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Die Macht der Bilder

Die Macht der Bilder

Wir alle werden zur Corona-Pandemie massenpsychologisch beeinflusst.

„Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien. (…) Andererseits wissen wir so viel über die Massenmedien, dass wir diesen Quellen nicht trauen können.“ (Niklas Luhmann: Die Realität der Massenmedien)

Seit dem Ausbruch der Viruserkrankung Covid-19 in Deutschland zeigen vor allem die „Leitmedien“ immer wieder Bilder von Särgen — mitunter in langen Reihen —, in denen man die am Corona-Virus Verstorbenen abtransportiert. Es handelt sich dabei um Aufnahmen, die vor allem an die Gefühle der Menschen gerichtet sind. Sie vermitteln dem Betrachter den Eindruck eines massenhaften Sterbens, das weit über die im Winterhalbjahr üblichen Influenza-Sterberaten hinausgeht.

Dass es deshalb bei den Menschen zu vielfältigen Reaktionen der Angst und mitunter sogar zu Panik kommt, ist verständlich und sollte ernst genommen werden. Wer kann sich schon der starken emotionalen Wirkung der gezeigten Sargbilder völlig entziehen?

Als Darstellungen eines schrecklichen Ereignisses, von dem man selbst schon bald betroffen sein könnte, prägen sich diese Bilder — wie auch die immer wieder gezeigten Aufnahmen der Beatmungsmaschinen auf den Intensivstationen — fest in das Bewusstsein der Menschen ein. In der Folgezeit bestimmen sie dann auch die gesamte weitere Wahrnehmung des Verlaufs und der Entwicklung der nachfolgenden Ereignisse entscheidend.

Untermauert wird dies noch durch die bewusste Verwendung besonders Angst einflößender Wortschöpfungen wie „Killervirus“ oder „todbringende Seuche“. Auch spricht man von einem unvermeidlich zu führenden „Krieg gegen das Virus“, von einem „Kampf auf Leben und Tod“, in dem wir uns schon bald befinden würden.

Die Botschaft an die Bevölkerung ist klar und unmissverständlich:

Der Gesellschaft drohe mit der weiteren exponentiellen Verbreitung dieses neuen, todbringenden Virus ohne Zweifel bald der medizinische Notstand und auch der Tod sehr vieler Menschen, wenn nicht sofort und energisch gehandelt würde.

Die als alternativlos zugespitzte Argumentation kam an. Schwerwiegende gesamtgesellschaftliche Maßnahmen sowie eine Reihe gravierender Einschnitte in die Grundrechte der Bürger überzogen das Land und wurden nahezu widerspruchslos hingenommen.

Betroffen davon waren und sind große Teile des kulturellen, wirtschaftlichen und öffentlichen Lebens. Unternehmen und öffentliche Einrichtungen wurden geschlossen, grundlegendste bürgerlichen Freiheiten außer Kraft gesetzt. Was bisher als völlig undenkbar schien, wurde in nur wenigen Tagen zur Realität.

Die einschneidenden Maßnahmen stießen in der Bevölkerung auf breite Zustimmung und schienen dem Ernst der Lage genau zu entsprechen. Sie wurden von den meisten Menschen ausdrücklich begrüßt (1). Eine von den Meinungsforschungsinstituten ermittelte Mehrheit der Bundesbürger fand sogar die bereits praktizierten Einschnitte in ihr persönliches und berufliches Leben als nicht ausreichend. Sie hätten gern noch stärkere Einschränkungen gesehen (2), was den Druck auf die Entscheidungen der dafür verantwortlichen Politiker nur noch erhöhte.

Die Kunst, Menschen zu beeinflussen und zu regieren

Mit der Macht der Bilder und deren Wirkung auf die Einbildungskraft der Menschen befasste sich der französische Wissenschaftler Gustave Le Bon schon vor über hundert Jahren. Le Bon erkannte, dass sich die große Masse der Menschen am besten durch die Verwendung von wirkungsvollen Bildern beeinflussen lässt, und hob dabei „die Leichtigkeit“ hervor, mit der dies praktiziert werden könne.

In seiner „Psychologie der Massen“ schrieb er, dass die meisten Menschen „in Bildern denken“, weshalb sie sich auch „nur durch Bilder beeinflussen“ ließen. „Nur diese schrecken oder verführen sie und werden zu Ursachen ihrer Taten“, schrieb er weiter (3). Als treffendes Beispiel für seine Theorie nannte Le Bon dann „die große Influenza-Epidemie, an der (…) in Paris fünftausend Menschen innerhalb weniger Wochen starben“ (4).

Den Tod so vieler Menschen hätte aber damals die Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Auch machte dieser Tod — wie Le Bon hervorhebt — „auf die Volksphantasie“ überhaupt nur einen geringen Eindruck. Den Grund für dieses Verhalten erkannte er vor allem darin, dass es von diesem Massensterben keinerlei eindrucksstarke Bilder gab, die die Menschen hätten erregen können, sondern nur „die täglichen statistischen Berichte“ (5).

Ein Vergleich zwischen der Schilderung Le Bons und der heutigen Wahrnehmung der jedes Jahr an Influenza sterbenden Menschen durch die Medien und die Öffentlichkeit drängt sich hierbei geradezu auf. So nennt die Medizinische Universität Wien eine aktuelle Zahl von weltweit „290.000 bis 650.000 Todesfällen pro Jahr“, die ausschließlich „auf Influenza bedingte Atemwegserkrankungen zurückzuführen sind“ (6). Auch gab es im letzten Jahrzehnt — nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) — allein in Deutschland mehrfach über 20.000 „Influenza-bedingte Todesfälle“ pro Jahr. Das RKI bezeichnet diese Zahlenangaben zudem noch als eine eher „‚konservative‘ (vorsichtigere) Schätzung“ (7).

Statistische Berichte über die hohen Todesfallzahlen im Zusammenhang mit einer Influenza wurden der Öffentlichkeit also nicht vorenthalten. Jedoch hat sie fast niemand wahrgenommen. Eine besondere Aufmerksamkeit der Medien gegenüber den vielen Influenza-Toten gab es in keinem der Jahre. Eine sich wiederholende Präsentation von Bildern mit den Särgen der zahlreichen Opfer fand nicht statt. Sie stießen auf kein entsprechendes Medieninteresse. Von einem „Killervirus“ oder von einem „Kampf auf Leben und Tod“ war auch nie die Rede. Auch die Öffentlichkeit blieb von dem jährlichen Sterben unbeeindruckt und sah — wie schon die Pariser Bevölkerung zu Zeiten Le Bons — keinen Anlass für eine besondere Erregung.

Die Ausführungen Le Bons über die Macht der Bilder lesen sich — bei diesem Hintergrund — stellenweise wie eine Regieanweisung zur gegenwärtigen medialen Beeinflussung der Menschen, die nun, mit dem Ausbruch der Coronavirus-Pandemie, endlich zur Anwendung kommen konnte. Le Bon nennt aber — neben der Beeinflussung durch Bilder — noch einen weiteren interessanten Aspekt zur wirksamen Beeinflussung der öffentlichen Meinung: die Wiederholung.

Eine in der Öffentlichkeit geäußerte Meinung oder Behauptung hat — seiner Ansicht nach — „nur dann wirklichen Einfluss, wenn sie ständig wiederholt wird, und zwar möglichst mit denselben Ausdrücken“ (8). Das ständig Wiederholte setzt sich „in den tiefen Bereichen des Unbewussten fest, in denen die Ursachen unserer Handlungen verarbeitet werden. Nach einer Zeit, wenn wir vergessen haben, wer der Urheber der wiederholten Behauptung ist, glauben wir schließlich daran“ (9).

Man kann also nicht — schreibt Le Bon abschließend — allein mit Tatsachen die Phantasie der Menschen erregen, sondern nur durch „ein packendes Bild (…), das den Geist erfüllt und ergreift. Die Kunst, die Einbildungskraft der Massen zu erregen, ist die Kunst, sie zu regieren“ (10).

Offensichtlich hat sich an dieser Einschätzung bis heute nichts Grundsätzliches geändert. Eine mediale Berichterstattung, die mit wirkungsvollen Bildern und ständigen Wiederholungen arbeitet, ist nach wie vor äußerst erfolgreich und zeigt noch immer die gewünschte Wirkung. Dabei hält sich der heutige Mensch häufig selbst für wesentlich wissender und aufgeklärter als seine direkten Vorfahren und alle früheren Generationen.

Die Verdrängung des Todes durch die westliche Kultur

Der Wunsch nach einem ewigen Leben, nach persönlicher Unsterblichkeit, ist ein uralter Menschheitstraum. Über einen langen Zeitraum betrachteten die Menschen den Tod aber auch als etwas ganz Natürliches und nahmen ihn auch entsprechend hin — wenn es soweit war. Vor allem in den westlichen Gesellschaften wurde der Tod dann aber — kulturbedingt — zunehmend tabuisiert. Schon der Gedanke an den Tod kann dann zu größeren Ängsten führen und Menschen aus ihrem seelischen Gleichgewicht bringen. Aus diesem Grund musste das Sterben aus dem Bewusstsein der Menschen verdrängt und zunehmend auch aus ihrem gesamten Alltag verbannt werden.

So kann sich der narzisstische Mensch der Gegenwart auch immer weniger mit seiner eigenen Sterblichkeit abfinden. Meist kehrt der Gedanke des Todes auch erst dann wieder in sein Bewusstsein zurück, wenn er selbst von einer schweren Krankheit betroffen wird, oder wenn er den Tod eines Menschen zu verkraften hat, der ihm besonders nahe stand. Selbst bei schwersten Erkrankungen — ohne jede Aussicht auf Heilung — wird heute mitunter alles unternommen, um das Leben des Patienten weiter zu erhalten und zumindest noch um einige Tage oder Wochen zu verlängern.

Inzwischen nimmt aber auch die Zahl der Menschen zu, die unter bestimmten Umständen nicht mehr bereit sind, ihr Leben durch den Einsatz der Gerätemedizin künstlich verlängern zu lassen. In „Patientenverfügungen“ bestimmen sie, dass im Endstadium einer unheilbaren, tödlich verlaufenden Krankheit bei ihnen auf bestimmte lebenserhaltende Maßnahmen verzichtet werden soll und bereits eingeleitete Maßnahmen zu beenden seien. Neben dem Recht auf Leben sollte dem Menschen auch das Recht auf ein würdevolles Sterben zugestanden werden.

Die Zeit nach Corona

Mit großer Geschwindigkeit wurden in den letzten Tagen und Wochen mehrere elementare Grundrechte und Freiheiten der Bürger auf unbestimmte Zeit ausgesetzt oder massiv eingeschränkt.

Die Auswirkungen der angeordneten Maßnahmen werden — aller Voraussicht nach — zu gravierenden gesamtgesellschaftlichen Verlusten führen und große Verwerfungen nach sich ziehen.

Während die Oppositionsparteien gegenwärtig nahezu abgetaucht sind, meldete sich vor wenigen Tagen der Staatsrechtswissenschaftler und ehemalige Präsident des Bundesverfassungsgerichts — Hans-Jürgen Papier — zu Wort.

Papier warnte dabei vor schweren Schäden für die Grundrechte und wies auf die Gefahr einer „Erosion des Rechtsstaats“ hin, sollten die „extremen Eingriffe in die Freiheit aller“ noch lange andauern. In diesem Falle habe dann — seiner Auffassung nach — „der liberale Rechtsstaat abgedankt“ (11). Die Decke unserer Demokratie scheint sehr dünn zu sein.

Die von der Regierung eingeleiteten Einschränkungen und Verbote werden aber auch viele Menschen in unserem Land wirtschaftlich schwer treffen. So sprach der Generalsekretär der Vereinten Nationen, António Guterres, erst kürzlich von weltweit zu erwartenden „dramatischen Folgen“ der gegenwärtigen Coronavirus-Pandemie. Diese Folgen werden dann — wie weiter zu lesen war — „zu einer Rezession führen, wie es sie in der jüngeren Vergangenheit wahrscheinlich noch nicht gegeben habe“ (12).

Auch Kristalina Georgiewa, die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), erwartet in naher Zukunft „eine Krise wie keine andere“ und sprach in diesem Zusammenhang von der „dunkelsten Stunde der Menschheit“ (13). Das alles sind deutliche Worte, mit denen die Menschen auf die ihnen bevorstehenden gesellschaftlichen Entwicklungen bereits eingestimmt werden sollen.

Mit dem Corona-Virus wurde nun aber auch der scheinbare Verursacher — oder besser der Sündenbock — für die kommende große Rezession gefunden, deren Vorspiel eigentlich längst schon begonnen hatte. Was in den nächsten Monaten und möglicherweise auch Jahren auf die kleinen Unternehmen, die Selbständigen und vor allem auch auf die Millionen abhängig Beschäftigter zukommen wird, das wird sich bereits in nächster Zeit zeigen.

Die Folgen dieser Rezession auf ihre berufliche und wirtschaftliche Situation werden die Arbeitenden also schon bald erfahren. Oder anders gesagt: Wir alle werden die Folgen dieser Rezession erleben und — bis auf einige Ausnahmen — wohl auch deren Auswirkungen gemeinsam zu tragen haben.


Quellen und Anmerkungen:

(1) Laut einer Blitz-Umfrage von infratest dimap für den ARD-DeutschlandTrend vom 23. März 2020 befürworteten 95 Prozent der Deutschen die zuvor von der Regierung beschlossenen Kontaktverbote. Nur 3 Prozent der Befragten lehnten diese ab.
(2) Im ARD-Text vom 23. März 2020 war zu lesen: „Drei Viertel der Bundesbürger sprechen sich für weitergehende Maßnahmen aus.“
(3) Le Bon, Gustave: Psychologie der Massen. Hamburg 2009, S. 69.
(4) Le Bon, a.a.O., S. 71.
(5) Ebd.
(6) Medizinische Universität Wien: Weltweit bis zu 650.000 Influenza-Todesopfer pro Jahr, 3. Januar 2018.
(7) Robert Koch Institut: Bericht zur Epidemiologie der Influenza in Deutschland, Saison 2018/19, S. 46f.,
Tab. 3, S. 47.
(8) Le Bon, Gustave: Psychologie der Massen. Hamburg 2009, S. 118.
(9) Ebd.
(10) Le Bon, a.a.O., S. 72.
(11) Verfassungsrechtler Papier sieht Grundrechte in der Corona-Krise massiv bedroht. In: welt.de, 2. April 2020.
(12) Guterres: Pandemie ist schlimmste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg. In: aerzteblatt.de, 1. April 2020.
(13) Corona und die Folgen. Weltbank und IWF erwarten Weltwirtschaftskrise. In: spiegel.de, 4. April 2020.

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