepasstheit“. Die kann man ihr selbst zum Glück nicht vorwerfen. Starke Melodie, starke Stimme, starke Botschaft.

Lüül: Ich bin die freie Rede

Bald müsste es heißen: Ich WAR die freie Rede. Die De-facto-Zensur, auch auf Plattformen wie YouTube, nimmt zu. Sie wurde nur privatisiert, sodass der Staat fein raus ist. Der Künstler Lüül, eigentlich Lutz Graf-Ulbrich, wagt hier ein erhellendes Gedankenexperiment und versetzt sich in die Rolle der freien Rede selbst. Diese war ja früher sehr beliebt, der freie Westen war sogar besonders stolz auf sie. Heute hält man sie für verzichtbar. Abwechslungsreiches Video, der Text wird eher im Poetry-Slam-Stil vorgetragen.

Moritz: Distanz

Über Kinder in Coronazeiten wird viel gesprochen und geschrieben. Selten aber kommen Kinder selbst zu Wort. Dieser Bub, über den wir nichts Weiteres in Erfahrung bringen konnten, hat vielleicht eines der erschütterndsten Lieder zum Thema kreiert. Verweigerte Umarmungen; ständige Zurechtweisungen über nicht eingehaltene Distanz; eiskalte Klassenzimmer, die man nur mit einer Decke über der Schulter aushält; gereizte Väter, die immer zu Hause sind; Kinder, die wählen müssen, welche ihrer Freunde sie (einzeln) treffen wollen … Diese Phänomene werden sehr präzise geschildert. Vielleicht am schlimmsten: Kinder könnten verlernen, wie es überhaupt geht, einander zu umarmen. Im Bauschutt-Ambiente und mit typischen Rapper-Handbewegungen kommt Moritz ohnehin rüber wie ein Großer.

Christian Schantz: Mehr Diktatur wagen

Endlich wird offen gesagt, was viele bisher nur im Geheimen dachten. Der Schriftsteller Thomas Brussig preschte mit seinem Essay „Mehr Diktatur wagen“ mutig voran. Die Süddeutsche druckte den Text, ohne mit der Wimper zu zucken. Der Liedermacher Christian Schantz schließt sich an und schreibt zu seinem Lied:

„Die schlimmste Ohnmachtserfahrung in der momentanen Situation wurzelt darin, dass wir diese Krise mit den Mitteln der Demokratie bewältigen müssen. Einem Ausnahmezustand muss man mit Ausnahmeregeln beikommen. In einer Krise wie dieser kann die Ausübung von Grundrechten eine Gefahr für die Gesamtbevölkerung darstellen. Der Schutz des Lebens muss an oberster Stelle stehen. Auch für uns Kulturschaffende ist es Zeit, Flagge zu zeigen und uns aktiv für mehr Diktatur und Totalitarismus einzusetzen.“

Zum Glück ist das nur ironisch gemeint. Bei ihm zumindest.

Ludger K.: Corona-Theater

Die Älteren von uns erinnern sich vielleicht noch an Katja Ebstein und Deutschlands Nationalkomponisten Ralph Siegel. Beide erreichten mit dem Song „Theater“ vor vielen Jahren den 2. Platz beim Eurovision Song Contest. Diese Coverversion spielt in vielem auf den Text des Originals an. Die Sätze des Kabarettisten Ludger K. zum Corona-Theater fügen sich erstaunlich gut in die Melodie ein. „Und der Bill, der darf lachen, auch wenn uns zum Weinen ist“ oder „Wir machen jeden Scheiß mit“. Auch der unvergessene Dieter Thomas Heck hat hier — neben Ebstein, Drosten und Wieler — einen Überraschungsauftritt.

Phizzo (Rapbellions): Zeugen Coronas

„Du nennst es noch Tagesschau und nicht betreutes Denken.“ Der Rapper trifft mit der Bezeichnung „Zeugen Coronas“ sicher etwas Wesentliches. Die Corona-Richtigdenkerei ist zu einer Art Religion geworden, deren Anhänger agieren missionarisch und wirken oft etwas betulich. Sie halten Behauptungen schon deshalb für wahr, weil es „geschrieben steht“ — oder im Fernsehen kam. Im Video sind neben dem Sänger auch Aktionen der „Mask Force“ zu sehen, einer Protestform, die mit Masken und zombiehaftem Gang das System quasi mittels paradoxer Intervention bekämpfen. „Fordert doch aus Angst vorm Tod gleich zum Selbstmord auf!“

Ringsgwandl: Da Beppe und de Mona

Was macht eigentlich ein Paar, das jungfräulich in die Ehe geht, bei dem sich aber schon heftig Begehrlichkeiten melden, wenn die Regierung ein Abstandsgebot erlassen hat? Darf man sich da überhaupt küssen oder Schlimmeres? Solche Fragen werden — obwohl alle Leute ständig über Corona reden — viel zu wenig erörtert. Ringsgwandl — also Dr. med. Georg Ringsgwandl — nimmt sich des Themas in einem vergnüglichen Clip an. Da scheint es fast, als ob Beppe wirklich will, während Mona das Virus eher zum Vorwand nimmt, um sich vor dem ehelichen Vollzug zu drücken. Oder sie ist Deutsche und Bayerin genug, um zu tun, was in ihrer Heimat der Brauch ist: gehorchen.

Grainétoile: La Corona

„Geh durch deine Ängste, öffne dein Herz, sieh die Schönheit der Blumen. Es ist bloß die alte Welt, die stirbt.“ Aus diesem Video spricht eine spirituelle Erlösungshoffnung. „Grainétoile“ heißt ungefähr „Sternensaat“, und der Refrain meint wahrscheinlich: „Öffne dein Kronenchakra.“ Die Musik erinnert an „Danser encore“, das Ambiente an ein Rainbow-Festival oder ein Video von Morgaine. Zwar werden im Text einige Details der aktuellen Politik angedeutet, die Krise wird jedoch vor allem als Übergang in ein neues Zeitalter gedeutet, zu dessen Pionieren die Musiker, Tänzer und Zuhörer gehören können. Text mit deutscher Übersetzung hier:

Freimut Feliciano: Frei

Der Begriff ist etwas aus der Mode gekommen. In Orwells „1984“ heißt es, künftige Generationen würden das Wort frei vielleicht gar nicht mehr verstehen können. Hier wird der aus der Geschichte bekannte Begriff von vielen Mitstreiterinnen und Mitstreitern des Rappers intoniert. „Der Virus heißt Angst, lebendiges Koma. (…) Wo Angst regiert, Gefühl stagniert, Freiheit verliert.“ Es ist kein reines Corona-Lied, aber visuell dominieren in dem Video teilweise Masken. Dazu gibt es Seitenhiebe auf Kommerzkultur und Profitgier. Durch die kulturelle Diversität der Auftretenden wird überdies der Eindruck erweckt, die ganze Welt schreie nach Freiheit. Wäre schön.

Corona Bavaria: Bitte geht!

Ich wohne ja in Bayern, und da ist derartige Musikbeschallung der Normalfall. Weniger normal ist allerdings kritisches Bewusstsein in der Volksmusik. Selbst Volksmusikgruppen, die man sonst weder aus musikalischen noch aus politischen Gründen „auf dem Schirm“ hat, sind heutzutage in der Coronafrage kritischer als das linksintellektuelle Kultur-Establisment — von Ausnahmen hier natürlich abgesehen. Die Mädels sind mutig, frisch und direkt. Sie zeigen den Politikern, was wir angesichts ihrer Coronapolitik wirklich von ihnen erwarten: den Rücktritt.

Nicolai Freimann: Kein Untertan

„Kein Untertan“? Da wäre er der beinahe erste in Deutschland. Dieses Lied — musikalisch Elektropop — enthält viel Stoff zum Nachdenken. Die Mächtigen wollen, „dass für den Feind du hältst den, der für dich kämpft“. Und: „Die Wahrheit stirbt, wenn keiner nach ihr fragt.“ Schließlich: „Du meinst, die Freiheit gibt es als Geschenk.“ Zweifellos die Art von Text, die heute dringend gebraucht wird.

Alle diese Lieder liefen übrigens einzeln im Magazin Hinter den Schlagzeilen, für das ich auch die Kurzpräsentationen ursprünglich verfasst habe.

Wir brauchen solche Lieder ganz dringend, denn Menschen sind mehr als politische Köpfe, die über die Taten der Corona-Akteure nachgrübeln wollen. Notwendig sind auch Botschaften, die uns auf der Ebene des Gefühls erreichen, die mithilfe von Poesie und Symbolen die politischen Vorgänge auf einer tieferen Ebene zu ergründen versuchen — die nicht zuletzt auch Freude bereiten und Mut machen. Wir können den genannten Künstlern nur zurufen: Weiter so! Und andere ermutigen, sich anzuschließen. Was derzeit noch nicht groß ist und sich unter dem Radar der gelenkten öffentlichen Aufmerksamkeit bewegt, kann im Laufe der Zeit an Statur und Bekanntheitsgrad gewinnen. Denn „unsere“ Künstlerinnen und Künstler habe dem Kulturestablishment vor allem zwei Dinge voraus: Mut und die schonungslose Suche nach Wahrheit.

Alex Olivari sagte in seinem Interview sehr schön:

„Ich denke, jeder Mensch — nicht nur Musiker — muss sich die Frage stellen: Wie viel Raum lasse ich der Angst, und welche Chance gebe ich dem Mut?“

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