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Die letzten Gentlemen

Die letzten Gentlemen

Der heutige Feminismus treibt verbitterte Gefechte auf Nebenschauplätzen wie dem Geschlechterkampf, während die subtilen Sexismen des Alltags unentdeckt bleiben.

Manche Blüten, die der Feminismus treibt, mag ich nicht. Ich muss jetzt schon schmunzeln ob des sprachlichen Treppenwitzes, weil ausgerechnet „der Feminismus“ einen männlichen Artikel hat. Ich kann gut damit umgehen, als Frau charmant hofiert zu werden, und ich fühle mit Aurélie aus dem gleichnamigen Song von „Wir sind Helden“. Ich lasse es mir gerne gefallen, wenn ein Mann mir in den Mantel hilft oder die Autotür aufhält, ich empfinde es nicht als Beleidigung oder als sexistischen Angriff, wenn mir jemand ein Kompliment macht, und ich stelle schmunzelnd fest, dass es das Klischee der Bauarbeiter, die einem hinterherpfeifen, doch noch gibt und bin beruhigt. Ich fühle mich angesprochen und inkludiert, wenn nur von Teilnehmern geredet wird, und ich mag die Unterschiede der Geschlechter, die das ganze Zusammenleben spannend machen.

Und dennoch gibt es Dinge, die mich aufregen. Diese sind so subtil, dass man darüber selten spricht.

Emanzipatorische Unterwanderung

Ich muss leider feststellen, dass — auch sprachliches — Verhalten, welches die Gleichberechtigung unterwandert, häufig festzustellen ist. Damit meine ich nicht das Gendern. Wenn es einigen Personen so wichtig ist, dann kann ich das gerne tun, ich selbst hatte noch nie das Gefühl, ausgegrenzt zu sein, nur weil jemand von Studenten, Unternehmern oder Mitarbeitern gesprochen hat. Aber gut, Empfindungen sind nun einmal verschieden.

Es ist nicht selten das Verhalten der Frauen, welches Klischees zementiert und zeigt, welch‘ Geistes Kind sie sind.

Einige Beispiele:

„Arbeitest du eigentlich oder machst du nur das Sportstudio hier so ein bisschen?“ — Frage einer Teilnehmerin in meinem Studio. „Na ja, dein Mann wird ja sicherlich gut verdienen, der kann dann ja Verluste des Studios ausgleichen.“ — Beruhigend gemeinter Satz während des Lockdowns.

„Könnte ich bitte ihren Mann sprechen? Es geht um computertechnische Dinge.“ — Diese erledige ich in unserem Haushalt.

Diese Fragen wurden ohne Ausnahme von Frauen gestellt. Selbstbestimmten Frauen, arbeitenden Frauen, Frauen, die im Auftrag der Software-Firma anrufen.

Finde den Fehler!

Absurdes Verhalten

Ich war als Keynote-Speakerin bei einem Abendevent geladen. Dem Vortrag folgen sollte eine Podiumsdiskussion mit mehreren teilnehmenden Personen. Ein Herr übernahm dabei den Platz seines erkrankten Kollegen und hatte somit kein vorbereitetes Namensschild. Wir hatten uns noch nicht einmal ordentlich begrüßt, als er mir einen Stift und das Blanco-Namensschild hinhielt und die Frage stellte, ob ich ihm sein Namensschild schreiben könne, da Frauen „immer so eine schöne Schrift hätten“. Das machte mich sauer, und ich nahm das Namensschild und den Stift und entgegnete, dass ich das gerne für ihn übernehmen wolle, wenn er des Schreibens nicht mächtig sei.

Beim Seminar „Kommunikation und gerechte Teamarbeit“ gab es eine Gruppenaufgabe. Zwei Personen sollten gemeinsam in einer kleinen Rede ein Thema vorstellen. Gemeinsam. Als Team. Gleichberechtigt.

Die beiden Personen standen auch in einer gemeinsamen Reihe vor dem Publikum. Diese Augenhöhe hielt 30 Sekunden an. Danach trat die Dame wie selbstverständlich im wahrsten Sinne des Wortes einen Schritt zurück und der Herr einen Schritt nach vorne. Seine Stimme wurde lauter, sie suchte Halt am Flipchart und dem beiliegenden Stift, um dann die wichtigsten Erkenntnisse aus dem Vortrag ihres Kollegen auf dem Flipchart zu notieren, so dass sie dem Publikum präsent blieben.

Nein, man hatte das vorher nicht so abgesprochen. Es hatte sich einfach so ergeben.
Hier kann man allerdings auch nicht dem männlichen Part des Teams einen Vorwurf machen, da die Dame für sich beschlossen hatte, sich zurückzuziehen und helfende Aufgaben zu übernehmen.

Der Ritter, den niemand gerufen hat

Umgekehrt erinnere ich mich an einen Kollegen, der glühender Verfechter des Feminismus war. Er wurde nie müde zu bekräftigen, wie sinnvoll er die Emanzipation fände und dass er seinerseits immer bereit wäre, diese zu unterstützen. Und natürlich die Frauen, die das allein nicht hinbekommen würden.

So sprang er einem in Verhandlungsgesprächen gerne ungefragt zur Seite, wenn er der Meinung war, dass er als Mann dem männlichen Verhandlungspartner besser erklären könne, was ich als Frau wollte. Natürlich bekräftigte er dabei, dass mein Ansinnen und meine Wünsche mehr als legitim wären.

Als ich ihm sagte, dass ich seine Hilfe nicht benötigen würde beziehungsweise es ihn unmissverständlich wissen lassen würde, wenn es so wäre, ich aber durchaus in der Lage sei, auch in schwierigen Situationen „meine Frau zu stehen“, ohne in Tränen auszubrechen, war er beleidigt.

Auch beim anschließenden gemeinsamen Abendessen verstand er nicht, warum er mit seinem Verhalten seine eigenen Aussagen Lügen strafen würde. Wohl aber hatte er bei einer anderen weiblichen Kollegin eine Herpesblase entdeckt, über die er nun herzog. Das wäre nicht hübsch, da solle sie mal besser darauf achten. Ich war erstaunt, wütend, parkinson-kopfschüttelnd.

Respekt nur in gewissen Kreisen

Genauso schwierig ist es nach wie vor, sich als Frau in gewissen Kreisen überhaupt Gehör zu verschaffen. Wir haben gemeinsam ein Haus gebaut/umgebaut. Das ist 20 Jahre her. Wir haben viel selbst gemacht und hierbei als Team fungiert. Es hat Spaß gemacht, den Vorschlaghammer zu schwingen, um die alten Fliesen von den Wänden zu hauen. Anpacken, zupacken, Schutt schaufeln. Geht alles.

Wir hatten für einige Arbeiten die entsprechenden Gewerke vor Ort. Mein Mann und ich waren die Bauherrschaften. Der Umbau des alten Hauses lief nicht immer reibungslos ab, und so stand ich mit der Heizungsfirma eines Tages vor dem unebenen Boden im Esszimmer und wir stellten die Frage, wie man hier die Fußbodenheizung am besten verlegen könnte, da der Boden nicht an allen Stellen gleich zu egalisieren war. Respektive ging es um den Boden, der in der Höhe der Tür zu hoch war.

Ich sagte, dass — wenn man eine pragmatische Lösung suchen würde — es doch okay wäre, wenn genau dort keine Heizschläuche verlegt werden würden, da man sich ja nicht ewig direkt unter dem Türsturz aufhalten würde.

Irgendwie hörte mich niemand. Ich wiederholte meinen Vorschlag und ich habe keine piepsige Stimme. Ich wurde mit Ignoranz ignoriert. Geschlagene 20 Minuten später läutete der Chef der Heizungsfirma mit großen Worten ein, dass er nun die ultimative Lösung gefunden hätte. Er präsentierte meinen Vorschlag, und alle waren begeistert. Als ich darauf hinwies, dass wir an diesem Punkt der Diskussion vor 20 Minuten schon hätten sein können, weil der Vorschlag von mir gekommen wäre, wurde ich fast kuhäugig angestarrt. Ich glaube den Herren, dass sie mich einfach nicht gehört hatten. Bauarbeiter blenden Frauen aus, wenn man ihnen gerade nicht hinterherpfeifen kann, weil sie in Latzhose und dreckverschmiert auf der Baustelle stehen.

Und das ist heute noch so. In den vergangenen 20 Jahren hat sich nicht viel verändert. Gibt es einen — wiederholten — Wasserschaden und ich als Studioleiterin setze mich mit den Herren vom Bau auseinander, erlebe ich selten ein Gespräch auf Augenhöhe. Oft wird mir unverblümt gesagt, dass ich davon keine Ahnung hätte, oder ob man nicht mit meinem Mann sprechen könne.

Manchmal spielen wir einfach mit. Ich lasse meinen Mann mit dem Architekten oder der Baufirma reden, weil ich keine Lust und keine Zeit habe, diesen Herren zu erklären, dass ich durchaus in der Lage bin zu denken und in gewissem Rahmen auch bei bautechnischen Fragen Logik walten lassen kann.

Es mag zwar der gewünschten Veränderung nicht zuträglich sein, aber es spart Nerven und Zeit. Eine Diskussion über Gleichberechtigung, Respekt und Gespräche auf Augenhöhe anfangen zu wollen mit Personen, die mir vorher gezeigt haben, dass sie von Augenhöhe keine Ahnung haben, macht hier einfach keinen Sinn.

Die typischen Fragen

„Wer passt denn auf die Kinder auf, wenn Sie jetzt arbeiten?“ — „Das Bier für den Herrn, der Weißwein für die Dame, ja?“ — „Ist das nicht hart für Sie, wenn die Kinder jetzt zu Hause sind und Sie arbeiten?“

Diese Fragen sind legitim, aber man würde sie nie — auch heute noch nicht — einem Mann stellen.

Es hat Spaß gemacht, manchmal ein bisschen frech zu sein. Je nach Tagesform lauteten meine Antworten: „Wer auf die Kinder aufpasst? Niemand. Die sperren wir immer im Keller ein, bis wir beide von der Arbeit wieder nach Hause kommen.“ — Oder im Restaurant: „Nein, bitte beides für mich, mein Mann darf nichts trinken, der hat sich nicht gut benommen.“ — „Ja, schon ein bisschen. Ich finde, die Kinder sollten wenigstens während meiner Abwesenheit den Haushalt übernehmen.“

Auch habe ich noch eine Szene im Kopf, als ich als Trainerin bei einer Yuppie-Unternehmensberatung ein Seminar hielt. In der Pause ging es um den Urlaub und wohin es denn gehen würde. Ich sagte: „Nirgendwohin, dafür reicht das Geld nicht. Es ist im Moment nicht leicht, eine vierköpfige Familie zu ernähren.“ Der Herr entgegnete darauf: „Ach, dann haben Sie zwei Kinder?“ — Ich antwortete: „Nein, drei Männer.“

Respekt braucht kein Geschlecht

Ein Kollege, mit dem ich über meine Gedanken zu diesem neuen Beitrag sprach, brachte es gut auf den Punkt:

„Wenn jeder Mensch dem anderen Menschen mit Respekt begegnet, mit Höflichkeit und Wertschätzung, brauchen wir überhaupt gar keine Rücksicht auf irgendwelche Geschlechter nehmen.“

Ich bin da voll bei ihm!

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