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Die medial forcierte Demokratie-Illusion

Die medial forcierte Demokratie-Illusion

Polit-Talkshows gehören zu den großen Filterblasen unserer Zeit. Sie geben vor, einen offenen und breiten Diskurs zu hegen, doch in Wirklichkeit sind sie nur eine Bühne zur Simulation von Diskurs.

Die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit könnte kaum größer sein: Die großen Polit-Talkshows, wie sie mehrmals wöchentlich in den Fernsehkanälen zu finden sind, verstehen sich als öffentliche Diskursplätze für die großen politischen und gesellschaftlichen Themen unserer Zeit. Doch die Realität ist: Es handelt sich bei Ihnen um maßgeschneiderte Konzepte, deren Aufgabe es ist, ein ums andere Mal einen öffentlich-deliberativen Diskurs zu simulieren, mit dem Ziel, die politische Wirklichkeiten zu verschleiern.

Die Auswahl der Gäste, die Fragen der Moderatoren, die Einspieler, aber vor allem auch die Art und Weise, wie die Themen für die Sendungen formuliert werden, verdeutlichen: In den großen Polit-Talkshows kommt eine der zentralen Verschleierungsmethoden zum Vorschein, die in unseren Gesellschaften immer dann Anwendung findet, wenn es darum geht, die fatalen Weichenstellungen der Herrschenden auszublenden.

Der französische Soziologe Pierre Bourdieu sprach in seinen Schriften von einem „Verstecken durch Zeigen“. Die Talk-Shows, ihre Redaktionen, ihre Gäste, ja, das gesamte Diskurssimulationstheater zeigt jede Woche sehr viel - teilweise 75 Minuten lang. Doch das „Gezeigte“ zeigt eben nicht das, was es vorgibt.

Egal ob das Thema Armut, Trump, Russland oder Euro heißt: Eine Debatte über Ursachen, Gründe und Zusammenhänge ist in diesen Formaten nicht zu finden. Vorzufinden sind stattdessen jene realitätsverzerrenden Wirklichkeitskonstruktionen, die ein mediales und ein politisches Feld in einem komplexen und kaum sichtbaren Prozess sozialer Übereinstimmung „ausgehandelt“ haben.

Ein Prozess, an dessen Ende immer ein von einem zustimmenden Glauben an die herrschenden Verhältnisse getragene Perspektive steht, von der aus jede Form einer wahrlich kritischen Auseinandersetzung oder gar Subversion unmöglich ist. Die tatsächlich Verantwortlichen für die jeweiligen schweren Krisen, über die man zu diskutieren vorgibt, sind von dieser Perspektive aus nicht zu sehen. Dies wird beispielsweise auch anhand der Sendung Hart aber Fair vom vergangenen Montag deutlich.

In einem Titel wie „Giftgas gegen syrische Kinder – werden wir schuldig durch wegschauen?“ verdichtet sich durch eine Akzentuierung, die darauf setzt, Scheindebatten in den Mittelpunkt zu stellen, anschaulich das Prinzip Verstecken durch Zeigen.

Wer in den angeführten Titel etwas länger „reinhört“, kann erkennen, wie durch das Setzen des Schlaglichts ein Licht-Schattenspiel entsteht, das Aufmerksamkeit auf sich zieht und darauf abzielt, den Betrachter etwas sehen zu lassen, ohne dass er tatsächlich etwas sieht.

Geschickt lenkt das Wort „Kinder“, das automatisch viele Emotionen und Konnotationen beim Betrachter des Titels freisetzt, den Blick von der rationalen Verstandesebene hin zur Gefühlsebene. In Verbindung mit dem Begriff „schuldig“ entsteht ein hochemotionales Sprachbild, dem sich nur schwer entziehen lässt.

Damit klargestellt wird, dass sich niemand den Gefühlen, die beim Lesen des Titels erzeugt werden, entziehen kann, fügt man das unscheinbare Wörtchen „wir“ ein und lässt es seine Wirkung entfalten. Wer die zentralen Begriffe in dem Titel (Wir + Kinder + schuldig) liest, versteht schnell, dass die Frage, die darin enthalten ist, allenfalls den Charakter einer rhetorischen Frage hat. Im Grunde genommen geht es um eine Aussage, die lautet: Wir alle sind schuldig. Aber noch mehr: Sie nimmt das Ergebnis schon vorweg. Wir müssen eingreifen – schließlich geht es um unschuldige Kinder.

Dieser Titel ist im Hinblick auf einen Journalismus, der in der Tradition von Aufklärung steht, geradezu perfide.

Es wird nicht etwa mit zentralen Fakten operiert, wie etwa: Der Angriff auf Syrien war ein schwerer Bruch des Völkerrechts: Wie soll die Regierung damit umgehen?

Vielmehr setzt die emotionalisierende Ansprache darauf, dass sich die Frau auf dem Markt, die Altenpflegerin, der Maurer oder der Bäcker, der sich die Sendung anschaut, „schuldig“ dafür fühlt, dass syrische Kinder durch Giftgas ums Leben kommen.

Wobei: Wer ist wirklich mit dem „wir“ gemeint? „Wir“, die Bevölkerung? Oder sind die Entscheider aus der Politik gemeint?

So, wie die Frage gestellt ist, entsteht eine Unschärfe, in deren Radius die Grenzen von Verantwortlichkeit verwischen und die Beliebigkeit Einzug hält.

Doch das ist kein Zufall. Hierbei geht es nicht um eine etwas unglückliche Formulierung des Titels, weil etwa der Chefredakteur mit dem Auto im Stau stecken geblieben ist und der Praktikant sein neues iPhone beschädigt hat.

Das Innerste dieser Talkshow-Formate, ihre eigene DNA, definiert, dass sie, genauso wie der Titel, Unschärfen forcieren und am Ende jener 60- oder 75-minütigen Diskurssimulationen durch ein lautes Rauschen jeden ernsthaften Diskurs überlagern.

Die Wahrheit ist: Sie müssen so sein, wie sie sind, denn wenn sie wirklich anders sein sollten, müssten sie ihre eigene DNA zerstören – und das würde ihr Aus bedeuten.

In politischen Talkshows können nur Scheindebatten geführt werden, da der Schleier, der um die Gegenwartsprobleme gelegt ist, erhalten bleiben soll.

Man stelle sich nur einmal vor, was wäre, wenn Talkshows aufhören würden, Gäste einzuladen, die eingeladen werden, damit nicht über die Probleme diskutiert wird.

Man stelle sich vor, was wäre, wenn stattdessen Personen in den erlauchten Kreis der legitimen „Diskursproduzenten“ eintreten dürften, die öffentlich vor einem Millionenpublikum mit Sachverstand im Rahmen einer wohlausgewogenen Diskussion die fatalen Weichenstellungen der politisch Verantwortlichen dekonstruieren würden.

Das politische Feld, dessen Angehörige Medien und natürlich insbesondere auch: die großen Polit-Talkshows nutzen, um Denkrichtungen und Diskurslinien zu etablieren, wäre in heller Aufregung.

Und, das ist kein Geheimnis: Auch so manche Angehörige des journalistischen Feldes, die vor allem auf den oberen Rängen einen starken Hang zur Anerkennung der herrschenden Verhältnisse haben, wären über Analysen, Ansichten und Meinungen im reichweitenstarken Raum der Öffentlichen-Rechtlichen, die ihren Positionierungen und Wirklichkeitsdeutungen entgegenstehen, alles andere als erfreut.

Allerdings: Wer diese Verhältnisse erkennt, darf nicht den Fehler machen, anzunehmen, dass hier Redaktionen „von oben“ gesteuert würden. Es geht nicht um Regieanweisungen vonseiten der Politik oder irgendeiner finsteren Gruppe, die die totale Macht über die Ausrichtung der Talkshows hat. Talkshows sind die Blitzableiter einer Gesellschaft, in der Debatten innerhalb der großen Medien oftmals nur noch auf Simulationsebene ablaufen.

Der schmale Meinungskorridor, die Undurchdringlichkeit der herrschenden Sicht im medial-öffentlichen Raum der Talkshows (genauso wie der großen Medien) ist nur deshalb möglich, weil eine nicht geringe Zahl von Journalisten tatsächlich die gesellschaftliche und politische Wirklichkeit so wahrnimmt, wie sie in der Ausrichtung der verschiedenen Talkshows zum Vorschein kommt.

Mit Blindheit ist geschlagen, wer bei der genaueren Betrachtung dieser Formate nicht erkennt, dass handlungsleitende Ansichten und Überzeugungen bei der Themensetzung und Gestaltung der Talkshows eine Rolle spielen, die einer objektiven (soweit das eben möglich ist) journalistischen Erfassung entgegenstehen.

Die Tage ist viel von Filterblasen die Rede. Eine der größten und am leichtesten zu erkennenden Filterblasen dieser Zeit sind die politischen Talkshows.

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