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Die Macht der Angst

Die Macht der Angst

Greta Thunbergs Emotionalität zeigt auf, was in der jetzigen Lage wirklich zählt — Scheingefechte und Rechthabenwollen sind es ganz sicher nicht.

Greta Thunberg wird von vielen Menschen auf ihr Asperger-Syndrom reduziert — eine traurige und beschämende Ausweichreaktion.

In erster Linie ist Greta eine junge Frau, die Angst hat! Und ihre Angst ist berechtigt:

Wir sind dabei, unsere Lebensgrundlage auf diesem Planeten zu vernichten, ob mit Einfluss auf den Klimawandel oder ohne...

Hoimar von Ditfurth schrieb bereits 1985 (1), die Angst solle aufschrecken und klüger machen. Die Voraussetzung sei, dass sie sich auf eine reale Gefahr beziehe. Sie sei so realistisch darzustellen und so detailliert zu begründen, dass der Versuchung, vor ihr die Augen weiterhin geschlossen zu halten, möglichst keine Schlupflöcher blieben.

Diese Verpflichtung bestünde selbst dann, wenn die von legitimer Angst bewirkte Klarsicht lediglich zu der Erkenntnis führen würde, dass alle Hilfe bereits zu spät komme, weil alle Auswege bereits verschlossen seien.

Doch da wir gelernt haben, unsere reale Angst abzuspalten — sie nicht mehr zu fühlen —, streiten wir jetzt darüber, ob es einen menschengemachten Klimawandel gibt oder nicht. Als ob das wirklich wichtig wäre!

Die Angst von Greta trifft uns ins Mark — und spaltet uns: Die eine Seite hebt die junge Frau auf ein Podest und macht fast eine „Heilige“ aus ihr, die andere Seite wendet sich angewidert ab und hält sie für eine Marionette oder Schauspielerin.

Ken Jebsen hat Greta mit der 15-jährigen kuwaitischen Botschaftertochter verglichen, die vor dem US-Kongress Lügen verbreitete.

Doch: Greta lügt nicht — und das ist ein gewaltiger Unterschied! Auch wenn ihre Angst vor der Vernichtung des Lebens auf diesem Planeten von Menschen benutzt wird, so bleiben die Ursachen ihrer Angst dennoch die Wahrheit. Daran ändern auch psychologische Analysen nichts.

Egal, auf welcher Seite wir uns befinden — ob auf der Seite der Bewunderer oder auf der Seite der Angewiderten —, wir verbleiben in der Spaltung, die die Realität und wahren Gegensätze für uns verschleiert.

Warum ist das so? Was ist passiert, dass wir uns derart von uns selbst und unserer Mitwelt entkoppelt haben?

Die amerikanische Traumaspezialistin Judith Hermann schrieb in ihrem bahnbrechenden Buch „Die Narben der Gewalt“:

„Traumatische Ereignisse stellen grundlegende menschliche Beziehungen in Frage. Sie verletzen oder zerbrechen die Bindungen der Familie, der Freundschaft, der Liebe und der Gemeinschaft. Sie zertrümmern die Konstruktion des Selbst, das durch Beziehungen zu anderen geformt und aufrechterhalten wird“ (2).

Durch die Erfahrung von Ohnmacht, Hilflosigkeit und Ausgeliefertsein wird unsere Erfahrung von Selbstwirksamkeit zerstört. Wir fühlen uns nicht mehr in der Lage, auch schwierige Situationen durch eigenes Handeln zu bewerkstelligen.

Traumata zerstören unsere Wahrnehmungsfähigkeit, wir können nicht mehr unterscheiden, ob unsere innere Realität mit der äußeren übereinstimmt. Die Pseudodiskussion darüber, ob das Klima mit der Umweltzerstörung zu tun habe, ist solch eine Realitätsverweigerung.

Jedem, der diese Zusammenhänge unserer Menschheitsgeschichte verstehen will, lege ich die Bücher „Wer bin ich in einer traumatisierten Gesellschaft“ von Franz Ruppert sowie „Das Ende der Megamaschine — Geschichte einer scheiternden Zivilisation“ von Fabian Scheidler dringend ans Herz.

Wir müssen doch nur die Augen aufmachen und können sehen, was gerade auf diesem Planeten passiert.

Lasst Euch einmal von einem Förster erklären, wie es um den Wald steht. Ich lebe in einer dörflichen Region. Vor kurzem nahm ich an einer sogenannten Grenzbegehung teil, die hier rund um die Dörfer einmal im Jahr stattfindet. Es war erschreckend für mich zu erfahren, wie schlecht es um unseren Wald in der Gegend bestellt ist.

Längst geht es nicht mehr „nur“ um das Klima, sondern werden viele Themen „auf die Straße“ gebracht, wie hier zu sehen ist.

Vielleicht ist es endlich an der Zeit, solche Menschen zu unterstützen, indem wir uns auf ihre Seite stellen und nicht ständig nur gegen alles und jeden kämpfen, der in irgendeiner Weise nicht alle unsere Ansichten teilt.

Unsere Mitwelt geht zugrunde, wenn wir so weitermachen wie bisher — da braucht es keinen Konsens, das ist einfach ein Fakt!

„Es ist letztlich gleichgültig, ob jedes der derzeitigen Extremwetterereignisse vom Klimawandel mitverursacht wurde. Entscheidend ist, dass diese Ereignisse uns eine Ahnung davon geben, wie die Welt aussehen wird, wenn wir nicht sehr schnell einschneidende Maßnahmen gegen die Verbrennung von Öl, Gas und Kohle ergreifen. Denn darin sind sich die Klimaforscher einig: Mit steigenden Temperaturen werden solche Extremwettereignisse zunehmen. Jetzt noch Kohlekraftwerke, Autobahnen und Flughäfen zu bauen, ist fahrlässige Tötung. Mindestens“ (3).

Aus meiner Sicht — man mag es Verschwörungstheorie nennen — geschieht es mit Absicht, dass diese junge Bewegung derart torpediert wird. Und einige alternative Medien wirken an der Zerstörung kräftig mit.

Die Folge ist, dass alles beim Alten bleibt — so etwa, dass die staatliche Förderbank KFW riesige Kreuzfahrtschiffe finanziert.

Niemand muss ein Greta-Fan werden und auch für mich ist es bedenklich, wenn sie wie eine Heilige bejubelt wird — doch das ist dann wohl eher ein deutsches Phänomen und hat nur wenig mit Greta zu tun.

Dass junge Menschen für eine lebenswerte Zukunft auf die Straße gehen, finde ich wunderbar! Sie sollten auch für ihre Freiheit, ihre Würde und die Würde aller Lebewesen demonstrieren.

Dazu würde für mich auch gehören, sich gegen die Zwangsverschulung zu wehren und Menschen wie Bertrand Stern oder Michael Hüter zu unterstützen.

Kein Mensch darf mehr als Soldat in einem Krieg „verheizt“ werden. Kein Mensch darf mehr sterben aufgrund von Krieg, Hunger und Ausbeutung. Kein Tier darf mehr in der Masse gehalten, gequält und gefoltert werden. Kein Kind darf mehr aufgrund von Erziehungsideologien traumatisiert oder mit vermeintlicher Bildung „zwangsbeglückt“ werden.

Wenn wir allem Lebendigen auf diesem Planeten achtsam und würdevoll begegneten, dann bräuchte niemand mehr das Klima zu schützen.

Die sogenannten Aufgewachten rühmen sich immer gern mit ihrem „gesunden“ Menschenverstand und regen sich über die „Schlafschafe“ auf — doch wenn wir nicht endlich begreifen, dass es um unser aller (Über-)Leben geht, verschlafen wir den tatsächlich nötigen und möglichen Wandel — und damit meine ich nicht den Klimawandel, sondern die Chance, endlich aktiv zu werden.

Wie wäre es, wenn wir uns dieser jungen Bewegung anschließen, sie unterstützen, wo wir nur können, ihr den Rücken stärken, ihr Mut machen und mit ihr zusammen auf die Straße gehen?

Bezogen auf unsere Gesellschaft wird es Zeit, dass wir der realen Angst ins Auge schauen. Dass wir lernen — wie im Märchen der Brüder Grimm „Von Einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“ —, auf die Grenzsituation, in der wir uns befinden, nicht weiter mit Verschleierung zu reagieren.

Noam Chomsky sagte dazu:

„Die menschliche Spezies gibt es schon vielleicht seit 100.000 Jahren und sie steht jetzt vor einem einzigartigen Moment in ihrer Geschichte. Diese Spezies ist jetzt an einem Punkt, an dem sich sehr bald entscheiden wird, in den kommenden Generationen, ob das Experiment des sogenannten intelligenten Lebens weitergehen wird oder wir fest entschlossen sind, es zu zerstören. Überwiegend erkennen Wissenschaftler, dass fossile Energieträger im Boden bleiben müssen, damit unsere Enkel eine Zukunft haben. Aber die institutionellen Strukturen unserer Gesellschaft versuchen, jeden Tropfen aus der Erde zu pressen. Die Folgen, die Auswirkungen der vorhergesagten Effekte des Klimawandels für die Menschheit in nicht sehr ferner Zukunft sind katastrophal und wir rasen auf diesen Abgrund zu”.

Es ist zwölf und nicht fünf vor zwölf!

Wir sollten die jungen Menschen endlich ernst nehmen und sie nicht als Schulschwänzer oder gar Dummköpfe beschimpfen. Schließlich sind es unsere Söhne, Töchter und Enkel — und auch nicht einfach so vom Himmel gefallen! Wir haben sie erzogen und in dieses Gesellschaftssystem „eingespeist“ — wir alle, auch die, die selbst keine Kinder haben!

Tracy Osei-Tutu bringt die berechtigte Forderung der Jungen auf den Punkt, wenn sie sagt:

„Ich will leben!“




Quellen und Anmerkungen:

(1) Hoimar von Ditfurth: So lasst uns doch ein Apfelbäumchen pflanzen. Es ist soweit. Hamburg 1985.
(2) Judith Herman: Die Narben der Gewalt. Traumatische Erfahrungen verstehen und überwinden, München 1998.
(3) http://www.kontext-tv.de/de/blog/vorgeschmack-aufs-klimachaos

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