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Die neue Revolution

Die neue Revolution

Warum scheiterten bisherige Revolutionen? Teil 1.

Das herrschende, kapitalistische System scheint bei oberflächlicher Betrachtung stabil und seiner vorgeblichen Aufgabe, der Sicherung des Überlebens der Menschen, gerecht zu werden. Doch bei näherer Betrachtung verströmt es immer offensichtlicher den Hauch des Todes, der mit einer immer absurderen Wirtschaft, fortschreitender Umweltzerstörung und Auflösungs- sowie Dekadenzerscheinungen der Gesellschaft einhergeht. Dennoch liegt der letzte Versuch einer dramatischen Veränderung bereits 50 Jahre zurück. Eine Revolution scheint heute in weiterer Ferne zu liegen als jemals zuvor. Der Mensch scheint sich in die scheinbar alternativlosen Sachzwänge des Kapitalismus eingefügt zu haben.

Und das, obwohl sie jedem Einzelnen – seien es Rentner, die in Altersarmut Pfandflaschen sammeln müssen, Studierende in den ökonomisierten Hochschulen oder Arbeitslose – immer stärker zu Leibe rücken. Doch Revolution scheint ein Thema von Vorgestern zu sein. Eine ferne Hoffnung, an die sich allein einige realitätsferne Romantiker klammern, denen es nicht gelingt, ihr Leben innerhalb des Kapitalismus zu organisieren, die in der herrschenden Dogmatik zu den Verlierern gehören.

Dabei ist eine tiefgreifende Veränderung des herrschenden Systems dringend notwendig. Denn das System verschlingt nicht nur immer größere Teile der irdischen Ressourcen in immer wahnwitzigerem Tempo. Es greift auch in das Leben jedes Einzelnen ein, beschneidet Freiheiten und sucht nach Möglichkeiten, jeden Aspekt des menschlichen Lebens zu kommerzialisieren.

Die Notwendigkeit einer Revolution

Der Kapitalismus hat eine enorme materielle Anhebung des Lebensstandards vor allem in der westlichen Welt mit sich gebracht. In atemberaubender Geschwindigkeit brachte er stetig neue Erfindungen und Entwicklungen. So hat der medizinische Fortschritt in den letzten Jahrzehnten dazu geführt, dass die Menschen nicht nur immer älter werden, sondern auch seltener an Krankheiten sterben. Die Industrialisierung der Nahrungsmittelproduktion hat die Erträge in die Höhe schnellen lassen und wäre heute dazu in der Lage, die rasch anwachsende Weltbevölkerung zu ernähren.

Wenn die Verteilung funktionieren würde.

Doch was die Verteidiger des Kapitalismus geflissentlich verschweigen, ist, dass der Kapitalismus diesen sogenannten Fortschritt nicht nur möglich gemacht hat, sondern dass Fortschritt für ihn notwendig war und noch immer ist. Durch die Notwendigkeit des beständigen Kapitalflusses war es unabdingbar geworden, immer neue Produkte auf den Markt zu bringen und diese, notfalls mit psychischen Zwangsmitteln, in diesen zu verpressen.

Der Mensch wurde somit innerhalb des letzten Jahrhunderts auf zwei Funktionen reduziert: Einerseits diente er dem System als Ressource „Arbeitskraft“, die an der enormen Entwicklung teilnimmt, zu ihr beiträgt und die Produktion am Laufen erhält. Andererseits fungiert der Mensch als Endabnehmer eines großen Teils all dieser produzierten Waren, ohne deren kommerzialisierte Verwertung die Produktion überflüssig wäre und die Maschinerie des Kapitalismus sich längst erschöpft hätte. Diese beiden Seiten derselben Medaille sind zu einem Produktions- und Konsumfetisch verkommen. Beides unterliegt einem beständigen Wachstumszwang und befindet sich daher in einem wechselseitigen Abhängigkeitsverhältnis. So wie die Produktion wächst, um den Kapitalfluss am Laufen zu halten, muss auch der Konsum wachsen, um die Produktion aufrechterhalten zu können – und umgekehrt. Stockt einer der beiden Teiber, löst das eine massive Krise aus, welche die gesamte Gesellschaft erfasst und millionenfaches Elend erzeugt.

Daher muss das beständige Wachstum durch künstliches Erzeugen von Bedürfnissen am Laufen erhalten werden.

Die Wirtschaft dient schon lange nicht mehr der Befriedigung elementarer Bedürfnisse des Menschen, nämlich sein Überleben in der Gesellschaft zu organisieren und zu ermöglichen. Nein, mittlerweile ist sie zum reinen Selbstzweck verkommen. Die Wirtschaft existiert fast nur noch um ihrer selbst willen und vermehrt dabei nebenbei das Vermögen einiger weniger Menschen, denen es gelungen ist, dieses System zu ihrem eigenen Vorteil auszunutzen.

Hegemonie der Wirtschaft

In einem System, das vollkommen auf Produktion und Konsum aufgebaut ist, die von der Wirtschaft angetrieben werden, hat sich die Gesellschaft jedoch von dieser abhängig gemacht. Nur der Wirtschaft ist es möglich, Produktion und Konsum am Laufen zu halten. Und sie tut dies nach ihren eigenen Vorstellungen und zu ihren eigenen Bedingungen. So ist es wenig verwunderlich, dass die politischen Vertreter, auch jene der sich als demokratisch bezeichnenden Länder, sich längst den vorgeblichen Zwängen der Wirtschaft untergeordnet haben. Sie richten ihre Entscheidungen in hohem Maße an den Bedürfnissen dieser Wirtschaft aus, die jedoch nicht das Wohl der Menschen im Blick hat, sondern nur ihr eigenes, ungebremstes Wachstum.

Demokratie erodiert somit durch die Abhängigkeit der Politik von den Notwendigkeiten des Wachstums und kann daher keine Herrschaft des Volkes mehr sein, da sie längst derjenigen einer Wirtschafts- und Finanzoligarchie gewichen ist. Denn wer sich in ein solches Abhängigkeitsverhältnis begibt, der kann nicht frei entscheiden. Die vormalige Demokratie verkommt somit zu einem inhaltsleeren Schauspiel, das den Menschen vorgaukelt, sie hätten eine Wahl, ihre Meinung könne den Lauf der Dinge beeinflussen, obwohl ihnen jede Regierung das genaue Gegenteil beweist.

Der kapitalistische Kreislauf

Dabei sind auch die Politiker nur hilflose Erfüllungsgehilfen dieses Systems. Es ist nicht immer so, dass sie nicht vordergründig das Wohl der Menschen im Sinn haben. Doch sie beugen sich der von der Wirtschaft aufgezwungenen Definition dieses Wohls und der von ihr verordneten Logik. In dieser Logik wird das Wohl der Menschen durch den freien Markt bestimmt, der ewiges Wachstum generiert. Diese Logik hat jedoch auch Menschen außerhalb politischer Ämter in ein gefährliches Abhängigkeitsverhältnis gezwängt: in das der Lohnarbeit.

Jeder Mensch ist durch die Verknüpfung von Waren mit Geld dazu gezwungen, einen Lohn zu erhalten. Dies ist allein über den Weg der Arbeit und somit durch den Dienst am System möglich. Indem der Bürger auf der einen Seite der Medaille an der überbordenden und ewig währenden Produktion teilnimmt, erwirbt er sich auf der anderen Seite das Privileg, einen Teil der Produktion in Form des Konsums genießen zu können. In beiden Fällen dient er dem System und stabilisiert es. Das Geld, welches ihm die Kapitalisten als kärglichen Lohn überlassen, fließt im Augenblick des Konsums wieder an diese zurück.

Diese Abhängigkeit von der Lohnarbeit ist es, welche die Politiker zum Handeln nach der Logik des Systems verleitet. Denn in diesem System ist es notwendig, den Menschen Arbeit zu verschaffen, damit sie sich ihren Lebensunterhalt finanzieren können. Arbeitsplätze, so lehrt uns das System, gibt es jedoch nur zu den Bedingungen der Wirtschaft. Diese umfassen unter anderem niedrige Steuern, niedrige Sozialkosten, Privatisierung, Freizügigkeit von Waren und Arbeitskräften und so weiter. Die Politik, ganz dieser Ideologie unterworfen, folgt diesem Dogma und betätigt sich somit als Erfüllungsgehilfin des Kapitals.

So ist es kein Wunder, dass die Produktion immer weiter ausgebaut wird, denn die Notwendigkeit von Arbeitsplätzen macht bei ständig wachsender Weltbevölkerung sowie der überall drohend angemahnten Digitalisierung die Schaffung von Arbeitsplätzen zum vordringlichsten Ziel.

Die „Dienstleistungs-Demokratien“

Nun ist es jedoch so, dass nicht jeder Mensch im Sektor der Produktion sein Auskommen verdient. Gerade die vollkommen durchkapitalisierten Länder des sogenannten globalen Nordens haben ihre Industrie längst ins Ausland verlagert und sind zu reinen Dienstleistungsgesellschaften geworden, die allenfalls noch eine minimale Produktion im eigenen Land betreiben. Doch auch die Dienstleistungen haben systemerhaltende Funktionen.

Ein Teil dient der Abfederung der vernichtenden Effekte der entfesselten Wirtschaft, indem sie ihre Symptome lindern, wie dies im Gesundheitsbereich und der Psychologie geschieht. Unter diesem Aspekt ist auch der medizinische Fortschritt zu betrachten. Die zunehmende Zerstörung durch den Kapitalismus, die dieser an jedem Menschen vornimmt, machte eine Linderung der dadurch entstehenden Symptome notwendig, um die Arbeits- und Konsumfähigkeit der Menschen zu erhalten. Nebenbei erschließt sich auf diese Weise auch ein riesiges Wachstumspotenzial, indem im Gesundheitssektor einzig mit dem Leid der Menschen Milliarden verdient werden.

Andere Dienstleistungsbereiche ermöglichen die Entlastung der Arbeiter von alltäglichen Sorgen und die volle Konzentration auf die Produktion. Zusätzlich werden auch im Dienstleistungsbereich, man denke nur einmal an das simple Beispiel des Frisörs, Produkte zur Ausübung der Dienstleistung benötigt, die wiederrum im Produktionssektor hergestellt werden. Der Dienstleistungssektor erfüllt somit gleich eine doppelte Funktion.

Die Politik hingegen dient allein dem Zweck, durch Gesetze und Polizeikräfte nach innen und durch Soldaten nach außen das Feld der Wirtschaft abzustecken und zu pflügen, sodass es nur noch bestellt werden muss. Widerstand gegen die herrschende Doktrin wird so wirksam niedergeschlagen. Erfüllungsgehilfen sind dort, wo physische Gewalt unverhältnismäßig wäre, die vollkommen ideologisierten Medien.

Der wichtigste Bereich ist jedoch jener, welcher die sogenannten technischen Innovationen hervorbringt. Hier werden jene Produkte entworfen, die dann anderenorts produziert und schließlich an den Konsumenten verkauft werden. Auf diese Weise werden beständig neue Waren erfunden und neue Bedürfnisse erzeugt, die das Rad des Konsums und der Produktion ununterbrochen am Laufen halten.

Liebe am Fließband

Die Unterwerfung der Menschheit unter das beständige Dogma von Produktion und Konsum hat jedoch auch schwerwiegende Auswirkungen auf die Gesellschaft an sich. In einer Welt, die alles als Konsum begreift, wird auch alles zu diesem. Elementare menschliche Bedürfnisse werden durchkommerzialisiert und über den Umweg der Wirtschaft an den Menschen wieder zurückgegeben. Das ist bei Nahrungsmitteln, einem Dach über dem Kopf oder Elektrizität und Wärme schon lange der Fall.

Doch auch nichtmaterielle Bedürfnisse des Menschen fallen dem Konsumfetisch zum Opfer. So wird die Logik des Konsums auch auf Bedürfnisse wie Liebe und Sexualität angewandt. Dies ist ein Nebeneffekt der Unterwerfung menschlichen Handelns unter das Dogma des Konsums. Auch Liebe wird von dem Menschen, der alles in Form des Konsums dargereicht bekommt, als ebensolcher betrachtet: ein Bedürfnis, das schnell befriedigt werden muss und kann. Die Befriedigung ist dabei selten von langer Dauer, denn der Konsumfetisch hält dazu an, sich doch nach etwas Besserem umzusehen, das da draußen in der Welt zu existieren hat.

Dieses Verhalten wurde durch die Wirtschaft als Nebeneffekt, durchaus aber nicht als beabsichtigtes Ziel hervorgebracht, wird aber durch sie tatkräftig befeuert und unterstützt. Dating-Apps legen davon beredtes Zeugnis ab (1, 2).

Dies hat jedoch zur Folge, dass Menschen einander lediglich als Objekte begegnen, die nur einer schnellen Bedürfnisbefriedigung dienen. Diese Bedürfnisbefriedigung beschränkt sich nicht allein auf Liebe und Sexualität, sondern kann auch in Form von Gewalt stattfinden. Es ist also wenig verwunderlich, dass Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Gewalt in den letzten Jahren offenkundig zugenommen haben.

Systemimmanente Dekadenz

Die Dekadenzerscheinungen innerhalb der Gesellschaften des globalen Nordens nehmen zu. Der Mensch scheint in einem beständigen Stillstand zu verharren. In der heutigen Zeit scheint jede Geschichte schon geschrieben, jedes Lied schon gesungen, jeder Gedanke bereits gedacht und jeder Traum bereits ausgeträumt zu sein.

Die dadurch entstehende Leere füllt die Menschheit mit ausschweifendem Konsum ohne Rücksicht auf die Folgen für Mensch und Umwelt. Durch Fernreisen, pompöse Feste und Feiern mehrere Male in der Woche, die Fixierung auf eine als enorm wichtig empfundene Arbeit oder das Versinken im Drogensumpf sind nur einige der dekadenten Verhaltensweisen, durch welche der Mensch sich von seiner inneren Leere und der Bedeutungslosigkeit des Lebens in Zeiten der Reduktion des Menschen auf seine reinen Funktionen im System, bei gleichzeitigem Fehlen jeder Vision, jedes Traums und jeder Bedeutung, abzulenken versucht.

Dabei merkt er nicht, wie das System sich langsam aufzulösen beginnt. Die Gewalt nimmt vor allem an den Rändern des Systems zu. Dort, wo die ausgebeuteten und unterdrückten Menschen mit den schwerwiegenden Folgen kapitalistischer Wirtschaftsweise konfrontiert werden. Dürren, Desertifikation, Kriege um Einflusssphären und Rohstoffe erzeugen ein Klima der Gewalt, die sich immer unverhohlener gegen die Akteure des Systems in Form westlicher Staaten richtet. Die Gewalt entlädt sich jedoch wenig zielgerichtet innerhalb der betroffenen Regionen. Durch die zunehmende Armut und den Hunger werden millionenfach Flüchtlinge produziert, die sich auf den Weg in die einzige Region machen, die noch sicher scheint, und als Ausbeuter längst erkannt ist: den globalen Norden.

Die Flüchtlinge werden hier bereitwillig aufgenommen, stellen sie doch für das System nützliche, billige Arbeitskräfte dar, die mit geringerem Lohn abgespeist werden können als die heimischen Arbeiter. So wächst die Anzahl der Reservisten im Arbeitsheer beständig weiter und erhöht den Druck auf jeden Einzelnen, der sich, dem Zwang der Arbeit unterworfen, dem System andienen muss, um sein reines Überleben zu sichern.

Die wenigen Sozialhilfeleistungen werden zu diesem Zweck kontinuierlich abgebaut. Der Druck entlädt sich wiederum in Form von Hass und Gewalt gegenüber denjenigen, die den „heimischen“ Arbeitskräften nur scheinbar „die Arbeit wegnehmen“. Zu reinen Objekten degradiert, ist es ein Leichtes, die Ärmsten und schuldlosesten Flüchtlinge als Täter zu identifizieren und sämtliche Aggressionen an ihnen zu entladen. Dafür tragen auch politische Parteien Sorge, die diese Sicht der Dinge kontinuierlich unterstützen, damit sich die Wut in die für sie richtige Richtung entlädt, was bedeutet: nicht in Richtung des Systems als eigentlich für diese Situation Verantwortliche.

Verfehlte Politik

Diese Arbeit verrichten keineswegs nur die rechten oder konservativen Parteien, sondern auch jene, die sich selbst fälschlicherweise immer noch als links bezeichnen. Diese ehemals als Arbeiterparteien aufgestellten Vereinigungen haben sich mittlerweile von dem Subjekt, das sie zu vertreten vorgeben, weit entfernt. Selbst hauptsächlich aus Akademikern bestehend, haben sie keinen Zugang zu den Sorgen und Nöten der einfachen oder gar armen Menschen. Auch haben sie das kapitalistische System längst akzeptiert und verinnerlicht und wagen es daher nicht mehr, sich gegen dieses zu wenden.

So fixieren sie sich auf Teilprobleme, schlagen winzigste Verbesserungen für marginalisierte Randgruppen heraus, erzielen geringe Lohnerhöhungen für Beschäftigte oder befürworten ein Sozialsystem, dessen Notwendigkeit sie eigentlich bekämpfen sollten.

Gleichzeitig betätigen sie sich als Lehrmeister, der dem Arbeiter, der eigentlich andere Sorgen hat, aufoktroyiert, wie er zu reden und was er zu reden hat. Dieses Verhalten, das in einer ehrlicheren Welt wohl Zensur genannt werden würde, verärgert den Arbeiter, der sich als Objekt einer Verwaltung von außen sieht und sich daher von diesen linken Parteien abwendet.

Tatsächlich betätigen sich linke Parteien auf diese Weise als Verwalter des Elends. Jedoch nicht aus der Mitte des Elends heraus, sondern von oben herab.

Während diese Parteien jedoch immer noch einen linken, revolutionären Anstrich zu bewahren versuchen, verhindern sie aktiv die notwendige Revolution, indem sie die Wut, die ein revolutionäres Potenzial beherbergt, durch Wahlen in die Bahnen des Systems selbst kanalisieren. Dies trifft insbesondere auf die Sozialdemokratie zu, die jedem Wandel längst eine Absage erteilt hat. Die derzeit existierenden, linken Parteien sind somit ein Teil des Systems und dienen auf ihre Weise dem Erhalt desselben.

Die Zerstörung der Umwelt

Neben den gravierenden gesellschaftlichen Verwerfungen gibt es jedoch noch einen weitaus dringlicheren Grund, der einen Wandel notwendig werden lässt. Die durch das System beständiger Produktion verursachte Zerstörung der Umwelt hat ein Ausmaß angenommen, welches das Fortbestehen der Menschheit an sich in Frage stellt. Der Mensch ist von der Umwelt weiterhin abhängig, ernährt sich aus ihr, wird von ihr mit Luft, Wasser und Licht versorgt. Insbesondere die Ernährung und das Wasser werden jedoch durch die industrialisierte Gesellschaft gefährdet.

Die beständige Ausdehnung der Produktion verschlingt immer mehr Ressourcen, die unter Aufbringung erheblicher Mengen von Energie (für die wiederum Ressourcen notwendig sind) sowie giftiger Chemikalien gewonnen werden. Immer größere Teile des Erdbodens verwandeln sich auf diese Weise in giftige Abraumhalden, die das Grundwasser und die Böden kontaminieren und auch die Luft nicht unbeschadet lassen. Auf diese Weise nimmt die Qualität des Trinkwassers, vor allem in den Regionen, die ohnehin unter Trinkwasserknappheit leiden, erheblich ab .

Gleichzeitig verwandeln sich immer größere Flächen, die für die Landwirtschaft nützlich gewesen wären, um die Ernährung der Menschen in der betroffenen Region zu gewährleisten, in unbestellbares Brachland. Die Auswirkungen der industrialisierten Landwirtschaft sind schwerwiegend: Sie laugt die Böden aus, tötet die Biodiversität der Landschaften durch einen grundsätzlich absurden Einsatz von Kunstdüngern und Pestiziden ab und hinterlässt nichts als Agrarwüsten, die jedes Jahr weniger Erträge produzieren. Auf diese Weise werden der Menschheit mittelfristig die zu bewirtschaftenden Flächen ausgehen, sodass die Nahrungsmittelproduktion in sich zusammenbrechen wird. Dies wird schon weit vor dem Ende dieses Jahrhunderts der Fall sein.

Verstärkt wird dieser Effekt durch das sechste Artensterben im Verlaufe der Existenz dieses Planeten, das diesmal aber durch den Menschen und seine kapitalistische Wirtschaftsweise ausgelöst wurde. Die Natur ist ein komplexes Gefüge, in dem alles in Wechselwirkung zueinandersteht. Die einschneidenden Zerstörungen durch den Menschen haben das Gefüge vollkommen durcheinandergebracht. Das Absterben der Insektenpopulationen ist nur eines der vielen Beispiele, jedoch ein für die Menschheit sehr alarmierendes. Denn die landwirtschaftlichen Erträge hängen von der Bestäubung der Pflanzen durch eben jene Insekten ab, die durch den Gebrauch der Pestizide in der industrialisierten Landwirtschaft massenweise abgetötet werden. Addiert man dies zu den langsam verödenden Böden hinzu, ergibt sich ein noch viel dramatischeres Bild.

Luftverschmutzung

Doch damit sind wir noch nicht am Ende. Der fortschreitende Verkehr, die durch industrielle Schornsteine ausgestoßenen Abgase und auch wie die Fleischproduktion, welcher auch zunehmend der für das Klima wichtige Regenwald zum Opfer fällt, zerstören nicht nur ganze Landstriche und verschlechtern die Qualität der Luft weltweit, sie befördern auch den Klimawandel. Dieser wird nicht nur die Desertifikation landwirtschaftlicher Nutzflächen beschleunigen, sondern ebenso die Überschwemmung vieler Küstengebiete, in denen zum Teil Millionen von Menschen leben.

Er führt zum Aussterben zahlreicher Tierarten, zu Fluchtbewegungen und einer zunehmenden Zahl von Kriegen um fruchtbares Land. Die dadurch produzierten Flüchtlinge werden sich weiterhin auf den Weg in die einzig noch sicher erscheinenden Gebiete dieser Erde machen: In den globalen Norden, also jene Regionen, die vom Kapitalismus am meisten profitieren, von seinen unmittelbaren Folgen jedoch bisher am wenigsten betroffen sind.

Hier werden sie den sozialen Druck weiter erhöhen, befeuert durch die Kapitalisten, die in ihnen erneut billige Arbeitskräfte sehen. Dies wird eine soziale Sprengkraft entfalten, die revolutionäres Potenzial besitzt, jedoch viel zu spät kommt. Hinzu kommt, dass die Regierungen vieler Länder bereits daran arbeiten, die Repression und Überwachung der Bevölkerung auszubauen – zum Beispiel in Deutschland. Ohnehin besteht vielmehr die Gefahr, dass die von System unterdrückten Menschen sich lieber gegenseitig bekämpfen, anstatt ihre Wut gegen das System zu richten.

Zwar verabreicht das System den Menschen Beruhigungspillen in Form eines Versprechens auf grünes Wachstum. Ein solches ist jedoch nicht möglich, da die Doktrin des ewigen Wachstums selbst mit dem Erfordernis ökologischer Nachhaltigkeit kollidiert und die Probleme nur verlagert werden.
Das System hat also das Potenzial, die Menschheit als Ganzes zu vernichten und wird dies auch tun, wenn nicht ein grundlegender Wandel stattfindet. Das sollte als Grund für eine Revolution doch bereits genügen. Wenn man nun noch die soziale Komponente miteinrechnet, die Ungerechtigkeit, die das ausbeutende System produziert, so wird man spätestens dann nicht mehr umhinkommen, die Notwendigkeit einer Revolution anzuerkennen.

Wo ist die Revolution?

Wenn aber doch so viele Menschen so gute Gründe für eine Revolution haben, warum bleibt sie dann aus?

Dafür gibt es mehrere Gründe. Zunächst ist jedoch eines festzuhalten: Revolutionen finden statt, jedoch nur an den Rändern des Systems. Der Kampf um Unabhängigkeit in Katalonien, der venezolanische und kubanische Sozialismus, die Isolation Nordkoreas, all das stellt ein Aufbegehren gegen das System dar. Auch im Mittleren und Nahen Osten begehren die Menschen gegen das System auf. Diese Revolutionen werden dem Rest der Welt allerdings als Terrorismus verkauft, den finstere, Freiheit und Gerechtigkeit ablehnende Mächte gebrauchen, um sich gegen die Werte der westlichen Welt aufzulehnen und eine Schreckensherrschaft zu etablieren.

Dies soll keine Solidarisierung mit Organisationen wie beispielsweise dem Islamischen Staat darstellen. Das von diesem angestrebte System ist ebenso repressiv wie der Kapitalismus an sich. Es ist nur offensichtlicher. Doch die Gewalttätigkeit und Grausamkeit zum Beispiel der Anhänger des Islamischen Staates ist nur ein Ausdruck der systemischen Gewalt, die sich notwendigerweise irgendwo entladen muss. Ebenso wie der Druck auf einen Kessel nicht unbegrenzt steigen kann, ohne schlussendlich zu einer explosiven Entladung zu führen. Auch Regierungen wagten es, sich gegen die westliche Interpretation des Kapitalismus aufzulehnen. Der Preis dafür war der Sturz dieser Regierungen und das Abrutschen in den Status eines gescheiterten Staats.

Doch diese letzte Ausführung soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass eine Revolution gegen das System nicht von seinen Akteuren, also den Regierenden, durchgeführt werden kann. Es war einzig die im System bestehende westliche Herrschaft, die zugunsten eigenen Machtausbaus von den daraufhin gestürzten Regierungen ersetzt werden sollte. Die Revolution von unten bleibt in weiten Teilen der menschlichen Gesellschaft, insbesondere im globalen Norden, aus. Die Gründe dafür sind zahlreich.

Keine Revolution im Norden

Zunächst zählen sich die Menschen, die in diesen Regionen leben, zu den Gewinnern des Systems. Selbst der Ärmste hier kann sich zumindest auf ein Minimum an Versorgung und sozialer Absicherung wie das Hartz-IV-System verlassen. Das System hält also auch die von ihm Ausgestoßenen am Leben – mehr aber auch nicht. Eine Revolution gegen die schützende Hand scheint daher reiner Selbstmord zu sein. Denn das drohende Beispiel des Elends der Länder, denen es noch schlechter geht, wird den Menschen immer wieder medial vor Augen geführt. Der gescheiterte Staat im Süden erfüllt somit auch einen Zweck für die heimische Propaganda:

Gemessen am Elend des Krieges und des Hungers dort, geht es uns hier im Norden doch gar nicht so schlecht, da mag das System der bestehenden „sozialen Absicherung“ noch so repressiv sein.
Diese Auswüchse des kapitalistischen Systems werden zudem auf reine Fehlexekutionen des Systems reduziert, die mit den richtigen Gegenmaßnahmen wieder rückgängig gemacht werden könnten. Hunger, Krieg, Gewalt, Naturzerstörung erscheinen somit nicht als dem System immanente Fehler, sondern lediglich als Fehlverhalten einzelner Akteure. Die Behauptung, die richtigen Gesetze und ihre konsequente Durchsetzung könnten solche Nebenwirkungen für die Zukunft verhindern, wird so medial in den Köpfen der Menschen verankert.

Darüber hinaus hat das System aus schlichter Notwendigkeit des beständigen Wachstums inzwischen jeder Bevölkerungsgruppe den Zugang zur Konsumwelt ermöglicht. Der Konsum beschwichtigt, wiegt die Menschen in Sicherheit und spielt ihnen vor, die Welt in ihrem derzeitigen Zustand sei in Ordnung. Der Konsum erfüllt somit den Zweck der Ablenkung von den Missständen, die das System hervorruft.

Weiterhin hat das System den persönlichen Erfolg jedem Einzelnen aufgelastet. Das Bestehen im Kapitalismus sei keine Frage der persönlichen Voraussetzungen, der Abstammung und Zugehörigkeit mehr, sondern werde einzig auf den eigenen Fleiß und die Aufopferungsbereitschaft reduziert. Das System propagiert: Wer es wirklich will, der kann alles schaffen. In einer solchen Ideologie erscheint die Klage über das System als die Ausrede eines unwilligen Versagers, der sein eigenes Scheitern, das nur in seiner Person begründet liegt, nicht zuzugeben bereit ist.

Menschlichkeit, individuelle Bedürfnisse, die nicht mit dem System in Übereinstimmung zu bringen sind (zum Beispiel jenes nach ausreichend Schlaf), werden als Schwäche definiert. Sie werden auf den Ausdruck eines schwachen Willens reduziert, der nicht stark genug ist, den Menschen im Sinne des Systems zu formen.

Notwendigerweise werden hierdurch all jene Menschen, welche die Karriereleiter nicht bis nach oben erklimmen, als auszustoßende Verlierer betrachtet, die, da sie für ihr Elend selbst verantwortlich sind, weder Mitleid noch Hilfe verdienen. Verstärkt wird diese Einstellung durch den beständigen Konkurrenzkampf, der auf jeder Stufe der Leiter herrscht. Jeder Absteiger und Zurückgelassene ist somit auch ein potenzieller Konkurrent, der ausgeschaltet werden muss. Denn in einem auf Erfolg getrimmten System kann es zwar scheinbar jeder bis nach oben schaffen, jedoch nicht alle gleichzeitig.

Mediale Verschleierung

Der Wille zur Revolution wird außerdem durch mediale und politische Desillusionierung beschnitten. Durch den Zusammenbruch des sogenannten Sozialismus im Osten wurde die Botschaft vermittelt, dass der Kapitalismus das einzige System sei, das auf Dauer bestehen könne. Völlige Alternativlosigkeit wird seitdem sowohl durch die Politik als auch durch die Medien propagiert. Auf diese Weise fehlt die Vision einer besseren Welt und einer Idee, wie diese aussehen, wie man menschliches Zusammenleben menschlicher gestalten könnte. Dieses Fehlen jeder Vision wird durch die mediale Landschaft aufrechterhalten, indem immer wieder sozialistische, solidarische oder auf Kollektivität und Kooperation ausgerichtete Projekte verhöhnt werden

Auch arbeiten die (teils ahnungslosen) Agenten des Kapitalismus – die Politiker – mit Hochdruck daran, die staatliche Überwachung und Repression auszubauen. In einer Welt, in der sich jeder Bürger einem täglich wachsenden Maß an Überwachung ausgesetzt sieht und bei kleinsten Verfehlungen vor harten Sanktionen zu fürchten hat, erscheint es sicherer, sich in die Annehmlichkeiten des Systems zu flüchten, anstatt gegen solche Ungerechtigkeiten aufzubegehren. Das Kapital sichert sich seine Macht durch autoritäre Mittel und greift notfalls auch auf physische Gewalt zurück; so zu sehen beim G20-Gipfel im letzten Jahr. Dabei schreckt es auch nicht davor zurück, Regierungen, die vom Volk gewählt wurden und deren Willen durchzusetzen bereit sind, aus dem Amt zu entfernen, sollten sie sich einmal dorthin verirrt haben.

Die Akzeptanz für die totale Überwachung in der Bevölkerung sichert sich das System durch die Erfindung äußerer und innerer Bedrohungsszenarien, zusammengefasst unter dem Begriff „Terrorismus“, die, so das Mantra, eine Gefahr für jeden einzelnen Menschen darstellten. Dabei werden jedoch auch bewusst revolutionäre Ideen und Vertreter derselben als „Gefährder“ mit in der Gruppe der „Terroristen“ eingeordnet und pauschal als antidemokratische Angreifer unserer westlichen Wertegemeinschaft an die Wand gestellt.

Ausblick

Da ich nun die Gründe für eine Revolution ausreichend dargelegt habe und wir uns auch damit beschäftigt haben, warum diese Revolution bislang ausgeblieben ist, ist es nun notwendig, sich mit der neuen Revolution an sich auseinanderzusetzen. Dies wird in einem Folgebeitrag geschehen. In diesem werde ich darauf eingehen, welche Fehler frühere Revolutionsversuche begangen haben und warum sie nicht zu einem Sturz der herrschenden Ordnung führen konnten. Weiterhin werde ich mit Ihnen prüfen, ob die historischen Subjekte und Objekte der Revolution noch als solche taugen und schließlich, wie sich eine neue Revolution definieren könnte.


Felix F., Jahrgang 1992, ist ein kritischer und bisweilen belustigter Beobachter des alltäglichen Wahnsinns der medialen Hysterie. Hauptberuflich ist er besorgt um den Zustand der Demokratie und des Planeten im Allgemeinen, als Hobby studiert er Jura. Gerne würde er sich aus jeder öffentlichen Debatte heraushalten und die Menschheit sich selbst überlassen, kann aber dem natürlichen Drang, seine Meinungen und Ansichten in Worte zu kleiden, nicht widerstehen.


Quellen und Anmerkungen:

(1) https://www.rubikon.news/artikel/verschenktes-erbe

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