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Die Natur des Krieges

Die Natur des Krieges

Was die Friedens- von der Traumaforschung lernen kann.

Zunächst einmal möchte ich zu vermitteln versuchen, was unter dem Begriff „Trauma“ zu verstehen ist. Allgemein stellt der Traumabegriff ein Synonym für eine Verletzung dar. In der Psychologie bedeutet Trauma dagegen eine seelische Verletzung, wobei die Seele als Synonym für die menschliche Psyche verstanden wird. Eine seelische Verletzung ist gleichzusetzen mit einer starken psychischen Erschütterung und wird daher oft als Psychotrauma bezeichnet, das wiederum als Ursache der meisten psychischen Störungen genannt werden kann. So wurden zum Beispiel schlimme Kriegserfahrungen von Soldaten als Ursachen der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) erkannt.

Erich Fromm: Destruktives Verhalten entspringt nicht der menschlichen Natur

Bereits Erich Fromm hatte in einigen seiner Werke darauf hingewiesen, dass traumatische Erlebnisse destruktives Verhalten mobilisieren können, zum Beispiel:

„Es ist nicht die menschliche Natur, die plötzlich zum Vorschein kommt, sondern das destruktive Potential, das durch gewisse permanente Bedingungen genährt und durch plötzliche traumatische Ereignisse mobilisiert wird“ (1).

Und sogar Freud, der „Erfinder“ der Psychoanalyse, konnte schon eine rudimentäre Erklärung des Traumabegriffs liefern:

„Zum psychischen Trauma wird jeder Eindruck, dessen Erledigung durch assoziative Denkarbeit oder motorische Reaktion dem Nervensystem Schwierigkeiten bereitet“ (2).

Der Traumaforscher Franz Ruppert erklärt den Traumabegriff so:

„Viele Beispiele aus meiner therapeutischen Tätigkeit belegen, dass ‚Krankheiten‘ keinesfalls nur schicksalhaft, altersbedingt oder Ausdruck ‚schlechter Gene‘ sind. Sie sind bei näherem Hinsehen das Ergebnis von Lebenserfahrungen, die wir psychisch nicht verarbeiten konnten. ‚Krankheiten‘ sind die Folgen von Psychotraumata, die sich über unseren Körper ausdrücken müssen. Dies zeigt sich in den therapeutischen Gruppen, in denen ich mit der Anliegenmethode und dem Aufstellungsverfahren arbeite, immer wieder aufs Neue“ (3).

Die amerikanische Psychiaterin Judith Herman, Professorin für klinische Psychologie an der Harvard Medical School, schreibt über das Trauma:

„Die systematische Erforschung psychischer Traumata braucht die Unterstützung einer politischen Bewegung. Es ist schon eine politische Frage, ob entsprechende Forschungen durchgeführt und in der Öffentlichkeit diskutiert werden können. Die Erforschung von Kriegstraumata ist nur in einem Umfeld legitim, das die Opferung junger Männer im Krieg in Frage stellt. Die Erforschung traumatischer Erfahrungen im sexuellen und häuslichen Bereich ist nur legitim in einem Umfeld, das die Unterordnung von Frauen und Kindern in Frage stellt. Fortschritte gibt es auf diesem Gebiet nur, wenn eine starke politische Bewegung die Wissenschaft unterstützt, indem sie das Bündnis von Wissenschaftlern und Patienten rechtfertigt und den üblichen gesellschaftlichen Prozess der Verdrängung und Verleugnung unterbindet. Wenn eine starke politische Menschenrechtsbewegung fehlt, gewinnt unweigerlich tätige Verdrängung die Oberhand über die aktive Auseinandersetzung mit dem Geschehenen. Verleugnung, Verdrängung und Dissoziation gibt es im gesellschaftlichen Bereich genauso wie im individuellen Bewusstsein“ (4).

Arno Gruen: Missbrauch als Machtmittel

Das Werk des erst kürzlich verstorbenen Psychoanalytikers Arno Gruen widmet sich in der Hauptsache den frühkindlichen Traumatisierungen, die zu all den gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Verwerfungen geführt haben, die wir heute beobachten können:

„In Freuds und Breuers Praxen berichteten Patientinnen von sexuellen Übergriffen, Misshandlungen und Inzest. Bald wurde klar, dass es sich bei der Hysterie nicht nur um ein Phänomen innerhalb des Pariser Proletariats handelte, sondern dass diese auch im bürgerlichen Wien weit verbreitet war. Dass Hysterie zugleich ein gesellschaftliches Phänomen ist, wurde jedoch nicht erkannt. Und so war das Zuhören des brillanten und revolutionären Denkers Freud – laut Herman – in Wirklichkeit ein Nicht-hören-Können; desgleichen beruht auch die Psychoanalyse im Wesentlichen auf der Leugnung der weiblichen Realität (Herman 1981). Statt die Frauen auf einen allfälligen Missbrauch hin zu befragen, wurde gezielt danach gefragt, ob dabei nicht sexuelle Sehnsüchte erfüllt worden seien. Herman sieht diese Verkehrung als einen Spiegel des Machtkampfes zwischen Mann und Frau. Wenn wir diesen Machtkampf aber als eine Manifestation der tieferen Notwendigkeit unserer Gesellschaft sehen, die Unterdrückung des Kindes und seine Opferung auf dem Altar eines pathologischen Selbstwertes zu verschleiern, dann kommen wir auf den eigentlichen Grund dieses unbeendeten Kampfes: die Verleugnung des eigenen Opferseins, den daraus resultierenden Hass auf dieses eigene Opfersein und die Bereitschaft, andere zu Opfern zu machen“ (5).

Was wir heute in den scheinbar verschiedenen und doch auffallend gleichartigen Gesellschaften beobachten können, ist eine weitgehende Gehorsams- und Unterwerfungsneigung der Massen, des Menschen in der Massengesellschaft. Stanley Milgram hat in seinem berühmten Experiment auf eine beunruhigende Tatsache hingewiesen:

„Drei Viertel der Durchschnittsbevölkerung können durch eine pseudowissenschaftliche Autorität dazu gebracht werden, in bedingungslosem Gehorsam einen ihnen völlig unbekannten, unschuldigen Menschen zu quälen, zu foltern, ja zu liquidieren. Dieses Ergebnis einer sorgfältig vorbereiteten und kontrollierten Testreihe löste in der Welt ungläubige Betroffenheit und oft auch erbitterte Proteste aus“ (6).

Den meisten Menschen scheint nicht bewusst zu sein, dass wir in einer streng hierarchischen Gesellschaft leben und arbeiten. Doch diese Hierarchien würden ohne Gehorsams- und Unterwerfungsneigung nicht funktionieren; ja, sie würden sich erst gar nicht herausbilden, wenn die Menschen, die man in diese Machtstrukturen einzubetten sucht, autonom denkende, fühlende und handelnde Wesen wären.

Obwohl der Mensch nicht als gehorsamer Untertan zur Welt kommt, sondern vielmehr als ein Bündel von Emotionen, geprägt von den Erfahrungen einer neun Monate dauernden engen Symbiose mit der Mutter, wird im Laufe der sogenannten Erziehung aus dem Gefühlsbündel ein angepasster und gehorsamer Erwachsener, wobei das Gros der Menschen sich ihrer starken Gehorsamsneigung nicht einmal im Ansatz bewusst ist.

Dieses Fehlen der bewussten Wahrnehmung der eigenen Unterwerfungs- und Gehorsamsneigung beruht jedoch nicht, wie man meinen möchte, auf Vergessen oder Verdrängung, sondern vielmehr darauf, dass die Menschen die entsprechenden Prägungen beziehungsweise Programmierungen ihrer Psyche gar nicht wahrnehmen konnten, denn diese Programmierung beginnt gewöhnlich schon ganz am Anfang ihrer Existenz.

In dieser Zeit können Babys und Kleinkinder weder sprechen noch denken; sie nehmen lediglich wahr und reagieren darauf. Das Wahrgenommene wird nicht im kognitiven Gedächtnis gespeichert, denn dieses existiert zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht, sondern auf eine gänzlich andere Weise, die meiner Kenntnis nach noch immer weitgehend unerforscht ist.

Stanley Milgram: Wir werden zum Bösen verführt

Wie Stanley Milgram und andere, zum Beispiel der Psychologieprofessor Philip Zimbardo (Der Luzifer-Effekt) in ihren Büchern erläutern, stellt das, was von den Religionen und der Masse der weitgehend unaufgeklärten Bevölkerungen gemeinhin als „das Böse“ wahrgenommen und definiert wird, keine selbständige Ursache dar, sondern ist vielmehr Resultat entsprechender Prägungen durch Eltern und andere autoritäre Bezugspersonen, die sich selbst in aller Regel für „gut“ halten, weil sie nichts davon ahnen, was ihnen selbst bereits in frühester Kindheit angetan wurde.

Auch der Kognitionsforscher Professor Rainer Mausfeld legt in seinen Vorträgen dar, dass und wie wir am Nasenring unserer abgespaltenen Selbstanteile und den daraus hervorgegangenen unbewussten Sehnsüchten ge- und verführt werden, um nur ja nicht zu erkennen, in welchen Strukturen wir tatsächlich leben. In seinem Vortrag „Die Angst der Machteliten vor dem Volk – Demokratie-Management durch Soft-Power-Techniken“ fordert Mausfeld daher, dass wir uns unserer inneren Strukturen bewusst werden müssen, wenn wir uns über unser Schafsdasein erheben wollen:

„Daher wurde seit den historischen Anfängen versucht, Machttechniken zu entwickeln, mit denen sich unsere moralischen Sensitivitäten gleichsam unterlaufen lassen, die also weniger Widerstand im Volk aktivieren. Diese Machttechniken werden heute oft als Soft Power bezeichnet. Soft Power ist das gesamte Spektrum von Techniken, die öffentliche Meinung zu manipulieren. Vermittlungsinstanzen für diese Formen der Machtausübung sind – unterstützt durch Stiftungen, Think Tanks, Elitenetzwerke und Lobbygruppen – insbesondere private und öffentliche Medien, Schulen und der gesamte Erziehungs- und Ausbildungssektor sowie die Kulturindustrie. Die Wirkungen von Soft-Power-Techniken sind für die Bevölkerung weitgehend unsichtbar; es ist also kaum mit Protesten gegen diese Formen der Indoktrination zu rechnen. Machtökonomische Gründe sprechen dafür, vorwiegend Soft Power einzusetzen und diese Techniken auf der Basis einer wissenschaftlichen Erforschung unserer kognitiven und affektiven Eigenschaften für Manipulationszwecke zu verfeinern und zu optimieren. Dies ist in den vergangenen hundert Jahren in sehr systematischer und folgenreicher Weise geschehen.“

Eine Friedensbewegung, die sich dieser Mechanismen und Techniken kaum bis gar nicht bewusst ist, hat praktisch keine Chance, sich der seit gut 100 Jahren weiterentwickelten Soft Power erfolgreich zu entziehen. Einer der wichtigsten Mechanismen von Soft Power besteht nämlich im guten, alten Teile-und-herrsche-Prinzip:

„Dividiere die Menschen an ihren Sollbruchstellen auseinander und sorge so dafür, dass sich die Massen niemals einig werden, so dass sie niemals alle gemeinsam gegen dich aufbegehren können.“

Das erreicht man zum Beispiel durch Aufhetzung und durch das Erzeugen von Hass. Gerade weil die meisten Menschen (nach Erich Fromm) in einem Haben- statt in einem Seinsmodus leben, ist es sehr leicht, ihren Neid und ihre Missgunst hervorzukitzeln, wie das zum Beispiel die AfD im vergangenen Wahlkampf sehr anschaulich umgesetzt hat. Im von der AfD angestrebten Faschismus würde am Ende jeder jeden observieren – in der Hoffnung, durch entsprechende Denunziation irgendwelche Vorteile in Form von Belohnungen zu ergattern.

Friedensarbeit muss daher auch die Aufklärung über den zeitgenössischen Gesellschaftscharakter einbeziehen, um Nasenringe und Fesseln im Kopf der Bürger überhaupt erkennen zu können.

Dabei muss selbstverständlich jeder erst einmal bei sich selbst beginnen, denn im Vergleich dazu ist es relativ leicht, bei anderen seelische Verwerfungen festzustellen oder auch nur zu vermuten, wenn man sich selbst stets als „gut und richtig“ wahrnimmt.

In seinem Vortrag „Das falsche Leben – Ursachen und Folgen unserer normopathischen Gesellschaft“ legt der Psychotherapeut Dr. Hans Joachim Maaz dar, dass wir in Strukturen leben, die gewissermaßen durch Ersatz-Egos geprägt sind. Weil wir in unserer Kindheit – oft schon als Säugling – traumatisiert wurden, mussten wir unser sich gerade entwickelndes Selbst aufspalten; wir durften beziehungsweise konnten unerwünschten Selbstanteilen nicht gestatten, sich zu entwickeln, weil wir auf die Zuwendung der zensierenden Mutter angewiesen waren.

In der Folge bildeten wir Ersatz-Selbste heran, die ich kurz als Egos bezeichne und die dazu dienen, den Schmerz und das funktionelle Fehlen der abgespaltenen Selbstanteile zu kompensieren. Weil wir dadurch auf Ersatzbefriedigungen angewiesen sind, funktioniert überhaupt nur die Produktreklame, die in ihrer Struktur und Wirksamkeit genau dasselbe ist wie jede andere Propaganda auch.

Der Kapitalismus ist quasi darauf angewiesen, dass er uns immer weitere Bedürfnisse einreden und uns immer mehr unnützes Zeug andrehen kann, weil Ersatzbefriedigung eben nicht befriedet, sondern sehr schnell Hunger nach mehr und Weiterem entstehen lässt.

Edward Bernays: Wie man die Massen steuert

In seinem Buch „Propaganda – Die Kunst der Public Relations“ hat der PR-Berater Edward Bernays bereits im Jahre 1928 – für heutige Verhältnisse sehr deutliche – Worte gefunden, um die Notwendigkeit von Propaganda (die schon damals negativ konnotiert war) und deren Beschönigung als Public Relations zu begründen:

„In klarer Sprache, frei vom heute verbreiteten Branchenvokabular, legt er in Propaganda dar, worin sich Public Relations von Werbung unterscheidet. Er begründet, warum es von elementarer Bedeutung ist, die Meinung der Massen zu steuern – und erklärt an ganz konkreten Beispielen, wie das geht. Freimütig berichtet der Freud-Neffe, wie sich über den gezielten Zugriff auf das Unbewusste Waren verkaufen oder gesellschaftlich unpopuläre Maßnahmen durchsetzen lassen. Er schafft damit bis heute gültige Grundlagen für Unternehmens- und Regierungskommunikation und einen Klassiker des 20. Jahrhunderts.“

Wir als „Mitglieder“ und Unterstützer der Friedensbewegung müssen über solche Dinge Bescheid wissen, weil wir sonst an der Realität vorbei argumentieren. Letztendlich sollte es ein Ziel sein, alle Menschen von der Realität ihrer implantierten Gehorsams- und Unterwerfungsneigungen, von der Existenz ihrer abgespaltenen Selbstanteile und von der Tatsache, dass sie sich ihre Autonomie in der Regel nur einbilden, zu überzeugen.

Wir müssen lernen, uns vor gezielter Manipulation durch Staats- und Produktpropaganda zu schützen, indem wir unsere eigenen psychischen Untiefen erforschen und erkennen, warum wir so empfänglich für diese perfide Art der Manipulation sind.

Erst dann wären wir bereit dazu, autonom aus einem eigenen inneren Kern der Bewusstheit zu handeln. Wir wären dann nicht mehr außengesteuert, sondern fänden in uns selbst die Richtlinien der Beurteilung und Wertung äußerer Umstände. Kurz: Wir wären autonom.


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Quellen und Anmerkungen:

(1) Erich Fromm, Anatomie der menschlichen Destruktivität
(2) Sigmund Freud, Schriften aus dem Nachlass
(3) Franz Ruppert & Harald Banzhaf, Mein Körper, mein Trauma, mein Ich, Seite 8
(4) Judith Herman, Die Narben der Gewalt, Seite 20
(5) Arno Gruen, Der Verlust des Mitgefühls, Seite 16
(6) Stanley Milgram, Das Milgram-Experiment, Buchumschlag

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