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Die Macht der Propaganda

Die Macht der Propaganda

Die Genfer Affäre um die syrischen Weißhelme.

Der Krieg in Syrien, welcher nun schon sieben Jahre andauert, findet auf allen Ebenen des Hybrid-Krieges statt, er kann deshalb als dessen Modell dienen. Letzten Dezember hat dieser Krieg plötzlich auch die Schweiz heimgesucht, anlässlich eines zunächst banal scheinenden Vorfalls, einer Pressekonferenz über die Organisation der sogenannten „Weißhelme“ in Syrien. Dabei handelt es sich um eine NGO (Nichtregierungsorganisation), die 2013 von einem ehemaligen britischen Offizier gegründet wurde und gemeinhin als Hilfsorganisation galt, die Verwundeten und Opfern von Bombardierungen in den Rebellengebieten Erste Hilfe bot, Kandidatin für den Friedensnobelpreis war, in Hollywood mit einem Oscar ausgezeichnet wurde und in den westlichen Medien als Modell humanitärer Tugend präsentiert wird.

Die Organisation hat ihren Sitz in London und verfügt über finanzielle Mittel in Höhe von mehreren Dutzend Millionen Dollar pro Jahr, die in ihrer Mehrheit von der amerikanischen und englischen Regierung sowie von weiteren Nato-Mitgliedern stammen. Dank der Mitarbeit professioneller Kommunika¬tionsberater verfügt sie über eine starke Medienpräsenz im Westen sowie auf dem Fernsehkanal al-Jazira mit Sitz in Katar.

Es ist ganz klar, dass die Rebellen, Islamisten oder nicht, das Recht und sogar die Pflicht haben, Verwundeten und Opfern der Kampfhandlungen unter der Zivilbevölkerung beizustehen, und dass schon daher eine Organisation wie die „Weißhelme“ ihre Berechtigung hat. In diesem Fall wird jedoch ihre Neutralität stark in Zweifel gezogen.

Von Beobachtern vor Ort, von Analytikern des Syrien-Konflikts in den USA und natürlich auch von den offiziellen syrischen und russischen Medien, die ihr vorwerfen, ihre Hilfe einzig den Rebellen-Organisationen zukommen zu lassen und als Propagandainstrument zur Förderung der Rebellenanliegen in den westlichen Ländern zu wirken.

Dazu sollen sie auch als Deckmantel für bewaffnete Gruppen dienen, die keinerlei Hemmung haben, ihre Kalaschnikows und Granaten gegen ihre weißen Helme auszutauschen, wann immer dies nützlich ist und die Kameras auf sie gerichtet sind.

Weitere Argumente wie das Fehlen jeglicher Frauen in ihren Truppen und die praktische Unmöglichkeit für anerkannte Hilfsorganisationen, wie etwa Ärzte ohne Grenzen und dem IKRK, in ihren Einsatzgebieten zu intervenieren, nähren ebenfalls Zweifel an ihrer Unparteilichkeit, Neutralität und Unabhängigkeit, Qualitäten, die im Westen von allen humanitär tätigen NGO verlangt werden.

Pressegespräch mit Kritikern der syrischen Weißhelm-Organisation

Vor diesem Hintergrund hat sich Ende November 2017 eine Polemik entwickelt, die den „Schweizer Presseclub“, den ich in Genf leite, in arge Bedrängnis gebracht hat und die es verdient, im Rahmen dieses Beitrags dargestellt zu werden. Denn trotz ihres anekdotischen Charakters und ihrer begrenzten Bedeutung ist diese Affäre doch symptomatisch für das Funktionieren der Medien, vor allem dann, wenn sie sich auf der Trennlinie zwischen unterschiedlichen mächtigen, internationalen Kräften platzieren.

Mitte November 2017 nimmt die ständige Vertretung Russlands in Genf mit dem „Schweizer Presseclub“ Kontakt auf, da sie eine Pressekonferenz mit drei kritischen Rednern zur Frage der wirklichen Rolle der „Weißhelme“ im syrischen Konflikt organisieren will. Nachdem dies besprochen war, ist man übereingekommen, dieses Pressetreffen am Dienstagnachmittag, 28. November, durchzuführen. Dies war der Tag der Wiederaufnahme der Uno-Verhandlungen über Syrien.

Zu Wort kommen sollten dabei drei Personen: Richard Labévière, ehemaliger SRG-Journalist, ehemaliger Chefredaktor des französischen Radiosenders RFI [Radio France Internationale] und arabischsprechender anerkannter Nahost-Spezialist; Vanessa Beeley, englische Recherchier-Journalistin, Tochter eines ehemaligen englischen Botschafters im Nahen Osten und Syrien-Berichterstatterin für das russische Fernsehen Russia Today (RT); sowie der Präsident einer kleinen schwedischen Nichtregierungsorganisation von Ärzten für humanitäre Ethik.

„Es ist wichtig zu wissen, dass die Medien wie bei einer Treibjagd im Rudel jagen, wobei jeder versucht, als erster das tödliche Ende herbeizuführen. Dieser Nachahmungseffekt ist charakteristisch für die Funktionsweise der Medien, jedes Medium kopiert das andere, aus Angst, zu positiv über das Zielobjekt zu berichten und dafür selber angegriffen zu werden oder weil sonst ein Konkurrent sich der Trophäe bemächtigt.“

Einschüchterungskampagne durch die Dachorganisation der Weißhelme

Bereits am 21. November, noch bevor die öffentliche Medien-Einladung zur Konferenz erfolgt war, fordert mich ein Tweet der Syria Civil Defence (SCD oder Syrian Campaign), die Dachorganisation der Weißhelme mit Sitz in London, dazu auf, mich über diese Veranstaltung zu erklären und anzugeben, wer sie organisiere und mit welchem Ziel. Nach dem Austausch verschiedener Mails, der Ablehnung unsererseits, auf diese Forderungen einzugehen (wir haben keinen Grund, uns zu rechtfertigen, da unsere Plattform für alle offen ist, auch für die Weißhelme, falls sie dies wünschen), und dem Vorschlag, nach Genf zu kommen und ihre Sichtweise hier zu vertreten, weitet der SCD seine Einschüchterungskampagne auf alle Vorstandsmitglieder des Schweizer Presseclubs aus.

Während mehrerer Tage werden die Twitter-Konten der Vorstandsmitglieder von Mitgliedern des SCD und ihnen nahestehender Kreise mit Dutzenden von Tweets bedient, mit der Forderung, die Konferenz zu annullieren. Woher die Syrian Campaign von der Durchführung dieser Konferenz zu einem Zeitpunkt erfahren hat, als noch keinerlei öffentliche Information darüber verbreitet worden war, bleibt ihr Geheimnis.

Druck durch „Reporter ohne Grenzen“

Schließlich, als der Druck weiter steigt, verbreitet der Presseclub seine Einladung am Donnerstag, 23. November, nachmittags. Zwei Stunden später veröffentlicht die Organisation Reporters sans Frontières Suisse (RSF) [Reporter ohne Grenzen] ein Communiqué, in dem sie ihre Distanzierung von dieser Veranstaltung erklärt (RSF ist Mitglied des Schweizer Presseclubs), da sie diese für unangemessen halte, und verlangt ganz einfach deren Annullierung. Dieses Schreiben richtete RSF an sämtliche Vorstandsmitglieder des Presseclubs und an die lokale Presse.

Am frühen Abend erscheint die Mitteilung auf der Homepage der Tageszeitung „Tribune de Genève“ und wird in einigen weiteren Medien verbreitet. Im Verlaufe des Abends sende ich eine Antwort, in der ich meinem Erstaunen Ausdruck gebe über dieses Vorgehen einer Journalisten-Vereinigung, welche sich dafür einsetze, dass die Menschen „überall auf der Welt das Recht haben, freien Zugang zu Informationen zu haben und diese weitergeben zu können“.

Ich weise auch darauf hin, dass üblicherweise solche Forderungen von diktatorischen Regierungen ausgehen und nicht von Organisationen, die sich für die Meinungsfreiheit einsetzen, und dass die Annullierung dieses Treffens eine Zensur bedeute, die mit unserer Mission, internationalen Akteuren eine neutrale und offene Plattform zu bieten, nicht vereinbar sei.

Internationale Unterstützungskampagne für freie Meinungsäußerung

Die „Tribune de Genève“ veröffentlicht diese Antwort. Damit wird die Kontroverse öffentlich und nimmt an Intensität zu. Es entwickeln sich Initiativen zur Brandbekämpfung in Form einer internationalen Unterstützungskampagne für die Durchführung der Konferenz. Solidarische Mails und Tweets häufen sich beim Schweizer Presseclub mit der Ermahnung, dem Druck nicht nachzugeben und das Treffen aufrechtzuerhalten. Sie stammen von Universitätsprofessoren, von Forschern und Verteidigern der freien Meinungsäußerung aus den Vereinigten Staaten, Schweden, Großbritannien, Kanada, sogar aus Australien und Neuseeland und natürlich auch aus der Schweiz. Sogar ein prominentes Mitglied des Förderkomitees von Reporter ohne Grenzen Schweiz schickt mir eine Solidaritätsbotschaft, um den Druckversuch seiner eigenen Vereinigung zu verurteilen!

Pressekonferenz findet im geplanten Rahmen statt

Am 28. November findet die Pressekonferenz im geplanten Rahmen statt und vereinigt etwa 60 Personen. Nach der Verlesung einer Erklärung als Antwort auf die Zensurversuche und die Unterstützungskampagne präsentieren die drei Referenten ihre Argumente und antworten auf die Fragen der anwesenden Journalisten, die hauptsächlich die Glaubwürdigkeit und Legitimität der Vortragenden betreffen.

Gewisse Medien starten neue Angriffe auf den Presseclub und seinen Direktor

Am nächsten Tag berichtet das Radio der französischsprachigen Schweiz über die Affäre mit dem Titel: „Guy Mettan sieht sich erneut mit dem Vorwurf konfrontiert, als Unterstützer der russischen Propaganda zu dienen.“ Und „Le Temps“ überschreibt ihren fünfspaltigen Bericht mit dem Titel: „Der Schweizer Presseclub im syrischen Hexenkessel. Sein Direktor wird zunehmend wegen mangelnder Transparenz kritisiert.“ Die Weißhelme werden nur marginal oder gar nicht erwähnt. Die Genfer Behörden werden aufgefordert, ihre Unterstützung des Presseclubs zu begründen, da sein Direktor ein „doppeltes Spiel“ betreibe, indem er „äußerst fragwürdigen“ Sprechern eine Plattform verschaffe, ohne die Auftraggeber seiner Pressekonferenzen bekanntzugeben. Immerhin kann vermerkt werden, dass die Genfer Medien: die „Tribune de Genève“, der „Courier“ und „Léman bleu“, sich an die Fakten halten und darauf verzichten, Stellung zu nehmen.

Versuchte Annullierung der staatlichen Subvention für den Presseclub

Am späteren Nachmittag bezieht sich ein Mitglied der Finanzkommission des Kantonsrats auf diese Polemik und fordert bei der Verabschiedung des kantonalen Budgets 2018 eine Änderung, um die Subventionen des Schweizer Presseclubs (100 000 Franken) zu annullieren. Sein Antrag wird mit knappem Mehr angenommen.

Tags darauf wird die Polemik im Westschweizer Radio und in „Le Temps“ weiter angeheizt, indem sie die Annullierung der kantonalen Subventionen aufgreifen, um die Kritik am Direktor des Presseclubs und dessen Entscheid, die Pressekonferenz über die Weißhelme durchzuführen, zu verstärken.

Der Druck auf den Vorstand und gegen meine Person nimmt weiter zu, aber die Mehrheit bleibt standfest. Die internationale Unterstützungskampagne sowie die Diffamierungskampagne schlagen weiterhin hohe Wellen, denn die neuen Entwicklungen werden sofort in allen sozialen Netzen verbreitet und auf Englisch übersetzt.

Auf Grund der Aufhebung der Subventionen wird die Situation heikel. Ein befreundeter Spezialist in Fragen des Krisenmanagements bei medialen Diffamierungskampagnen rät mir, die amerikanische Strategie des „stay behind“ zu verfolgen und mich nicht mehr weiter an vorderster Front zu bewegen, da ich sonst Gefahr liefe, isoliert zu werden und als Zielscheibe zu dienen. Von nun an beantworten der Präsident und die Vizepräsidentin des Vorstandes die Journalistenfragen. „Le Temps“ weigert sich, meine Stellungnahme zu veröffentlichen unter dem Vorwand, es sei ja alles schon gesagt …

In der darauffolgenden Woche schreibt der Vorstand dem Präsidenten des Genfer Regierungsrats François Longchamp mit der Bitte, dass er in der Kantonsratssitzung einen Rückkommensantrag zur Annullierung der Subventionen stellt. Nachdem sich der Präsident vergewissert hat, dass der Pressclub seine Aufgaben gemäß dem Leistungsauftrag mit dem Kanton Genf erfüllt hat, ohne diesen zu unterlaufen, willigte er ein, einen Abänderungsantrag zum Budget einzureichen.

Gemeinsame Gespräche zwischen Medienvertretern und Presseclub

Zwei Tage später findet ein Treffen mit den Vertretern von „Le Temps“ und dem Verlag Ringier statt, damit sich alle in Ruhe und nicht über die Medien äußern können. Das Gespräch hilft, Spannungen abzubauen und die gegenseitigen Absichten und Überzeugungen besser zu verstehen. Es ermöglicht auch, den Kontakt wiederherzustellen, da „Le Temps“ einige Tage später, nach intensiven Diskussionen mit den anderen Vorstandsmitgliedern, entscheidet, Mitglied des Presseclubs zu bleiben und an den strategischen Überlegungen über dessen Zukunft, die im Jahr 2018 stattfinden werden, teilzunehmen. Dies ist eine wichtige Entscheidung, denn trotz der Unterschiede und der Schärfe der Kontroverse ist es wichtig, einen aktiven Pluralismus und das offene Gespräch unter den Mitgliedern des Schweizer Presseclub aufrechtzuerhalten.

Annullierung der staatlichen Subvention wird rückgängig gemacht

Am Freitag, dem 15. Dezember, nach intensiven Verhandlungen und der unvermeidlichen Reihe unbegründeter Angriffe wegen angeblicher mangelnder Transparenz, Vetternwirtschaft und „Putinophilie“ des Direktors usw. stimmte der Kantonsrat schließlich mit 49 zu 17 Stimmen bei etwa 30 Enthaltungen für die Gewährung der bisherigen Subventionen. Eine sehr klare Mehrheit, die es ermöglicht, etwas Ruhe ins Geschehen zurückzubringen. Die Medien informieren darüber, „Le Temps“ jedoch nutzt die Gelegenheit, die an den Club und seinen Direktor gerichteten Vorwürfe erneut aufzulisten.

Austritt von „Reporter ohne Grenzen“

Die nächste Etappe war Mittwoch, der 20. Dezember, als nach einem Treffen, das von Gérard Tschopp, Präsident von Reporter ohne Grenzen und ehemaligem Direktor des Westschweizer Radios, veranlasst wurde, dieser dem Presseclub ein Schreiben überbringt, in dem der Rücktritt der RSF aus dem Schweizer Presseclub mit sofortiger Wirkung erklärt wird mit Kopie an alle Vorstandsmitglieder und an die Medien. Am Abend wird die Sendung „Forum“ des Westschweizer Radios dem Thema RSF-CSP gewidmet, und am nächsten Morgen titelt „Le Temps“ „Erste Rücktritte aus dem Schweizer Presseclub“, andeutend, dass noch weitere folgen werden … Dieselbe Zeitung weigert sich bis heute, meine Richtigstellung zu veröffentlichen.

Die anderen Medien ignorieren diese Nachricht. Sie wird einzig auf der Webseite der Journalistenzeitung Edito veröffentlicht, auf eine weitgehend faire Art und Weise. Die Homepage der Weißhelme ihrerseits veröffentlicht einen 46seitigen Bericht, um die Journalisten anzuprangern, die sie anprangern, wobei sie mich selbstverständlich nicht auslassen.

Soviel zum Verlauf der Geschichte, die man noch anhand der veröffentlichten Artikel und Sendungen zu diesem Thema vertiefen kann.

„Eines der Hauptprobleme der Journalisten, die über die internationale Politik berichten, ist der Mangel an Vielfalt, der Mangel an Mitteln, die fehlende Präsenz vor Ort und vor allem die Tatsache, dass sie moralisierende Haltungen einnehmen, anstatt sich darum zu bemühen, die Informationen zu überprüfen und Fakten und Meinungen gegenüberzustellen. Die Kultur des Zweifels ist der Kultur der Gewissheit gewichen, gestützt auf die Einteilung der Welt in ein Lager des Guten und ein Lager des Bösen.“

Drei Lehren, die es sich zu merken gilt

In diesem Stadium stellen sich zwei Fragen: Warum ist diese Kontroverse ausgebrochen, obwohl unzählige andere kontroverse Themen mit viel fragwürdigeren Rednern im Schweizer Presseclub diskutiert wurden, ohne die geringste Reaktion von Reporter ohne Grenzen oder der Medien hervorzurufen? Und was ist mit den Vorwürfen an den Presseclub? Sind sie begründet? War es richtig, die Pressekonferenz durchzuführen? Welche Lehren können aus dieser Erfahrung gezogen werden? Ich denke, man kann drei Lehren daraus ziehen.

Erstens: Zu keiner Zeit haben sich die Medien für das eigentliche Thema der Pressekonferenz interessiert, nämlich die Rolle der Weißhelme und das Video sowie die Fakten und Argumente, welche die Redner gegen sie vorbrachten. Das Westschweizer Radio zum Beispiel hat kein Wort über die Weißhelme geäußert: Bei diesem Medium ging es ausschließlich um meine Person und meine Legitimität als mutmaßlicher „pro-russischer“ Direktor des Presseclubs sowie um die Legitimität und Glaubwürdigkeit der Redner, die sich zu diesem Thema geäußert haben.
Anstatt auf das von den Rednern mit konkreten Beispielen aufgezeigte mögliche Fehlverhalten der Weißhelme einzugehen, konzentrierte sich die Aufmerksamkeit der Medien ausschließlich auf das vermutete „Fehlverhalten“ des Presseclubs. Einzig die „Tribune de Genève“ fasste zusammen, was auf der Pressekonferenz gesagt worden war (unter Beibehaltung einer gewissen Zurückhaltung, was nicht störend ist). Da sie die Tatsachen und Argumente nicht angreifen konnten, richteten sich die Angriffe gegen Einzelpersonen, um ihre Glaubwürdigkeit in der Öffentlichkeit zu untergraben und damit ihre mögliche Wirkung zu annullieren.

Zweitens: Das gruppierte Schießen des Medienimperiums erzielt eine gefährliche Zerstörungskraft, wenn es koordiniert durchgeführt wird. In diesem Fall mobilisierte die Einschüchterungskampagne die Zivilgesellschaft (Syrian Campaign und Reporter ohne Grenzen); soziale Netzwerke, gesättigt durch Tweets und Mails; die Presse, vertreten durch die Tageszeitung „Le Temps“, Meinungsführer in der Westschweiz; das Westschweizer Radio, eine öffentlich-rechtliche Einrichtung mit einer grossen Zuhörerschaft am Morgen. Dieser konzertierte Angriff beinhaltete eine grosse Destabilisierungsgefahr für den Presseclub – eine bescheidene Plattform ohne direkten Zugang zur Öffentlichkeit – und für meine Position als Direktor dieser Institution.
Es ist wichtig zu wissen, dass die Medien wie bei einer Treibjagd im Rudel jagen, wobei jeder versucht, als erster das tödliche Ende herbeizuführen. Dieser Nachahmungseffekt ist charakteristisch für die Funktionsweise der Medien, jedes Medium kopiert das andere, aus Angst, zu positiv über das Zielobjekt zu berichten und dafür selber angegriffen zu werden oder weil sonst ein Konkurrent sich der Trophäe bemächtigt. Im vorliegenden Fall war die Gefahr des Kontrollverlusts beträchtlich, wie man es gleichzeitig im Fall des „Entrüstungssturms“ über Nationalrat Yannick Buttet beobachten konnte, der ihn wegfegte, weil er im Verdacht stand, Kolleginnen belästigt zu haben. Ist der Hype erst einmal entstanden, ist es praktisch unmöglich, ihn zu stoppen.

Drittens: In unserem Fall haben gewisse Medien mehrfach versucht, den Docht anzuzünden und das Feuer zu schüren. Aber der Brand hat sich aus drei Gründen nicht ausgebreitet:

Abschließend sei gesagt, dass es praktisch unmöglich ist, Medien oder Journalisten zu einer Änderung ihrer Positionen zu bewegen, wenn sie die moralisierende Haltung über die Informationspflicht stellen. Eines der Hauptprobleme der Journalisten, die über die internationale Politik berichten, ist der Mangel an Vielfalt, der Mangel an Mitteln, die fehlende Präsenz vor Ort und vor allem die Tatsache, dass sie moralisierende Haltungen einnehmen, anstatt sich darum zu bemühen, die Informationen zu überprüfen und Fakten und Meinungen gegenüberzustellen.

Die Kultur des Zweifels ist der Kultur der Gewissheit gewichen, gestützt auf die Einteilung der Welt in ein Lager des Guten und ein Lager des Bösen.

Im vorliegenden Fall hat die überwiegende Mehrheit der Medien sehr früh eine Schwarz-Weiß-Darstellung des syrischen Konflikts übernommen nach dem Muster „Bashar, der Schlächter seines Volkes und Kriegsverbrecher“ gegen „heldenhafte, die Freiheit verteidigende Rebellen“. Deshalb wird jede Tatsache, jedes Argument, jeder Bericht, der dieser These widerspricht, beiseitegeschoben und jede kritische Stimme sofort diskreditiert als „Agent Putins“, „Unterstützer des Regimes“, „Feind der Menschenrechte und des syrischen Volkes“.

Wie funktioniert die Desinformation?

Das Schema der staatlichen Lüge oder Desinformation folgt genauen Regeln und funktioniert immer gleich. Gestützt auf die Grundprinzipien der Propaganda, die die belgische, linke Forscherin Anne Morelli definiert hat, lassen sie sich in sieben Punkten wie folgt zusammenfassen:

  1. Wir haben den Krieg nicht gewollt, und wir haben ihn auch nicht begonnen: Allein unser Gegner/Feind ist für den Konflikt verantwortlich. Das nenne ich die Anklagephase.
  2. Die Führer oder Anhänger des Feindes sind unmenschlich und haben das Gesicht des Teufels, das heisst die Verleumdungs-/Verteufelungsphase. Siehe Serbien 1999, Saddam Hussein 2003, Syrien und Libyen 2011, Venezuela seit 2013.
  3. Wir verteidigen eine edle Sache, während der Gegner nur seine eigenen Interessen oder, noch schlimmer, seine nationalen Interessen verteidigt. Die Sache des Gegners ist abscheulich, unwürdig, egoistisch, während wir ein Ideal verteidigen, Menschenrechte, Demokratie, Freiheit, freies Unternehmertum. Wir verkörpern das Gute, sie verkörpern das Böse. Das ist die Moralisierungsphase.
  4. Der Feind hat uns gezielt provoziert. Wenn wir Fehler oder Irrtümer begehen, ist es unfreiwillig und weil der Feind uns täuscht oder provoziert. In seinem Kampf ist der Feind zu allem bereit, einschließlich des Einsatzes nicht autorisierter Waffen (Gasangriffe oder Angriff auf ein ziviles Flugzeug im Falle der MH 17 in der Ukraine). Er ist auch der einzige, der gefälschte Nachrichten („fake news“), Troll-Angriffe und Wahl-Hacking benutzt und missbraucht, während wir das Kriegsrecht, die Genfer Konventionen, die Journalisten-Ethik und das Bemühen um Unparteilichkeit respektieren. Wir wären nie fähig, uns an einem Informationskrieg oder an Propaganda zu beteiligen: Das ist die Phase der Gehirnwäsche oder der Konditionierung der öffentlichen Meinung.
  5. Wir erleiden keine oder nur sehr wenige Verluste, die Verluste des Gegners sind jedoch sehr hoch (Minimierungsphase).
  6. Künstler, Wissenschaftler, Akademiker, Experten, Intellektuelle und Philosophen, NGO und die Zivilgesellschaft unterstützen uns, während der Feind in seinem Elfenbeinturm isoliert und von der Gesellschaft abgeschnitten ist (Ausweitungs-phase der Domäne des sanften Krieges).
  7. Unsere Sache ist heilig, und diejenigen, die sie in Frage stellen, sind vom Feind gekauft (Sakralisierungsphase).

So entsteht schließlich eine totalitäre Vorstellung der Welt, die jede abweichende Sicht verbietet als Verrat an der edlen und heiligen Aufgabe, die man sich selbst gegeben hat: psychiatrische Anstalt, soziale Ächtung und Arbeitsverbot sind nicht mehr weit entfernt … Wenn sie nicht mehr pluralistisch ist, ist die Demokratie nicht weniger freiheits¬tötend als die Autokratie: Schließlich waren es Athener „Demokraten“, die Sokrates zum Tode verurteilt haben, weil er die Jugend mit seiner philosophischen „Propaganda“ korrumpiert habe…


Redaktionelle Anmerkung: Der Artikel wurde zuerst auf Zeit-Fragen veröffentlicht.

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