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Die Macht-Frage

Die Macht-Frage

Psychologische Erkenntnisse legen nahe, dass nur eine gewalt- und hierarchiefreie Erziehung eine friedliche Welt schaffen kann.

Wieder marschierten an Ostern Tausende Friedensaktivisten und NATO-Gegner durch deutsche Städte. Unter dem Motto „Abrüsten statt Aufrüsten — keine neuen Mittel-Strecken-Raketen in Europa!“ forderten die Demonstranten, dass alle Atomraketen aus Deutschland abgezogen und deutsche Soldaten nicht mehr im Ausland eingesetzt werden. Auch eine Verständigung mit Russland und einen Austritt aus der NATO verlangten sie.

Doch „die da oben“ handeln aus dem Gefühl des Herrschens heraus, sie lassen sich ihre Gewalt nicht nehmen und sind gerüstet. Sie sind Kranke, Neurotiker, Wahnsinnige. Und „wir da unten“? Wir lassen uns von der Autorität hereinlegen und folgen ihr jedes Mal, wenn sie uns ruft. Wir können nicht nein sagen und marschieren immer wieder auf das Feld der Ehre, in den Tod. Um dieses Phänomen zu verstehen, sollten wir auch die Ergebnisse der psychologischen Forschung in Betracht ziehen. Ohne psychologische Bildung kann die Menschheit nicht vorankommen.

Wie lösen wir die dringenden Menschheitsfragen?

Eines der dringendsten Probleme ist das der Gewalttätigkeit. Krieg ist die Verherrlichung der Gewalt. Er ist ein uraltes Menschheitsübel, die größte Geißel der Menschheit. Gewalt und Krieg entsprechen nicht der Natur des Menschen. Kriege sind heute nicht mehr verantwortbar. Angriffskriege sind Völkerrechtsverbrechen und führen wegen der zerstörerischen Wirkung der mörderischen Waffensysteme in der Regel zum Genozid.

Auch die Ideologie der Macht, dieser fürchterliche Irrtum des Menschengeschlechts, vergiftet die Atmosphäre unserer Kultur, und die allseitige Infektion durch den Bazillus der Machtgier führt immer wieder zu epidemischen Auswüchsen wie Krieg und Terror, die Millionen von Menschen dahinraffen wie die Pest im Mittelalter. Die Machtgier derer, die innerhalb der Völker als Obrigkeit fungieren und durch ihre soziale Stellung vom Geist der Gewalt durchdrungen sind, führt ständig neu zu kriegerischen Auseinandersetzungen, in denen die Völker zugunsten ihrer Herren und Ausbeuter verbluten.

Doch die Menschheit weiß nicht, wie sie diese Probleme lösen kann. Massendemonstrationen zu veranstalten reicht nicht aus. Die einen fordern den Aufbau eines breiten und gut organisierten Basisnetzwerkes der Friedensbewegung (wie Michel Chossudovsky), andere sehen eine Möglichkeit im „Zivilen Ungehorsam“ (wie ehemals Martin Luther King). Wieder andere gehen auf die Straße, wenn ihnen ein Unrecht geschieht, und schlagen Fensterscheiben ein. Doch hundert und mehr Jahre Geschichte haben uns gezeigt, dass derjenige verspielt, der glaubt, er könne sich gegen den Staat auflehnen. Der Staat ist gut gerüstet.

Deshalb müssen wir — um die gestellte Frage beantworten zu können — auch die Ergebnisse der psychologischen Forschung in Betracht ziehen. Gewaltlosigkeit und Frieden müssen in den Gedanken und den sittlichen Handlungsprinzipien der Menschen und in der Solidarität, im Zusammengehörigkeitsgefühl, in der Brüderlichkeit, im Gemeinschaftsgefühl der Menschen verankert werden.

Die Generation der Erwachsenen kann das durch Aufklärung erlernen, zum Beispiel in einer Psychotherapie. Wirkungsvoller ist es, damit früher zu beginnen, in der Erziehung der Kinder.

Aufklärung als Reinigung des menschlichen Bewusstseins von individuellen und kollektiven Vorurteilen

Da die Politik in den Köpfen und Herzen der Menschen vorbereitet wird und die Menschen morgen so handeln, wie sie heute denken, braucht es vor allem Aufklärung. Der Sinn der aufklärerischen Bemühungen ist die Reinigung des menschlichen Bewusstseins von individuellen und kollektiven Vorurteilen. Vorurteile müssen durch Wissen ersetzt werden. Die Zukunft unserer Kultur wird wesentlich davon abhängen, ob es genügend Aufklärer geben wird, die imstande sein werden, den breiten Volksmassen jene Vorurteile zu nehmen, die der ideologische Hintergrund der Menschheitskatastrophen sind. In der heutigen Zeit, in der die Selbstvernichtung der Menschheit möglich erscheint, bedürfen wir mehr denn je der „freien Geister“, die uns lehren, was Wahrheit und was Lüge ist.

Ein Psychotherapeut, der ein wirklicher „Menschenkenner“ ist, könnte so ein Aufklärer sein. In einer therapeutischen Vertrauensbeziehung kann er seinem Gegenüber bewusst machen, dass der Mensch ein soziales Wesen ist, welches keine Gewalt und keine Unterdrückung braucht, und mit dem man auskommen kann. Wenn diese psychologische Basisarbeit geleistet worden ist, dann wird sich der Mensch für eine humane, friedliche und freiheitliche Gesellschaft in Bewegung setzen. Diese Kenntnisse der Psychologie müssen allen Menschen zugänglich gemacht werden, nicht nur Intellektuellen und Philosophen, sondern auch Erziehern, Eltern, der gesamten Bevölkerung. Der aufgeklärte Verstand kann gesunde Lebensziele entwickeln.

Eltern und Unterrichtende aufklären und sie zu einer gewaltlosen und vernunftgemäßen Erziehung ihrer Kinder und Schüler führen.

Wichtiger noch als die Aufklärung aber ist die Erziehung. Die Tiefenpsychologie hat uns deutlich gemacht, welch ungeheure Tragweite die Erziehung hat. Wir wissen heute, in welchem Maße der Mensch das Produkt seiner Erziehung ist, dass wir die Hoffnung hegen dürfen, durch bessere, das heißt psychologische Erziehungsmethoden Menschen heranbilden zu können, die gegen die Verstrickungen des Machtwahns gefeit sein werden.

In der heutigen gewalttätigen Kultur gerät der Weg des Einzelnen jedoch unweigerlich in den Einflussbereich des Macht- und Herrschaftsstrebens. Alle Vorbilder und Ideale, unter denen das Kind unserer Kulturkreise aufwächst, sind vom Machtwillen gefärbt.

Der Drang des Menschen nach Selbstvervollkommnung nimmt so unwillkürlich die Leitlinie der Machtgier an: groß sein, mächtig sein wird zum Ziel, das sich der Schwache setzt, um stark zu werden. Das Blendwerk der Gewalt ergreift von der Seele des Einzelnen bereits zu einem Zeitpunkt Besitz, wo er noch weder über bewusste Einsicht, noch über ein ausgebildetes Gerechtigkeitsgefühl verfügt. Der Abbau der Machtgier und des Gewaltstrebens ist deshalb kein Postulat von Moralpredigern: er ist die schlichte Notwendigkeit des gemeinschaftlichen Lebens.

Von immenser Bedeutung ist, dass die Pädagogik in Elternhaus und Schule auf das autoritäre Prinzip — das Jahrhunderte lang als fraglos gültige Grundlage des erzieherischen Verhaltens angesehen wurde — und auf Gewaltanwendung verzichtet. Erzieher haben sich mit wahrem Verständnis dem kindlichen Seelenleben anzupassen, haben die Persönlichkeit des Kindes zu achten und haben sich ihm freundschaftlich zuzuwenden.

Die Konsequenzen der gewalttätigen Erziehung, die zu Gehorsam und Mystizismus führt, ist in ihrem ganzen Ausmaß noch nicht erfasst worden. Nur absolute Freiwilligkeit und Gewaltlosigkeit in der Erziehung werden einen Menschentypus hervorbringen, der Beziehung zum Mitmenschen erlebt, kooperiert und keine „Untertanen-Mentalität“ besitzt — und darum für die Machthaber in unserer Welt kein gefügiges Werkzeug mehr sein wird.

Der Mensch, der durch die alte, traditionelle Erziehung, durch die Meinung der Religion, des Staates und der Autorität gegangen ist, der kennt keine andere Tendenz des Denkens und Fühlens. Er kennt keine andere Meinung. Er ist so manipuliert, dass er auf die Lockrufe der Autorität hereinfällt. Er ist so erzogen, dass er nicht nein sagen kann. Er ist so erzogen, dass er immer ja sagt. Die autoritäre Erziehung ergibt solche Gefühlsreaktionen.

Auch sollte die Erziehung vernunftgemäß sein. Die üblichen Störfaktoren in der autoritären Erziehung verstärken durch deren Verbindung mit mystischen Vorstellungen die seelische Irritation des Individuums. Wenn dem Kind in jungen Jahren mystische Vorstellungen aufgedrängt werden, kann es kein Gemeinschaftsgefühl entwickeln. Eine rationale Erziehung ohne jegliche übernatürliche Instanz ist der Weg zu einer gesunden Entwicklung des Menschen und der Gesellschaft.

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