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Die Matrix

Die Matrix

Unsere sogenannte Realität hat den Tiefgang einer Badeente.

Dass man uns überhaupt in der einen oder anderen Weise daran erinnern muss, ist erstaunlich. Offensichtlich sind wir Menschen seit jeher so konditioniert, dass wir permanent an der Wahrheit vorbei leben. Dabei hat das Konstrukt, das sich unser Verstand zum überleben zurechtgeschustert hat und das wir fälschlicherweise für die Realität halten, allenfalls den Tiefgang einer Badeente. Der vor zwei Jahren verstorbene Physiker Ernst Senkowski verglich das Gefälle zwischen dem menschlichen Bewusstsein von der Welt und der Welt an sich mit einem Trichter, an dessen unteren Ende wir die Restbestände dessen empfangen, was an Einsichten oben hinein gegeben wird. Senkowski:

„Oben ist das erweiterte System und unten sitzen wir. Jetzt wird oben ein Bündel Heu hinein geworfen und bei uns landet allenfalls ein dünner Strohhalm. Damit werden wir noch eine Weile leben müssen.“

Aber selbst der dünne Strohhalm, auf dem wir herum kauen dürfen, vermittelt eines doch ganz klar: Wir sind endlich. So endlich wie alles, was sich um uns herum materialisiert hat oder noch materialisieren wird. Dies ist wohl die einzige Erkennnis, über die wir beim besten Willen keinen Dissens erzielen können. Wir wissen insgeheim alle, dass unsere Erscheinung nichts weiter ist, als ein aufblitzender Wassertropfen auf dem Kamm eines zerstörerischen Tsunamis. Der Mensch besitzt nichts, weder seinen Körper, der ihm jederzeit genommen werden kann, noch irgendeine Wahrheit, die ihm beim nächsten genauen Hinsehen ohnehin wieder abhandenkommt. Alles, was auf uns Eindruck macht, gehört uns nicht, es sind flüchtige Leihgaben. Wir sind Gespenster, die sich über ihre Einbildungen definieren…

Blicken wir uns in der Geschichte um. Was sehen wir? Wir sehen Milliarden von Toten. Von Urbeginn an starben Menschen, Tiere und Pflanzen dahin wie Schaumkronen auf dem Meer. Wir leben aus dem Nachlass Verstorbener und erleben uns inmitten von Todeskandidaten. Was machen wir also für ein Aufhebens um uns? An dieser Stelle passt das Goethe-Wort wie die Faust aufs Auge:

„Man kann die Erfahrung nicht früh genug machen, wie entbehrlich man in der Welt ist.“

Dies war mit Sicherheit nicht der Satz, mit dem der Dichterfürst seine große Gefolgschaft rekrutierte. Obwohl er uns aus dem Dilemma des Unwissens und der Ratlosigkeit befreien könnte. Denn wenn jeder Mensch zu einer derart demütigen Haltung fände, wäre auch jeder Versuch, sich in der kurzen Erdenexistenz bis zur Lächerlichkeit aufzublasen, überflüssig. Ein Traum, klar, aber doch ein schöner. Nein, nein, wir stellen uns dem Leben nicht, wir halten an der Badeente fest.

Der Trichter, von dem Ernst Senkowski sprach, lässt uns von der Erkenntnis-Ernte nur einen dünnen Strohhalm übrig. We are people with a straw, wir erkennen gerade noch die Cola, in die wir unseren Strohhalm stecken. Wirklich vertraut sind wir nur mit dem kapitalistischen Cola-Imperium, seinen Gesetzen und scheinheiligen Werten. An ihm orientieren wir uns, das ist unser Maßstab. Den Mut, seinen eigenen Intentionen nachzugehen und sein eigener Wahrheitssucher zu werden, bringen nur noch wenige Menschen in dieser verängstigten, überwachten und auf Sicherheit bedachten Leistungsgesellschaft auf, die mit Hilfe ihrer gleichgeschalteten Medien perfekt auszusortieren versteht, was nicht mit dem Strom schwimmt.

So tapsen wir also blind durch das fantastische Mysterium unseres Lebens. „Erst wenn unsere Zeit abgelaufen ist“, schrieb ich einmal an anderer Stelle, „und es ans Sterben geht, wohlmöglich erst in der Sekunde, wenn unser Atem reißt, wenn wir loslassen müssen und keine Möglichkeit mehr besteht, sich ins vertraute Leben zurück zu beißen, erst dann erkennen wir unsere Defizite, die unsere persönliche Geschichte geprägt haben. Erst dann sind wir empfänglich für die Wahrheit, die wir so grandios verpasst haben.“

Ob wir tatsächlich noch sehr lange auf dem einen dünnen Strohhalm der Erkenntnis kauen müssen, wage ich jedoch zu bezweifeln. „Alle Materie entspringt und existiert nur durch eine Kraft,“ behauptete Max Planck, der Vater der Quantenphysik. „Wir müssen annehmen, dass hinter dieser Kraft ein bewusster, intelligenter Geist steht. Dieser Geist ist die Matrix aller Materie.“ Bisher geht die Wissenschaft noch sehr materialistisch vor. Sie begreift das Leben als Versuchskaninchen, dem man seine Geheimnisse auf dem Seziertisch entreißt. Das ist dumm und anmaßend. Sie können noch so tief in den Mikro- oder Makrokosmos steigen, sie können die Dinge in Zahlen fassen oder ihnen Namen geben, dem göttlichen Mysterium kommen sie damit nicht auf die Spur. Es sind nur Zahlen und Namen, es sind nur Etiketten. Etiketten sind keine Weisheiten, Etiketten haben keine Seele. Und sie berauben uns der Ehrfurcht. Ein ehrfürchtiger Mensch akzeptiert den Zusammenhalt materieller und nichtmaterieller Existenz, er weiß, dass sich das Mysterium des Lebens niemals zu Wissen reduzieren lässt. Bewusstsein ist keine Frage des Lernens, es ist eine Frage des Verlernens geworden. Nur so erlangen wir Vertrauen, nur so werden wir frei von Angst.

Mit der Quantenphysik verfügt die Wissenschaft nun über ein Instrument, das in der Lage ist, eine Brücke zu bauen zwischen dem religiösen Potential des Menschen und seinem Verstand, zwischen Religion und Wissenschaft. Natürlich hadert die klassische Physik bis heute mit ihr. Der Vorwurf lautet auf Verrat am Ideal eines rationalen Weltbildes, auf Mystizismus oder zumindest Beihilfe dazu. Dabei lässt sich, was heute noch als paranormal gilt, durchaus wissenschaftlich erklären. Diese Erklärungen fordern dem Zuhörer jedoch einiges ab.

Er muss sich von seiner herkömmlichen Denkweise verabschieden, die ja doch nur durch retten will, was der Verstand ihr diktiert. Unser Verstand ist dazu gedacht, die Welt zu manipulieren, damit wir sie auf unsere Art begreifen und greifen können, was für das Überleben der menschlichen Spezies natürlich nicht unwichtig ist. Mit der eigentlichen Wahrheit aber hat das nichts zu tun. Was wir als Welt, als Realität wahrnehmen, hat mit der Wirklichkeit nichts zu tun. Realität kommt vom lateinischen res, das Ding. Der Mensch lebt in einer dinglichen Wirklichkeit. Aber die Wirklichkeit ist viel mehr als das.

Ich hatte das Glück, den 2014 verstorbenen Quantenphysiker Hans-Peter Dürr während eines Vortrages zu erleben. Dort hörte ich ihn folgende Worte sagen: „Lange ging man davon aus, dass das Atom das kleinste aufzufindende Teilchen ist. Dann hat man festgestellt, dass dieses Teil noch eine Struktur hat. Irgendwann fand man heraus, dass sich hinter dieser Struktur eine Form verbirgt, die unteilbar ist, die aber eine viel fundamentalere Bedeutung hat als Materie. Wir bezeichnen diese Form hinter der Materie als Geist, der letztlich der Ursprung allen Seins ist. Jetzt fragen Sie sich mit recht, wie soll ich mir das vorstellen, eigentlich bräuchte es eine neue Sprache, um mir das nahe zu bringen. Richtig, aber diese neue Sprache gibt es bereits, es ist die Quantenphysik.

Die Quantenphysik hat herausgefunden, dass Geist und Materie sich zueinander verhalten wie die Ahnung zum Gedanken. Bevor wir einen konkreten Gedanken fassen, gehen wir durch ein Stadium, wo wir sagen, ich habe eine Ahnung. Und jetzt frage ich Sie, was ist eine Ahnung? Man kann es nicht sagen. Wenn wir nämlich über das sprechen, was eine Ahnung ist, verwandeln wir die Ahnung schon in etwas konkretes, in Bilder. Aber die Ahnung kommt, bevor man gesprochen hat. Wir können also sagen, die Wirklichkeit hat mehr die Form einer Ahnung, bevor ein konkreter Gedanke in unserem Kopf willkommen ist. Jede Ahnung führt zu einem konkreten Gedanken, aber wenn der da ist, verschwindet die Ahnung und das, was ursprünglich da war, ist nun auf diesen einen Gedanken beschränkt, das andere ist verschwunden. Eigentlich handelt es sich jedes Mal um einen wahren Massenmord an gedanklichen Angeboten, welche sich ebenso gut hätten zeigen und manifestieren können.“

Quanten sind extreme Wesenheiten, die wissen, ob ich hinschaue oder wegschaue. Wenn ich bewusst hinschaue bringen sie andere Ergebnisse, als wenn ich wegschaue. Sie spielen mit uns und werfen uns einen Zufall nach dem anderen in den Weg. Mehr als eine Ahnung lassen sie jedoch nicht zu. Aber diese Ahnung ist wertvoller als jede Information, die durch den Verstand gefiltert wird. Sie berührt unseren innersten Wesenskern, ich will es mal pathetisch ausdrücken; sie küsst unser Herz und formt unsere Seele. Sie macht unsere Verbundenheit mit dem allumfassenden Ganzen - man könnte es auch Gott nennen - deutlich.

„Das alles ist mit unserem herkömmlichen Physikverständnis nicht vereinbar,“ gab Hans-Peter Dürr in dem besagten Vortrag zu. „In unserer Realität ist nicht möglich, was in der Quantenwelt passiert. Und dennoch passiert uns nur, was dort vorgeschrieben ist. Ich möchte es vergleichen mit dem Schreiben eines Gedichtes. Die Natur hat vor, ein Gedicht zu schreiben, Inhalt und Form stehen noch nicht fest. Aber sie weiß, dass es nie ein Gedicht geben wird, wenn die Buchstaben gegeneinander kämpfen, um herauszufinden, welcher von ihnen der Bessere ist. Also sorgt sie dafür, dass sie sich arrangieren und erste Kombinationen bilden, die zunächst nur ein fürchterliches Blabla ergeben. Aber dieses Blabla ist bereits eine erste Ausdrucksform, die höher zu bewerten ist, als der einzelne Buchstabe. Die Kooperation hat sich also bewährt. Mit der Zeit differenziert sich das Blabla aus und bildet Worte, die sich irgendwann zu Sätzen fügen. So ungefähr funktioniert Evolution. Welches Gedicht am Schluss entsteht, ist nicht vorherbestimmt. Dass ein Ziel vorgegeben ist, auf das wir uns hin entwickeln, das sehe ich überhaupt nicht. Die Schöpfung der Welt ist ein andauernder Prozess und in jedem Augenblick ein Gesamtkunstwerk. Nichts und niemand kann sich aus diesem Prozess herausnehmen. Das ist keine Behauptung, das ist ein Naturgesetz.“

An dieser Stelle hätte ich ein Goethe-Wort parat, das vermutlich besser verstanden wird, als das oben genannte:

"In dem Augenblick, in dem man sich endgültig einer Aufgabe verschreibt, bewegt sich die Vorsehung auch. Alle möglichen Dinge, die sonst nie geschehen wären, geschehen, um einem zu helfen. Ein ganzer Strom von Ereignissen wird in Gang gesetzt durch die Entscheidung, und er sorgt zu den eigenen Gunsten für zahlreiche unvorhergesehene Zufälle, Begegnungen und Hilfen, die sich kein Mensch vorher je so erträumt haben könnte. Was immer du tun kannst oder wovon du träumst, fang es an. In der Kühnheit liegt Genie, Macht und Magie.“

Es heißt, dass sich unser Gehirn während des Schlafs gegen die Außenwelt schützt, dass es dann viel weniger empfindlich auf Geräusche, Gerüche und Licht reagiert. Dagegen wird es von innen her mit einem wahren Traumgewitter bombardiert. Milliarden von Bildern tauchen so jede Nacht auf und zerstreuen sich sofort wieder. Sie umgeben die Erde wie ein Umhang. Ein Umhang, der von allen Kulturen, von allen Menschen, die jemals gelebt haben, gewebt wurde und in den wir uns jederzeit hüllen dürfen. Er ist vorhanden, sozusagen als Erbe der Menschheit. Wenn wir also von einer besseren Welt träumen, so können wir das nur deshalb tun, weil wir uns an diesem Schatz bedienen dürfen.

Der Mensch hat sehr wohl die Möglichkeit, seine Zukunft zu gestalten. Die Zukunft ist nicht auf eine noch nicht gewusste Vergangenheit zu reduzieren, die Zukunft ist wirklich offen und deshalb brauchen wir das Instrument der Hoffnung. Die Hoffnung gibt uns eine Vorstellung davon, wie wir in Zukunft leben wollen. Hoffnung kann realisiert werden! Sie ist praktisch die Energiequelle der Zukunft. Die Naturgesetze sagen uns, wir können mit der Zukunft spielen, kreativ spielen.

Wenn wir wirklich daran interessiert sind zu leben, anstatt nur zu überleben, wenn wir anerkennen, dass die Quantenwelt für unseren Verstand eine No-Go-Area ist, dass wir lernen müssen, die Wahrheit auf andere Weise zu empfangen, erst dann geraten wir in Verbindung mit dem Mysterium der Schöpfung. Dann erkennen wir, dass wir nicht in unserem Körper leben, sondern dass unser Köper in uns lebt und stirbt. Die Natur ist ein unendlich geteilter Gott, hat Friedrich Schiller gesagt und wir sind Teil dieses Ganzen, in dem auch unser Körper zwischendurch aufgetaucht ist.

Ich will mir kein Urteil mehr erlauben, über nichts. Ich halte es lieber mit dem Dichter Peter Handke: „Irgendwann habe ich beschlossen, dass alles fremd ist und alles neu ist und alles unentdeckt. Und das hilft mir auf die Sprünge. Es ist noch nichts erzählt.“

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